28.02.2015

Literatur„Ich weiß nichts“

Seit Wochen steht Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ an der Spitze der Bestsellerlisten. Im SPIEGEL-Gespräch erklärt er, warum die Aufklärung am Ende ist, der Humanismus tot, der Laizismus auch - und die Republik sowieso.
Der Schriftsteller, der sonst gern auf sich warten lässt und sich der Neugier entzieht, ist schon da. Schmal und zerbrechlich sitzt Michel Houellebecq, 59, ganz allein in einem Büroraum seines Pariser Verlagshauses Flammarion an der Place de l'Odéon, schräg gegenüber vom gleichnamigen Theater. Das erste Gefühl, das sich einstellt, ist Erleichterung: Er sieht besser aus als befürchtet, nicht so krank, gealtert und verwahrlost, wie einige Fotos es zuletzt nahelegten. Die Pressedame hat eine Flasche Champagner auf den Tisch gestellt, aus der sich der Autor regelmäßig nachschenkt. Gut anderthalb Stunden lang raucht er ununterbrochen und saugt zwischendurch, als bekäme er nicht genug Nikotin, an einer elektronischen Zigarette. Er gibt sich Mühe mit dem Interview, er will etwas sagen, er verzieht keine Miene und lächelt nicht ein einziges Mal. Wenn er überlegt, kaut er auf dem Zigarettenende herum, nachdenklich, ernst und zögerlich, nach Antworten suchend und tastend. Seine Denkpausen muss man ertragen, so wie man einen Schmerz aushält. Nur keine Panik.
Houellebecq ist der aufregendste Schriftsteller unserer Zeit, zumindest in Europa. Sein Roman "Unterwerfung" führt seit dem Erscheinen die Bestsellerlisten in Frankreich, Deutschland und Italien an; er wurde in 32 Länder verkauft. Wochenlang beherrschte seine politische Fiktion einer Islamisierung Frankreichs und Europas in naher Zukunft die Mediendiskussionen. Nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt in Paris verstummte und verschwand er eine Zeit lang. Seine öffentlichen Auftritte bleiben rar. Nun ist er bereit, eine Art Bilanz zu ziehen.
Für die Kritiker und Journalisten ist Houellebecq eine Qual. Ihn einzuordnen, literarisch, gesellschaftlich, moralisch oder politisch, ist heikel. Rechts oder links, reaktionär oder fortschrittlich, das hat für ihn keine Bedeutung. Worum es ihm geht, ist das gute, das richtige Leben - und dessen Unerreichbarkeit. Die einzig mögliche Haltung zu diesem permanenten Scheitern scheint Melancholie, ein Pessimismus von schopenhauerschem Ausmaß. Er weidet sich nicht an den Absurditäten der Geschichte und dem Wahnsinn der Menschen, er findet sie niederschmetternd. Konservativ zu sein, so sagt er, leite sich aus Faulheit und Pessimismus ab: Warum das Bestehende für das Ungewisse aufgeben, solange es funktioniert und sich bewährt?
Sein Thema sind die gesellschaftlichen Katastrophen, die Liberalismus und Aufklärung seiner Meinung nach angerichtet haben. 200 Jahre lang hätten die Menschen im Westen geglaubt, ohne Gott und ohne vorgegebene Ordnung auskommen zu können, aber die versprochene Freiheit hätten sie in ihrer Hybris nicht erreicht und schon gar nicht gemeistert.
Französische Journalisten hassen es, wenn Houellebecq versucht, den Deutschen Frankreich zu erklären. Sie beanspruchen die Deutungshoheit für sich selbst, und sie empfinden die Absage an die Ideen der Aufklärung, als deren historischen Träger sie Frankreich verklären, als geistigen Landesverrat. Die Unterwerfung einer alten, kranken christlichen Nation unter den Islam? Quelle horreur! Houellebecq gefällt es, darin eine angemessene Strafe für den in Frankreich besonders exemplarisch ausgebildeten Hochmut der intellektuellen und politischen Kaste zu sehen. Und das deutsche Publikum findet er für diese Kritik besonders empfänglich. Gegen Houellebecq hilft kein moralisches und humanistisches Marktgeschrei. Kein anderer Autor hat sich der rabenschwarzen Verzweiflung, an der die Gegenwart hinter ihrem lärmenden Hedonismus leidet, so ungeschützt ausgesetzt wie er. Und deshalb verdient er es, nachdem der Sturm sich gelegt hat, in Ruhe und mit Respekt zu Wort zu kommen.
SPIEGEL: Michel, verzweifeln Sie an Frankreich?
Houellebecq: Ich beobachte, dass es Frankreich dreckig geht. Auf meine Befindlichkeit dabei kommt es nicht an. Ich bin neutral, nicht engagiert und nicht voreingenommen. Ich habe keine Botschaft zu verkünden, ich gebe nur meine Sicht der Welt wieder. Mein Roman ist zutiefst zwiespältig, man kann ihn wie eine verzweifelte Geschichte oder wie eine hoffnungsvolle Geschichte lesen.
