28.02.2015

FinanzministerSisyphos quält Odysseus

Umsonst war letztlich alle List, alles Kalkulieren, alles Vertrauen auf die Einsicht der anderen: Griechenland hat nachgegeben. Wolfgang Schäuble kann sich über die Niederlage seines Gegenspielers Giannis Varoufakis dennoch nicht freuen.
Das Ende begann im Nationaltheater von Athen. Es war Mittwochabend, der 18. Februar, und das Stück hieß "Happy Days", "Glückliche Tage", ein Zwei-Personen-Stück von Samuel Beckett.
Auf der Bühne versank eine nicht mehr ganz junge Dame allmählich in einem Erdhügel. Sie redete dabei, bis ihr der Dreck am Halse stand, und redete, machte Pläne und konnte bald kaum mehr bewegen als ihre Augen und ihren Mund. Im Publikum saß der griechische Finanzminister.
"Splendid performance(s)", twitterte Giannis Varoufakis, begeistert von der Vorstellung. Dieser Abend, schrieb er, sei "solch eine Erleichterung".
Im Nachhinein wirkt die Szene eher wie ein Vorzeichen, ein Menetekel der kommenden Tage. Denn Theater ist ein Spiegelbild der menschlichen Existenz im Allgemeinen und manchmal der Existenz eines griechischen Finanzministers im Besonderen.
Genau zur gleichen Zeit saß Wolfgang Schäuble in Berlin und betrachtete ein ganz anderes Schauspiel: Maria Luís Albuquerque. Die portugiesische Finanzministerin. In weißer Bluse, den Scheitel wie mit dem Lineal gezogen.
So trug sie in der Bertelsmann-Stiftung vor, welche Fortschritte ihr Land nach seiner Beinahepleite vor vier Jahren gemacht hatte. Staatsfinanzen unter Kontrolle, das Wachstum zieht an. "My dear friend", sagte Wolfgang Schäuble. Er sagte es mit Wohlgefallen, und er wirkte wie ein Lehrer, der einen Abstiegskandidaten durch die Zeugniskonferenz gebracht hat. Warum nur sind nicht alle seine Kollegen so wie Maria Luís Albuquerque?
"Exodos", so heißt der letzte Teil im Handlungsablauf des antiken Dramas: Auszug. Und wenn vergangene Woche in Europa ein Drama zu erleben war, dann der Auszug aus dem Mythos, wonach Vernunft die Mächtigen zähmen könnte, und seien es die mächtigen Götter des Marktes.
Es war ein Zwei-Personen-Stück. Wolfgang Schäuble und Giannis Varoufakis. Ein Ringen zweier grundverschiedener Charaktere, bei dem nur einer gewinnen konnte und wo zu guter Letzt beide Helden bezahlen müssen.
Zur entscheidenden Sitzung der Euro-Gruppe in Brüssel am Freitag, dem 20. Februar, ist Varoufakis aus Kostengründen allein geflogen, frühmorgens, ohne Stab und Leibwächter. Er hat einen Gangplatz in der Economy-Klasse gebucht und ist immer noch zuversichtlich. Er sagt: "Das ist nicht der schwierigste Tag meines Lebens. Aber vielleicht wird es der schwierigste im Leben von Schäuble werden." Dann stöpselt er sich die Ohrhörer seines iPhones ein und vertieft sich in seine Akten.
Schäuble, die Nemesis des Giannis Varoufakis, sein Gegenspieler, sein Rachegott.
Es ist schwer, sich unterschiedlichere Menschen vorzustellen. Durchtrainiert und gebräunt der eine, der andere seit einem Attentat in den Rollstuhl verbannt, auf den Schultern die Last der Jahre und der Verantwortungen. Ganz besonders der Verantwortung für den Euro, den er einst mitgeschaffen hat.
Grieche und Deutscher. Novize und dienstältester Finanzminister der Euro-Gruppe. Der eine Lehrender, ein Ökonom, immer bereit für eine brillante Formel und ein strahlendes Lächeln, der andere kaustisch, ein Jurist, ein Praktiker, nüchtern, tiefskeptisch gegenüber allem, was da brilliert. Und gegenüber Dozenten sowieso.
Seit Schäuble den neuen Kollegen aus Athen kennengelernt hat, ist seine Wertschätzung für Ökonomieprofessoren weiter gesunken. Leute, die an ihre eigenen Theorien glauben und die Welt für berechenbar halten, sind ihm suspekt. Gesellschaft ist für Wolfgang Schäuble wie nasser Sand, im Verhalten letztlich unerklärlich, auch für die Wissenschaft. Deshalb setzt man sich am besten zusammen, gibt sich Regeln und hält sich dran.
