28.02.2015

MissbrauchIm „Nacki-Club“

Sebastian Edathy war Kunde der kanadischen Firma Azov. Die verkaufte auch Filme nackter Kinder aus Brandenburg - gedreht von einem Pädophilen aus Berlin.
Der Mann, den Pädophile in aller Welt als "Thomas Leroy" kannten, öffnet die Tür in Jogginghose und Badelatschen. Er wirkt überrascht, vielleicht hat er gedacht, dass alles vergessen sei. Die Filme mit den kleinen Jungen, die er über Jahre gedreht hat. Nackte Kinder beim Planschen, beim Spielen im Schlamm, beim Masturbieren.
Vor der Tür des graubraunen Hauses in Brandenburg tut der Rentner zuerst so, als hätte er den Namen Thomas Leroy noch nie gehört. Dann wiegelt er ab: Das sei doch alles ewig her. Und nun solle man bitte gehen. Hektisch holt er seine Post aus dem Briefkasten und verschwindet im Dunkel des Flurs.
Der Mann wurde in Berlin geboren und war Versicherungsangestellter, bis er unter Pseudonym eine zweite Karriere startete. Sie entsprach seiner Neigung und brachte ihn mit dem Gesetz in Konflikt. In Freiheit ist er nur auf Bewährung.
Seine Geschichte ist die eines Pädophilen, der wieder und wieder zum Täter wurde. Der, obwohl mehrfach verurteilt, weiterhin Kinder ausbeuten konnte. Damit ist es auch die Geschichte über eine Gesellschaft, der es über Jahre nicht gelungen ist, einen notorischen Sexualstraftäter zu stoppen.
Als vor einem Jahr bekannt wurde, dass der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy bei der kanadischen Firma Azov Aufnahmen nackter Kinder bestellt hatte, reisten Reporter nach Rumänien und in die Ukraine. Dort waren Filme gedreht worden, die Azov verkaufte. Arme Gegenden, in denen Männer osteuropäische Jungs mit wenig Geld überreden konnten, sich vor der Kamera auszuziehen.
Die Vorwürfe, die der Staatsanwalt nun in dem Prozess gegen Edathy erhebt (siehe Kommentar rechts), haben mit Azov nichts zu tun. Doch der Fall hat den Blick auf die Firma in Kanada gelenkt. Und die Spuren zu den Opfern führen von dort nicht nur an die Ränder Europas, sondern in die Nähe der deutschen Hauptstadt.
Wie bislang unbekannte Akten aus Kanada und aus Deutschland belegen, tauchten in mehr als 30 Azov-Filmen Kinder aus Brandenburg auf. Aufgenommen im Umland Berlins, von Thomas Leroy.
Viele dieser Filme waren wohl legal, doch die kanadischen Ermittler fanden auf den Azov-Rechnern auch Sequenzen, die eindeutig kinderpornografisch sind. Wie dieses illegale Filmmaterial seinen Weg in die Welt fand, ist ungeklärt. Aber es fand ihn, schon vor Jahren.
Ein Dorf im Havelland um das Jahr 2000: Ein älterer Mann hat hier ein verwildertes Grundstück an einem Wald gepachtet. In Berlin war er ehrenamtlich als Fußball-Jugendbetreuer tätig gewesen - und 1991 wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Doch das wissen sie hier draußen nicht, viele kennen nicht mal seinen richtigen Namen. Hier nennt er sich Marco.
Bald lernt er Kinder aus der Nachbarschaft kennen, etwa 10 bis 13 Jahre alt. Ob sie ihm nicht bei der Gartenarbeit helfen wollten, für ein Extra-Taschengeld? Sie wollen. Und könnten sie nicht auch ohne Klamotten arbeiten, nackt?
Das Treiben hätte schon nach wenigen Monaten ein Ende finden können. Einer Mutter kommt es komisch vor, dass ihr Junge plötzlich so viel Geld hat. Sie geht zur Polizei. Die findet bei Marco Nacktfilme. Sie zeigen, wie Kinder im Garten buddeln, wie sie in einem Pool baden. Manche Jungen hatte Marco sogar dazu gebracht, sich vor der Kamera mit einem Massagegerät zu befriedigen. Einer führte sich einen Dildo ein.
Obwohl Marco schon in Berlin Kinder bei sexuellen Handlungen gefilmt hatte, muss er nicht ins Gefängnis. Das Amtsgericht Nauen verurteilt ihn im August 2001 zu zwei Jahren auf Bewährung. Strafmildernd wertet es, dass er "keinerlei Gewalt bzw. Drohungen bei seinen Taten eingesetzt" habe.
Marco ist noch in seiner Bewährungszeit, da macht er schon weiter. Nur wenige Kilometer entfernt mietet er eine Laube nahe einer Schule. Das Gelände schirmt er gegen neugierige Blicke ab, hinter Planen steht bald wieder ein Swimmingpool.
Drei Jungen, die er schon auf dem anderen Grundstück gefilmt hat, kommen auch hierher, angelockt von Marcos Extra-Taschengeld. Bis zu hundert Euro im Monat soll er den Kindern gezahlt haben. Für sie ist das viel Geld, sie kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen.
Marco gewinnt das Vertrauen der Jungen. Er ist intelligent, ein geschickter Manipulator. Sie kommen auch deshalb immer wieder zu ihm, weil sie hier Zigaretten rauchen und Quatsch machen dürfen. "Wir konnten alles, und wir durften alles", sagte ein Opfer etliche Jahre später der Polizei.
