28.02.2015

Elke Schmitter Besser weiß ich es nichtHelden und Kinder

In dem Moskauer Hotel, in dem ich mich gerade aufhalte, ist es ausdrücklich untersagt, radioaktives Gerät im Zimmer aufzubewahren. Nicht einmal chemische Waffen darf ich mitbringen, auch keine Vögel. Ich kann also keine Taube mit einem Stückchen Uran im Schnabel zur Nachbarsuite schicken, als kleinen Gruß aus der Küche.
Andererseits ist es problemlos möglich, mit einem entsprechend betagten Kollegen aus dem Service das "Dinner for One" nachzuspielen, denn der spiegelglatte Boden aus Kunstmarmor ist mit einem riesigen Fell drapiert, auf dem man wunderbar straucheln kann.
Falls die Party ausartet, sagt mir die ausliegende "Information für Gäste", was jede Ausschweifung kostet: Vorhänge werden mit 4000 Rubel berechnet, und eine neue Badewanne verschlingt etwa das halbe Monatsgehalt eines durchschnittlichen Beamten. Die Fachkraft beim Einwohnermeldeamt wird sich als Hotelgast also überlegen, ob sie eine Badewanne zu Bruch gehen lässt, zumal man dafür, ohne schwere Waffen (leider auch verboten), doch wenigstens einen schweren Hammer im Gepäck haben muss. Am teuersten ist der Flachbildfernseher, wo zum Tag der Vaterlandsverteidiger die herrlichsten Aufmärsche zu sehen sind. Wo Männer mit oder ohne Uniform, von dramatischer Musik begleitet, heroisch Aufstände niederschlagen, von ausländischen Männern niederer Grade angezettelt. Am Ende ist man froh, dass ein besonnener General mit grauen Schläfen das Chaos niederringt. Der Blockbuster ist Politik.
Bei uns in Deutschland ist höchstens das Rauchen auf dem Zimmer untersagt. Wir sind eine Nation von Langweilern, die den Rock 'n' Roll Helene Fischer und Jonathan Meese überlässt. Hin und wieder rafft sich allerdings einer der alten Kämpen auf und stößt dahin vor, wo die Häuser rauchen - oder was davon übrig ist -, wie Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko von der Fraktion der Linken, die Mitte Februar mit Medikamenten nach Donezk gereist sind, selbstverständlich erst, nachdem sie sich "ein bisschen Know-how" (Gehrcke) zugelegt hatten. Die beiden Helden sahen den Sitz des Internationalen Roten Kreuzes mit eigenen Augen, verhandelten aber lieber selbst mit den prorussischen Besatzern, ein Foto mit deren antisemitischem Führer Alexander Sachartschenko inklusive.
Schweres Gerät und ein undurchsichtiger Kriegsschauplatz üben offenbar enorme Anziehung auf Politiker ohne Fortune aus. Die moderne Pädagogik rät ausdrücklich davon ab, Kinder zu verwarnen. Man soll nicht sagen: "Pass auf, dass du nicht fällst!"; das Unbewusste kennt keine Verneinung. Deshalb habe ich auch wenig Vertrauen, dass meine Hotelnachbarn kein Uran in den Nistkästen ihrer mitgebrachten Vögel deponieren. Und wünsche mir einen Steinmeier-Erlass mit der Empfehlung: Bitte bei humanitären Aktionen mit Leuten kooperieren, die humanitäre Aktionen durchführen.
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Claudia Voigt im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 10/2015
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