28.02.2015

BetrügerDer Mitnahme-Effekt

Die Landesbank Baden-Württemberg setzte einen Mann, der mehrere Pleiten hinter sich hatte, ausgerechnet in der Zentralkasse ein. Jetzt sind der Mitarbeiter und 749 000 Euro weg.
Der Brief kam zwei, drei Tage nach Weihnachten, ein wattierter Umschlag, und wenn sie heute darüber nachdenkt, fällt ihr als Erstes ein, dass sie gleich so ein merkwürdiges Gefühl hatte: Wer schickte schon einen Brief an ihren Arbeitsplatz, eine Reinigung in Hamburg, persönlich adressiert an sie? Na klar, Christian Schmidt, der Vater ihres Kindes. Der Mann, der es gleichzeitig fertigbrachte, so gut wie nie da zu sein und trotzdem ständig durch ihr Leben zu spuken.
"Ihr werdet euch über den Brief wundern", stand da also auf einem Zettel und: "Seht den Inhalt als kleine Entschädigung für die letzten Jahre." In einem Kuvert steckten zehn 500-Euro-Scheine, glatt, sauber, wie aus der Druckerpresse. Eine schöne Überraschung, aber wie sie Christian kannte, kam nach der schönen immer gleich die böse Überraschung. Diesmal dauerte es nur Sekunden.
Was er, ein paar Zeilen weiter, zu dem Geld nämlich noch sagen wollte: "Nicht sofort, am besten gar nicht aufs Konto einzahlen. Ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr es behaltet." Es werde aber vielleicht Fragen geben, daher "bitte dieses Schreiben vernichten!".
Die Fragen stellte kurz danach die Kripo Stuttgart, Dezernat 23, Eigentumsdelikte. Ob sie auch Geld bekommen habe? Wie viel? Und wann sie zum nächsten Polizeirevier gehen könne, um es abzugeben.
Nicht nur Christian Schmidt war verschwunden, nachdem er den Brief geschrieben hatte. Mit ihm waren auch 749 000 Euro weg, gestohlen aus der Zentralkasse der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Geld, das an die Bundesbank gehen sollte. Er schaffe es einfach nicht, mit seinem Leben klarzukommen, und werde sich daher "ein letztes Mal meinen Süchten" hingeben, schrieb Schmidt zum Abschied.
Während die Polizei sich nun fragt, wohin er sich abgesetzt hat, möglicherweise ins Paradies der Pokerspieler, Las Vegas, muss sich die Landesbank etwas anderes fragen: wie es sein kann, dass sie einen Mann einstellte, der schon zwei Firmen- und eine Privatinsolvenz hingelegt hatte. Der sich seit Jahren Geld lieh, das er nicht zurückzahlen konnte, auch für Pokerspiele im Hamburger Kiezmilieu. Und warum setzte die LBBW so einen Mann ausgerechnet auf eine Stelle, an der er nach seinen Angaben jeden Tag Geldpakete und Goldbarren in die Hände bekam? Es sind Fragen, die der Bank offenbar so unangenehm sind, dass sie dazu lieber nicht viel sagen möchte; nur, dass sie das angeblich alles nicht habe ahnen können.
Die Chronik einer absehbaren Straftat begann Jahre vorher, in Norddeutschland. Schmidt, heute 42, hatte nach der Realschule eine Lehre zum Bankkaufmann gemacht. Er kam zur Deutschen Bank, schließlich zur Commerzbank in Hamburg, Spezialgebiet Baufinanzierungen. Schmidt galt als fixer Denker, Zahlenwirbler; Finanzierungen rechnete er sekundenschnell im Kopf aus.
Trotzdem konnte er sich in der Bank nicht halten. Zunächst sprach er von "Umstrukturierungen"; deshalb sei er gegangen. Erst später soll er seiner Freundin gebeichtet haben, dass er Ärger bekommen habe. Wegen einiger Baukredite, bei denen nicht alles sauber gelaufen sei, und wegen Provisionen, die er unter der Hand kassiert habe.
