28.02.2015

Jakob Augstein Im Zweifel linksZwei Körper

Thomas de Maizière ist Innenminister, und er ist Christ. Es gibt gleichsam einen weltlichen und einen überweltlichen de Maizière. Das sind die zwei Körper des Ministers. In diesen Tagen ringen sie miteinander.
Es geht um das Kirchenasyl. Der Minister sagt, es gebe staatliche Regeln über Aufenthalt und Aufenthaltsbeendigung, und niemand habe das Recht - auch nicht die Kirche -, sich darüber hinwegzusetzen. Der Christ dagegen findet, "dass es auch mal ein Erbarmen geben kann". Allerdings: "Dann reden wir über vier, fünf, sechs, zehn Fälle im Jahr."
Nun sind aber ungefähr 410 Menschen in Not, denen die Kirchen in Deutschland Unterschlupf gewähren. Etliche davon sind sogenannte Dublin-Fälle: Flüchtlinge, die über andere EU-Staaten nach Deutschland eingereist sind und die nach dem Abkommen von Dublin dorthin zurückgeschafft werden dürfen, wo sie ankamen. 410 sind nicht eben viel, bei 35 115 Dublin-Verfahren im Jahr 2014.
Diese elende Drittstaatenregelung meinte der Schriftsteller Navid Kermani, als er im Deutschen Bundestag beklagte, "dass Deutschland das Asyl als ein Grundrecht praktisch abgeschafft hat". Denn wohin sollen die Dublin-Flüchtlinge gebracht werden? Nach Ungarn, Bulgarien, Griechenland oder Italien - wo es ihnen kaum besser ergeht als in ihrer Heimat.
Mangelnde medizinische Versorgung, Schikanierung durch die Behörden, rassistische Angriffe der Bevölkerung - manchmal herrschen da Zustände, die zum Himmel schreien und zum Gotterbarmen sind. Und siehe: Hin und wieder erhört der Himmel! Und dann erbarmt sich ein deutscher Pfarrer.
Es ist dies eines der ehrenwertesten Kapitel der deutschen Kirchengeschichte. Die Kirchen wollen sich damit nicht über das Gesetz stellen, wie de Maizière, der Minister, ihnen unterstellt. Ihre Erfahrung mit dem Gesetz währt so lange, dass sie seine Grenzen erkennen. Im Römerbrief schreibt Paulus, dass "kein Mensch durch die Werke des Gesetzes vor IHM gerecht sein kann". Gebhard Fürst, der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, sagt: "In unserer Kirchenrechtslehre gibt es den weisen Grundsatz, dass ein Gesetz fast nie so gestaltbar ist, dass es allen Einzelfällen gerecht wird."
Das Kirchenasyl erinnert die Menschen daran, dass jedes Schicksal eines Flüchtlings ein Einzelfall ist. Diese Einsicht kommt ungelegen in Zeiten, da die Zahl der Flüchtlinge wächst und die Zahl der AfD-Wähler auch.
Darum wettert de Maizière gegen das Kirchenasyl - und spricht dann wahrscheinlich weder als Minister noch als Christ, sondern einfach als CDU-Politiker.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 10/2015
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