21.02.2015

AgrarwendeDie Schwanzfrage

In Niedersachsen leben zwölfmal mehr Nutztiere als Menschen. Nun ist ein Grüner seit zwei Jahren Landwirtschaftsminister - und es tobt ein Agrikulturkampf um die Zukunft der Massentierhaltung.
Kein Stroh liegt im Stall, das ist normal, sagt Martin Roberg, der Bauer, auch wenn es dem Meyer nicht gefällt. Roberg führt durch niedrige Stallbaracken, Fenster im Stallgang geben den Blick auf seine Tiere frei: links die trächtigen Sauen in Gruppenhaltung, vorsichtig setzen sie die Klauen auf Spaltenböden, ein paar Schritte können sie gehen. Rechts die Muttersauen in ihren Abferkelbuchten, die meisten liegen auf der Seite, geben schnaufend ihren Ferkeln die Zitzen frei. Manche Muttertiere sitzen, manche stehen. Mehr können sie nicht tun in dem Stangenkorsett, in das man sie sperrt. "Ferkelschutzkorb" heißt das, und es soll verhindern, dass die Sau ihre Jungen totquetscht, auch das ist normal.
Roberg, ein schmaler Mann im Overall, fischt zwei Ferkel aus einer dunklen Ecke in einem Koben, sie sind eben geboren. Die Sau atmet schwer.
Roberg legt die beiden unters Rotlicht, zwei marzipanrosa Wesen mit Ringelschwänzen, noch. In zwei Tagen wird das nicht mehr so sein. Damit die Schweine einander nicht anfressen, wird in deutschen Ställen routinemäßig das letzte Drittel ihres Schwanzes kupiert. Muss sein, meint Roberg, auch wenn der Meyer das nicht einsieht. Der Meyer will es ändern, und vieles andere auch.
Christian Meyer von den Grünen. Der kein Landwirt ist, aber Landwirtschaftsminister, und das ausgerechnet in Niedersachsen.
In Niedersachsen, wo es zwölfmal so viele Nutztiere wie Einwohner gibt, wo mehr Schweine als Menschen leben und über 99 Prozent davon in einem konventionellen Stall. Nirgendwo sonst fällt so viel Gülle an, nirgendwo sonst werden so viele Antibiotika verbraucht. "Intensivtierhaltung", sagen die Bauern. "Massentierhaltung", sagt Meyer, der sich das nicht ausreden lassen will.
Es wird, auf Robergs Hof, ein Gespräch über den abwesenden Herrn Meyer, erst im Kaminzimmer, wo die Robergs noch überlegen, ob sie den Stall tatsächlich vorzeigen wollen, dann im Stall bei den Tieren, dann in der Küche beim Nudeleintopf am Familientisch. Was denkt Meyer?
Was denken die Bauern?
Was denken die Leute draußen, die keine Bauern sind?
Roberg, Jahrgang 1965, Ferkelzüchter im Oldenburger Land, zweiter Vorsitzender beim Kreislandvolk in Cloppenburg, dem niedersächsischen Bauernverband: Er hatte sogar überlegt, ob er es fotografieren lassen soll, wie das ist, wenn er einem Ferkel den Schwanz kürzt, das sei ja nicht schlimm, so sagt er. Aber dann hat er es doch gelassen.
Die Leute, meint er, würden es nicht verstehen. Die Leute lernen als Kinder, in ihren Bilderbüchern, dass Schweine auf Stroh liegen oder im Schlamm wühlen, und alle Tiere haben Ringelschwänze, und dann sehen die Leute später, dass ein modernes Schweineleben ein anderes ist, und sind verstört.
Minister Meyer meint, er macht jetzt alles besser, aber das sei nicht so, sagt Martin Roberg und sagen viele Bauern in Niedersachsen. Meyer ist eben ein Grüner, und die allermeisten Landwirte in Niedersachsen sind genau das nicht.
Wer die Agrarwende hier durchsetzt, der hat wirklich gewonnen; beide Seiten wissen das. Seit Meyer vor zwei Jahren ins Amt kam, hagelt es Pressemitteilungen und Interviews.
Als "Höfesterben-Minister" werde er bezeichnet, sagt der Vorsitzende der Interessengemeinschaft der Schweinehalter. Als "Skandalanheizer, der den Berufsstand schädigt", der Chef des Jungbauernverbands. Der Chef des Landvolks fand, dem Minister fehle es den Bauern gegenüber am "notwendigen Respekt".
