28.02.2015

GesundheitImmun gegen Vernunft

In Deutschland ist Impfen eine Frage der Ideologie. Seit dem jüngsten großen Ausbruch der Masern sind die Gegner des Schutzes in der Defensive.
Panik ist ein Gefühl, das nicht zu diesem Raum passt. Die Wände sind in sanftem Gelb gestrichen, für die Patienten stehen Filzpantoffeln bereit. Im Polstersessel hat die Heilpraktikerin Marita Schröder die Beine entspannt zum Yogi-Sitz gekreuzt.
Doch in Schröders Praxis im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist viel von Panik die Rede. Die Masern gehen um in der Hauptstadt, über 600 Menschen haben sich bereits angesteckt, ein Kind ist gestorben. "Angst" steht in großen Lettern auf den Titelseiten der Zeitungen.
Bei Schröder rufen jetzt Mütter an, die sich bewusst entschieden haben, ihre Kinder nicht impfen zu lassen - und nun nachts nicht mehr schlafen können. Schröder atmet dann tief durch und gibt sich demonstrativ gelassen. "Du", sagt sie, wenn die Mutter einer Grundschülerin am Telefon ist, "wenn deine Kinder in dem Alter Masern kriegen, ist das überhaupt nicht schlimm." Und wenn sich eine Mutter in brennender Angst um ihr Neugeborenes meldet, fragt sie: "Hattest du die Masern? Du, dann ist das Kind durch die Muttermilch geschützt."
Prenzlauer Berg ist das Viertel der kinderreichen Bildungsbürger, der Läden voller Holzspielzeug und ökologischer Babywäsche, jener Kiez, wo vegan kochende Mütter in Cafés Erziehungsratgeber tauschen und Väter in Elternzeit Kinderwagen schaukeln. Es ist das Hoheitsgebiet der Yoga-Studios und des ganzheitlichen Lebens. Prenzlauer Berg ist Impfgegnerland.
Doch die Stimmung ist gekippt, selbst in Prenzlauer Berg. Seit bekannt wurde, dass ein anderthalbjähriger Junge in Berlin an Masern gestorben ist, ist etwas passiert im Viertel, auch mit Marita Schröder. Überzeugte Impfgegner wollen sich nicht mehr bekennen, selbst die Heilpraktikerin möchte ihren echten Namen lieber nicht gedruckt sehen, darum hat sie gebeten. Man wisse ja nicht, wie die Leute jetzt reagierten.
Immerhin erlebt Deutschland einen der größten Masernausbrüche seit Langem. In Berlin sind so viele Menschen erkrankt wie seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001 nicht mehr. In Sachsen gibt es den größten Ausbruch seit der Wende, auch in Bayern häufen sich gerade die Fälle.
Epidemieexperten blicken fassungslos nach Deutschland. Bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf kannte man tödliche Masernausbrüche vor allem aus Afrika oder Asien, aus Ländern ohne gut funktionierendes Gesundheitssystem. Wer dort Masern bekommt, ist meist zu arm, um sich impfen zu lassen. Doch in wohlhabenden Industrienationen brechen Masern aus, weil Erwachsene Impflücken haben und weil Eltern ihre Kinder bewusst nicht impfen lassen wollen. Das ist eine verstörende Erkenntnis. In der deutschen Hauptstadt ist die Koalition so alarmiert, dass sie sogar über einen Impfzwang nachdenkt.
Seit Jahren lehnt ein unbelehrbarer Teil von Eltern den Nadelstich als Angriff auf die körperliche Unversehrtheit seines Nachwuchses ab. Masern werden verklärt oder als harmlose Kinderkrankheit kleingeredet. Dabei handelt es sich um ein tückisches Virus, das höchst infektiös und in einem von 1000 Fällen tödlich ist.
Im Jahr 2013 starben weltweit in jeder Stunde 17 Menschen an Masern. Die Krankheit kann Schäden am Zentralnervensystem oder Lungenentzündungen zur Folge haben. Und die Viren sind sehr ansteckend. Neun von zehn Kontaktpersonen eines Patienten erwischt die Krankheit per Tröpfcheninfektion, wenn sie nicht immunisiert sind - in der U-Bahn, in der Schule, beim Kuss. Nur mit einem strengen Impfregime ließen sich die Masern ausrotten.
Allerdings gibt es Gegenden in Deutschland, die davon weit entfernt sind. Besonders dort, wo die Impfquoten niedrig sind, können sich die Masern rasant ausbreiten. Oberbayern gehört dazu - oder das gut situierte Milieu in Prenzlauer Berg. Bereits 2013 stellte das zuständige Bezirksamt in Berlin-Pankow eine "Impffeindlichkeit" in "überwiegend gut gebildeten Bevölkerungskreisen" fest.
Auch die Eltern, die sich bei Heilpraktikerin Schröder einfinden, lesen in der Regel sehr viel, vor allem über das Impfen. Schröder leiht ihren Patienten auch Bücher aus ihren Beständen. Auf Socken geht sie zum Regal und zieht einen Band heraus. "Impfen. Das Geschäft mit der Angst" steht auf dem Einband.
