28.02.2015

AffärenVier Melonen

Wohin flossen die Millionen aus sechs Benefizspielen der „Freunde Messis“? Lionel Messi sagt: an wohltätige Organisationen. Finanzermittler glauben: an die Spieler. Nun tauchen Unterlagen auf, die den Verdacht der Fahnder nähren.
Wer Lionel Messi am 6. Juli 2013 live im Stadion Soldier Field von Chicago spielen sehen wollte, musste kräftig zahlen. Das billigste Ticket kostete 55 Dollar im Vorverkauf, das teuerste 2500 Dollar. Immerhin: Bei der VIP-Karte war im Preis inbegriffen, dass der viermalige Weltfußballer aus Argentinien nach Schlusspfiff Trikots signieren und Lederbälle verteilen sollte.
"Kampf der Stars - die Freunde Messis gegen den Rest der Welt" nannte sich die Show. Auf dem Platz standen Idole wie Javier Mascherano vom FC Barcelona, der brasilianische Nationaltorwart Júlio César oder der frühere französische Topstürmer Thierry Henry. Auch Messi selbst war gut drauf, er trickste und flachste und erzielte scheinbar schwerelos drei Tore beim 9:6-Sieg seiner Amigos.
Die 25 000 Zuschauer in der Arena fühlten sich bestens unterhalten. Und sie hatten die Gewissheit, etwas Gutes zu tun. Denn ein Teil der Einnahmen, so war es von den Organisatoren angekündigt worden, sollte über die Leo-Messi-Stiftung wohltätigen Zwecken zugutekommen: Flüchtlingskindern aus Syrien etwa, die vom Bürgerkrieg ins Nachbarland Jordanien vertrieben worden waren. Und Kindern in Messis Heimatland Argentinien, die an unheilbaren Krankheiten litten.
Das Spiel in Chicago war das letzte einer Reihe von Benefizspielen, die Lionel Messi und seine Stiftung veranstaltet hatten. Im Sommer zuvor hatte seine Star-Auswahl drei große Auftritte in Bogotá, Cancún und Miami gehabt, und in den Tagen vor dem Spiel in Chicago war Messis Wanderzirkus bereits in Perus Hauptstadt Lima und im kolumbianischen Medellín aufgetreten. Überall das gleiche Bild: entzückte Menschen in den Stadien und Lobeshymnen auf den berühmten Wohltäter.
Der Grund, warum Messi und seine Amigos seither nicht mehr um die Welt touren, um sie zumindest ein Stückchen besser und fröhlicher zu machen, liegt auch an einer Sondereinheit der spanischen Guardia Civil in Madrid. Sie nennt sich Unidad Central Operativa (UCO), ist spezialisiert auf Geldwäsche und Organisierte Kriminalität - und beschäftigt sich seit über einem Jahr mit der Frage, wohin die vielen Millionen Dollar geflossen sind, die Messi und seine Stiftung mit ihren Charity-Auftritten umgesetzt haben. Tatsächlich an Bedürftige? Oder doch in die Taschen von Spielern und Agenten, auch in die von Messi?
Der Superstar des FC Barcelona hat eigentlich genug Ärger mit der Justiz. Ihm und seinem Vater wird seit Juni 2013 Steuerhinterziehung vorgeworfen, in diesem Jahr könnte es zum Prozess kommen.
Nun kommen auch noch die Zweifel an Messis Wohltätigkeitsspielen hinzu.
Es gibt Zeugen, die den Ermittlern bereits eine Reihe von Ungereimtheiten auf den Tisch legten. Sie präsentierten Überweisungsträger, die belegen, dass ein Millionenbetrag für Spiele der "Freunde Messis" auf ein Bankkonto in der Karibik geflossen ist. Und es gibt Dokumente, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob alle Zeugen, die von der Guardia Civil vernommen wurden, die ganze Wahrheit sagen. Das gilt auch für Messi.
Zentrale Figur der Affäre ist der Sportveranstalter Guillermo Marín aus Buenos Aires. Der kahlköpfige Unternehmer mit den tief liegenden Augen, ein guter Freund von Messis Vater Jorge, ist seit über 20 Jahren eine Größe im südamerikanischen Sportbusiness. Selbst aus Unsinn macht er Geld. Die wohl irrste Show, die Marín organisierte, war im Dezember 2013 ein Wettlauf zwischen 100-Meter-Weltrekordler Usain Bolt und einem Stadtbus im Zentrum von Buenos Aires. Bolt gewann.
