28.02.2015

ZeitgeschichteVerbrechen der Sieger

Eine Historikerin behauptet, dass US-amerikanische Soldaten rund 190 000 deutsche Frauen vergewaltigt haben. Kann das stimmen?
Die Soldaten kamen bei Einbruch der Dunkelheit, drangen in das Haus ein und wollten die beiden Frauen ins obere Stockwerk zerren. Doch Katherine W. und ihre 18-jährige Tochter Charlotte konnten flüchten.
Die Soldaten aber suchten die Häuser der Umgebung ab und fanden die Frauen schließlich, kurz vor Mitternacht, in einer Abstellkammer bei den Nachbarn. Die Männer schleppten sie in einen Raum, warfen sie auf zwei Betten. Das Verbrechen, das die sechs Soldaten anschließend begingen, fand im März 1945 statt, wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Vergebens schrie das Mädchen um Hilfe: "Mama, Mama."
Hunderttausende, vielleicht Millionen deutsche Frauen erlitten damals ein ähnliches Schicksal. Üblicherweise werden solche Gruppenvergewaltigungen Soldaten der Roten Armee im Osten zugeschrieben. Das Besondere an diesem Fall: Die Täter kamen aus den Vereinigten Staaten von Amerika - und der Tatort war nicht Pommern oder Schlesien, sondern das rheinhessische Sprendlingen.
Mit mehr als 1,6 Millionen Mann waren die Amerikaner bis an die Elbe und die Donau vorgerückt. In den USA wurden die Sieger zur "greatest generation" stilisiert, die Europa in heldenhaftem Kampf befreit habe. Auch die Deutschen zeichneten ein freundliches Bild der Besatzer: coole Soldaten, die Kindern Kaugummis schenkten und mit Jazz und Nylonstrumpfhosen deutsche Fräuleins beeindruckten.
Aber wie weit stimmen diese Erinnerungen mit der Wirklichkeit überein?
Die Konstanzer Historikerin Miriam Gebhardt, bekannt durch eine Studie über Alice Schwarzer und die Frauenbewegung, erhebt nun schwere Vorwürfe(**).
Ihr Buch handelt von Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten aller vier Siegermächte am Ende des Krieges. Aufsehen wird ihre These über die Amerikaner erregen: Gebhardt zufolge vergewaltigten US-Militärangehörige bis zur Souveränität der Bundesrepublik 1955 rund 190 000 Frauen, die meisten in den Monaten nach dem Einmarsch.
Eine Hauptquelle der Autorin sind Berichte bayerischer Pfarrer aus dem Sommer 1945. Der Erzbischof von München und Freising hatte die Kirchendiener aufgefordert, den Einmarsch der Alliierten zu schildern. Auszüge aus den Dokumenten, die das Archiv des Erzbistums vor einigen Jahren veröffentlichte:
Pfarrer Michael Merxmüller aus Ramsau bei Berchtesgaden, 20. Juli 1945:
8 Mädchen und Frauen vergewaltigt, einige davon vor den Augen ihrer Eltern.
Pfarrer Andreas Weingand, Haag an der Amper, 25. Juli 1945:
Das Traurigste beim Einmarsch waren 3 Vergewaltigungen, eine an einer Ehefrau, eine an einer ledigen Frauensperson und eine an einem noch unbescholtenen Mädchen von 16 1/2 Jahren. Sie rührten von schwer betrunkenen Amerikanern her.
Pfarrer Alois Schiml aus Moosburg am 1. August 1945:
Auf Befehl der Militärregierung musste an jeder Haustür eine Liste sämtlicher Hausanwohner und deren Alter angeschlagen werden. Wie diese Verfügung sich auswirkte, lässt sich leicht denken ... 17 Mädchen oder Frauen ... einmal oder mehrmals missbraucht, wurden ins Krankenhaus eingeliefert.
Das jüngste Opfer, das in den Berichten erwähnt wird, ist ein 7-jähriges Kind, das älteste eine 69-jährige Frau.
Angesichts solcher Berichte vergleicht Autorin Gebhardt das Verhalten der U.S. Army mit den Gewaltexzessen der Roten Armee. Die Brutalität, die Gruppenvergewaltigungen, die Verbindung mit Plünderungen - die Vergewaltigungen in Oberbayern seien nach dem gleichen "Drehbuch", so Gebhardt, wie in den Ostgebieten abgelaufen.