Seine Ambitionen dämpfte der Karriereknick offenbar nicht: 2003 wurde Schmidt Unternehmer, er kaufte eine angeschlagene Franchise-Reinigungskette, Kleenothek, an der rund hundert Geschäfte hingen. Vereinbarter Preis: 500 000 Euro. Von der Textilreinigungsbranche hatte er zwar keine Ahnung, umso mehr aber davon, wie man Geldgeber umgarnt. Mal waren es Investoren, die er angeblich beim Golfspielen kennengelernt hatte, mal die Verwandten, selbst die eigenen Eltern, die er anpumpte. "Der kannte kein Pardon. Dem war völlig egal, wer ihm was geliehen hatte, der hätte für Geld sogar seine Oma verkauft", sagt Martin Muth, der ihn 2004 kennenlernte. Im selben Jahr übernahm Schmidt auch Muths Reinigungskette. Diesmal musste Schmidt rund eine Million Euro dafür heranschaffen, aber "der lächelte immer und sagte, das kriegen wir hin", erinnert sich Muth. Und die ersten Teilbeträge zahlte Schmidt auch noch. Dann aber nicht mehr.
Die Geschäfte gingen schlecht, Investoren sprangen ab, Schmidt erzählte seinen Gläubigern wilde Geschichten. Eine davon ging angeblich so, dass er Geld bekommen habe, in Italien, aber dann sei er gleich danach auf einem Parkplatz überfallen worden. 2007 war sein Reinigungsreich am Ende, im selben Jahr meldete er auch Privatinsolvenz an, riss seine Frau mit ins Finanzdesaster - und verließ sie, um mit seiner Freundin zusammenzuziehen. Jener Frau aus der Hamburger Reinigung, mit der er gerade ein Kind bekommen hatte.
Er begann nun zu pokern, in Hinterzimmern auf dem Hamburger Kiez, aber auch online. In den Hinterzimmern spielte er um Tausende und im Internet so besessen, dass er manchmal noch beim Autofahren am Handy gezockt habe, wie die Freundin sagt. 2010 hatte sie genug für ihn gebürgt, genug von ihm gesehen; sie trennte sich.
Doch kurz danach hatte Schmidt schon die Nächste, die ihm vertraute und ihm ihr Geld anvertraute - Nicola M., Computerexpertin, die heute über sich sagt: "Ich war dumm." Und über ihn: "Hoffentlich wandert er möglichst lange ins Gefängnis, damit ich endlich mit diesem Trauma abschließen kann." Gut 60 000 Euro steckte sie in seine Geschäftsidee, einen Shop für Legosteine und -figuren, neu und gebraucht. Eines Abends, sie hatten sich gestritten, sagte er kurzerhand: "Du bist raus", und sperrte ihr den Kontozugang. Obwohl sie danach beim Landgericht Hamburg einen Zahlungstitel gegen ihn erzwang, hat sie bis heute keinen Euro wiedergesehen; seine Lego-Firma wurde 2014 wegen Vermögenslosigkeit gelöscht.
Auch die Frau aus der Hamburger Reinigung sollte noch mal in seine Glücksrittergeschichten hineingezogen werden. Im Juni 2013 hatte Schmidt sein Lego-Lager zu Schleuderpreisen verhökert, alles sollte raus, möglichst schnell. Mit dem Geld setzte er sich in den Flieger nach Las Vegas, zum Pokern. Kurz danach stand ein Mitspieler aus einer privaten Hamburger Pokerrunde in der Reinigung und fragte nach "dem Christian". Der sei noch einigen Leuten vom Kiez 20 000 Euro schuldig, habe aber versprochen, dass seine Exfreundin dafür geradestehe. Es sei doch sicher das Beste für alle, wenn man die Sache friedlich löse. Es kostete die Frau einige Mühe, dem Geldeintreiber klarzumachen, dass sie erstens nichts von den Schulden wusste und zweitens schon seit Jahren nicht mehr für ihren Exfreund gebürgt hatte.
Im Oktober 2013 hatte Schmidt dann sein Glück und sein Geld in Las Vegas aufgebraucht. Er kam zurück, völlig abgebrannt, seine Eltern mussten ihm sogar das Flugticket bezahlen. Er zog in die Nähe von Stuttgart; seine Schwester und deren Mann kümmerten sich um ihn. Mal wieder eine letzte Chance, ein Neuanfang, ein neuer Job. Zuerst über eine Zeitarbeitsfirma.
Im vorigen Frühsommer meldete sich Schmidt bei seiner Exfreundin in Hamburg. Nach ihrer Erinnerung lief das Telefonat so: Er sei jetzt bei der Landesbank Baden-Württemberg. "Du? Da machen sie ja den Bock zum Gärtner", sagte sie. "Bei deiner Vita." Er, nach kurzem Zögern: "Ja, stimmt." Dann prahlte er, dass er in der Zentralkasse arbeite, wo die Geldpakete für die Filialen verpackt würden. Jeden Tag gingen Millionen durch seine Hände.