Marín hielt die Vermarktungsrechte an den sechs Spielen der Leo-Messi-Stiftung 2012 und 2013 in Südamerika und den USA, die er an unterschiedliche lokale Veranstalter verkaufte. Die kommerzielle Verwertung der zwei Spiele in Kolumbien etwa übertrug er einer Firma namens Total Conciertos aus Bogotá.
Allein vier Millionen Dollar habe Total Conciertos für die zwei Spiele in Bogotá und Medellín an Marín gezahlt, so erzählte es den UCO-Fahndern ein Zeuge. Er nannte die vier Millionen ("cuatro millones") scherzhaft auch vier Melonen ("cuatro melones"). Mit diesem Geld habe Marín die Spieler bezahlt. Inklusive Lionel Messi.
Unbestritten ist, dass 1,3 Millionen Dollar aus den zwei Spielen in Kolumbien auf einem Konto der First Caribbean International Bank im Inselstaat Curaçao gelandet sind. Das hat Marín bei seiner Zeugenaussage bestätigt. Auf einem der Überweisungsträger ist handschriftlich der Hinweis "G.Marín-Messi" vermerkt.
Die Ermittler der UCO vernahmen den Argentinier Anfang Juni vorigen Jahres. Er räumte ein, über eine Firma mit Sitz in Uruguay Zugriff auf das Konto in Curaçao zu haben. An Messi persönlich sei kein Geld geflossen, nur an dessen Stiftung, 50 000 Dollar pro Spiel, insgesamt also 300 000 Dollar. Die Frage, was mit dem restlichen Geld geschah, ließ Marín gegenüber den Ermittlern offen. Immerhin hatte er ihnen vorgerechnet, wie viel mit den sechs Spielen von Messis Amigos umgesetzt worden sei: knapp 7,9 Millionen Dollar.
Messi selbst sagte bereits Ende 2013 als Zeuge in dem Fall aus. Beamte der Guardia Civil waren zu seiner Anhörung eigens nach Barcelona gereist. Der Erlös aus den sechs Spielen sei seiner Stiftung und wohltätigen Zwecken gespendet worden. Er habe kein Geld dafür bekommen. Auch seine Mannschaftskollegen José Manuel Pinto, Javier Mascherano und Dani Alves vom FC Barcelona, die bei der Tournee mitgespielt hatten, wiesen den Verdacht zurück, Gagen kassiert zu haben. Sie hätten aus Freundschaft zu Messi darauf verzichtet. Nur Flüge und Übernachtungen seien ihnen erstattet worden.
Tatsächlich?
Dem SPIEGEL liegen Unterlagen aus Südamerika vor, die starke Zweifel an dieser Darstellung aufkommen lassen. Sie stammen aus dem Unternehmen Imagen Deportiva mit Sitz in Buenos Aires. Inhaber der Firma ist Guillermo Marín.
Der Stürmer Robert Lewandowski, damals noch in Diensten von Borussia Dortmund, sollte auch für das Team Messi spielen. Am 15. März 2013 schickte ein Mitarbeiter von Imagen Deportiva eine Anfrage an Lewandowskis Berater, per Mail in deutscher Sprache.
Imagen Deportiva sei "für die Organisation der Spiele von Lionel Messi unter dem Slogan ,Messi & Friends' verantwortlich", hieß es in dem Anschreiben. Lewandowski sollte am Benefizspiel in Los Angeles - das später abgesagt wurde - und an jenem letzten in Chicago teilnehmen. Um den polnischen Nationalspieler zu ködern, listete ein Mitarbeiter Maríns zahlreiche prominente Profis auf, mit denen Imagen Deportiva für den USA-Trip der Freunde Messis ebenfalls verhandeln werde: Sergio Agüero, Didier Drogba, Zlatan Ibrahimović, Cesc Fàbregas, Antonio Cassano.
"Unser Angebotspaket", das stand in der Mail, "bestünde in den Grundzügen aus zwei Businessclass-Tickets je Spieler, Unterkunft in Fünf-Sterne-Hotels und einer Geldsumme im Sinne einer Aufwandsentschädigung."
Wie hoch diese Gage zunächst sein sollte, geht aus einer weiteren Mail hervor, die Imagen Deportiva am 31. Mai 2013 an Lewandowskis Berater schickte: 30 000 Dollar. Diese Summe steht auf einem Mus-
tervertrag für die Spiele "Messi & Friends vs The rest of the World", der dem Schreiben angehängt war. "Die Zahlung für die zwei Spiele erfolgt per Banküberweisung auf ein vom Spieler angeführtes Bankkonto", heißt es dort: "50 Prozent der Zahlung sollten am 10. Juni erfolgen, die restlichen 50 Prozent zehn Tage vor dem Spiel."