SPIEGEL: Ihre Teilnahmslosigkeit als Autor hat etwas Provozierendes.
Houellebecq: Finden Sie? Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Talent zur Doppelsinnigkeit die Konstruktion eines klaren Feindbildes erschwert.
SPIEGEL: Na ja, an Attacken auf Sie fehlt es nicht. Jedes Ihrer Bücher löst einen Skandal oder wenigstens eine Polemik aus. Machen Sie es sich nicht zu einfach, wenn Sie sich jeder Festlegung entziehen, indem Sie gar keinen Standpunkt einnehmen?
Houellebecq: Der Intellektuelle, der für eine Sache plädiert, trägt Verantwortung, der Schriftsteller nicht. Er kann die Dinge von Weitem betrachten, als wären sie entfernte Kuriositäten, die ihn nicht wirklich etwas angehen. Das ist eine schwierige Übung, denn man darf den Skandal nicht suchen, ihn aber auch nicht meiden. Meine Distanziertheit erlaubt es mir, die Fragen, die ich aufwerfe, mit Humor und zugleich mit Ernst zu behandeln. Und diese Mischung macht es mir leichter, alle Angriffe auf mich zu überstehen.
SPIEGEL: Sie empören die Menschen, weil Sie sich nicht empören.
Houellebecq: Ich spalte, ja, ich polarisiere, vor allem bei der politischen Linken in Frankreich. Die Linke findet keine Antwort auf mich, die Rechte übrigens auch nicht. Wissen Sie, man hat mir berichtet, dass die Redaktionskonferenz von "Charlie Hebdo" gerade über mich und mein Buch diskutierte, als die Attentäter hereinplatzten und um sich feuerten. Die Redakteure, die mich als Nostradamus-Karikatur auf die Titelseite des Blattes gesetzt hatten, obwohl ich kein Prophet bin, waren sich nicht einig, wie sie mich bewerten sollten.
SPIEGEL: Ihre satirische Seite muss den Redakteuren eigentlich gefallen haben.
Houellebecq: Aber ich nehme alles ernst! Als reiner Satiriker wäre ich kaum so anstößig. "Charlie Hebdo" hatte sich in eine Spirale der Eskalation begeben. Sie wurden schon seit Jahren bedroht, seit sie die dänischen Mohammed-Karikaturen nachgedruckt hatten. Aus Ärger darüber, dass man ihnen die Verspottung des Propheten untersagen wollte, legten sie immer wieder nach. Ich verstehe das sehr gut, ich hätte genauso reagiert. Wenn einem etwas verboten werden soll, kriegt man erst recht Lust, es zu tun. Und so leisteten sie sich eine Provokation nach der anderen gegenüber dem Islam.
SPIEGEL: Ihr Buch ist nicht wirklich islamfeindlich, es verletzt keine religiösen Gefühle. Fühlen Sie sich dennoch gefährdet?
Houellebecq: Ich bin bisher nicht bedroht worden. Aber wenn man mich daran hindern wollte, über bestimmte Dinge zu sprechen, würde ich noch mehr darüber sprechen. Mein Buch "Unterwerfung" ist kein islamophober Roman, aber man hat sehr wohl das Recht, einen islamophoben Roman zu schreiben, wenn man es möchte.
SPIEGEL: Haben Sie sich dazu versucht gefühlt? Sie haben bereits in Ihrem Roman "Plattform", der 2001 erschien, einen mörderischen Anschlag radikaler Muslime auf einen Ferienklub in Thailand beschrieben.
Houellebecq: Ich habe während der Arbeit an "Unterwerfung" gelegentlich diese Neigung verspürt. Das hätte die Botschaft des Romans vereinfacht. Aber man darf sich nicht von der einen oder anderen Seite beeinflussen lassen. Fast hätte ich auch zum ersten Mal in meinem Schriftstellerleben ein Happy End verfasst, ein glückliches Ende der Liebesbeziehung zwischen meinem Erzähler François und seiner jüdischen Freundin Myriam in Israel.
SPIEGEL: Sie schildern Frankreich als ein Land voller ethnischer und religiöser Gewaltausbrüche während des Präsidentschaftswahlkampfs im Jahr 2022. Fühlen Sie sich in Ihrer Vision bestätigt?
Houellebecq: Nur zum Teil, denn am Anfang meines Romans geschehen ja antiislamische Attentate, verübt von Gruppen und Personen, die eher an Anders Breivik in Norwegen gemahnen. Also wenn es jetzt Terrorismus von rechts gäbe, würde die Realität sich dem Roman schon sehr annähern.
SPIEGEL: Trotzdem ist die Koinzidenz von Fantasie und Wirklichkeit erschreckend. Wird der Roman jetzt anders gelesen?