Das gehört nun zu den Fragen, zu denen die Landesbank nichts sagen will: warum sie nicht erkannt hatte, wen sie nach nur wenigen Wochen ausgerechnet in die Zentralkasse stellte, wo die Millionen gezählt werden. Lebenslauf und polizeiliches Führungszeugnis hätten keine Hinweise auf Risiken ergeben, teilt die Bank mit. Ansonsten: kein Kommentar.
Doch schon eine Nachfrage bei der Schufa hätte vermutlich gereicht, um auf die Privatinsolvenz zu stoßen. Dazu noch ein Blick ins Handelsregister, und die LBBW hätte mit dem Namen Christian Schmidt auch bei zwei Firmeninsolvenzen fündig werden können. Warum die Bank ihre Kunden für einen läppischen Konsumkredit bis auf die Rippen durchleuchtet, nicht aber ihre Mitarbeiter, bevor die mit Riesensummen hantieren dürfen, zählt nun zu den speziellen Bankgeheimnissen der LBBW. Auf solche Prüfungen verzichte man aus Respekt vor den Mitarbeitern, heißt es dazu von der Bank nur.
Schließlich, am 23. Dezember, hatte Schmidt zum letzten Mal die Hand am großen Geld. Es gibt Hinweise, dass er zu diesem Zeitpunkt schon in einer anderen Abteilung arbeitete und nur noch mal aushalf, weil in der Zentralkasse Personal ausgefallen war.
Schmidt zählte an diesem Tag mit mehreren Kollegen Geld ab; gegen 14.30 Uhr, so die Ermittlungen, schob er unauffällig Geldbündel in eine Schublade, verließ danach mit den anderen den Raum und kam gegen 15.15 Uhr allein zurück, um das Geld zu holen. Anschließend habe er damit das Gebäude verlassen, heißt es lapidar aus Ermittlerkreisen. Einfach so?
Offenbar waren die Sicherheitskontrollen der Bank, die überwiegend dem Land Baden-Württemberg und dem dortigen Sparkassenverband gehört, ziemlich lax. Und nicht nur an diesem Tag. Schon Wochen vorher soll Schmidt einer Vertrauten gesagt haben, da gebe es Lücken, da könne man ein ganz großes Ding drehen.
Am zweiten Weihnachtstag tauchte Schmidt unter, später fand man den Wagen, den ihm seine Schwester nichts ahnend geliehen hatte, in der Nähe des Stuttgarter Flughafens. Erst am 5. Januar merkte die Landesbank, dass eine dreiviertel Million fehlte. Die Bundesbank, an die das Geld gehen sollte, hatte nachgezählt und Alarm geschlagen. Da sahen sich die Ermittler die internen Videoaufnahmen vom 23. Dezember aus der Landesbank an und kamen Schmidt auf die Spur.
Seit Jahresbeginn sucht die Polizei Schmidt, nach einer Anfrage des SPIEGEL in der vergangenen Woche nun auch öffentlich, mit Fahndungsfoto; die stille Jagd auf ihn hat nichts gebracht. Dabei hatte es am Anfang so ausgesehen, als sei es nicht allzu schwer, ihn zu finden. Mit dem Satz in seinem Brief, dass er sich ein letztes Mal seinen "Süchten hingeben" werde, hatte er immerhin eine Spur gelegt, ins Spielerparadies Las Vegas. Noch einmal zocken, alles auf eine Karte setzen, hatte er das damit gemeint? Doch offiziell eingereist ist er in die USA nicht.
Den Brief hatte er nicht nur seiner Exfreundin geschrieben, sondern auch seinen Eltern und seiner Exfrau, jeweils mit ein paar Tausendern. Seiner Schwester schickte er mit der Post den Autoschlüssel zurück, dazu noch Geld, um das Parkticket zu bezahlen. In seiner Wohnung hatte er zuvor sein Handy, seine Bankkarten und noch einen Abschiedsbrief zurückgelassen.
Dass er sich etwas angetan haben könnte, davon geht die Polizei zurzeit allerdings nicht aus: Wie es aussieht, hat Schmidt wohl seine Golfschläger mitgenommen.
Von Jürgen Dahlkamp, Nicola Kuhrt und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 10/2015
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