28.02.2015

SPIEGEL-Gespräch„Die Lust am Töten bleibt“

Der Neuropsychologe Thomas Elbert erklärt, wie Terrormilizen aus Kindern Kampfmaschinen machen - und warum es fast unmöglich ist, die seelischen Verwundungen zu heilen.
Elbert, 65, betreibt Forschung, die kaum auszuhalten ist. Zusammen mit seinem Team an der Universität Konstanz hat er in den vergangenen Jahren mehr als 1500 ehemalige Kindersoldaten in Afrika, Asien und Südamerika interviewt, um Strategien zu ihrer Traumabewältigung zu entwickeln. Die Vereinten Nationen schätzen, dass derzeit etwa 250 000 Kinder und Jugendliche in mehr als einem Dutzend Ländern im Kriegseinsatz sind. Den "Pariser Prinzipien" zufolge gilt als Kindersoldat "jede Person, die sich in nationalen Streitkräften oder bewaffneten Gruppen befindet und das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat".

SPIEGEL: Herr Elbert, schockiert es Sie noch, wenn Sie im Internet Videos sehen, in denen ein Achtjähriger in Aleppo stolz mit einer Kalaschnikow hantiert oder ein Zehnjähriger bei der Terrormiliz IS zwei vermeintliche Spione exekutiert?
Elbert: Nein. Solche Bilder wirken auf mich abstrakter, als wenn ein Jugendlicher leibhaftig vor mir sitzt und seine persönliche Geschichte erzählt. Einmal schilderte mir ein Junge in Norduganda, wie er von Rebellen gezwungen wurde, seine kleine Schwester zu erschlagen. Er war zu schwach, und sie war nicht gleich tot, deshalb brachten die anderen sie vor seinen Augen um. Ein Mädchen aus der gleichen Region erzählte uns, wie es seine beste Freundin töten musste. Zehn Prozent der von uns befragten Kindersoldaten in Ostafrika berichteten, sie hätten Menschenfleisch gegessen. Solche Begegnungen erschüttern mehr als ein Film im Internet.
SPIEGEL: Das klingt albtraumhaft.
Elbert: Natürlich ist das schockierend. Aber wenn ich die Geschichten dann analysiere, aus der Perspektive des Psychologen, belastet es mich weniger. Es ist nun mal so, dass der Mensch erst durch die richtige Sozialisation und Erziehung moralische Werte implementiert bekommt. Biologie ist amoralisch.
SPIEGEL: Wieso greifen Terrormilizen so häufig auf Kinder zurück?
Elbert: Kinder sind leicht zu kidnappen, leicht zu rekrutieren und leicht auszubilden. Heranwachsende haben eine natürliche Neugier auf Krieg und Kampf. Hinzu kommt: Waffen sind viel leichter geworden als früher. Die MP5, laut Hersteller Heckler & Koch die populärste Maschinenpistole, wiegt gerade mal drei Kilogramm. Die kann auch ein Kind tragen. Sie können auch jedem kleinen Mädchen einen Sprengstoffgürtel umschnallen und damit viele Menschen in den Tod reißen. Vorige Woche etwa hat sich offenbar eine Achtjährige auf einem Markt im Nordosten Nigerias in die Luft gesprengt. Boko Haram hat in der Region in der Vergangenheit immer wieder Kinder als Selbstmordattentäter eingesetzt.
SPIEGEL: Ist dies eine Spezialität von Islamisten?
Elbert: Nicht nur. Wir haben zum Beispiel Mitglieder der Black Tigers in Sri Lanka befragt. Die waren gefürchtet für ihre Selbstmordattentate. Im Bürgerkrieg dort ging es aber nicht um den Dschihad, sondern um einen Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen, also überwiegend zwischen Buddhisten und Hindus. Kamikazetum war eine asiatische Spezialität.
SPIEGEL: Aber warum sprengten sich dort junge Menschen in die Luft, die anders als Islamisten noch nicht einmal an die wahnwitzige Versprechung glaubten, dass sie das Paradies erwartet?
Elbert: Jugendliche, die so etwas machen, sind meistens äußerst impulsiv, übermäßig risikobereit, auch suizidal. Viele wurden regelmäßig geschlagen, vergewaltigt, misshandelt. Bei den Black Tigers gab es auch eine erhebliche Anzahl an Mädchen. Diejenigen, mit denen ich sprechen konnte, waren alle Opfer sexuellen Missbrauchs. Sie glaubten, dass ihr einziger Wert nur noch darin bestehe, mit ihrem Tod dem Feind zu schaden.
SPIEGEL: Im welchem Alter werden Kinder üblicherweise für Kampfeinsätze rekrutiert?
