28.02.2015

PopMasken

Die isländische Sängerin Björk wird im New Yorker Museum of Modern Art, dem wichtigsten der Welt, zur Kunst erklärt. Seltsam.
Jeder kennt Björk. Was einigermaßen erstaunlich für einen Popstar ist, von dem kaum jemand spontan ein Lied pfeifen kann. Sie ist so berühmt, dass sie keinen Nachnamen braucht. In der Liga gibt es sonst nur noch Madonna und Cher. So groß, und das ohne einen Welthit.
In der kommenden Woche eröffnet das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) eine große Björk-Retrospektive, sie ist die erste Popkünstlerin, der diese Ehre zuteilwird, das MoMA bezeichnet sie als eine der "prägenden Kunstschaffenden unserer Zeit". Verteilt auf verschiedene Räume, wird ihr Werk und Leben zu sehen und zu hören sein: ihre Videos, in einem Raum werden Instrumente automatisch spielen, und es wird eine Klangbild-Installation des Songs "Black Lake" geben, den sie auf ihrem neuen Album "Vulnicura" veröffentlicht hat. Eine größere Bühne als das MoMA hat die Kunstwelt nicht.
Was das Museum von Björk will, ist klar: den Kunstbegriff erweitern, ein neues Feld erschließen, vorn dran sein. Hier begann auch der Weg der Elektropopgruppe Kraftwerk in die Kunstwelt, als die Band dort vor drei Jahren acht Konzerte hintereinander gab.
Was Björk im MoMA sucht, ist weniger offensichtlich. Möglicherweise glaubt sie, dass sich ihre aufwendigen Projekte mit dem Geld der Kunstwelt zukünftig besser finanzieren lassen können als mit den kleiner werdenden Budgets der Musikindustrie. Aber das wäre schon fast zu viel Kalkül für eine Künstlerin, deren Lebensthema der Eigensinn ist.
Ob es die Inszenierungen als Roboter, als Fabelwesen, als Naturkind oder als bärtige Frau waren, die sie für ihre Videos und Auftritte entwickelte - in immer neuen Verfremdungen hat sie sich und diesem Eigensinn ständig neue Gestalten gegeben: unangepasst, eigenartig, selbst ausgedacht. Große Popstars sind immer beides, authentisch und künstlich, aber selten so eigenartig.
Für ihre Musik bedient Björk sich bei den Klängen des elektronischen Underground. Aber wenn man das Geplocker und Geknurpsel einmal wegdenkt, hat sich über die Jahre recht wenig getan: Ihre Lieder kreisen um die Ausdruckskraft ihrer Stimme. Und die kennt eben doch jeder, diese Stimme ist der Hit-Ersatz, der Sound, der ihr Schaffen zusammenhält.
Dann ist da noch Island, dieses alte Volk in einem jungen Staat, der erst seit 70 Jahren unabhängig ist und dessen Aufstieg zur modernen Kulturnation eng mit Björks Karriere verbunden ist. Island hat die Industrialisierung übersprungen, ist von der Agrar- und Fischfangnation zur postindustriellen Gesellschaft geworden. Wie Björk immer wieder Natur und Technik verbindet, Animismus und Digitalisierung, das hat viel mit ihrer Heimat zu tun.
In Island gab es das Gefühl der Entfremdung des Menschen von der Natur nicht wirklich, anders als in den Gesellschaften, die einmal um die Fabrikarbeit herum organisiert waren. Von den Achtzigern bis zum Bankencrash 2007 war die isländische eine wunderbar pubertierende Gesellschaft - euphorisch, getragen vom Tatendrang der Weltentdeckung nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft, Armut und Selbstgenügsamkeit, befeuert von scheinbar ewig wachsendem Wohlstand.
Damit ist es vorbei. Für Island und auch für Björk. Dass sie unter all ihren Masken vor allem eine alleinerziehende Mutter ist, die es nicht geschafft hat, ihre Ehe zu retten, ist die ernüchternde Erkenntnis von "Vulnicura", ihrem neuen Album, das eigentlich zeitgleich zur Ausstellungseröffnung erscheinen sollte und dessen Veröffentlichung vorgezogen wurde, als es vor einigen Wochen illegal im Netz auftauchte.
Die Kritik hat "Vulnicura" bejubelt, was wohl eher der radikalen Geste gilt als der Musik selbst. "Vulnicura" ist ein Konzeptalbum über Björks Trennung von Großkünstler Matthew Barney, mit dem sie 13 Jahre zusammen war und mit dem sie eine Tochter hat. Es ist das wahrscheinlich schonungsloseste Trennungsalbum seit Marvin Gayes Abrechnungsmeisterwerk "Here My Dear", selbst befragend, zweifelnd, auch verzweifelt.
"Vulnicura" ist anstrengend - so anstrengend wie das nächtelange Gespräch mit einer alten Freundin oder einem alten Freund, dem das Gleiche passiert ist. "Habe ich dich zu sehr geliebt?", singt Björk.
In der Ausstellung kann man ihr nun dabei zuschauen, wie die unglückliche Singlefrau wieder zur Kunst wird: Das Video "Black Lake" zeigt sie als Ophelia, die Geliebte von Shakespeares Hamlet, die vor Kummer dem Wahnsinn verfällt und ertrinkt. Fast nackt liegt sie in einer dunklen Grube, bedeckt nur von Pflanzen, wasserartige Lava fließt aus ihr heraus, während sie singt. Mitpfeifen geht immer noch nicht.
Große Popstars sind immer beides, künstlich und authentisch. Aber selten sind sie so eigenartig wie Björk.
Von Ulrike Knöfel und Tobias Rapp

DER SPIEGEL 10/2015
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