28.02.2015

Geschichte„Lung und Leber faulet“

Ein Historiker hat die Notizen eines Arztes aufgetan, der zu Beginn der Neuzeit praktizierte: Sie belegen, wie mächtig die Patienten damals waren.
Georg Handsch fiel zu Lebzeiten nicht als Meister seiner Zunft auf. Die Nachwelt weiß wenig über den Arzt aus Böhmen, der im 16. Jahrhundert praktizierte. Bekannt ist nur, dass der Medikus exzessiver Weintrinker war und vermutlich nicht älter als 50 Jahre wurde.
Jetzt aber erfährt der heilende Zecher posthum die Anerkennung durch die Wissenschaft. Denn Handsch, gestorben um 1578, hinterließ einen Schatz, der seit Jahrhunderten von der Fachwelt kaum beachtet wurde und im Magazin der Österreichischen Nationalbibliothek lagert: 4000 Seiten, teils in Leder gebunden, beschrieben in lateinischer und deutscher Sprache.
Fachlich hatte der einstige Leibarzt des Erzherzogs Ferdinand II. von Tirol zwar wenig Bemerkenswertes mitzuteilen; folglich schienen die Ergüsse des Vielschreibers bislang kaum beachtenswert zu sein. Doch der Historiker Michael Stolberg, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Würzburg, fällt nun ein gänzlich anderes Urteil: "So etwas Schönes habe ich vorher noch nicht gefunden", lobt der Forscher die handschen Aufzeichnungen.
Begeistert ist der Forscher vor allem von den seltenen Einblicken in das "damals ganz andersartige Verhältnis" (Stolberg) zwischen Arzt und Patient, welche die rund 450 Jahre alten Dokumente gewähren. Handsch diagnostizierte dabei unerschrocken und ohne Furcht vor einem harten Urteil: "Sie ist im Kopff verworren, unrichtig", beschied er einer Patientin. "Lung und Leber faulet ym", ließ er einen anderen Siechen wissen.
Namen und Verlauf zahlreicher Gebrechen konnte Handsch mühelos in lateinischer Sprache protokollieren. Am Krankenbett jedoch vermied der Doktor tunlichst den Gebrauch von Fremdwörtern. "Die Patienten und deren Familien misstrauten Begriffen und Erklärungen, die sie nicht verstanden", sagt Stolberg.
Noch unbeliebter waren komplizierte Diagnosen, die den Betroffenen verwirrten. Gern akzeptiert wurde hingegen ein Befund, der auf eine Verstopfung im Gedärm verwies - eine Diagnose, die auffallend oft gestellt wurde. Scheinbar kenntnisreich und in einfachen Worten erläuterte Handsch dem Kranken etwa: "Der magen der deuet nicht wol, darumb kompt verstopfft Blutt ynn das Geeder, unnd wo es also hinkomet, da thut es wehe, unnd steigen auch Dempff auff."
Wie abwegig auch immer derlei medizinische Reflexionen waren: Häufig rettete die Gabe eines wohldosierten Abführmittels tatsächlich über die gesundheitliche Krise hinweg. "Derhalben sol man im helffen, so muss man Arczney geben, die den Magen reümen, reinigen, stercken, und widerumb zu recht bringen", notierte Handsch.
Noch gefürchteter als Verrenkungen des Darms war die Ausbreitung fauliger Säfte im Körper. "Der Magen und die Leber ist dermaßen geschwecht und verterbt, das alles was er isset, in einen Schleim und
böse Feuchtickeit verkert wirt", teilte Handsch einem Kranken nach eingehender Untersuchung mit. "Die Leber ist ym halbfaul", diagnostizierte er gar in einem besonders schweren Fall. "Geblüt verschleimpt", heißt es knapp, aber nicht minder bedrohlich, an anderer Stelle.
Als Mittel der Wahl galt in all solchen Fällen auch zu Beginn der Neuzeit noch der Aderlass. Selbst der Exitus eines Kranken schädigte dabei nicht zwangsläufig den Ruf des behandelnden Arztes. Solange der Mediziner beim Patienten oder dessen Angehörigen einen kundigen Eindruck erweckte und den tödlichen Ausgang rechtzeitig ankündigte, blieb die Stimmung ungetrübt, erklärt Historiker Stolberg.
Aus den Aufzeichnungen ergibt sich aber auch, dass der Arzt durchaus um die Zustimmung der Patienten gerungen hat. "Placuit" (hat gefallen) oder "non displicuit"(hat nicht missfallen) kritzelte Handsch deshalb häufiger als Anmerkung neben seine umgangssprachlich formulierten Befunde.
Nicht ohne Grund bemühten sich die Mediziner so sehr um ihre Patienten. Denn eine Vielzahl selbst ernannter Heiler machte den Ärzten Konkurrenz: Handwerker nahmen chirurgische Eingriffe vor, Barbiere erteilten medizinischen Rat. Von studierten Medizinern als "Piss-Propheten" gescholtene Quacksalber fahndeten im trüben Urin ihrer Kundschaft nach Hinweisen auf toxischen Schleim in den Innereien.
"Dass die Ärzte deshalb ihren Patienten nach dem Mund geredet hätten, wäre aber ein zu strenges Urteil", sagt Stolberg. "Die meisten von ihnen haben auch selbst jene Medikamente eingenommen, die sie anderen verschrieben haben."
Entgegen der naheliegenden Vermutung, so ein Ergebnis seiner Forschung, habe die große Mehrzahl der Patienten die zeittypischen Rosskuren sogar gut überstanden. Der Historiker, der früher selbst als Arzt gearbeitet hat, wertet dies als Beleg für eine gemeinhin weit unterschätzte Fähigkeit des Menschen: die Selbstheilungskraft des Körpers.
Aber auch für ihr gar nicht so seltenes Scheitern hatten Ärzte wie Handsch stets eine plausible Erklärung parat. Konnte seine Therapie den Todesfall nicht verhindern, so verkündete der Doktor medizinische Weisheiten, die den Angehörigen des Verstorbenen durchaus einleuchteten: "Ein faul Ey kann man nicht widerumb frisch machen."
* Holzschnitt von 1540.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 10/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Geschichte:
„Lung und Leber faulet“

  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an