Houellebecq: Ach, ich hoffe, dass sich die Lektüre dadurch nicht verändert. Die Franzosen sind ja bei dem Anschlag nicht aus allen Wolken gefallen. Ich selbst war schockiert, aber keineswegs überrascht. Es hatte Vorzeichen gegeben: Mohamed Merah, der im März 2012 in Toulouse und Montauban sieben Menschen, Soldaten und Juden, getötet hatte; oder der Fall Ilan Halimi, ein Jude, der von Muslimen 2006 in der Pariser Banlieue zu Tode gefoltert worden war. Und "Charlie Hebdo" stand unter Polizeischutz. Die Beamten konnten nichts tun. Die Aktion war ziemlich gut organisiert, und sie zeigt, dass es ziemlich leicht sein muss, auch an schwere Waffen in Frankreich heranzukommen. Merah war dagegen noch eine Art Einzeltäter gewesen.
SPIEGEL: Bei "Charlie Hebdo" kam ein Freund von Ihnen ums Leben, Bernard Maris, ein Ökonom und Publizist, der eine Studie über die Wirtschaftsphilosophie in Ihren Romanen veröffentlicht hatte.
Houellebecq: Er nahm gerade an der Redaktionskonferenz teil. Ich konnte es erst gar nicht glauben, dass er tot ist, denn er hatte sich in seinen Beiträgen nie mit dem Islam befasst und schien überhaupt nicht bedroht.
SPIEGEL: Bekamen Sie dadurch das Gefühl, Sie könnten selbst eine Zielscheibe werden? Sie zogen sich jedenfalls eine Weile zurück und sagten öffentliche Auftritte in Frankreich ab.
Houellebecq: Nicht aus Angst. Ich war einfach zu niedergeschlagen. Zu deprimiert und schockiert darüber, dass die Realgeschichte in mein Leben eingebrochen war. Das ist ein merkwürdiges Gefühl, das war mir noch nie passiert.
SPIEGEL: Ein Anschlag auf Bali oder irgendwo in Afrika ist etwas anderes?
Houellebecq: Das mag etwas unbarmherzig klingen, aber die Entfernung macht das Geschehen abstrakter. Dass ein Freund bei "Charlie Hebdo" umgekommen war, hatte eine andere Wirkung. Gut, jetzt ist genug Zeit verstrichen, die Beerdigung hat längst stattgefunden, ich bin zwischendurch wieder aufgetreten, und ich habe Ihnen dieses Interview hier in Paris versprochen.
SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, dass Frankreich sich auf einen Bürgerkrieg zubewegen könnte, wie in Ihrem Roman beschrieben?
Houellebecq: Ja.
SPIEGEL: Dann müsste irgendwann die extreme Rechte zuschlagen, Gegenattentate planen. Ein organisierter Guerillakrieg zwischen radikalen Muslimen und der identitären, nationalen Rechten - das scheint doch völlig abwegig.
Houellebecq: In nächster Zeit sicherlich. Paradoxerweise wird die Stärke des Front national eine solche Entwicklung einstweilen verhindern. Denn der FN hat nunmehr das klare Ziel, auf demokratischem Weg, durch Wahlen, an die Macht zu kommen. Diese Aussicht kanalisiert die nationalkonservativen Tendenzen am rechten Rand. Deshalb glaube ich nicht, dass Rechtsextremisten zurzeit gewaltsam zur Tat schreiten werden.
SPIEGEL: Dann funktionieren die demokratischen Prozeduren letztlich, so bedenklich ein Wahlsieg von Marine Le Pen auch wäre?
Houellebecq: Ja und nein. Es scheint mir kompliziert. Sehen Sie sich den Werdegang von Breivik, dem Norweger, an. Er begann als militantes Mitglied in einer rechtsextremen Partei, bis er zu dem Schluss kam, dass diese Partei nie eine Chance haben würde, an die Macht zu gelangen. Also radikalisierte er sich weiter und tötete am Ende an die 80 junge Sozialdemokraten, weil er sie für Volksverräter hielt. Und jetzt, im Gefängnis, ist er zu der Überzeugung zurückgekehrt, eine rechtsextreme Partei habe doch gute Aussichten. Er beklagt sich, dass die Haftbedingungen ihn an der Kommunikation mit solchen Kreisen und am Aufbau einer Partei hinderten.
SPIEGEL: Was bedeutet das, auf Frankreich übertragen?
Houellebecq: Der Front national wird nicht an die Macht kommen. Er gibt sich einer Illusion hin. Sobald die extreme Rechte das erkennt, kann ihre Gewaltbereitschaft erwachen. Das politische Wahlsystem in Frankreich beruht auf dem Machtwechsel zwischen Mitte-links und Mitte-rechts. Diese beiden Blöcke, die bürgerliche Rechte und die sozialistische Linke, werden sich immer gegen den FN zusammenschließen und seine Machtübernahme zu verhindern wissen, obwohl er in Umfragen schon jetzt die stärkste Partei des Landes ist.
SPIEGEL: Auch das folgt demokratischen Spielregeln. Würden Sie den Sieg von Marine Le Pen, der in Ihrem Buch nicht stattfindet, vorziehen?
Houellebecq: Der Boykott, den die Linke und die bürgerlichen Konservativen über sie verhängen, führt in eine Krise der repräsentativen Demokratie. Die Ausgrenzung des Front national, die Allianz aller anderen gegen ihn, schafft eine schiefe und ungesunde Situation. Die Basis der bürgerlichen wie der nationalen Rechten wünscht sich ein Zusammengehen der beiden Parteien, nur die Parteichefs wollen es nicht.
