28.02.2015

Religion„Wien ist Vorbild“

Mouhanad Khorchide, Theologe aus Münster, lobt das österreichische Islamgesetz. Muslime würden in ihren Rechten gestärkt, Extremisten geschwächt.
Khorchide, 43, geboren in Beirut, hat 18 Jahre lang in Wien gelebt. Er leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster und bildet seit 2011 Imame aus.

SPIEGEL: Österreich will mit einem neuen Islamgesetz die Integration der Muslime fördern. Kann das klappen?
Khorchide: Ja, ich glaube schon. Die fast 600 000 Muslime in Österreich erhalten durch das Gesetz neue Rechte: Sie haben einen Anspruch auf Seelsorge in Gefängnissen, Krankenhäusern, beim Militär. Österreichische Schulen müssen religiöse Speisegebote beachten. Islamische Feiertage werden vom Staat respektiert.
SPIEGEL: Wie finden das die Gläubigen?
Khorchide: Nicht alle sind einverstanden, denn zugleich raubt das Gesetz den muslimischen Gemeinden manche Privilegien.
SPIEGEL: Umstritten ist vor allem die Regelung, dass muslimische Vereine nicht mehr von ausländischen Geldgebern finanziert werden dürfen.
Khorchide: Die Entscheidung ist richtig. Der Einfluss ausländischer Regierungen und anderer Gruppierungen auf Muslime ist in vielen Ländern Europas ein Problem. Etwa 60 der 300 islamischen Prediger in Österreich sind aus der Türkei entsandt, in Deutschland ist der Anteil ähnlich hoch. Die türkische Regierung übt auf diese Weise eine Kontrolle über Migranten aus.
SPIEGEL: Muslimische Gemeinden fürchten, ohne Finanzhilfen aus dem Ausland nicht existieren zu können.
Khorchide: Die Sorge ist berechtigt. Die Behörden müssen deshalb bei der Umsetzung des Gesetzes behutsam vorgehen. Die Gemeinden können unmöglich von heute auf morgen komplett auf ausländisches Kapital verzichten.
SPIEGEL: Für andere Religionsgemeinschaften gibt es kein solches Gesetz. Die serbisch-orthodoxe Kirche oder die jüdische Gemeinde dürfen in Österreich weiterhin Geld aus dem Ausland beziehen. Können Sie nachvollziehen, dass Muslime über Diskriminierung klagen?
Khorchide: Ja, aber ganz ehrlich: Eine religiös-fundamentalistische Bedrohung geht in Europa gegenwärtig eben vor allem von Islamisten aus. Und ohne die Finanzierung aus Saudi-Arabien würden militant-salafistische Vereine in Österreich oder Deutschland kaum überleben.
SPIEGEL: Das Islamgesetz betont den Vorrang des Staates vor der Scharia. Werden Muslime in Österreich auf diese Weise unter den Generalverdacht gestellt, Dschihadisten zu sein?
Khorchide: So weit würde ich in der Interpretation des Textes nicht gehen. Wenn ich als Tourist aus Deutschland in die USA einreise, unterschreibe ich ebenfalls eine Erklärung, keine Straftaten zu planen.
SPIEGEL: Taugt das Gesetz als Blaupause für Deutschland?
Khorchide: Wien ist ein Vorbild. Österreich hat mehr Erfahrung im Umgang mit dem Islam und ist bei der Integration von Muslimen weiter als Deutschland. Das Gesetz ist streng genommen eine Fortentwicklung der Bestimmung von 1912. Das Habsburger Reich ordnete damals nach der Annexion Bosnien-Herzegowinas sein Verhältnis zu den Muslimen neu und akzeptierte sie als Religionsgemeinschaft. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) wird seit 1979 als zentraler Ansprechpartner von der Regierung anerkannt.
SPIEGEL: In Deutschland streitet ein halbes Dutzend Dachverbände um Einfluss.
Khorchide: Die Bundesregierung weiß oft nicht, an wen sie sich wenden soll. An Ditib, die größte muslimische Organisation in Deutschland? Oder an den Zentralrat der Muslime, der durch seinen Vorsitzenden, Aiman Mazyek, in der Öffentlichkeit präsent ist, aber nur einen Bruchteil der Gläubigen vertritt.
SPIEGEL: Braucht es also eine oberste Instanz der Muslime?
Khorchide: Ja. Auch in Österreich gibt es Interessenkonflikte zwischen muslimischen Verbänden, aber die IGGiÖ hat sich als oberstes Gremium etabliert. Sie ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts den Kirchen rechtlich gleichgestellt. Ihre Mitgliedsverbände dürfen Friedhöfe unterhalten und Steuern eintreiben.
SPIEGEL: Sie selbst bilden an der Universität Münster seit 2011 Imame aus.
Khorchide: Ich bin froh, dass die Bundesregierung deutschlandweit vier Zentren für Islamische Theologie eingerichtet hat. Auf diese Weise lässt sich ein "europäischer Islam" effektiv fördern. Österreich will nun ebenfalls einen solchen Lehrstuhl schaffen. Zumindest in dieser Hinsicht war Deutschland schneller.

Interview: Maximilian Popp
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 10/2015
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