28.02.2015

HomestoryOlympiapfannkuchen

Warum ich mich trotz allem über Großprojekte freuen kann
Mein erstes olympisches Erlebnis war ein Mann, der über eine Latte flog. Ich war acht Jahre alt, das Fernsehbild schwarz-weiß, und in Moskau liefen die Olympischen Sommerspiele 1980. Der Hochspringer Gerd Wessig bezwang im Leninstadion die Höhe von 2,36 Metern, damals Weltrekord. Anschließend rannte ich jubelnd in den Garten, spannte eine Wäscheleine zwischen zwei Bäume und verbrachte den Rest der Sommerferien mit Sprungübungen und Tagträumen von meiner glorreichen Zukunft als Olympiasieger.
Dass viele Länder die Spiele von Moskau boykottierten, hat mich nicht gestört. Ich war ein Kind und voller Begeisterung für die große Sache. Noch heute kann ich seltsame Namen und Zahlen aus meinem ersten olympischen Sommer herunterbeten. Sie haben sich in mein Hirn gefressen, nur Gott und das IOC wissen, warum. Lutz Dombrowski, Olympiasieger im Weitsprung mit 8,54 Metern. Der unglaubliche Mirtus Yifter aus Äthiopien, Sieger über 5000 und 10 000 Meter. Der König im Zehnkampf? Daley Thompson, stark und schnell wie Superman!
Ich war ungemein euphorisch damals. Olympiaverrückt.
Heute, 35 Jahre später, bin ich immer noch Olympia-Fan. Oder sagen wir: -Sympathisant. Aber die Zeiten und Verhältnisse haben sich geändert. 1980 war ich als Olympia-Sympathisant Teil einer gesellschaftlichen Mehrheit. Heute bin ich, so fühlt es sich an, Teil einer Randgruppe. Zumindest in Berlin.
Zurzeit ist das Randgruppengefühl besonders stark, denn Berlin bemüht sich um die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028.
So wie auch Hamburg. In Hamburg mag das anders sein, aber in Berlin sind "Olympia" und "Großprojekt" eher Reizworte als Verheißung. Unbeliebter ist eigentlich nur noch das Wort "Flughafen".
In den vergangenen Wochen fanden in der Stadt mehrere Veranstaltungen statt, um für die Spiele zu werben. Einmal ging ich zum "Bürgerforum", auf dem unter anderem der Regierende Bürgermeister mit Berlinern ins Gespräch kommen wollte über das Olympia-Konzept. Keine schlechte Idee eigentlich. Es wird ja oft, gerade von Bürgern, mehr demokratische Teilhabe, Mitbestimmung und Transparenz gefordert. Besonders bei Großprojekten.
Leider versank der Diskussionsabend im Chaos. Olympia-Gegner kaperten die Veranstaltung mit Dauerzwischenrufen, Pöbeleien, Rangeleien und einer Stinkbombe. Der neue Regierende Bürgermeister Michael Müller starrte müde durch seine riesige Brille.
Einige Tage später fuhr ich nach Kreuzberg, wo der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann in einer Markthalle für die Spiele werben wollte. Er wurde beschützt von rund 30 Polizeibeamten, die zur Mittagszeit zwischen den Marktständen umherliefen wie bei einem Anti-Terror-Einsatz. Heilmann trug einen Korb voller Pfannkuchen - mit olympischen Ringen in der Puderzuckerdecke - vor sich her. Wer möchte olympische Pfannkuchen? Niemand. Heilmann bettelte fast, bis sich endlich ein paar Passanten erbarmten. Denn jeder Pfannkuchenbiss ist ja irgendwie ein Pro-Olympia-Statement. Im Hintergrund riefen die Olympia-Gegner: "Olympia verjagen, IOC zerschlagen!"
Auch meine Skepsis wuchs in den vergangenen Jahren. Doping, Korruption, Umweltsünden, Kommerzialisierung, irrsinnige Kosten - früher wäre ich nachts aufgestanden, egal um welche Uhrzeit, um das olympische Finale im 100-Meter-Lauf der Männer zu sehen. Heute bleibe ich liegen, weil ich denke: Alle sind gedopt. Für die Winterspiele in Sotschi habe ich mich kaum noch interessiert, weil es so absurd war: Skilaufen und Bobfahren am Schwarzen Meer.
Ich bin auch nicht glücklich, wenn ich an die Fußballweltmeisterschaft 2022 denke, die entgegen aller Vernunft in Katar stattfindet. In der Wüste. Weil es in der Wüste bekanntlich heiß ist, wird die Weltmeisterschaft wohl in den November und Dezember verlegt. Gegen alle Tradition. Fußball-WM im Advent mit Glühwein! Es ist zum Verzweifeln.
Wozu sich also für sportliche Großprojekte bewerben? Warum die Olympischen Spiele nach Berlin oder Hamburg holen?
Ich schätze, weil man nicht immer nur anklagen kann. Man muss irgendwann auch bereit sein, es anders zu machen. Vielleicht ist diese Haltung naiv oder idealistisch. Meinetwegen. Aber die Olympischen Spiele werden nie nachhaltiger, ökologischer, wirtschaftlicher und freier von Korruption und Gigantismus sein, wenn man ihre Austragung nur noch Diktaturen, Despoten oder überforderten Dritte-Welt-Ländern überlässt.
Ich finde es zynisch, einerseits die Umweltsünden in Sotschi oder die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen der Stadionarbeiter in Katar zu beklagen und andererseits nicht bereit zu sein, ein Gegenmodell anzubieten. Wer soll das denn machen, wenn nicht reiche, demokratische Länder wie Deutschland mit seiner superkritischen Bevölkerung?
Im Jahre 2024 wäre ich 52 Jahre alt. Ein ziemlich alter Sack. Aber ich würde gern noch einmal Olympische Spiele erleben, für die ich mich nicht schämen muss. In Berlin.
Oder wenigstens in Hamburg. Vielleicht fliegt dann mein Sohn über eine Wäscheleine, die zwischen zwei Bäumen gespannt ist, und träumt davon, Olympiasieger zu werden.
Die ersten Spiele, sagt Daddy, sind immer die besten.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 10/2015
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