Für Giannis Varoufakis ist der Euro eine Fehlkonstruktion, für Schäuble ist er sein Vermächtnis.
Dabei ist es dem Bundesfinanzminister ziemlich gleichgültig, ob sein Kollege das Hemd über der Hose trägt oder es sich als Turban um den Kopf windet. Da gab es diesen Anders Borg, schwedischer Finanzminister, der kam mit einem Pferdeschwanz zur Euro-Gruppe. Doch Borg besaß, was der Grieche nach Schäubles Eindruck erst noch beweisen muss: Kompetenz, natürliche Autorität, vor allem aber politisches Gewicht.
Schäuble nervten die Welterlösungsfantasien, die Varoufakis bei seinem Antrittsbesuch in Berlin vortrug. Der wollte nicht nur sein Land, sondern gleich die gesamte Eurozone aus dem Klammergriff der Austerität befreien und ihr eine neue Architektur verpassen. Möge er sich doch erst einmal um die Finanzen zu Hause kümmern, damit habe er vorerst genug zu tun.
Die gut vorbereiteten und noch besser gemeinten Vorlesungen Varoufakis' bei seinen ersten Auftritten vor der Euro-Gruppe fand Schäuble einfach nur verquast.
Als der Bundesfinanzminister im Justus-Lipsius-Gebäude des Ministerrats in Brüssel eintrifft, am Freitag voriger Woche, finden es die EU-Diplomaten schon schwierig, die beiden überhaupt noch in einem Raum zusammenzubringen. Jeroen Dijsselbloem, Vorsitzender der Euro-Gruppe, hat deshalb lieber Telefonkonferenzen vorgesehen und Einzelgespräche.
Beim letzten Treffen der Gruppe soll es fast zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Das kolportiert der langjährige Brüssel-Journalist Jean Quatremer aus der französischen Delegation. Varoufakis habe den Vorsitzenden der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem, lautstark als "Lügner" bezeichnet, immer wieder, bis das Treffen ergebnislos abgebrochen wurde.
Varoufakis bestreitet diesen Ablauf. Es war um unterschiedliche Versionen eines Kompromisspapiers gegangen. Varoufakis hatte nicht gewusst, dass nach Brüsseler Spielregeln allein die Version auf Dijsselbloems Schreibtisch zählt.
Das Treffen der Euro-Gruppe wird so zu einer Übung in diplomatischer Quarantäne. Streng voneinander getrennt treffen sich die Gruppen, zu zweit, zu viert mit Schäuble, Christine Lagarde vom Weltwährungsfonds (IWF), Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), und Dijsselbloem.
Varoufakis hat schnell gemerkt, dass er allein gegen 18 Finanz- und Wirtschaftsminister steht, und er sieht das als Bestätigung. Noch spät in der Nacht hat er einen Artikel an seine Anhänger weitergeschickt: "Warum Griechenland nicht Deutschlands Schikanen nachgeben sollte". Darin ist von "Merkels Todeshand" die Rede und dass die ökonomische Vernunft aufseiten des neuen griechischen Finanzministers liege.
Nur in Griechenland schließlich ist der herrschende Diskurs der Austerität abgewählt worden. Nur in Athen hat eine Regierung sich darangemacht, eine radikal-linke Alternative zur Schäuble-Doktrin vom Wachsen durch Sparen zu entwerfen. Europas Linke schaut auf die Griechen: Je suis Varoufakis.
Gut und schön. Nur bleibt keine Zeit die Alternative auch auszuprobieren. Den griechischen Banken schwinden die Einlagen, um zwei Milliarden Euro allein in den beiden letzten Werktagen der vergangenen Woche. In Athen streut die Opposition zu dieser Zeit schon das Gerücht, bereits am kommenden Bankenöffnungstag werde eine neue Währung eingeführt.
Immer wieder wird der Sitzungsbeginn der Euro-Gruppe verschoben. Etwas abseits sitzt ein griechischer Diplomat, denkbar düsterer Stimmung. "Die Griechen haben nichts mehr zu verlieren", sagt er. "Selbst der Grexit ist keine Schreckensvorstellung mehr." Der Mann spricht von Weimarer Verhältnissen, von Gewalt zwischen enttäuschten Syriza-Anhängern und der "Goldenen Morgenröte". "Tsipras hat gegeben, was er geben konnte. Was wollen die Deutschen noch mehr? Ich sehe nur ein rationales Motiv: Sie wollen eine neue Regierung."
