21.02.2015

ReligionFromme Radikale

Die Bischöfe haben ein Problem mit Wutchristen: Konservative Gläubige und Rechtspopulisten verfolgen gemeinsame Ziele.
Hochwürden ist erregt. "Seit fast 1400 Jahren haben die Christen Europas gegen den Islam kämpfen müssen", wettert der Herr im Priestergewand, "und jetzt sollen wir das nicht mehr tun?" Vor ihm stehen 500 Demonstranten, einige Kahlgeschorene ganz vorn stimmen ihm brüllend zu: "Niemals, niemals!"
Sie wollen gemeinsam das Abendland retten. Er stehe hier, fährt Paul Spätling fort, weil seine Oberen die Lichter am Kölner Dom aus Protest gegen Leute wie sie ausgeschaltet hätten. Und weil Angela Merkel dieses "unmögliche Wort" gesagt habe: "Der Islam gehört zu Deutschland." Spätling redet nicht nur, er marschiert in Duisburg vorneweg; das altmodische Birett auf dem Kopf, eine Gottesmutter-Ikone in der Hand. "Deutschland, Deutschland!", brüllen die Demonstranten hinter ihm.
Der Priester und die Glatzen: Eine seltsame Allianz hat sich gebildet. Rechtsextreme, Hooligans, NPD-Anhänger und Seelsorger wie Spätling, der den Gottesdienst gern mit dem Rücken zur Gemeinde auf Latein zelebriert. In der rechten Szene wird er als Märtyrer gefeiert, weil ihm sein Bischof nach der Demonstration im Januar umgehend ein Predigtverbot erteilt hat.
Nicht nur in Duisburg finden Rechtspopulisten und konservative Christen beider Konfessionen zusammen. Auf etlichen islamfeindlichen Protestzügen hielten Teilnehmer in den vergangenen Wochen schwarz-rot-golden angestrichene Kreuze hoch, die teilweise elektrisch illuminiert im Dunkeln strahlten. Andere reckten Schilder mit einem schwarzen Kreuz oder der Parole "Dresdner Christen grüßen die Pegida" in den Himmel.
Sachsens Bischof Jochen Bohl verzichtete auf scharfe Kritik an den rechtspopulistischen Demonstrationen und trat für Verständnis und Dialog ein - wohl aus Rücksicht auf die Evangelikalen in seinem Bistum, die im "Bibelgürtel" vom Erzgebirge bis zum Vogtland beheimatet sind. Deutschlandweit sehen sich 1,3 Millionen Protestanten als Evangelikale. Sie folgen konservativen Geistlichen wie Olaf Latzel, dem Pastor von St. Martini in Bremen. Der wetterte zuletzt vor bibeltreuen Fans gegen das muslimische "Zuckerfest und all diesen Blödsinn".
Populisten und fundamentalistische Christen kämpfen gemeinsam gegen Islamisierung oder Homosexuelle und für ein traditionelles Familienbild, stellte eine Studie im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung über Evangelikale in Sachsen fest. Der Schulterschluss zeigt sich am Beispiel der AfD-Bundessprecherin Frauke Petry. In ihrem sächsischen Landesverband forderte sie ein Referendum gegen die Abtreibungsregelung; es gehe um "das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation".
Natürlich ist die Mehrheit in beiden großen Kirchen weder fremden- noch islamfeindlich. Eine Langzeitstudie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt allerdings, dass Gläubige beider Kirchen für rechtsextreme Einstellungen anfälliger waren als konfessionslose Bürger. Katholiken stachen in der Studie zudem durch einen "höheren Chauvinismuswert" hervor.
Vor allem die katholische Kirche hat ein Problem mit rechtslastigen Gläubigen: Diese haben sich angesichts des weltoffenen Auftritts von Papst Franziskus und des erzwungenen Rücktritts ihres Limburger Idols Franz-Peter Tebartz-van Elst nicht etwa zurückgezogen, sondern radikalisiert. Häme und Hass gegen Andersdenkende prägen eine selbst ernannte neue Glaubenselite. Sie schart sich um Institutionen wie "Kirche in Not", "Christdemokraten für das Leben", das "Netzwerk katholischer Priester" und das "Forum Deutscher Katholiken".
Selbst konservative katholische Publizisten wie Andreas Püttmann aus Bonn sind erschrocken über das Abdriften einstiger Weggefährten. In der Zeitung "Christ & Welt" beschreibt er "beachtliche Ausfransungen des Katholischen ins rechtsnationale Spektrum" und erkennt bei den nach rechts gerückten Katholiken einen "unbiblischen Kult um die Familie, das Vaterland und die äußere Gestalt der Kirche".
Befeuert wird die rechte Kirchenfraktion durch Kath.net, einen scheinbar offiziellen katholischen Nachrichtendienst. Die Privatinitiative munitioniert täglich den rechten Rand der Kirche. "Die Heuchelei der Medien" lautet eine Überschrift. Andere Beiträge heißen "Ich will keinen Polit-Papst" und "US-Christen mobilisieren gegen Homo-'Ehe'".
Das Portal verweist immer wieder positiv auf Artikel der "Jungen Freiheit", die Zeitung ist ein Sprachrohr der neuen Rechten. Die gleiche Tendenz ist bei den Evangelikalen in der evangelischen Kirche zu beobachten: Führende Vertreter der "Deutschen Evangelischen Allianz" kommen in der "Jungen Freiheit" zu Wort. Umgekehrt werben neurechte Medien wie "Blaue Narzisse", "eigentümlich frei" oder der islamfeindliche Blog "Politically Incorrect" um konservative Christen als Leser und Autoren. "Das mediale Zusammenwirken christlicher und neurechter Kreise verläuft in Wechselseitigkeit", konstatiert die katholische Theologin Sonja Strube von der Forschungsgruppe "Frieden, Religion, Bildung" an der Universität Osnabrück.
Auch in einer Partei wie der AfD haben Christen neuerdings ihren Platz. Dort finden protestantische und katholische Kräfte zusammen, die sich in den C-Parteien schon lange nicht mehr beheimatet fühlen. Sie nennen sich "Christen in der Alternative für Deutschland" und "Pforzheimer Kreis"; sie wollen "zu einer wertkonservativen Politik beitragen und eine Liberalität, die sich in Beliebigkeit äußert, unter Kontrolle halten". Das Regelwerk der Demokratie, schreiben sie in ihrer Grundsatzerklärung, sei dabei nicht so wichtig, entscheidend sei "das sittliche Fundament".
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 9/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Religion:
Fromme Radikale