Irgendwann halten die Kinder es für fast normal, dass sie sich bei Marco ausziehen und im "Nacki-Club", wie der Treff angeblich hieß, ständig die Kamera läuft. Auch Marco hat oft nichts an, manchmal steht er mit einer Erektion vor den Jungen. "Im Nachhinein muss man sagen, dass das schon ganz schön pervers war", erzählt später ein Opfer. "Aber als Kind denkt man da nicht so drüber nach."
Der "Nacki-Club" erscheint ihnen wie ein Abenteuer. Manchmal geht Marco mit den Kindern in den Wald, sie verkleiden sich, schießen mit Pfeil und Bogen, machen eine Wasserpistolenschlacht.
Einer ist sein besonderer Liebling, in den Filmen heißt er Oskar. Marco gibt ihm nicht nur Geld, sondern kauft ihm auch ein Moped. Oskar schraubt daran herum und düst damit durchs Havelland - nackt. Auch dabei läuft die Kamera.
Später macht Marco den jungen Mann offenbar zu einem Geschäftspartner. Auf einer Website, die auf Oskar eingetragen ist, wird 2009 die "Privat Kollektion" des "bekannten Videographen und Filmemachers Thomas Leroy" angepriesen. In den "geschützten Bereich" gelangt man nur mit Zugangscode. Dort gebe es das "Gesamt-Material".
Oskar kann man nicht mehr fragen, warum er nicht von Marco loskam. Er starb vor fünf Jahren bei einem Autounfall.
Im selben Jahr, im Juli 2010, nimmt die Polizei Marco in der Brandenburger Provinz fest. Ein Mann aus Thüringen hatte sich aus dem Ausland Kinderpornos liefern lassen, auf denen Marcos Laube zu erkennen ist. Die wird durchsucht: kistenweise Videokassetten, DVDs, CDs, insgesamt 997 Datenträger, dazu Badekleidung für Kinder sowie eine Peitsche. Die DVDs tragen Titel wie "Lausbub" oder "Badeengel". Auf den Aufnahmen onanieren kleine Jungs, haben Oralsex, führen sich Gegenstände in den After ein.
Die Abteilung SO 12 des Bundeskriminalamts, spezialisiert auf Kinderporno-Ermittlungen, schätzt Marco in einem internen Vermerk als "schwerstkriminellen Missbraucher" ein. Anzustreben sei eine "Verurteilung zu einer hohen Haftstrafe" mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Vor Gericht beharrt Marco darauf, ausschließlich legale Nacktaufnahmen an einen FKK-Filmvertrieb für Pädophile in Lübeck verkauft zu haben. Die kinderpornografischen Aufnahmen habe er nur für sich selbst gemacht. Wie sie in die Welt gelangt seien, wisse er nicht - vielleicht habe Oskar sie heimlich verkauft? Der kann dazu nichts sagen, er ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot.
So kann man Marco nachweisen, Kinderpornos gedreht und gehortet zu haben. Nicht aber den Verkauf. Das Landgericht Potsdam verurteilt ihn zu 34 Monaten Gefängnis, der Bundesgerichtshof kassiert das Urteil in der Revision teilweise. Am Ende kommt Marco mit zwei Jahren davon - wieder auf Bewährung.
Kurz darauf, im November 2013, gibt die Polizei in Toronto bekannt, Azov zerschlagen zu haben. Die Seite ist längst offline, die Aufnahmen der Jungen stehen aber weiter im Netz. Inzwischen werden sie auf russischen Pädophilenseiten angeboten. "Zu wissen, dass die Bilder durch die ganze Welt gehen", so sagte eines der Opfer der Polizei, "ist nicht schön." Ein Gedanke, den er den Rest seines Lebens aushalten muss.
Und was sagt der Mann, den seine Opfer als Marco kannten und seine Fans als Thomas Leroy? An der Haustür, in Jogginghose und Badelatschen, gab er sich wortkarg, doch in den Wochen danach antwortet er ausschweifend auf E-Mails. Er beharrt darauf, in "keinerlei - wie auch immer gearteter - Verbindung" zu Azov gestanden zu haben. Die Firma habe "Raubkopien" seiner Werke vertrieben . "Mir ist nicht bekannt, dass auch nur ein einziger der von bevollmächtigten Vertriebsfirmen in den Handel gebrachten Leroy-Filme als pornografisch eingestuft wurde."
Marco schreibt, er könne sich dem Thema "aktuell nur von der theoretischen Meinungsbildung nähern", eine Kamera habe er schon seit 2006 nicht mehr in der Hand gehalten. Bedauern für seine Taten sucht man in seinen Zeilen vergebens. Marco findet, Nacktheit sei "der völlig ursprüngliche Zustand - also ganz besonders bei Kindern", auch wenn das "supersauren Moralwächtern und eifernden Weltverbesserern" nicht passe.
Wie er heute neben der "theoretischen Meinungsbildung" mit seiner Pädophilie umgeht, dazu will er nichts schreiben. Er hat sich zurückgezogen, die Fenster zur Straße sind abgedunkelt. Auf seinem Briefkasten klebt ein Hinweis für den Paketboten: "Keine Aushändigung an Dritte!"
Von Wolf Wiedmann-Schmidt und Antje Windmann

DER SPIEGEL 10/2015
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