Meyer, der Minister, ist eine große, bubenhafte, gut gelaunte Gestalt, die an einem Winterabend als Beifahrer im Dienstwagen sitzt, Richtung Lüneburg, unterwegs zu einem Abend der Grünen. Mit grünen Bauern und mit solchen Bauern, die absolut keine Grünen sind, am Telefon hat er's gerade erfahren: "Da werden wieder welche sein."
Meyer kommt gerade von einem Treffen mit Bauern, die behaupten, er wolle ihnen Flächen wegnehmen und sie als Moore renaturieren, was er bestreitet; tausend haben gegen ihn demonstriert. Danach war er bei einem Treffen mit Bioschweinehaltern, die Schweinehalter hatten leuchtende Augen, manche konnten es kaum fassen, ein Minister! Bei ihnen!
In Erbstorf bei Lüneburg, im Gasthof Lim's, drängt sich nun dieser Minister im dunklen Anzug und mit praktischem kleinen Reiserucksack über der Schulter zum Festsaal durch, er muss ein Spalier von Bauern mit Plakaten passieren, er kennt das schon.
"Meyer zerstört die Zukunft der Landwirte", steht da, oder: "Warum ist Landwirtschaft ein Verbrechen?" Und auch: "Das weiß jedes Rind / Meyer's Politik ist nur Wind."
Der Saal sortiert sich, auf den Bänken in der Saalmitte eher Grüne und Sympathisanten, in einer Phalanx außen herum die Andersdenkenden. Meyer spricht. Vor Freund und Feind, vor Pros und Kontras, vom Tierschutzplan spricht er vor allem, das ist sein Mantra, seit Beginn seiner Ministerzeit.
Enten sollen schwimmen dürfen. Hühner und anderes Geflügel intakte Schnäbel behalten. Kühen soll man nicht mehr betäubungslos die Hörner ausbrennen, Schweine nicht mehr betäubungslos kastrieren, und ihre Ringelschwänze soll man ihnen lassen, komplett.
An der Ladentheke steht auf keiner Schnitzel-Auszeichnung, dass das Ferkel ohne Betäubung kastriert wurde; auf keinem Ei, dass dem Huhn die Schnabelspitze fehlt; aber das ist normal in den Ställen, und es soll aufhören, sagt Meyer. Mehr Platz, mehr Spaß und mehr Schutz vor Verstümmelung für die Tiere, das will er, und weniger Gülle und weniger Antibiotika und mehr Blüten für die Bienen, mehr Schutz für die Moore und im Wald draußen bleifreie Kugeln für die Jagd aufs Wild.
Das wirft Fragen auf. Ein Milchviehhalter fühlt sich durch Güllelagerungsvorschriften bevormundet. Ein Imker hat Einwände gegen Details im Blühstreifenprogramm. Ein Ackerbauer beklagt sich, dass die staatliche Förderung von Hülsenfrüchten ausgesetzt wurde. Und dann ergreift ein Kreis-Bauernführer das Wort, ein Sauenhalter. "So können Sie nicht mit uns umgehen", sagt er, "Sie zerstören Existenzen", sagt er, schließlich spuckt er einen Satz der Verachtung in den Saal: Da sei ein Minister an der Macht, der "gar keine Fragen beantworten kann. Er hat von Landwirtschaft erheblich weniger Ahnung als ich".
Agrikulturkampf. So kann man es nennen. Bauern wie dieser wollen sich nicht an Minister Meyer gewöhnen. Für sie ist er der Mann, der will, dass alles ein bisschen so wird wie in den Bilderbüchern, die man Kindern schenkt. Der sich nicht im Schweinestall mit Spaltenboden wohlfühlt, sondern auf Stroh, beim angeblich glücklicheren Schwein.
Dieser Christian Meyer, Sohn eines Maurers aus Holzminden, ist nun der Chef im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in der Calenberger Straße in Hannover, einem Fünfzigerjahre-Bau mit einer Lobby, durch die schon viele Verbandsvertreter geschritten sind, optimistisch, dass man auf sie hört. Jetzt haben sie mit Meyer zu tun und Meyer mit ihnen, Meyer hat den Schreibtisch der Macht übernommen. Es ist kein schöner Ministertag, als wir ihn dort besuchen.