Auf Nachfrage bestätigt Lewandowskis Berater Maik Barthel, dass Imagen Deportiva mit dieser Offerte für den Spieler an ihn herangetreten sei. Er habe das Angebot abgelehnt. Doch die Organisatoren der Messi-Benefizspiele gaben sich offenbar nicht so leicht geschlagen.
Sie wollten Lewandowski, der wenige Wochen zuvor durch seine vier Tore im Halbfinalhinspiel der Champions League gegen Real Madrid zum Weltstar aufgestiegen war, unbedingt dabeihaben. Aus den Unterlagen von Imagen Deportiva geht hervor, dass ein Mitarbeiter der Firma am 10. Juni 2013 erneut an den Berater Lewandowskis schrieb. Er brauche die unterschriebenen Verträge so schnell wie möglich: "Bitte tu mir den Gefallen!"
Barthel bestätigt, auch dieses Anschreiben erhalten zu haben. In den Tagen zuvor, so schildert er es aus seiner Erinnerung, habe ein Mitarbeiter von Imagen Deportiva wiederholt bei ihm angerufen, zuweilen auch in Anwesenheit eines Dolmetschers, und das Angebot für Lewandowski schrittweise erhöht.
Erst auf 90 000 Dollar. Dann auf 110 000. Dann auf 250 000. Irgendwann, sagt Barthel, habe er das Telefon nicht mehr abgenommen, wenn die argentinische Mobilnummer auf seinem Display erschien.
250 000 Dollar Gage für zwei Benefizspiele? Da stellt sich die Frage: Wie viel wurde anderen Stars geboten? Die Fahnder der UCO ermitteln wegen des Verdachts des Betrugs, der Geldwäsche und von Steuervergehen. Sie wollen auch auf Curaçao recherchieren und herausfinden, wer sich als wirtschaftlich Berechtigter hinter dem ominösen Konto der First Caribbean International Bank verbirgt, auf das nach den Spielen von Messis Amigos in Kolumbien 1,3 Millionen Dollar geflossen sind.
Marín hat es den Ermittlern bei seiner letzten Anhörung im Juni nicht gesagt. Der Eventmanager aus Buenos Aires soll Mitte März erneut als Zeuge vernommen werden.
Kann es wirklich sein, dass Lionel Messi, mit einem jährlichen Einkommen von etwa 40 Millionen Euro einer der bestverdienenden Sportler der Welt, so zynisch ist und Spiele unter seinem Namen für einen guten Zweck veranstalten lässt, die in Wahrheit nur die Bühne für einen großen Betrug sind?
Noch gibt es in dem Verfahren keinen Beschuldigten. Und Messi schweigt. Der SPIEGEL ließ dem argentinischen Fußballstar über dessen Anwalt Enrique Bacigalupo, einen früheren Richter am Obersten Gerichtshof Spaniens, bereits in der vorigen Woche ein umfangreiches Anschreiben mit Fragen zu den Ermittlungen der Unidad Central Operativa zukommen. Bacigalupo meldete sich erst kurz vor Redaktionsschluss. Er äußerte sich nicht zu den Fragen. Ebenso unbeantwortet ließ der Anwalt ein weiteres Anschreiben vom Dienstag dieser Woche, in dem der SPIEGEL Messi um eine Stellungnahme zu der finanziellen Offerte bat, die Imagen Deportiva dem Stürmer Robert Lewandowski für die Teilnahme an zweien seiner Benefizspiele gemacht hatte.
Auch der argentinische Sportpromoter Guillermo Marín äußerte sich auf Nachfrage weder zu den Ermittlungen der UCO-Fahnder noch zum Vertragsangebot seiner Firma Imagen Deportiva an Robert Lewandowski.
Der polnische Nationalspieler flog nicht in die USA zu den Spielen von Messi und seinen Freunden. "Die Kontaktaufnahme und die Angebote kamen mir merkwürdig vor", sagt Lewandowskis Berater Barthel, "an diesem Geschäftsmodell wollten wir nicht teilnehmen."
* Beim Benefizspiel der "Freunde Messis gegen den Rest der Welt" am 6. Juli 2013 in Chicago mit dem US-amerikanischen Nationalspieler Carlos Bocanegra und dem brasilianischen Nationaltorwart Júlio César.
Von Rafael Buschmann und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 10/2015
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