28.02.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteGeisterjunge

Wie es ist, elf Jahre lang als hirnloses Wesen zu gelten
Eines Abends, im neunten Jahr der Krankheit ihres Sohnes, lag Joan Pistorius auf dem Fußboden, weinend und überfordert. Sie wollte Martin für immer in ein Pflegeheim geben. Sie glaubte, dass er es dort besser haben würde als bei ihr. Ihr Mann Rodney war strikt dagegen, die beiden stritten. Schließlich verließ Rodney den Raum, und Joan schaute zu ihrem Sohn hoch, der in seinem Rollstuhl saß, und sagte langsam: "Du musst sterben." Sie stand auf und ließ Martin allein im Zimmer zurück. Sie ahnte nicht, dass er jedes Wort verstand.
Bis zu seinem zwölften Lebensjahr war Martin Pistorius ein schüchterner Junge gewesen, der gern mit seinem Hund spielte. Eines Tages kam er von der Schule nach Hause, in einem Vorort von Pretoria in Südafrika, und klagte über Halsschmerzen. Nach ein paar Tagen verweigerte er das Essen, nach ein paar Wochen schmerzten seine Beine, nach ein paar Monaten vergaß er, wie sein Vater aussah. Ein Jahr nach den ersten Symptomen saß er im Rollstuhl und konnte kein Wort mehr sprechen. Die Ärzte diagnostizierten zuerst eine Gehirn-Tuberkulose, dann eine Hirnhautentzündung, schließlich eine unbekannte neurologische Erkrankung. Die Intelligenz ihres Sohnes sei auf den Stand eines Säuglings gesunken, erklärten die Ärzte Martins Eltern. Vermutlich werde er die nächsten Jahre nicht überleben.
Mit 14 kam Martin tagsüber in ein Pflegeheim. Er schlief viel, an diese Zeit, auch an die Zeit vor der Krankheit hat er keine Erinnerung mehr. Aber dann, er war 16, wachte er auf, ganz langsam, registrierte immer mehr von seiner Umgebung.
Mit 19 Jahren ist er innerlich hellwach. Er weiß, wer er ist, wo er sich befindet, kann hören und sehen, aber nicht sprechen. Er versucht, seiner Familie Zeichen zu geben, er kann die Augen bewegen, schlucken, lächeln, ein wenig mit dem Kopf nicken, aber niemand erkennt darin mehr als die Reaktionen eines Babys, niemand versteht, was in ihm vorgeht. Morgens wäscht ihn sein Vater, zieht ihn an und fährt ihn ins Heim, elf Jahre lang. Martin ist ein junger Mann geworden, aber er wird behandelt wie eine Pflanze.
Vormittags sitzt er im Rollstuhl vor dem Fernseher, mittags legt man ihn wie ein Kind drei Stunden zum Mittagsschlaf, am Nachmittag sitzt er wieder im Rollstuhl. Manchmal schiebt ihn ein Pfleger in die Sonne, manchmal kriegt er einen Löffel mit Brei in den Mund geschoben, manchmal nimmt ein Pfleger seine Hand, taucht sie in Farbe und malt damit ein Kinderbild. Stundenlang muss er "Teletubbies" schauen oder "Barney und seine Freunde", eine US-amerikanische Serie. Barney ist ein lilafarbener Plüschsaurier, der singt und tanzt. Martin hasst Barney. Einmal hört er Whitney Houston im Radio, sie singt: "Was auch immer sie mir nehmen, sie können mir nicht meine Würde nehmen". Martin denkt: "Doch."
Am liebsten wird Martin in Ruhe gelassen, er kann dann seine eigene Welt erfinden. Er träumt, dass sich sein Rollstuhl in ein magisches Gefährt verwandelt und dass er davonfliegen kann. Er träumt, er wäre James Bond. Er träumt, er wäre der beste Kricketspieler der Welt. Er träumt, er wäre Michael Schumacher. Er träumt, er wäre winzig klein, könnte unter dem Gurt seines Rollstuhls hindurchschlüpfen, in das Piratenschiff in der Ecke steigen und davonsegeln.
Manchmal ermüden ihn seine Gedankenreisen. Dann spricht er mit Gott. Manchmal zählt er die Sekunden, bis ihn sein Vater wieder abholt. Oder er versucht, die Zeit abzuschätzen, an der Länge des Schattens, den der Fernseher wirft. Oft macht er einfach gar nichts, er "existiert einfach", so beschreibt er es später.
Seine Welt ist nicht friedlich, es ist ein dunkler Ort, an dem er sich die meiste Zeit befindet, gefüllt mit Trauer, Angst und Einsamkeit. Er hat das Gefühl, sich langsam aufzulösen, unsichtbar zu werden wie ein Geist. Einmal versucht er, sich umzubringen, mit großer Mühe drückt er seinen Kopf in den Plastikbezug seines Kopfkissens. Er hofft zu ersticken. Doch es funktioniert nicht. Der missglückte Versuch macht seine Agonie nur schlimmer. Er weiß nun, er kann weder über sein Leben entscheiden noch über seinen Tod.
Nach elf Jahren bemerkt eine Physiotherapeutin, dass Martins Augenbewegungen mehr als Zufall sind, dass er kommunizieren will. Seine Eltern lassen ihn in einer Spezialklinik testen.
Ein paar Monate später wünscht er seiner Familie mithilfe eines Sprachcomputers das erste Mal frohe Weihnachten. Es war, so beschreibt er es heute, als wäre er in der Wüste aufgewachsen und werde auf einmal ins Meer geworfen.
Wer ihn heute trifft, in seiner neuen Heimat England, an einem Landsitz mit Staren im Garten und einer alten Platane im Hof, der sieht einen wachen Mann mit fröhlichen Augen. Martin ist jetzt 39, er arbeitet als Berater und Webdesigner in Hertfordshire, nördlich von London. Er sitzt im Rollstuhl, aber er hat seinen Führerschein gemacht, er hat studiert, er hat ein Buch geschrieben, dem er den Titel gab: "Als ich unsichtbar war". Er heiratete Joanna, eine Freundin seiner Schwester. Sie liebt seine große Geduld und seine Augen, sagt sie. Er liebt alles an ihr, sagt sein Sprachcomputer für ihn.
In den Flitterwochen reisten sie auf die Malediven. Bald wollen sie ein größeres Haus kaufen und Kinder bekommen. Wenn er gefragt wird, was ihn am meisten freut, dann antwortet er: "Das, was mir auch am meisten Angst macht: Entscheidungen zu treffen. Frei zu sein." Er genießt Dinge, die viele Menschen für normal halten, weil sie nicht wissen, dass es ein Geschenk ist: Auto fahren, eine Pflanze gießen, ein Ei braten. Martin Pistorius ist ein glücklicher Mensch. Er hat seiner Mutter mittlerweile verziehen. Er hofft, dass sie sich auch verziehen hat.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 10/2015
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