Wer das Amt hat, hat auch die Skandale, an diesem Tag sind es gleich zwei. Bei einem Putenmäster wurde Vogelgrippe entdeckt. Bei Bioeierproduzenten fand man Pflanzenschutzmittel im Futter.
Ist auch das normal?
Im Amt begrüßt wurde Meyer damals von drei Skandalen auf einmal: einem um Pferdefleisch in der Lasagne, einem um Aflatoxin B1 im Futtermais und einem um Biohühnerställe, in denen zu viele Tiere hausten. Begrüßt wurde er also von Schlagzeilen und von einem gesellschaftlichen Misstrauen gegenüber der Landwirtschaft, wie man es in Niedersachsen traditionell nicht kennt.
Niedersachsen ist ein Land mit viel magerem Moor- und Sandboden, der für den Ackerbau wenig hergibt; Viehzucht war vielerorts wichtiger, und mit dem Anschluss an die Eisenbahn und die Binnenhäfen setzte der Boom dort ein - Schiffe und Güterzüge brachten Mineraldünger ins Land und holten Eier und Fleisch ab, fürs Ruhrgebiet zunächst, später für den Export in alle Welt.
Aber es sind zu viele Puten, Hühner, Schweine geworden. 47 Millionen Tonnen Gülle und Mist haben Niedersachsens Tiere im vergangenen Jahr produziert; die Kreise Cloppenburg und Vechta, sagt Minister Meyer, brauchten dreimal so viel Fläche, wie sie haben, um ihre Gülle ordnungsgemäß auf eigenem Boden auszubringen.
Die Agrarindustrie setzt weiter auf den Weltmarkt, auf Masse. Meyer, der Ökos schätzt und kleine Betriebe schützen will, ist in den Augen der Lobbyvertreter ein rückwärtsgewandter Idealist. Und vor allem nicht vom Fach.
Muss man nach Kuhstall riechen, um Minister zu sein? Meyer meint: nein.
Wie ein Kuhstall riecht, so viel kann er immerhin sagen, weiß er seit seiner Kindheit in Holzminden: Der Nachbar hatte Milchvieh, einen Misthaufen vor der Tür und viele Fliegen, die auch den Weg zu seinem Kinderzimmer fanden. Christian Meyer war Kind kleiner Leute, der Vater, "Bild"-Zeitungs-Leser, war politisch ziemlich weit entfernt von seinem Sohn, aber immer bereit, mit ihm Plakate zu kleben oder einen Benzinpreis von fünf Mark pro Liter zu verteidigen, auch wenn er keinen großen Vorrat an Argumenten dafür besaß.
Der Junge, ein Einzelkind, ist der Einzige in der Familie, der das Abitur geschafft hat, er ging dann nach Göttingen zum Studieren, Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft. Öko war er vorher schon. Teichmolche schützen, Tropenholznutzung bekämpfen, solche Dinge betrieb er, seit er 12 war, und mit 21 schon, als Zivildienstleistender, saß er für die Grünen im Kreistag. Fünf Jahre niedersächsische Landtagsopposition hatte er hinter sich und viele Gefechte zu landwirtschaftlichen Themen, als er im Februar 2013 Minister wurde. Sein Vater, erzählt er in seinem Büro, war nicht lange vor dem rot-grünen Wahlsieg gestorben. "Stolz wie Bolle" wäre er gewesen, meint der Sohn.
Unter ländlichen Wandidyllen, die aus dem Fundus der Landesverwaltung stammen, sitzt nun Christian Meyer im Ministerium und verteidigt die Ringelschwanzprämie, die zum Symbol für seine Agrarwende geworden ist. Sie war nicht seine Idee, so sagt er. Sie kam von Mitarbeitern - vor allem die Leute vom Tierschutzreferat und vom Referat für Auszahlungsfragen hätten ihn überzeugt.
Ein Schwein, das weiß man, will wühlen, kauen, nagen. Ein Schwein, wenn es Lust aufs Wühlen, Kauen, Nagen hat, kommt manchmal auf falsche Ideen. Es beißt in den Schwanz eines Gefährten, und wenn ein Schwein damit begonnen hat, beißen andere mit. Das Opfer leidet Qualen, wird buchstäblich von hinten aufgefressen. Caudophagie heißt das, Schwanzbeißen; wer den Schweineschwanz kürzt, kann das Risiko verringern.