Wolfgang Schäuble ist die politische Farbe der Regierung in Athen genauso egal, wie deren Kleiderordnung. In den letzten Tagen ist es ihm vor allem darum gegangen zu verhindern, dass Varoufakis Deutschland in der Euro-Gruppe isolieren könnte. Misstrauisch registrierte er, wie die neue Regierung in Athen Ressentiments schürte.
Die Karikaturen in der griechischen Presse haben Schäuble getroffen. Er, einer der letzten noch amtsführenden Ureuropäer, in einer Wehrmachtsuniform, so zeigte ihn eine der Regierungspartei Syriza nahestehende Zeitung. Und dann legte "Bromos" nach, die linksintellektuelle Wochenzeitung: Panzerketten unterm Rollstuhl, eine Fahne, auf der das Hakenkreuz durch ein Eurozeichen ersetzt ist, und ein Minister, der für jeden belasteten deutschen Steuerbürger die Exekution von 50 ("Nein, machen Sie 100 draus") griechischen Zivilisten befiehlt.
Schäuble hält die Opferrolle, in der sich griechische Politiker bisweilen gefallen, für eine Mischung aus Stolz und Fehlurteil. Der Ausbruch der Krise? Lag ihrer Meinung nach an den deutschen Exportüberschüssen. Dass sie so schlimm ausfiel? Schuld war das Spardiktat aus Berlin. Und alle Finanzprobleme wären sowieso beseitigt, wenn die Deutschen ihre Reparationen aus dem Zweiten Weltkrieg zahlen würden.
Dijsselbloem hat, ebenfalls vor Sitzungsbeginn, auf Regierungschefebene telefoniert und sich seinen Kompromissvorschlag absegnen lassen. Alexis Tsipras ist von der Kanzlerin klargemacht worden, dass es keine Alternativen mehr geben wird: "Das, oder es ist Schluss."
Und Tsipras teilt seinem Finanzminister seine Entscheidung mit: Er wird nachgeben. Varoufakis sei dann so gut wie unbeteiligt an den Gesprächen gewesen, heißt es.
Als schließlich die 19 Minister zusammenkommen, um den Text Zeile für Zeile durchzugehen, geben nur noch Portugal und Spanien ihre Bedenken zu Protokoll. Schäuble konnte sich sparen, den Scharfmacher zu spielen. Seine "liebe Freundin" Maria Luís Albuquerque machte den Job. Zusammen mit Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos. Ihre Länder haben unter Schmerzen, aber letztlich erfolgreich Reformen umgesetzt. Würde den Griechen zu viel Reformrabatt zugestanden, brauchten sie dieses Jahr gar nicht mehr zur Wahl anzutreten, so hatten die beiden Schäuble gewarnt. Dann kämen dort Kräfte zum Zuge, die ebenfalls Reformen rückgängig machen wollten.
Daraus hat Schäuble seinen Schluss gezogen: "Wenn wir den Griechen gegenüber zu großzügig sind, wäre das nicht gut für Europa."
Schäuble stellt so etwas wie den informellen Anführer der Euro-Gruppe dar, er repräsentiert das wirtschaftsstärkste Mitgliedsland. Und weil er gern tiefstapelt, verleiht er seiner Rolle oft den Anschein des Zufälligen. "Ich spreche sicher nicht das beste Englisch von allen, aber trotzdem fragen immer alle: Wolfgang, was meinst du dazu?"
Am Abend jenes Freitags liegt die gemeinsame Erklärung vor. Griechenland wird die zugesagten Kredite von IWF und EZB nur bekommen, wenn es sich an die Zusagen hält und eine quantifizierbare Liste seiner Reformprojekte vorlegt. Das Hilfsprogramm wird dafür um vier Monate verlängert. Für das laufende Haushaltsjahr 2015 wird es Erleichterungen geben.
Die gut zehn Milliarden Euro aus dem Bankenrettungsfonds werden nicht, wie schon von der vorigen Regierung Griechenlands geplant, umgewidmet, sondern bleiben der Bankenrettung vorbehalten. Und Athen versichert, einseitige Schritte zu unterlassen, die die erklärten Stabilitätsziele "negativ beeinflussen" könnten.
Alexis Tsipras hatte die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, die aktuelle Vereinbarung mit der Troika würde gekündigt, und es werde auch keine Zusagen gegenüber der Euro-Gruppe mehr geben. In der kurzen gemeinsamen Erklärung am Freitagabend tauchen die Wörter "aktuelle Vereinbarung" viermal, und das Wort "Zusagen" siebenmal auf.