Auch bei den Motiven der Täter sieht die Historikerin Ähnlichkeiten. Wie die Rotarmisten waren die US-Soldaten demnach entsetzt über die Verbrechen der Deutschen, verbittert über deren sinnlose Gegenwehr, verdrossen wegen des vergleichsweise großen Wohlstands im Land; die Propaganda haben zudem Männerfantasien genährt, dass deutsche Frauen ihnen zugetan seien.
Mit solchen Thesen liegt die Autorin im akademischen Trend. Unter dem Eindruck des Folterskandals von Abu Ghuraib und anderer Verbrechen von US-Militärs im Irak und in Afghanistan blicken viele Historiker heute kritischer auf das Kriegsende als früher ( SPIEGEL 17/2010). Inzwischen ist bekannt, dass GIs Kirchen plünderten, italienische Zivilisten umbrachten, viele deutsche Kriegsgefangene ermordeten und schon in Frankreich Frauen vergewaltigten.
Allerdings: Im Vergleich zur Roten Armee und den französischen Streitkräften
gelten die Amerikaner als disziplinierte Truppe.
Diese Einschätzung möchte Gebhardt erschüttern. Betrachtet man jedoch alle Berichte der Pfarrer, kommen lediglich einige Hundert Fälle zusammen. Häufig loben die Kirchenmänner das "sehr korrekte und anständige" Verhalten der US-Soldaten. Ihrem Zeugnis nach waren Sexualdelikte eine Ausnahme, nicht die Regel.
Nur: Wie kommt die Historikerin dann auf rund 190 000 Vergewaltigungen?
Dahinter steckt keine Recherche in Archiven, sondern eine Hochrechnung. Die Historikerin geht davon aus, dass fünf Prozent der unehelichen Besatzungskinder in der Bundesrepublik und Westberlin Mitte der Fünfzigerjahre aus einer Vergewaltigung hervorgegangen sind. Das wären 1900 Kinder amerikanischer Väter. Zugleich nimmt Gebhardt an, dass im Durchschnitt hundert Vergewaltigungen zu einer Geburt führen. Die anschließende Multiplikation ist einfach. Das Ergebnis: 190 000 Opfer.
Dies allerdings erscheint wenig plausibel. Wäre die Zahl wirklich so hoch, müsste es mehr Spuren geben. In Akten von Krankenhäusern oder Gesundheitsämtern, als Augenzeugenberichte oder Aussagen von Opfern. Nichts davon kann Gebhardt in ausreichendem Maße präsentieren.
Nach einer anderen Schätzung - der US-Kriminologe Robert Lilly hat die Verfahren der amerikanischen Militärjustiz gegen Vergewaltiger ausgewertet - waren es rund 11 000 schwere Sexualdelikte bis November 1945. Auch das wäre schlimm genug.
In einem Punkt hat Historikerin Gebhardt auf jeden Fall recht: Viel zu lange dominierte, auch in der Wissenschaft, die Sicht, dass Vergewaltigungen durch GIs schon deshalb unwahrscheinlich seien, weil deutsche Frauen sowieso mit ihnen ins Bett wollten.
Wie aber ist zum Beispiel der Fall jener vier deutschen Frauen zu bewerten, über die sich eine Gastwirtin in Unterschleißheim am 31. Mai 1945 beschwerte? US-Soldaten hatten einige Zimmer beschlagnahmt, laut der Wirtin liefen die Frauen "vollkommen nackt umher" und wurden wie im Schichtdienst "mehrmals ausgewechselt". Tatsächlich freiwillig?
Auch wenn die Amerikaner sich wohl nicht 190 000 Untaten zuschulden kommen ließen: Für die Opfer von Vergewaltigungen, unbestritten ein Massenverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs, gibt es bis heute "keine Erinnerungsrituale, keine öffentliche Anerkennung, geschweige denn eine Entschuldigung" der Täter, wie Gebhardt beklagt. Und 70 Jahre nach Kriegsende spricht nichts dafür, dass sich das ändert.
Leider.
* Aufnahme bei Bad Neuenahr für eine Fotoreportage der Zeitschrift "Life" vom 23. Juli 1945.
** Miriam Gebhardt: "Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs". DVA, München; 352 Seiten; 21,99 Euro.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 10/2015
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