28.02.2015

SozialesHilflose Helfer

Tausende Abiturienten gehen ins Ausland, um Gutes zu tun. Doch sie sind schnell überfordert - und viele Projekte nicht so sinnvoll, wie sie klingen.
Als Anne Ziegler 2013 ihr Abi geschafft hatte, wollte sie unbedingt raus aus Potsdam. Weit weg, am liebsten nach Südamerika. Sie hatte, bevor das Studium beginnen sollte, den gleichen Wunsch wie viele in ihrem Alter: die Welt zu erkunden und Gutes zu tun.
Heute spricht Ziegler, wenn sie an ihren Freiwilligendienst denkt, von einer "Katastrophenzeit". In dem argentinischen Kinderheim sei sie überfordert gewesen und am Ende nur noch froh, dass es vorbei war. Ziegler fühlt sich ausgenutzt - von Vermittlern in Deutschland und deren Partnern im Ausland.
Die Idee klingt so wunderbar: Junge, engagierte, weltoffene Deutsche unterstützen arme, benachteiligte, hilfsbedürftige Menschen. Sie leisten einen "Freiwilligendienst", mindestens ein halbes Jahr lang, vom Staat gefördert. Fast 80 000 Anfragen bei den einschlägigen Vereinen zählte eine Studie des "Arbeitskreises Lernen und Helfen in Übersee" für 2013. Im selben Jahr seien fast 8000 Freiwillige in staatlich geförderte Projekte und Workcamps gereist.
Darüber hinaus bieten Reiseunternehmen kurzfristig buchbare Trips von ein paar Wochen Dauer. "Voluntourismus" nennt sich dieser Trend, eine Wortschöpfung aus Volunteer, Freiwilliger, und Tourismus. Ein bisschen helfen, ein bisschen sonnen - rund 20 000 Kunden buchten im Jahr 2013 Voluntourismus-Projekte.
Die Entwicklungshilfeorganisation "Brot für die Welt" aber, die jetzt eine Studie veröffentlicht, erkennt viele Mängel solcher Angebote. Ein polizeiliches Führungszeugnis? Verlangten nur rund die Hälfte der 23 untersuchten Anbieter. Ein Bewerbungsgespräch? Wurde nur für 3 von 44 untersuchten Projekten durchgeführt. Die privaten Angebote seien eher "erlebnisorientiert", heißt es in der Studie.
Anne Ziegler wollte alles richtig machen und bewarb sich bei einer der größten Organisationen, die Freiwillige ins Ausland schickt. Sie füllte einen Bogen aus, wenig später rief eine Angestellte an. Nach einem 45-minütigen Telefonat die Zusage: Sie werde in einem Kinderheim in San Marcos eingesetzt, einem Dorf in Argentinien.
Ziegler freute sich darauf, mit Kindern zu arbeiten. Nur ihr Vater warnte sie. "Ihm kam das unprofessionell vor, dass man mich gar nicht persönlich kennenlernen wollte", sagt sie. Die Abiturientin wurde auch nicht misstrauisch, als sie für Anreise und Unterbringung zwischen 2500 und 3000 Euro "spenden" sollte. Über die Lokalzeitung suchte sie Unterstützer, sie fragte Verwandte und Bekannte ihrer Eltern, bald hatte sie die Summe zusammen.
Doch bei ihrer Ankunft in San Marcos stellte sie fest, dass sieben weitere Abiturienten und Studenten im Heim arbeiteten, alle aus Deutschland. Anfangs seien noch eine Köchin und eine Frau für die Wäsche da gewesen, sagt Ziegler. "Aber die waren irgendwann weg." Bis auf eine einheimische Hilfskraft und den gelegentlich anwesenden Heimleiter seien die Freiwilligen auf sich gestellt gewesen, tags wie nachts.
Den Tagesablauf schildert Ziegler so: Morgens weckten die Helfer die Kinder und wuschen sie, darunter Mädchen, die von Vergewaltigungen traumatisiert waren. Während die Kinder in der Schule waren, putzten die Deutschen das Haus. Manche der älteren Jungs im Heim seien aggressiv gewesen, aufeinander losgegangen. Nach ein paar Monaten sei eine 16-jährige Schwangere mit geistiger und körperlicher Behinderung hinzugekommen. "Das Mädchen hatte dauernd Bauchschmerzen, wir wussten nie, ob es vielleicht Wehen waren und wie wir mit ihr umgehen sollten", sagt Ziegler.
Mehrmals habe sie den Heimleiter und den deutschen Verein auf die Missstände hingewiesen. Der Mann aber habe nur entgegnet, die Europäer vor ihnen hätten mehr Engagement gezeigt und überdies Geschenke besorgt. Auch der deutsche Verein habe nichts unternommen. Mehrere Freiwillige, die mit Ziegler in dem Projekt arbeiteten, bestätigen ihre Berichte.
Der Heimleiter aber unterstellt der Gruppe um Ziegler "böse Absichten". In einer E-Mail schreibt er: "Mit vielen anderen Freiwilligen war die Zusammenarbeit sehr zufriedenstellend." Der Verein bedauert, dass es in dem Projekt "schlecht gelaufen" sei, und beteuert: Gebe es grundsätzliche Probleme, werde die Vermittlung eingestellt. Im Fall des argentinischen Kinderheims habe man zunächst die Einschätzung der nächsten Freiwilligen abgewartet; diese seien positiver ausgefallen.
Alles halb so schlimm? Nur ein Einzelfall? Annette Scheunpflug, Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Uni Bamberg, hat zahlreiche Projekte im Ausland untersucht. Ihr Fazit: Viele Vereine schafften es nicht, ihre zahlreichen Projekte auch nur einmal pro Jahr zu überprüfen; die Freiwilligen würden unzureichend ausgewählt und betreut. "Ich halte solche Dienste im Ausland ja durchaus für sinnvoll", sagt die Professorin. Aber es müsse klar sein, dass es in erster Linie nicht um Entwicklungshilfe gehe, sondern um eine Lernzeit für junge Erwachsene.
Was aber hat jemand wie Paula Damme gelernt? Sie buchte 2011 einen zweimonatigen Aufenthalt auf Robinson Island, einer Insel im Indischen Ozean; dort wollte sie Meeresschildkröten zählen und dadurch zu deren Schutz beitragen. Als Damme ankam, erfuhr sie: Seit zehn Monaten waren keine Schildkröten mehr gesichtet worden. Zu zählen gab es nichts, also sagte ihr Chef, ein deutscher Auswanderer, sie solle eine Baumschule aufbauen.
Dann aber wollte er kein Geld für Samen ausgeben, woraufhin er Damme auftrug, im Internet positive Berichte über seine Gasthäuser auf der Insel zu verfassen.
Schließlich tat sich Damme mit zwei deutschen Freiwilligen zusammen, die ein staatlich geförderter Dienst dorthin vermittelt hatte. Jede der drei habe versucht, eine Klasse von 30 Kindern an der örtlichen Schule zu unterrichten, sagt Damme. Sie beherrschten die Landessprache nicht, die Kinder kein Englisch. Bald darauf brach Paula Damme ebenso wie die beiden anderen ihren Versuch ab - und reiste mehrere Monate lang, als Touristin, quer durch Afrika.
Von Sebastian Kempkens

DER SPIEGEL 10/2015
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