Elbert: Zwischen 8 und 17 Jahren. Danach ist es schwieriger, sie zu formen. Gewaltbereitschaft entwickelt sich am leichtesten zwischen 14 und 17. Wenn ein Kind schon vor der Pubertät misshandelt wird, ist das Risiko für spätere posttraumatische Belastungsstörungen, für Suchtverhalten und Depressionen extrem hoch. Die Kinder können, wenn sie erneut Angst und Schrecken erfahren, diese Erfahrung nicht mehr kontextualisieren.
SPIEGEL: Was heißt das genau?
Elbert: Sie sind nicht mehr fähig, klar zu erkennen, wann und wo eine echte Gefahr lauert. Sie haben so viele Grausamkeiten erlebt, dass sie sich zu keinem Moment ihres Lebens mehr sicher fühlen. Ein scheinbar harmloses Detail - ein Geruch, ein Geräusch - ruft die Erinnerung an ein furchtbares Erlebnis wach, und die Betroffenen ticken aus. Es gibt einen Bereich im Gehirn, der sich Hippocampus nennt; er ist zuständig für räumliche und zeitliche Orientierung und ermöglicht auch die Kontextualisierung der Angst. Bei traumatisierten Kindern verändert sich der Hippocampus, er wird kleiner. Manche Faserverbindungen prägen sich nicht aus.
SPIEGEL: Gibt es eine Möglichkeit, das rückgängig zu machen?
Elbert: Ich denke nicht. Wenn ein Kind erst einmal traumatisiert ist, bleibt es verwundbar für den Rest seines Lebens. Wir sprechen von Vulnerabilität. Das ist im Bauplan des Gehirns dann so angelegt. Manche Experten sehen darin eine Anpassung an eine gefährliche Umwelt, eine Überlebensstrategie. Ich persönlich glaube nicht, dass das stimmt. Der Mensch stößt vielmehr an seine Grenzen. Da ist eine Bruchstelle im Gehirn. Wir sind für solche brutalen Erfahrungen während der Kindheit nicht gemacht.
SPIEGEL: Wie kann man diesen Kindern dann überhaupt helfen? Erst kürzlich hat Unicef verkündet, dass im Südsudan 3000 minderjährige Soldaten freikommen sollen.
Elbert: Es gibt Angebote zur Traumabewältigung. Die Kinder lernen dabei, wie sie in friedlichen Situationen zurechtkommen können - auch wenn sie immer wieder Flashbacks haben. Eine Wiedereingliederung in die Familien, die von Sozialarbeitern betreut werden, reicht aber nicht. Die Kinder brauchen eine sehr gute Psychotherapie - die es in den betroffenen Regionen nur selten gibt.
SPIEGEL: Wie kommen die Familien nach der Rückkehr der Kinder zurecht?
Elbert: Ich habe in Uganda mitbekommen, wie die Armee minderjährige Kämpfer aufgegriffen und an die dortigen Rehabilitationszentren übergeben hat. Die Eltern haben sie dann dort abgeholt. Ein, zwei Wochen lang haben die Angehörigen das durchgehalten; dann mussten sie ihre Söhne mit Tränen in den Augen wieder zurückbringen. Das ganze Dorf hatte Angst vor ihnen. Diese Kinder sind ausgebildet im Nahkampf. Mann gegen Mann. Wenn ein Junge eine Weile in so einer Terrortruppe integriert war, dann hat er auch selber getötet. Er hat gesehen, wie andere sterben. Zurück in seinem Heimatdorf, kann jede emotional aufgeheizte Situation dafür sorgen, dass er sich in den Nahkampf zurückversetzt fühlt und andere Menschen verletzt oder sogar umbringt. Manche Dörfer versuchen, mit kulturellen Ritualen die Seele der Kinder zu reinigen, sie von ihrer Schuld zu befreien. Aber natürlich ist es absurd, in diesem Zusammenhang von Schuld zu sprechen.
SPIEGEL: Sie sagten, dass vor allem Kinder vor der Pubertät eine bleibende Traumatisierung davontragen. Was ist mit denen, die älter sind, die also etwa 16 oder 17 Jahre alt sind?
Elbert: Wenn jemand schlimme Erfahrungen erst nach der Kindheit erlebt hat, selbst mehrfache Folter, können wir im Hippocampus und anderen Gehirnbereichen keine strukturellen Veränderungen mehr erkennen, die nicht heilbar wären. Allerdings ticken die Zentren, die Emotionen bei Kämpfern regeln, anders. Warum das so ist, dazu fehlen uns die Erfahrungswerte. Wenn junge Männer einmal Gefallen am Blutrausch gefunden haben, werden sie danach süchtig.
SPIEGEL: Es fällt schwer, sich das vorzustellen.
Elbert: Mögen Sie Blutwurst?
SPIEGEL: Eher nicht.
Elbert: Na gut. Aber manche Menschen sind davon sehr angetan. Warum? Blut ist ein besonderer Saft. Je nach Zusammenhang können wir ihn als sehr positiv wahrnehmen. Fleischwaren können durch Blutgeruch sehr frisch wirken. Bei Verletzungen allerdings empfinden wir den Geruch als unangenehm. Bei vielen Soldaten ist das anders. Sie haben auch bei verwundeten Menschen positive Assoziationen.