SPIEGEL: Es ist doch legitim, eine Barriere gegen eine Partei der extremen Rechten zu errichten, an deren demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien zumindest Zweifel erlaubt sind?
Houellebecq: Es ist eine Falle. Es führt zu der schlimmsten Hypothese, die den Ausgangspunkt meines Romans bildet: dass bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2017 das Land immer weiter nach rechts rückt und dennoch wieder ein Sozialist gewinnt.
SPIEGEL: François Hollande also wiedergewählt wird. Ein linker Präsident in einem mehrheitlich rechts denkenden Land?
Houellebecq: Das ist eine echte Gefahr. Die wahre Bedrohung der Demokratie liegt in der wachsenden Kluft zwischen dem Volk und den politischen und medialen Eliten, die in seinem Namen zu sprechen vorgeben. Dann kann es meiner Meinung nach zu Unruhen kommen, zu etwas Chaotischem und vielleicht Gewalttätigem.
SPIEGEL: Was befürchten Sie konkret in diesem Fall?
Houellebecq: Zunächst, denke ich, würde eine beträchtliche Emigration einsetzen. Die Reichen und die ehrgeizigen, gut ausgebildeten Jungen würden das Land verlassen - all die Kräfte, die sich vom politischen System gehemmt und geknebelt fühlen und die die Linke wirklich hassen. Im schlimmsten Fall könnte sich der harte Kern der extremen Rechten radikalisieren und Gewalt gebrauchen. Ich glaube, dass die Gefahr eines Bürgerkriegs real werden kann, wenn Hollande oder ein anderer Sozialist 2017 zum Präsidenten gewählt wird. Vorher nicht.
SPIEGEL: Sie treiben Ihr Spiel mit dem Schrecken. Frankreich verfügt über funktionierende Institutionen, die einem solchen Szenario einen Riegel vorschieben.
Houellebecq: Frankreich hat tatsächlich ein paar Trümpfe. Die Armee ist sehr gut, die Polizei ist sehr gut. Das ist beruhigend.
SPIEGEL: Im Ernst? Hören Sie auf!
Houellebecq: Ich bezweifle, dass man sich in Deutschland eine klare Vorstellung vom Ausmaß der Krise in Frankreich macht. Frankreich hat sich in den vergangenen fünf, zehn Jahren stark zum Schlechten verändert. Deutschland nach meiner Beobachtung nicht oder kaum. Seit 40 Jahren versuchen die etablierten Parteien, die Medien, die Kulturschaffenden, den Vormarsch des Front national aufzuhalten. Sie sind gescheitert. Die Politik erschöpft sich im Gestikulieren vor den Problemen.
SPIEGEL: Die Politiker und die Journalisten kriegen in Ihrem Buch am meisten Hohn und Verachtung ab. Sie lassen sie als eine Bande von Hanswursten auftreten.
Houellebecq: Das entspricht doch den Tatsachen. Als ich vor gut drei Jahren aus dem Ausland nach Frankreich zurückkam, ist mir das als Erstes aufgefallen: der sich verbreiternde Graben zwischen den Menschen, die ihre Wirklichkeit erleben und erfahren, und den Eliten, die ihnen erzählen, wie sie die Wirklichkeit sehen sollen. Das und die zunehmende Ausdehnung der Armut, die sich in Paris sehr gut besichtigen lässt. Früher fanden sich die Obdachlosen an bestimmten Stellen ein, heute sind sie wirklich überall. Und es stimmt auch, dass es zunehmend rechtsfreie Zonen in den Banlieues rund um die großen Städte gibt, die nach ihren eigenen Gesetzen leben, in denen Frauen nicht unverschleiert auf die Straße gehen, in die sich die Polizei kaum noch hineintraut. Die Armee könnte die Ordnung wiederherstellen, sie hätte die Mittel dazu, aber so weit sind wir noch nicht.
SPIEGEL: Bewaffnete Soldaten patrouillieren schon überall, das wäre in Deutschland nicht vorstellbar. Haben Sie denn selbst einige Banlieues in Augenschein genommen?
Houellebecq: Ich habe Verbindungen nach Saint-Denis oder in Argenteuil. Und es gibt gute Dokumentationen über das Binnenleben der muslimischen Gemeinden in den Vorstädten. An den Attentaten hat die Franzosen am meisten aufgeschreckt, dass die Gefahr im Innern lauert. Das Problem ist nicht mehr die Immigration, sondern die gescheiterte Integration. Der Fremde ist einer von uns, ein Eingeborener.
SPIEGEL: Die Anschläge vom 7. Januar haben einen Ruck bewirkt. Die imponierende Demonstration vier Tage später legte davon Zeugnis ab.