Schon sein Großvater, sagt der Schweinehalter Martin Roberg, habe die Schwänze gekürzt. Viele Bauern prophezeien Blutbäder im Stall, wenn man es nicht tut. Verbandsvertreter haben den Verdacht, dass es Meyer primär gar nicht um die Schwänze gehe; der Vorstoß, glauben sie, sei nur Mittel zum Zweck.
Sie haben recht.
"Mach doch mal was Innovatives, sagten meine Mitarbeiter." Meyer grinst.
Wer seinen Tieren den Schwanz lassen will, das ist der Gedanke, der muss ihr ganzes Leben verändern: muss ihnen mehr Platz, mehr Spielzeug, mehr Betreuung geben. Wer die Schwänze lässt, wie sie sind, bekommt 16 bis 18 Euro Prämie pro Schwein, das ist Meyers Plan. Wissenschaftler sollen die Bauern begleiten, Tierärzte sollen sie beraten, Kontrolleure sollen sie kontrollieren. Ende 2016 soll das Kupieren dann verboten sein, so wie es die EU eigentlich heute schon vorschreibt und wie es unter anderem Schweden, Litauen und Norwegen praktizieren.
Martin Roberg sagt dazu: "Wunschdenken hilft uns nicht." Roberg findet die Diskussion "interessant und wichtig", die Forschung auch und sagt außerdem: "Ferkel kastrieren, Zähne abschleifen, Schwänze kupieren - unsere Lieblingsbeschäftigung ist das nicht."
Er wolle sich nicht gegen alle Neuerungen wehren, sagt Roberg an seinem Küchentisch. Er fürchte Gesetze, die mit der Realität - mit seiner Realität - nichts zu tun hätten. Er wolle keinen Zeitdruck. Er wolle Freiwilligkeit, das ist seine Haltung, das ist die vieler Bauern und ihrer Lobbyisten. So wie es Meyers CDU-Amtsvorgänger wollte und jetzt der CSU-Minister in Berlin: mehr Tierschutz, ja, aber freiwillig. Ohne Zwang.
Doch der Druck von draußen wächst.
Da sind die Demonstrationen gegen Massenställe, Güllefluten, Antibiotika-Verbrauch. Da wird kaum mehr ein Stall ohne Bürgerprotest gebaut. Da sind Skandale zu sehen, öffentlich im Fernsehen, wie bei jenem Schweinemäster in Cloppenburg, bei dem man Schweine einen lebenden Artgenossen an- und beinahe auffressen sah. Und es wächst die Zahl der Veganer, die Zahl jener Konsumenten, die es grundsätzlich inakzeptabel finden, dass der Mensch ein Tier zum Nutztier erklärt.
Wenn die Menschen sich dafür interessieren würden, wie die Tiere in Massenställen leben, glauben Tierschützer, dann müssten sie das als den eigentlichen Skandal verstehen. Und viele tun nun genau das.
Die Unruhe wächst in der Landwirtschaft, die Ahnung verbreitet sich, dass reagiert werden muss auf das, was sich in der Gesellschaft tut. "Tierwohl", das ist das neue Wort; es klingt angenehm vage. "Tierwohl" heißt eine zum Jahresbeginn gegründete Initiative der Fleisch- und Geflügelindustrie, der Lebensmittelketten und des Bauernverbands. Das bedeutet, dass Bauern, die ihren Tieren freiwillig ein paar Annehmlichkeiten bereiten, ein paar Cent mehr für Eier und Fleisch bekommen; welche Tiere wie sehr davon profitiert haben, erfährt der Verbraucher allerdings nicht.
"Wir transportieren Tierwohl", stand an einem Viehtransporter, der auf der Grünen Woche ausgestellt war und der sich durch nichts von einem herkömmlichen Viehtransporter unterschied.
Und das Wort "Tierwohl" zumindest hat es nach Hannover auf die EuroTier geschafft, jene "Leitmesse für Tierhaltungs-Profis", bei der alle zwei Jahre im November alles zusammentrifft, was an Nutztieren Geld verdienen will.