SPIEGEL: Und wie kommt es dazu?
Elbert: Beim ersten Mal fällt es auch den Neulingen beim IS oder von Boko Haram schwer, jemanden zu töten. Ihnen wird schlecht dabei. Beim zweiten Mal denken sie sich, was soll's, Befehl ist Befehl. Und sie können wieder gut schlafen. Beim dritten Mal macht es ihnen sogar Spaß. Das ist vergleichbar mit dem, was Jogger ein "Runner's High" nennen. Das kann man nicht verstehen, wenn man noch nie 20 Kilometer am Stück gerannt ist. Der Körper schüttet dann Endorphine aus. So ein Hochgefühl bekommen auch die Jugendlichen in der Guerilla. Das prägt sie wahrscheinlich ein Leben lang.
SPIEGEL: Lassen sich derartige psychische Störungen überhaupt in den Griff bekommen?
Elbert: Schwierig. Bei der Traumabehandlung wissen wir zumindest, wie wir helfen können. Bei dem, was Experten "appetitive Aggression" nennen, also Appetit auf Gewalt, gestaltet sich das nicht so leicht. Die potenzielle Lust am Töten bleibt. Das ist einer der Gründe, warum diese Konfliktregionen so schwer zu befrieden sind. Es gibt einen zu großen Pool an jungen Menschen, die sich immer wieder gern rekrutieren lassen. Viele der Kindersoldaten kämpfen für völlig unterschiedliche Gruppen, werden immer wieder selbst aus Rehabilitationszentren geholt. Manchmal, wenn das Geld knapp ist, geben etwa die Kommandeure der Guerillagruppen in Afrika die Kinder sogar freiwillig in sogenannte Demobilisierungsprogramme. Ihre Waffen vergraben sie in Plastiktüten im Dschungel und sagen ihnen: "Warte, bis wir dich wieder abholen kommen."
SPIEGEL: Und was ist mit Programmen, die der Resozialisierung dienen sollen?
Elbert: Viele dieser Projekte sind leider vollkommen falsch konzipiert. Sie schaffen es nicht, den Kindern eine Zukunft zu geben. Sie glauben nicht, wie wütend es mich macht, wenn ich sehe, wie ehemalige Kindersoldaten zu Elektrikern ausgebildet werden - in Regionen ohne Strom. Das sind so westliche Ideen ...
SPIEGEL: Gibt es nichts, was helfen kann, die Lage zu verbessern?
Elbert: Militärische Lösungen bringen nichts. Es hilft nur, massiv in die Bildung der jungen Menschen zu investieren, vor allem der Mädchen und Frauen. Keine Mutter will, dass ihre Kinder in den Krieg ziehen. Und je gebildeter Frauen sind, desto mehr Einfluss gewinnen sie, desto besser erziehen sie ihre Kinder. Was glauben Sie, warum es Boko Haram oder die Taliban so sehr auf Schulen abgesehen haben? Boko Haram heißt ja übersetzt: Westliche Erziehung ist Sünde. Die Terroristen haben instinktiv verstanden, dass ihnen aus den Schulen die größte Gefahr droht. Deshalb unterdrücken sie die Frauen, entführen die Mädchen und machen sie zu Sexsklavinnen. Das ist die Rolle, die Kindersoldatinnen meistens zukommt. Sie müssen den Haushalt der Kämpfer führen und werden als Späherinnen benutzt - oder eben für Selbstmordanschläge.
SPIEGEL: In Afghanistan hat die internationale Gemeinschaft versucht, die Chance der Mädchen auf Bildung zu stärken. Es wurden viele Schulen gebaut.
Elbert: Ach Gott, ja. Aber das hatte keine Priorität, viel zu wenig Geld ist an dieser Stelle geflossen. Und das ärgert mich. Ich war auch in Afghanistan, um Interviews zu führen. Wie disziplinieren Sie 600 Kinder in einer Klasse? Wir haben gesehen, wie ein Lehrer einen Jungen an den Haaren zog, so fest, dass er ihm ein Stück Kopfhaut herausgerissen hat. Was dort abläuft, hat mit Bildung nicht viel zu tun. Und wenn die Kinder dann aus dem Unterricht kommen, müssen sie arbeiten, Teppiche knüpfen. Wie bekommen Sie wohl ein Kind dazu, dass es nach der Schule noch stundenlang schuftet?
SPIEGEL: Sagen Sie es uns.
Elbert: Mit Gewalt natürlich. Ich persönlich werde an geknüpften Teppichen nie wieder Freude haben.
SPIEGEL: Herr Elbert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Die Terroristen haben instinktiv verstanden, dass ihnen aus den Schulen die größte Gefahr droht."
Das Gespräch führte Redakteurin Katrin Elger.
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 10/2015
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