28.02.2015

FernsehkritikPapa ist zu cool

Die US-Serie „Transparent“ über einen Vater, der sich entscheidet, Frau zu sein, ist so komplex wie Familien selbst, nur lustiger.
Wachstum und Verbindung, so der Neurobiologe Gerald Hüther, sind die ersten Erfahrungen des Menschen, nämlich die des Fötus im Mutterleib. Und jede Biografie ist, so gesehen, auch der Versuch, diese beiden Dimensionen in Einklang zu bringen: die Individualität zu entwickeln und dabei mit anderen in Verbindung zu bleiben.
So könnte es lauten, das Skript hinter dem Skript zu der Familienserie "Transparent", die Regisseurin Jill Soloway für Amazon entwickelt hat und die gerade mit zwei Golden Globes ausgezeichnet wurde. Nur ist "Transparent" viel komischer. Und es gibt eine Menge Sex. Die einzige Figur, die ganz offensichtlich keinen hat, ist die, um deren Sexus es geht. Was auch wieder komisch ist.
Wir befinden uns in der Gegenwart in Los Angeles. Das Oberhaupt der Familie, der emeritierte Politikprofessor Mort Pfefferman (dargestellt von Jeffrey Tambor), hat sich entschieden, ein lebenslanges Versteckspiel zu beenden: Von klein auf hat er sich falsch in seinem Körper gefühlt. Er hat bis zu seiner Scheidung vor etwa 20 Jahren eine konventionelle Ehe geführt, er hat ein Haus gebaut, drei Kinder gezeugt, vermutlich auch einen Baum gepflanzt und sicher mehr als ein Buch geschrieben. Nun will er leben, wie es zu ihm passt. Soll das heißen, fragt seine älteste Tochter, dass du dich von
nun an als Frau verkleiden willst? Meine Liebe, antwortet er, gewandet in eine leichte, gemusterte Tunika, ich habe mich mein Leben lang als Mann verkleidet. Er nimmt ihre Hand, führt sie an seine Brust und sagt: "That's me." Dann schließt er die sorgsam geschminkten Augen.
Seine Stimme und seine Geste lassen viel Spielraum für Interpretation. Die Bitte um Verständnis schwingt darin, vielleicht auch um Verzeihung, das Pathos eines Bekenntnisses, Sentimentalität und Ironie. Dass er Sarah in diesem Moment nicht ansieht, kann zu ihrem oder zu seinem Schutz sein. Wir wissen es nicht, und er weiß es möglicherweise auch nicht. Sarah, die Älteste, wird es so nehmen, wie sie es versteht. Darüber mit ihren Geschwistern sprechen, mit ihrem Bruder Joshua und ihrer Schwester Ali, und hören, wie sie dieses Coming-out verstehen. Wie sie über sich selbst reden, während sie über Daddy reden. Wie sie diese merkwürdige Sache zu meistern versuchen, die wie von selbst geschieht und permanent mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet, und mehr Probleme hervorruft, als sie je lösen kann: Kommunikation.
Dass Sarah ihren Vater in Frauenkleidern erwischt, während er sie dabei ertappt, wie sie mit einer Ex-Freundin vom College gerade Ehebruch begeht, ist nur ein kleiner Stolperstein auf diesem Weg geradewegs in die Verwirrung. Eigentlich war es anders geplant, eigentlich wollte Mort, der sich nun Maura nennt, seinen erwachsenen Kindern bei einem Abendessen im Elternhaus die Wahrheit sagen, wie es sich gehört, mit Würde und Offenheit. Aber wie es so ist in den meisten Familien: Es ist so schwer, sich ausreden zu lassen und einander zuzuhören, während emotionale Ladungen in der Größe eines Tanklasters, aber mit Blitzgeschwindigkeit hin und her gehen, während jede und jeder Einzelne gleichzeitig alles will - Aufmerksamkeit und Verständnis, Zuneigung und Entlastung von den eigenen Projektionen, von Schuldgefühlen, Aggression und Ängsten. Jeder Versuch der Kontrolle führt nur zu noch mehr Anarchie. Nur ein Zeuge, irgendein Mensch, der die Außenwelt repräsentiert, kann das muntere Chaos der Beziehungen vorübergehend bändigen. So zum Beispiel die junge Rabbinerin, die in einer der vielen vital kritischen Situationen der Familie Pfefferman hinzugezogen wird. Doch es dauert keine drei Minuten, und schon ist sie Teil des Systems - schließlich könnte sie, klug, hübsch und ledig, die Richtige sein für den attraktiven Nymphomanen Josh, Morts Sohn.
Wie Jill Soloway das dynamische System Familie durch die Wirklichkeit trudeln lässt, ist phänomenal intelligent - und hält deshalb die moralische Urteilskraft des Zuschauers sowie seine Affekte permanent in Bewegung. Da alle Pfeffermans von existenziellen finanziellen Sorgen entlastet sind, haben sie Zeit genug, ihren Wünschen zu folgen und so immer neue Probleme zu kreieren: Dazu gehören leichte und ernstere Affären, kleinere Desaster im Beruf und Selbsthilfe mit Drogen. Als Mort alias Maura ihr Coming-out mit ihrer Selbsthilfegruppe feiern will, stellt sie fest, dass die meisten als Anonyme Alkoholiker oder auch anders endgültig Nüchterne - "I'm sober", "Ich bin sauber", wie die Formel heißt - jeglichem Laster abgeschworen haben. Während seine Tochter Ali, randvoll mit psychedelischem Stoff, ihn voller Zuneigung zu Hause empfängt und sein Bekenntnis mit Begeisterung entgegennimmt. Erst am nächsten Morgen, als sie verkatert mit ihm in der Kosmetikabteilung einer Shopping-Mall sitzt und sie sich beide schminken lassen, wird ihr klamm. Transgender-Leute bis etwa Mitte vierzig sind in der Uni sehr cooles Personal. Der eigene Vater aber wäre ihr etwas weniger cool lieber. Ambivalenzen sind theoretisch interessanter Stoff, im Erleben eher unangenehm.
Und schließlich, wie nennen wir ihn nun, fragt sie ihre Schwester. Vielleicht Mopa?
Zu sehen über den Streaming-Dienst Amazon Prime Instant Video.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 10/2015
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