Schröders Haltung dazu ist unverrückbar: so spät und so wenig wie möglich. Die Spritzen schwächten die Kinder und machten sie anfälliger für Krankheiten - selbst für diejenigen, vor denen sie sie eigentlich schützen sollten. "Ich sehe mehr Nachteile als Vorteile", sagt sie.
Bloß bei Tetanus und Polio lägen die Dinge anders. Vor Krankheiten, die tödlich enden können, empfiehlt auch sie einen Schutz. Die Masern zählt sie offenbar nicht dazu.
Ein paar Straßen weiter östlich hängt bei Kinderärztin Sabine Pohlentz ein Schild an der Tür: "Mit Masernverdacht bitte draußen bleiben".
Ihre Sprechstunde war in der vergangenen Woche überlaufen von Impfwilligen. Allein am Dienstag brachten alarmierte Eltern fast 80 Kinder, darunter Fünf- und Sechsjährige, die im Säuglingsalter nicht geimpft worden waren.
Die Warnung vor bösen Inhaltsstoffen und gefährlichen Impfschäden hält Pohlentz für vollkommen übertrieben. "Nach meiner Wahrnehmung sind die Impfungen recht gut verträglich", sagt sie. Meist seien es "ideologische Impfgegner", die sich dennoch gegen den Pieks entschieden. Patienten, die ihr Heil schon immer in alternativen Methoden suchten.
Daher tobt sich das Masernvirus besonders erfolgreich in Waldorfschulen und Montessori-Kindergärten aus. Anthroposophen impfen nicht gern, lieber setzen sie auf Heil-Eurhythmie, homöopathische Zuckerkugeln und die stärkende Wirkung einer durchlebten Masernerkrankung: "Im Fieber, in der selbst gebildeten Wärme", heißt es in einem Masern-Merkblatt der "Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte", sei die "geistig-seelische Individualität des Kindes in gesteigertem Maße leiblich tätig". Das Kind bilde "neue, stabilere Leibesgrenzen aus".
Sechs von neun der großen Masernausbrüche an Schulen und Kindergärten zwischen 2005 und 2009 trafen Waldorf- und Montessori-Einrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, das ergab eine Fallauswertung im "Journal of Infectious Diseases".
Dabei handelt es sich bei der grassierenden Impfskepsis vor allem um ein Phänomen hochgebildeter Schichten - um Eltern, die das Beste für ihr Kind wollen. Die sich in der "Helmsprechstunde" beim Osteopathen darüber informieren, ob es bedrohlich ist, wenn der Säugling sich den Hinterkopf platt liegt, die den Nachwuchs niemals mit einem profanen Babybrei aus dem Gläschen abfüttern würden und die mit ihren Kindern am Nachmittag wahlweise zum Ergo- oder Logopäden pilgern.
"Es gibt Eltern, denen ihre Bildung im Wege steht, weil sie glauben, man könne den Impfcocktail ihrer Kinder wie ein Müsli zusammenstellen", sagt Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. "Oft sind die Kinder sogar gegen einige Krankheiten geimpft - nur eben nicht gegen alle." Vor allem der kombinierte Schutz gegen Masern, Mumps und Röteln werde dabei häufig ausgelassen.
Tatsächlich räumen auch Mediziner ein, dass die Impfung Nebenwirkungen haben kann. Von einer Überreaktion des Immunsystems, Lähmungen oder Hirnhautentzündungen ist die Rede. Allerdings treten diese Fälle bei weniger als einem Kind von einer Million auf. "Die Nebenwirkungen bewegen sich im Promillebereich", sagt der SPD-Gesundheitspolitiker und Mediziner Karl Lauterbach.
Doch die Skepsis hält sich hartnäckig - unter Impfgegnern kursiert der Verdacht, der MMR-Wirkstoff könne Autismus auslösen. Sie berufen sich dabei auf eine Studie, die der britische Mediziner Andrew Wakefield Ende der Neunzigerjahre vorgelegt hatte. Allerdings ist diese Untersuchung längst widerlegt: Keine Folgeuntersuchung konnte ihre These je bestätigen.
Wakefield hatte sich von Anwälten bezahlen lassen, die Munition für eine Klage gegen Impfstoffhersteller suchten, seine Testgruppe umfasste gerade mal zwölf Kinder. Schon vor fünf Jahren wurde ihm die Zulassung entzogen. Doch seine kruden Thesen halten sich hartnäckig - und ihre Verbreiter sammeln sich im Internet.
Längst sieht sich auch das Robert Koch-Institut genötigt, die Mythen der Szene zu entkräften. So widerlegen die Forscher auf ihrer Website die "20 häufigsten Einwände gegen das Impfen": dass dessen Wirksamkeit niemals belegt worden sei. Dass das Durchmachen von Krankheiten für Kinder ein viel besserer Schutz sei. Oder dass die Stoffe die Kinder ja doch nur vergifteten.