Houellebecq: Ich habe darin nicht den Wunsch nach nationaler Einheit gesehen. Die wird es nicht geben. Trotzdem hatte diese gewaltige Kundgebung etwas Heilsames. Sie bewies, dass es eine große Anhänglichkeit an die Meinungsfreiheit in diesem Land gibt. Diese Botschaft haben die ausländischen Staats- und Regierungschefs mitbekommen.
SPIEGEL: Das zeigt doch auch, dass der Geist der Aufklärung in Frankreich noch weht, die "République des lettres" noch lebendig ist.
Houellebecq: Ja, es war eine Verbeugung vor der Kontinuität einer geistigen und literarischen Kultur, die noch vor die Aufklärung zurückreicht. Montaigne hat sich schon im 16. Jahrhundert über Religion geäußert, wie es zu der Zeit in kaum einem anderen europäischen Land möglich gewesen wäre. Die Literatur gehört zu den Bereichen, denen es in Frankreich noch gut geht.
SPIEGEL: Widerspricht diese Erkenntnis nicht der in Ihrem Roman aufgestellten These, dass die Aufklärung am Ende ist, sich erschöpft hat?
Houellebecq: Ich glaube, dass ein historischer und politischer Zyklus, der mit der Französischen Revolution 1789 begann, sich dem Ende zuneigt. Das republikanische Modell mit seinem Freiheits- und Gleichheitsideal zerbricht. Es hat den Menschen ein Versprechen gegeben, das es nicht halten kann. Wir wohnen einer Rückkehr des Religiösen bei. Ein Paradigmenwechsel, ein Prozess der Respiritualisierung ist im Gang. Das Glaubens- und Wertesystem verändert sich. Eine Gedankenströmung, die mit der Reformation begann und mit der Aufklärung ihren Höhepunkt erreichte, ist dabei, zu erlöschen.
SPIEGEL: Es mag ein metaphysisches Bedürfnis geben. Aber wie soll sich die Rückkehr des Religiösen anders als im Gewand des Obskurantismus manifestieren? Genau darin liegt doch das Problem des Islamismus - in seiner unerträglichen Regression.
Houellebecq: Der Rationalismus wird von immer mehr Menschen als erstickend empfunden. Es gibt eine spirituelle Macht, die noch aktiv ist und sogar wieder erstarkt. Das lässt sich am Erfolg gewisser Bücher und Filme wie "Der Herr der Ringe" ablesen. Der Atheismus weicht zurück, er stirbt an seinen eigenen Zweifeln. Ich teile die Ansicht des Philosophen Auguste Comte, dass eine Gesellschaft ganz ohne Religion nicht fortbestehen kann. Ihr droht die völlige Desintegration. Religiöse Werte und Normen, die die soziale Ordnung stärken, wirken angstlindernd und entlastend auf den Einzelnen.
SPIEGEL: Während die Freiheit und die Verantwortung, vor die sie das Individuum stellt, dieses leicht überfordern können? Jede Religion ist ein Entmündigungssystem. Die Pointe und die Zumutung Ihres Buchs geht schon aus seinem Titel hervor: "Unterwerfung".
Houellebecq: Ursprünglich wollte ich es "Bekehrung" nennen. Meine Hauptfigur sollte sich zum Katholizismus bekehren, so wie ihr Vorbild, der Schriftsteller Huysmans, gut ein Jahrhundert zuvor. Wozu soll es gut sein, autonom sein zu wollen, wenn man das nicht schafft? Mein Diskurs ist nicht ideologisch, sondern realistisch.
SPIEGEL: Würden Sie selbst gern an Gott glauben?
Houellebecq: Ja.
SPIEGEL: Aber es gelingt Ihnen nicht?
Houellebecq: Nicht oft. Ich sage mir, es wäre besser, einfach zu glauben und aufzuhören, darüber nachzudenken. Aber das schaffe ich nicht. Das geht wahrscheinlich den meisten so. So gesehen ist der Agnostizismus ein Tribut an die intellektuelle Ehrlichkeit. Ich will Ihnen etwas sagen, das Ihnen sonderbar vorkommen mag: Es fällt mir leichter, an Gott zu glauben, wenn ich auf dem Land bin.
SPIEGEL: Konfrontiert mit der Weite der Natur und dem gestirnten Himmel über Ihnen, fühlen Sie sich dem Schöpfer nahe?
Houellebecq: In der Stadt lebt man in einem dichten Netzwerk menschlicher und sozialer Beziehungen. Man geht wichtigen Tätigkeiten nach. Für mich ist jetzt dieses Gespräch mit dem SPIEGEL wichtig; auch Ihnen ist es wichtig. Sie haben sich vorbereitet und stellen mir komplizierte Fragen. Wie auch immer, in der Stadt sind wir nicht so intensiv in Berührung mit der Schöpfung, wie das am Anfang vorgesehen war. Die Erfahrung der Einsamkeit im Angesicht der Schöpfung führt uns auf eine ganzheitliche Betrachtung des Universums und auf eine theistische Vision der Welt zurück.
SPIEGEL: Die Ordnung des Universums ist ein starkes Argument für die Existenz Gottes, das der neue Rektor der islamischen Universität Paris in Ihrem Roman anführt. Auch Einstein glaubte, die Struktur des gesamten Weltalls könne nicht aus einem Zufall entstanden sein.
