28.02.2015

Global VillageAlles im Om

Indiens neuer Yogaminister will seinen Bürgern traditionelle Heilmethoden verordnen - denn die sind patriotisch und billig.
Der Minister steht auf einem Teppich am Flussufer, er hat seine Brille abgenommen und die Augen geschlossen. Er holt tief Luft, streckt die Arme in die Höhe und macht einen Sonnengruß. Er beugt sich nach vorn, um mit den Fingerspitzen seine Zehen zu berühren. Shripad Naik ist erstaunlich gelenkig für einen 62-Jährigen. Auch seine Atemübungen absolviert er routiniert, nach 20 Minuten beendet er seine Asanas, die Yogapositionen, mit einem dreifachen "Om". Es schallt wie ein Nebelhorn durch den Morgendunst, der vom Fluss Mandovi aufsteigt, nicht weit von den Stränden Goas.
Seit 30 Jahren macht Shripad Naik Yoga. Doch seit November gehört der Frühsport zu seinen offiziellen Aufgaben. Denn Naik ist Indiens erster Minister für Yoga, zu seinem Ressort gehören zudem die alternativen Heilmethoden Ayurveda, Unani, Siddha und Homöopathie. Sein Amt ist kein unwichtiger Posten in Indien. Seit der Hindu-Nationalist Narendra Modi im Mai 2014 Premierminister wurde, erlebt das lange Zeit vor allem im Ausland beliebte Yoga in Indien einen neuen Schub. Schließlich passt die Kombination aus traditioneller Gymnastik und Meditation perfekt zum nationalistischen Kurs der Regierung. Es heißt, auch Modi beginne jeden Tag mit einigen Asanas. Und kürzlich setzte Indien bei der Uno durch, dass der 21. Juni fortan als Weltyogatag begangen wird.
Aber das ist erst der Anfang. Unter Minister Naik sollen Yoga und alternative Heilmethoden eine der größten Herausforderungen Indiens bewältigen: eine bezahlbare Gesundheitsversorgung für 1,2 Milliarden Inder. "Die Rückbesinnung auf traditionelle Heilmethoden wird das Wohlbefinden der Inder deutlich verbessern", erklärt Naik, er sitzt auf dem Boden und trinkt grünen Tee. Grundschüler, sagt er, sollten künftig Yoga lernen und Krankenhäuser Ayurveda-Heiler beschäftigen.
An diesem Morgen, lange vor seiner Yogasitzung, hat er geholfen, eine Statue des Gottes Shiva in einer dreistündigen Prozession um einen Tempel herumzutragen. Die Teilnahme an Hinduritualen ist für Naik das, was CSU-Politikern der Besuch im Schützenverein ist. Seit 1999 ist er Abgeordneter der rechtskonservativen Hindupartei BJP. Doch wann immer es geht, flieht er von Neu-Delhi in seine Heimatstadt im Bundesstaat Goa zu seinem Haus unter Palmen. Er betreibt dort weiterhin einen Holzhandel, das ist sein Hauptberuf. Im Garten steht eine Kuh mit Kälbchen, das heilige Tier gibt die Milch für Naiks Tee. Der Minister trägt gern reich bestickte weiße Gewänder, am liebsten läuft er barfuß.
Fotos an den Wänden seines Wohnzimmers zeigen die Höhepunkte seiner Laufbahn: Naik als Redner vor den Vereinten Nationen, Naik bei der Vereidigung als Minister, und immer wieder Naik mit Narendra Modi. "Modi ist ein enger Freund", sagt Naik. Seinen guten Beziehungen zum Premier scheint er auch seine Berufung zu verdanken. An seinem medizinischen Fachwissen kann es jedenfalls nicht gelegen haben.
"Wer einmal mit Yoga angefangen hat, wird nie wieder krank", behauptet Naik. Die Schulmedizin dagegen vergifte die Menschen, man müsse die Inder also davon fernhalten, dann würden sie seltener krank. Zudem kann man laut dem Minister mit den richtigen Asanas so ziemlich alle Übel der Welt kurieren. "Aids, Krebs, es gibt Studien, die beweisen, dass Yoga all diese Krankheiten heilt." Mit seinen Behauptungen hat sich Naik in kurzer Zeit viele Ärzte und Anhänger der Schulmedizin in Indien zum Feind gemacht. Denn diese zweifeln an der medizinischen Wirksamkeit von Yoga, bislang gebe es keine eindeutigen Beweise, dass sich ernsthafte Erkrankungen damit heilen ließen. Seine Gegner werfen dem Minister vor, er nutze den Nationalstolz und das mangelnde medizinische Wissen vieler Inder politisch aus.
Shripad Naik macht solche Kritik nichts. "Wir Inder praktizieren seit 5000 Jahren Yoga und Ayurveda. Beides ist lang genug ausprobiert worden, mehr Tests sind nicht nötig", sagt er mit dem milden Lächeln eines Yogi. "Ihr im Westen begreift das nur nicht."
Beim Streit um Sinn und Unsinn von Yoga sowie Ayurveda geht es nicht nur um Ideologie, sondern auch um viel Geld. Der Minister sagt, er hoffe, im kommenden Haushaltsjahr mehr als 700 Millionen Euro zur Verfügung zu haben. Das Geld müsste aus dem bisherigen Gesundheitsbudget abgezweigt werden - und das betrug im vergangenen Jahr nicht mal fünf Milliarden Euro. Die gesamten indischen Gesundheitsausgaben pro Einwohner belaufen sich auf 54 Euro jährlich. In Deutschland sind es über 3700 Euro. Die Sorge ist groß, dass unter der Förderung der alternativen Heilmethoden die Versorgung mit moderner Medizin leiden könnte. Die ersten Heiler hat Naiks Ministerium bereits eingestellt, doch viele Kritiker bemängeln, dass diese keiner Kontrolle unterlägen.
Der Minister bricht zu seinem Büro in Goas Hauptstadt Panaji auf, wo er Bürger empfängt. Als er dort ankommt, reicht ihm ein Assistent ein Handy in sein Büro hinein, ein Notfall. Naik hört zu, Sorge zeichnet sich in seinem Gesicht ab. Ein Verwandter hatte einen schweren Verkehrsunfall, erklärt er, nachdem er aufgelegt hat. Dann bittet er seinen Assistenten, den Chef des örtlichen Krankenhauses ausfindig zu machen. Wenige Minuten später telefoniert Naik mit dem Arzt. Das Familienmitglied solle die beste Versorgung bekommen, sagt er. Westliche Medizin, versteht sich. Von alternativen Heilmethoden ist nicht die Rede.
Von Ulrike Putz

DER SPIEGEL 10/2015
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