Man kann ein ganzes Schweineleben nachvollziehen auf dieser Messe. Von der Besamungsbucht, in die man die Sau sperrt, wenn sie rauschig ist, über die Abferkelbucht zum Ferkelnest, wo das Schwein seine ersten Tage verbringt; weiter zur Mastgruppenhaltung mit Selbstfangfressbucht, in der es der Schlachtreife entgegenwächst, bis schließlich zu "Porky's Pick Up", einer hydraulischen, luftbereiften Kadaverkarre, mit der der Bauer rückenschonend das Schwein entsorgen kann, wenn es ungeplant verstirbt.
Am Stand des niedersächsischen Stallausrüsters Big Dutchman kann man einem Herrn von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) begegnen, der einen Staatssekretär samt Entourage über die Messe führt und sinnend auf eine dieser Abferkelbuchten blickt, in die man Muttersauen sperrt; die Sau habe es gut in so einem Kasten, meint der DLG-Funktionär. "Eine stillende Mutter hat doch auch gern ihre Ruhe."
Auch Meyer lässt sich durch die Messe führen. Auch er hält bei Big Dutchman an. Ihm zeigt man ein Computerprogramm, das Tierwohlaspekte in Euro umrechnet, also Ethik in Ökonomie. Meyer geht zum Bio-Hühnermobil, dann zum Stand des Landeskontrollamts, dann diskutiert er mit Schweinespermahändlern, ob man Schwanzbeißen vielleicht wegzüchten könnte. Auch bei Wiesenhof bleibt er stehen, dessen Firmenpatriarch Paul-Heinz Wesjohann am Stand Nr. 11/ A 53 steht und es sichtlich nicht gewohnt ist, dass ein Landwirtschaftsminister die Putenwienerli verweigert, die man ihm reicht.
Trotzdem. Wesjohann parliert mit ihm. Meyer sammelt, bringt Tierärzte, Züchter und Mäster, Lebensmittelhändler, Bauernverbandsvertreter dazu, bei seinen Tierschutzplänen mitzureden, schafft Arbeitsgruppen, Diskussionsforen; auch Wiesenhof ist mit dabei.
Missionieren kann man es nennen, was Meyer da treibt, rastlos unterwegs, selten zu Hause in Holzminden; mit eigener Familie, meint er, ginge das wohl nicht. Tatsächlich ist es die Erscheinung eines gut gelaunten Priesters, mit der er durch die Welt geht, ein bisschen verschmitzt, ein bisschen behäbig, und er fängt an, Leute für sich zu gewinnen, von denen das vorher nicht zu erwarten war.
In der Hühnerschnabelfrage macht er Fortschritte. Moschusenten sollen jetzt schwimmen dürfen.
Die Schweineschwänze allerdings - nirgends trifft er auf so viel Widerstand wie da. Hat er sich verrannt?
Studien besagen, dass man durchaus etwas gegen das Schwanzbeißen tun kann, mit besserem Stallklima, mehr Platz, mehr Beschäftigung fürs Tier. Und mit Stroh, auch das hilft sehr. Und mit Menschen, die oft genug im Stall sind, die einen Beißer schnell entfernen und das Opfer in Sicherheit bringen können.
Die Studien besagen aber auch, dass es schwierig ist. Dass es kein Rezept gibt, bisher jedenfalls, und dass es in allen Haltungsformen vorkommen kann.
Meyer sagt: "Ich bin ja kein Sturkopp. Ich zeige mich den Erkenntnissen gegenüber offen."
Und wenn es eben nicht geht? Wenn ein Schwein mit Schwanz zum modernen Massenstall einfach nicht passt?
"Dann ist auch das eine Erkenntnis", sagt Meyer. Merkwürdigerweise blickte er dabei nicht unglücklich drein.
Man denkt an eine Pressekonferenz, ein paar Tage vorher, mit Leuten von der Ernährungsindustrie im Oldenburger Land, mit Meyer und dem Tierschutzbund. Man war nett zueinander, die Wirtschaft verpflichtete sich irgendwie dem Tierwohl, und Meyer ließ durchblicken, dass er das mit den Terminen nicht so eng sehe, wie jeder glaubt.
Dazwischen saß der Mann vom Tierschutzbund, nicht ganz so milde wie die anderen. Er sagte: "Wer die Schwanzfrage stellt, muss auch die Systemfrage stellen."
Meyer grinste. Kann schon sein, dass er das auch so sieht. ■
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 9/2015
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