Houellebecq: In meinen Augen ist es das eindrücklichste Gottesargument. Das ergreifendste indes ist die Teilnahme an einer Beerdigung.
SPIEGEL: Die Erfahrung der Sterblichkeit erschüttert die existenzielle Selbstgewissheit des Menschen?
Houellebecq: Der Tod ist den meisten Menschen unerträglich, sie würden gern an ein Leben danach glauben. Nach dem Tod eines nahen Angehörigen suchen sie Trost im Gedanken an Gott.
SPIEGEL: Haben Sie das auch so erlebt? Ihren Romanhelden François lässt der Tod der Eltern ziemlich kalt.
Houellebecq: Das ist unendlich traurig. Ich entnehme meine Ideen dem wirklichen Leben, aber mein Vater war ganz anders als der im Buch beschriebene, auch sein Tod. Doch es ist schon etwas dran, dass mein Atheismus die Todesfälle in meiner Umgebung nicht überlebte. Vielleicht war ich auch nie ein wirklicher Atheist, nur ein Skeptiker, ein Agnostiker.
SPIEGEL: Warum sind Sie nicht bei Ihrer Ursprungsidee geblieben, den Katholizismus in den Mittelpunkt Ihres Buches zu stellen? Trauen Sie ihm weniger Vitalität zu als dem Islam?
Houellebecq: Persönlich bin ich überzeugt, dass noch viel Kraft im Katholizismus steckt. Ich glaube, er hat Zukunft, obwohl sich die Entwicklung im Buch anders darstellt. Der Protest gegen die gleichgeschlechtliche Ehe brachte in Frankreich ungeheure Menschenmengen auf die Straße, darunter eine neue Generation junger Katholiken, modern, offen, sympathisch, brüderlich, leuchtend, wie ich sie nie gesehen hatte. Ganz anders als die alten Traditionalisten oder die Progressisten, die in Wahrheit verkappte Protestanten sind. Der Protestantismus als Geist der Aufklärung ist der Niedergang des Katholizismus, in der Kunst wie im Glauben.
SPIEGEL: In Ihrem Roman scheint ein Ausgleich zwischen diesem neuen, erstarkenden Katholizismus und einem moderaten Islam möglich. Eine Perfidie des Autors oder eine reale Perspektive?
Houellebecq: Der Islam hat natürlich einige Probleme mit der Glaubensbotschaft der Evangelien. Für Muslime ist der Abstand zwischen Gott und dem Propheten unüberwindbar. Die Menschwerdung des Gottessohns, und damit die Existenz einer Mutter Gottes, mehr noch der Opfertod Christi am Kreuz, der Triumph des Gekreuzigten - das alles missfällt den Muslimen in hohem Maße. Sie verstehen es nicht. Ehrlich gesagt, ich verstehe es auch nicht.
SPIEGEL: Aber es beeindruckt Sie?
Houellebecq: Lesen Sie die Szenen in meinem Buch über die Betrachtung der schwarzen Muttergottes in der Wallfahrtskapelle des Dorfes Rocamadour! Könige, Krieger, Ritter pilgerten im Hochmittelalter zu ihr. Feldzüge wurden unter dem Banner der Jungfrau geführt. Das ist absolut verblüffend. Eine Frau! Eine solche Überhöhung der Frau!
SPIEGEL: Ihr Erzähler François versenkt sich in den Anblick der Madonna, doch die Bekehrung zum katholischen Glauben gelingt nicht. Die Bekehrung zum Islam ist für ihn viel praktischer.
Houellebecq: Die Wendung zum Katholizismus wäre denkbar gewesen. Auch das hätte ein pikantes Buch ergeben können. Aus dramaturgischen Gründen habe ich den Islam siegen lassen, weil die Freundin von François jüdisch ist und der Konflikt zwischen Juden und Muslimen ihre Familie zur Auswanderung nach Israel treibt.
SPIEGEL: Auch das ist inzwischen Realität in Frankreich.
Houellebecq: Ich kann verstehen, dass Juden sich in bestimmten Vierteln nicht mehr sicher fühlen. Mein Zahnarzt will weg aus Saint-Denis, anderswohin in Frankreich. Israel ist nicht die einzige Alternative.
SPIEGEL: Für François im Roman ist sie gar keine. Er arrangiert sich mit dem Islam. Geben Sie damit nicht den irrationalen Befürchtungen von einer Islamisierung des Abendlandes Nahrung?
Houellebecq: Am Ende steht bei mir doch eine Befriedung der Gesellschaft! Ich weise auf ein politisches Paradox hin. Die Muslime sind konservativ in ihren gesellschafts- und familienpolitischen Ansichten. Sie können jedoch nicht rechts wählen, weil die extreme Rechte latent oder offen rassistisch ist und die Einwanderung bekämpft. Sie können aber eigentlich auch nicht links wählen, weil die Linke über Sex, Ehe und Frauen libertäre Meinungen vertritt. Was sollen sie tun? Die Lösung bestünde in der Gründung einer eigenen Partei, der muslimischen Bruderschaft.