Der Widerstand gegen das Impfen sei alt, schreiben die Forscher. Schon als die Pflicht zur Pockenschutzimpfung 1874 eingeführt wurde, löste sie heftige Widerstände aus. Ihre Kritiker gründeten damals Zeitschriften wie "Der Impfgegner". Die Pocken sind längst ausgerottet. Gehalten hat sich eine Szene, die grundsätzlich mit einem Staat hadert, der seinen Bürgern Vorschriften macht - und sei es nur eine Impfempfehlung.
Priscilla Thiel beispielsweise erhielt ihre eigene DDR-Pflichtimpfung gleich nach der Geburt. Ihr Leben lang, so erzählt sie das heute, habe sie unter Allergien und Asthma gelitten. Heute sieht sie einen Zusammenhang. Nicht alles ist gut, was von oben kommt, hatte schon ihr Vater gesagt. Der schrieb früher Lieder gegen das SED-Regime und saß dafür im Gefängnis.
Allerdings gibt es in der Wissenschaft keine belastbaren Hinweise darauf, dass die Spritze beim Arzt tatsächlich Asthma auslöst, und in der DDR gab es nachweislich weniger Allergien als im Westen. Für solche Argumente ist Thiel nicht offen, in der Impfgegnerszene gelten solche Einlassungen als Argumente von "Mainstream-Medien".
Thiel will bei ihren Söhnen alles anders machen. Der Große ist drei Jahre alt, sein kleiner Bruder kam erst vor einem halben Jahr zur Welt. Sämtliche Impfungen hat die Mutter abgelehnt.
Regelmäßig fährt Thiel nun zum impfkritischen Stammtisch nach Gotha. Die Runde eint der Zweifel: An die Wirksamkeit der Tetanusimpfung glauben viele dort nicht, und die Kinderlähmung existiere in diesem Land doch längst nicht mehr - warum also impfen? Hier hat Pricilla Thiel auch ihren neuen Arzt kennengelernt, einen Mediziner, der für Homöopathie wirbt. Nur von ihm fühlt sie sich unterstützt. In der Welt vieler Impfgegner gilt ein Schulmediziner als Feind.
Als Thiel der Kinderärztin der Familie ihre Entscheidung mitteilt, wird diese laut: "Sie setzen das Leben des Kindes aufs Spiel!" Als sie mit dem Großen ins Krankenhaus muss, reagieren die Ärzte ähnlich. Wer nicht impfe, gefährde nicht nur seine eigenen Kinder, sondern vor allem auch die der anderen, mahnen die Mediziner.
Kleinkinder sind besonders gefährdet. Als Spätfolge einer Masernerkrankung tritt bei ihnen 200-mal so häufig eine tödliche Hirnentzündung auf wie in anderen Altersgruppen. Auch Menschen mit schweren Immunerkrankungen können nicht geimpft werden. Sie sind darauf angewiesen, dass das Virus sie nicht erwischt. Und je höher die Impfquote, desto größer auch ihr Schutz.
Ob ihr Verhalten nicht einfach egoistisch ist? So würde Priscilla Thiel das niemals sehen. "Ich glaube, dass meine Kinder dadurch gesünder sind, dass sie nicht vorbelastet sind", sagt sie.
Deshalb sind chronische Impfverweigerer wie Priscilla Thiel längst zum Fall für die Politik geworden. "Es ist eine Frage der Verantwortung und auch der gesellschaftlichen Solidarität, dass man sich und andere durch eine Impfung vor Ansteckung schützt", sagt etwa Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Wer leichtfertig eine Impfung ablehne, gefährde auch die, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können. "Ich finde die Vorstellung seltsam, es gebe eine Art Grundrecht auf die Ansteckung anderer", sagt der CDU-Politiker.
In der Hauptstadt hat sich daher längst ein anderes Virus ausgebreitet: das Misstrauen besorgter Eltern.
"MASERN!!!! LEBENSGEFAHR! SEID IHR ALLE GEIMPFT?", so schreit es in Versalien von einem Zettel am schwarzen Brett eines Kinderladens in Berlin-Friedrichshain. Eine Mutter hat sich mit ihrer Tochter im Eingangsflur aufgebaut, ihr Gesicht ist rot gefleckt. Nicht die Masern sind schuld, es ist die Empörung. "Wir brauchen jetzt Namen. Und Listen. Jeder muss sagen, ob er impfen lässt oder nicht", fordert sie die Erzieher auf. Der vermeintlich tolerante Berliner Kiez macht jetzt Jagd auf Impfgegner.
Besorgte Eltern haben inzwischen sogar eine Art Impf-Inquisition entwickelt: Bekenne oder verschwinde. "Die Stichfrage lautet: Darf mein Sohn ein Kind zum Spielen mit nach Hause bringen, wenn ich dessen Eltern für potenzielle Impfgegner halte?", sagt ein Vater.
Man ahnt bereits, wie seine Antwort ausfallen wird. Gegen Misstrauen gibt es keine Impfung.
Von Rafaela von Bredow, Markus Deggerich, Kristiana Ludwig und Cornelia Schmergal

DER SPIEGEL 10/2015
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