Christine Lagarde vom Weltwährungsfonds lobt die Erklärung als "scharfsinnig und dicht". Ein Stockwerk tiefer, im Untergeschoss des Justus-Lipsius-Gebäudes, sitzt Giannis Varoufakis in einem stickigen Raum voller Journalisten und spricht seinerseits von "konstruktiver Zweideutigkeit", die er in dem Text finde - etwa, was die künftigen Primärüberschüsse betrifft.
"Die Zeiten sind vorbei, dass Griechenland seine Politik diktiert wurde. Von heute an sind wir die Mitautoren unseres Schicksals." Und er sagt: "Manchmal muss man sich wie Odysseus selbst an einen Mast binden, um anzukommen und die Sirenen zu vermeiden."
Damit sind die Lockrufe der Linkskeynesianer gemeint, diesen Sirenen fiskalischer Ausschweifung. Und damit ist er selbst gemeint, der sich nun zähmt. Von der Freiheit ist nur die Einsicht in die Notwendigkeit geblieben. Von der Autonomie einer Regierung mit Wählerauftrag nur die masochistische Lust, sich selbst Handschellen anzulegen.
In diesem Moment zeigt Varoufakis, dass er mehr Intellektueller als Überzeugungstäter ist. Es scheint ihm Vergnügen zu bereiten, eine Kehrtwende allein mit Worten in einen Sieg zu verwandeln. Brillanz schillert in alle Richtungen.
Nur ein paar Schritte weiter, im Raum der deutschen Delegation, sitzt derweil der andere. Sichtlich vom Überdruss gezeichnet, kommentiert Wolfgang Schäuble das Statement. Er bemüht sich, nicht zu triumphierend zu wirken, so wie die deutsche Nationalmannschaft nach dem 7:1 über Brasilien. Varoufakis werde es schwer haben, das Verhandlungsergebnis seinen Wählern zu erklären.
Es ist ein Ergebnis, zudem, das die Griechen schon vor zehn Tagen hätten haben können. Der Bundesfinanzminister wirkt wie ein alter Mathe-Lehrer, der die Tage bis zur Rente zählt.
Wieder einmal hat Wolfgang Schäuble beobachten können, wie ein bewunderter Quereinsteiger in den Niederungen des Alltags scheitert. Nach drei Wochen steht Giannis Varoufakis, der Popstar unter den Finanzministern, entzaubert da, ein Mann im Abseits, so scheint es Schäuble jedenfalls, ohne Einfluss, mit jeder Menge Gestaltungsdrang, aber ohne Spielraum - aber mit abfälligen Sätzen über Schäubles Ideen, so wie kurz darauf wieder in einem "Charlie Hebdo"-Interview. Er sei "fassungslos" über den Griechen, so wird Schäuble danach zitiert.
Schäuble ist lange genug in der Politik, um Verständnis für Tsipras und Varoufakis zu entwickeln, die ihre Niederlage zu Hause propagandistisch in einen Triumph umdeuten müssen. Das gehört zum Geschäft. Entscheidend ist für ihn, dass Deutschland nach dem Gerangel nicht isoliert dasteht. Schäuble gilt als hartnäckiger Verhandler, kompromissloser Sparer und unverbesserlicher Prinzipienreiter. Seit Jahren abonniert auf die Rolle des mürrischen Alten.
Tatsächlich ist Schäuble oft eher auf Ausgleich bedacht, die Suche nach Kompromissen und die Fähigkeit, sie einzugehen, hält er für ein Wesensmerkmal des Demokraten. Grundsätzlich wird der Jurist Schäuble erst, wenn es um Gesetze, Verträge und Abmachungen geht. Die Herrschaft des Rechts kennzeichnet für ihn westliche Demokratie und Zivilisation. Deshalb ist ihm die Laxheit, mit der neu gewählte Kollegen europäische Vereinbarungen handhaben wollen, im Innersten zuwider.
Für diesen Mann ist Europa ein Erziehungsprojekt und die Geschichte der vergangenen sieben Jahrzehnte eine Zivilisierung der Europäer, eine Erziehung zu Frieden und Demokratie.
Man kann in den Verordnungen und Richtlinien den kantschen Imperativ erkennen: Die Brüsseler Regeln halten jeden Mitgliedstaat dazu an, sich so zu verhalten, dass die Gemeinschaft nicht zerreißt, wenn alle anderen es ihm gleichtun.