SPIEGEL: Die in Ihrem Roman dann mithilfe der Linken an die Macht kommt.
Houellebecq: Ich stelle die Linke in Frankreich vor einen fundamentalen Widerspruch: Aus Angst vor Islamophobie und Rassismus - obwohl das wirklich nicht dasselbe ist - lässt sie den Muslimen ihre antiliberalen Prinzipien durchgehen. Die Gleichstellung der Frau, die Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe - das ist für die Muslime in Frankreich schwer erträglich, für die Linke aber wesentlich.
SPIEGEL: Im Roman geben die Sozialisten ihren Laizismus auf, um sich nicht dem Vorwurf des Rassismus auszusetzen. Sie machen die konservative geistig-moralische Wende unter einem muslimischen Präsidenten mit.
Houellebecq: Ha, das hat den Linken an meinem Roman gewaltig missfallen. Ich suche nicht die Provokation, ich mache meine Arbeit: Widersprüche aufdecken, Schwachstellen in der Gesellschaft finden, den Finger auf die Wunde legen und kräftig zudrücken. Die Idee des Rassismus terrorisiert die Linke so, dass sie den Muslimen alles erlaubt, fast alles.
SPIEGEL: Ganz bestimmt nicht die Unterdrückung der Frau. Da gibt es in den westlichen Gesellschaften kein Zurück mehr.
Houellebecq: Ich halte das für möglich. Die Rückkehr des Patriarchats ist denkbar. Die Befreiung der Frau ist ein weicher Fortschritt. Die Emanzipation ist noch nicht so lange her, dass sie nicht rückgängig zu machen wäre.
SPIEGEL: Für die jungen Frauen ist sie längst eine Selbstverständlichkeit, eine unumkehrbare Errungenschaft.
Houellebecq: Ich weiß nicht, man weiß nie. Man kann nie genau wissen, was die Frauen wollen.
SPIEGEL: Vielleicht kann man aber wissen, was sie nicht wollen.
Houellebecq: Die Frauen bilden keinen einheitlichen Block. Sie wollen nicht alle dasselbe. Der Feminismus hat kein überzeugendes Narrativ, keinen geschlossenen Diskurs hervorgebracht.
SPIEGEL: Halten Sie den Feminismus für eine ideologische Verirrung?
Houellebecq: Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ... ich weiß nicht. Das Problem wird ziemlich gut von Simone de Beauvoir abgebildet. Es hat sich seit dem Erscheinen von "Das andere Geschlecht" 1949 nicht so sehr verändert. Ist es keine biologische, sondern eine soziale Tatsache, eine Frau zu sein? Dieser Standpunkt lässt sich vertreten, aber er hat Folgen, denn er impliziert als Ideal die Ablehnung der Mutterschaft, weil Mutterschaft nach Beauvoir immer noch die geschickteste Art ist, Frauen zu Sklavinnen zu machen. Und das bedeutet nach Abzug der Ideologie: Der Feminismus widerlegt sich selbst, er stirbt aus, da er sich nicht reproduziert.
SPIEGEL: Die Machtstrukturen, die sich aus bestimmten Bildern der Frau und des Mannes ergeben, werden doch nicht biologisch vererbt, sondern kulturell weitergereicht.
Houellebecq: Demografisch steht der Feminismus auf der Verliererseite. Diejenige Bevölkerung, die die meisten Kinder hervorbringt, gewinnt. Sie gewinnt die Mehrheit und setzt ihre Werte durch. Die Reproduktion der Werte folgt der biologischen Reproduktion, das ist die Regel und die Norm.
SPIEGEL: Die Rebellion der 68er hat das Gegenteil bewiesen.
Houellebecq: Eine historische Ausnahme! Der Aufstand gegen die Werte der Eltern ist der Sonderfall. Das patriarchalische System ist im Vorteil, nicht weil es das bessere ist, das behaupte ich nicht, sondern ganz einfach, weil die Paare, die nach diesem Modell leben, mehr Kinder zeugen und gebären. Die höhere Zahl setzt sich durch. Das ist letztlich das Verstörendste an meinem Buch: die Unterwerfung unter die Biologie. Ideologisch ist die Religion das beste Unterwerfungssystem. Denn sie liefert die Grundlage des Patriarchats: Der Mensch ist Gott unterworfen und die Frau dem Mann. Punkt, Schluss, aus.
SPIEGEL: Das ist schockierend. Es bestätigt die Befürchtungen der nationalen Rechten, dass die einheimische Bevölkerung der westeuropäischen Länder aufgrund der höheren Geburtenrate der muslimischen Zuwanderer ausgetauscht, ersetzt, abgeschafft wird. Das ist rechtsradikales Gedankengut.
Houellebecq: Ja, ja, das ist schockierend. Es ist ein rechter, identitärer Standpunkt, der aber durchaus seinen Sinn hat. Ehrlich gesagt, was ich denke, ist ziemlich irrelevant. Mein Talent besteht darin, Wirkungsmächte in der zeitgenössischen Gesellschaft ausfindig zu machen. Und der Wunsch nach Unterwerfung ist eine Kraft, die wieder wirksam wird. Die Religion hat dabei die Nase vorn, denn alle anderen Unterwerfungssysteme, Nationalismus, Faschismus, Kommunismus, sind im Abseits der Geschichte gelandet. Sie kommen nicht mehr infrage. Die Aufklärung ist am Ende. Der Humanismus ist tot. Der Laizismus, vor über 100 Jahren erfunden von Politikern, die im Atheismus die Zukunft sahen, ist tot. Die Republik ist tot.
SPIEGEL: Sie gehen in Ihrem Roman noch einen Schritt weiter. Sie suggerieren, dass Unterwerfung glücklich macht.
Houellebecq: Glücklich machen kann. Das ist ein Standpunkt, der immerhin interessant ist.
SPIEGEL: Dabei entwerfen Sie eine anscheinend sehr bescheidene Vorstellung vom Glück: eine stabile Partnerschaft, die ordnende Hand einer Frau, einfache, jedoch gut zubereitete Mahlzeiten statt Fertiggerichte aus der Mikrowelle, ein Gespräch in einer Tafelrunde mit Freunden.
Houellebecq: Das Außerordentliche daran ist, dass selbst dies unerreichbar ist. Huysmans, der literarische und geistige Weggefährte meines Erzählers François, suchte nichts anderes - und bekam es nicht. Meinen Romanhelden auf den Spuren von Huysmans durchzuckt plötzlich die Erkenntnis, dass er es auch nicht schaffen wird.
SPIEGEL: Inwieweit sind Sie ein Mensch, der in seiner Figur gegenwärtig ist?
Houellebecq: François ist keine Projektion meiner selbst. Ich forme die Figur nicht aus autobiografischen Versatzstücken. Wie soll ich das erklären, ich will nicht ins Mystische abgleiten. Aber was die eindringliche Nähe zwischen einem Autor und seiner Figur schafft, eine menschliche Verwandtschaft, das ist das Ergebnis von Poesie. Eine poetische Empathie, die sich außerhalb jedes intellektuellen oder ideologischen Diskurses entwickelt. Der Punkt ist nicht, dass ich die Thesen oder Meinungen meiner Figuren teile, sie für falsch oder richtig halte. Ich untersage mir aber nicht, sie in diese und jene Richtung denken zu lassen. Vor allem darf man als Autor nicht versuchen, zu viel Kontrolle auszuüben, zu sehr daran zu denken, wie das, was meine Figuren tun und sagen, von der Kritik und dem Publikum wohl aufgenommen werden wird. Der Autor ist ein Mensch, der alles Menschliche des Seins auslotet. Das ergibt einen verallgemeinerten Relativismus, der sich als Haltung auf den Autor überträgt. Ich bin kein engagierter Schriftsteller, ich schreibe nicht wie Sartre oder Camus, ich bin für nichts, ich weiß nichts.
SPIEGEL: Sie scheuen die Öffentlichkeit, Sie haben Ihr eigenes Verschwinden und Ihre Ermordung künstlerisch inszeniert, Sie haben lange wie ein Eremit in Irland und in Spanien gelebt. Wenn Sie an die Zukunft Frankreichs denken, wie sie in Ihrem Roman geschildert wird, sehnen Sie sich dann wieder nach dem Exil?
Houellebecq: Nein, ich werde lediglich Ferien machen. Ich brauche Ferien.
SPIEGEL: Was haben Sie so lange in Irland gemacht? Haben Sie sich nicht gelangweilt?
Houellebecq: Doch. Zugleich schafft die Langeweile irgendwie die ideale Bedingung des Schreibens. Irland ist schon ziemlich speziell. Ich wollte zurückkommen, weil es mich ermüdete, Englisch zu sprechen. Ich wollte wieder Französisch sprechen. Ich glaube, das war der Hauptgrund.
SPIEGEL: Fehlte Ihnen die französische Umgebung als Ideenlieferantin, als Beobachtungsszene?
Houellebecq: Gute Frage, aber trotz des Anscheins ist mein Roman gar nicht spezifisch französisch. Ich glaube, ich hätte eine ganz ähnliche Geschichte auf englische Verhältnisse übertragen können.
SPIEGEL: Und auf deutsche?
Houellebecq: Ach, ich sagte ja bereits, mein erster Eindruck ist, Deutschland ist so geblieben, wie ich es schon vorher gekannt habe. Frankreich ist nostalgisch, es träumt seiner verlorenen Souveränität und Unabhängigkeit hinterher. Deutschland ist melancholisch, es möchte am liebsten im europäischen Nirwana aufgehen.
SPIEGEL: Michel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Ein Bürgerkrieg wird möglich, wenn François Hollande wiedergewählt wird."
"Das Problem ist nicht mehr die Immigration, sondern die gescheiterte Integration."
Das Gespräch führte Redakteur Romain Leick.
Von Romain Leick

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Literatur:
„Ich weiß nichts“

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