Dieser Imperativ durchzieht den Streit um griechische Schulden und griechische Schuld. Und das Athener Aufbegehren dagegen dürfte Wolfgang Schäuble an einen Teenager erinnern, der diesen - von seinen Vorgängern vereinbarten - Zusammenhang zwischen individueller Freiheit und gegenseitiger Bedingtheit in einer Gemeinschaft nicht wortlos akzeptieren will.
Schäubles Arbeitszimmer im Bundesfinanzministerium wirkt nach dieser Woche aufgeräumt wie immer. Nur der Dienstherr hat sich verändert. Er ist erschöpft und versucht gar nicht erst, das zu verstecken. Die Augen sind gerötet, immer wieder reibt er sie mit den Handballen, gähnt.
Früher hat Schäuble Politiker im Allgemeinen und sich im Speziellen gern mit Sisyphos verglichen, jenem griechischen Sagenhelden, der verdammt ist, alle Tage einen Stein den Hügel aufwärts zu rollen, alle Tage vergebens. "Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen", zitierte er Albert Camus.
Kann er sich heute eher vorstellen, Griechenland aus dem Euro ziehen zu lassen? Schäuble schüttelt den Kopf. "Wir sind auf gutem Wege, die Eurokrise hinter uns zu lassen", sagt er. "Das können wir uns nicht dadurch kaputt machen lassen, dass ein Land sich an gar keine Regel hält."
Das ist eine typische Schäuble-Sentenz. Übersetzt lautet der Satz ungefähr: Entweder die Griechen halten sich an ihre Abmachungen, dann dürfen sie bleiben. Oder sie haben in dem Klub nichts mehr zu suchen.
Sein Mitgefühl für den politischen Widersacher kennt enge Grenzen. "Was die Griechen jetzt tun müssen, ist nicht exakt das, was sie im Wahlkampf versprochen haben", sagt er. "Aber das ist nicht mein Problem."
Glaubt er, dass die griechische Regierung jetzt liefern werde?
Kurz vor zwölf, in der Nacht zum Mittwoch, hat Giannis Varoufakis, der gefesselte Odysseus, die verlangte Reformliste nach Brüssel geschickt. Vielleicht ist es ihm ganz recht, dass das Drama gespielt, dass der große Bocksgesang auf der Bühne vorbei ist. Dass es jetzt ums Kerngeschäft von Politik geht, um das Entwerfen von Gesetzen und die Suche nach Mehrheiten dafür.
Ein Nationalplan gegen Korruption; Maßnahmen gegen Tabak- und Petroschmuggel; höhere Steuern für die Reichen und Stopfung fiskaler Schlupflöcher. Essensmarken für die Armen und eine "Citizen Smart Card" für den Arztbesuch. Ein Vermögensregister. Insgesamt 64 Punkte sind es. Kontrollen, Absichten, Hoffnungen. Keine strahlende Zukunft, eher 64 Schattierungen von Grau.
Noch einmal: Glaubt Schäuble, dass die griechische Regierung jetzt liefern werde?
Der Minister blickt aus seinen roten Augen auf die Tischplatte vor sich, zieht die Mundwinkel nach unten, zuckt mit den Schultern. Sisyphos ist müde. Und traurig.
Nikolaus Blome, Christian Reiermann, Alexander Smoltczyk
"Ich spreche nicht das beste Englisch, aber immer
fragen alle: Wolfgang, was meinst du dazu?"
"Dies ist nicht der schwierigste Tag meines Lebens. Vielleicht wird es der schwierigste im Leben von Schäuble."

Lesen Sie weiter zum Thema: auf Seite 90
Wahre Dramen (II): Wie sehen griechische Künstler, Politiker, Unternehmer die neue Regierung? Ein Tavernengespräch in Athen.


Aktualisierung

Zeitgewinn

Nach Redaktionsschluss der gedruckten SPIEGEL-Ausgabe debattierte der Bundestag am Freitagvormittag über die Verlängerung der Griechenland-Hilfe. Mit großer Mehrheit stimmten die Abgeordneten ­dafür, der neuen griechischen Regierung vier zusätzliche Monate einzuräumen, um das bestehende Programm abzuarbeiten. 541 Abgeordnete stimmten für den Antrag von Finanzminister Wolfgang Schäuble, 32 dagegen, 13 enthielten sich. hgo

Stand: Freitag, 17.30 Uhr


Von Nikolaus Blome, Christian Reiermann und Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 10/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Finanzminister:
Sisyphos quält Odysseus

  • Die Bundesliga-Prognose im Video: "Im Tabellenkeller prügeln sich viele, absteigen zu dürfen"
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug
  • "Exosuit": Aufs Schlachtfeld im Roboteranzug