10.05.1999

HANDBALLDer Linksaußen

Stefan Kretzschmar ist der Anti-Typ des alerten Stars, wie ihn sich die Sportindustrie wünscht. Als leidenschaftlicher Provokateur aus Magdeburg wurde er so zu einer politischen Figur. Der Nationalspieler bedient die Sehnsüchte nach einer neuen Ost-Identität.
Die Geschäftsreisenden aus dem Frankenland stochern etwas verspannt im Hühnerfrikassee. Nicht nur, daß "die hier in Magdeburg Preise haben wie bei uns". Am Nebentisch im Garten des Cafés "Paradiso" sitzt auch noch dieser befremdliche Ossi - ein junger Mann mit Ziegenbart und lila Sonnenbrille. In jeder Augenbraue steckt ein Piercing, um seinen Hals baumelt eine dicke Kette mit einem herzförmigen Amulett.
Es handelt sich um den Handballprofi Stefan Kretzschmar. Über ihn hat ein Kollege mal gesagt: "Der hat für mich 'nen Totalschaden." Das sehen die Gäste aus Bayern jetzt auch nicht anders.
Vorhin kam Kretzschmar, 26, mit quietschenden Reifen vorgefahren und riß die Herrschaften aus der Mittagsruhe. Jetzt sitzt er provokant mit halbgeöffnetem Mund auf einem Stuhl und klappert mit seinem Zungenpiercing an den Zähnen.
Da plötzlich posaunt er, für die Tischnachbarn unüberhörbar, ein Problem mit seinem Ohrstecker in die Öffentlichkeit: "Det Ding is' so groß, da sammelt sich der Schweiß, und jetzt fängt det an zu stinken. Is' det nich' eklig?"
Indigniert verläßt die fränkische Reisegruppe die Lokalität. Der Störenfried guckt, als sei nichts gewesen, und grummelt: "Hab' ick die Wessis erschreckt?"
Es wäre nicht das erste Mal. Stefan Kretzschmar, Linksaußen der Nationalmannschaft, gefällt sich in der Rolle des Bürgerschrecks. Der hochdekorierte Mann (1994 und 1995 "Handballer des Jahres"), der Ende April mit dem SC Magdeburg den europäischen EHF-Pokal gewann und der in drei Wochen die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes bei der Weltmeisterschaft in Ägypten anführen soll, gilt als "bad boy" des deutschen Sports.
Denn nicht nur, daß der gebürtige Ost-Berliner mit dem breiten Akzent einen Habitus pflegt, der eher Mitgliedern von Heavy-Metal-Bands eigen ist: Wann immer sich die Gelegenheit bietet, legt sich dieser Alptraum aller Schwiegermütter auch noch mit seinen Funktionären an - gleich ob mit denen im kleinen Handball-Bund oder jenen im großen IOC: Deren "Starrsinn" sei unerträglich.
Kretzschmar macht es sich nicht leicht. In einem Gewerbe, in dem ein sauberes Image den Geschäftsgang nachhaltig befördert, wirkt ein derart rebellisches Wesen für gewöhnlich karrierehemmend. Wann immer dem deutschen Sport zuletzt ein neuer Held erwuchs, war auf eines Verlaß: Ob bei Jan Ullrich, dem stillen Rostocker, der die Nation aufs Rad setzte, oder Martin Schmitt, dem Ski-Flieger mit dem Chorknabengesicht - immer bemühen sich Berater und Sponsoren darum, daß neben der Leistung auch eine knitterfreie Vita die Vermarktung erleichtert. Stefan Kretzschmar jedoch hat dieses Gesetz außer Kraft gesetzt: Denn der Handballprofi taugt nicht nur dafür, seinen Sport aus der Randlage zu befördern. In den neuen Bundesländern gilt er vielen als einer, der es wagt, sich gegen das schnieke West-Establishment aufzulehnen: Ost-Identität im Punk-Look.
"Unsere Antwort auf Rüpel-Rodman", titelte bereits "Bild" und präsentierte die ostdeutsche Variante des schrillen US-Basketballers mit blankem Oberkörper - oder besser: was davon noch zu sehen ist. Denn längst sieht der Körperschmuck-Fetischist aus wie eine menschgewordene Wanderausstellung. Zwölf Tätowierungen zieren seinen Oberkörper, darunter ein flammendes Herz auf der Brust und ein Bullenschädel um den Bauchnabel.
Doch im Gegensatz zu Dennis Rodman pflegt Stefan Kretzschmar sein schräges Image nicht nur, weil damit eine Marktlücke zu besetzen ist. Als Jugendlicher war er weder radikal noch politisch, aber er hatte ein Erlebnis, das bis heute unvermindert seine Sicht auf Deutschland prägt.
Kretzschmar wächst zu Zeiten der DDR in behüteten Verhältnissen auf. Seine Eltern werden vom Staat begünstigt, weil sie erfolgreiche Sportler waren - Vater Peter brachte es zum Handball-Auswahltrainer, Mutter Waltraud wurde dreimal Weltmeisterin mit der DDR. Der Sohn trägt blonde Locken und rote Cordhosen. Bei den Jungen Pionieren gilt der Gruppenratsvorsitzende Kretzschmar als vorbildliches Mitglied.
Dann aber kommt die Wende, und der Pennäler entdeckt Kreuzberg als sein Revier. Von seinen Erlebnissen kehrt er mal als Gruftie, mal als Punk verkleidet zurück.
Er ist 16 Jahre alt, als er mit einem Kumpel nachts durch Berlin-Friedrichshain zieht. Sie haben schwarze, verschlissene Lederjacken an, so wie man sie seinerzeit in der Szene trägt. Am U-Bahnhof warten sie auf den Zug. Der kommt nicht, statt dessen aber ein Dutzend Skinheads auf "Zeckenjagd". Kretzschmar hat Glück, ihn schlagen sie nur bewußtlos. Seinen Freund prügeln sie tot.
Stefan Kretzschmar starrt mit weit aufgerissenen Augen ins Nichts, als er von dem Tag erzählt, an dem er begann, "Deutschland zu hassen". Der Handball, aber auch seine laute Art, haben ihm geholfen, seine Wut zu kompensieren.
Er hat sich so in der Nische des Sonderlings eingerichtet. In seinem Wohnzimmer steht ein Whirlpool, von dem aus er fernsehen kann: "Das war schon immer ein Traum von mir."
Demnächst zieht er um. Mit seiner Frau Maria, einer Kubanerin, und seinen zwei WG-Genossen - einem Tätowierer und einem Fotografen - bezieht er das 300-Quadratmeter-Loft einer Fabrik. Aus dem Boden des ehemaligen VEB Kombinats "Senf und Essig" wuchert zwar derzeit noch Gras. Doch das stört ihn nicht: "Ich spiele ja auch gerne Golf."
Jene, die sein sportliches Schaffen begleiten, sprechen von dieser Aufgabe wie von einem Selbsterfahrungstrip im Steinbruch. "Die Leute wissen ja gar nicht, wie schwer es ist, mit ihm umzugehen", stöhnt Bernd-Uwe Hildebrandt, der Manager des SC Magdeburg. Den kritisierte sein Star unlängst via Fernsehen, weil sich Hildebrandt auch gern zu sportlichen Belangen äußert. "Da soll er sich gefälligst raushalten", schnauzte Kretzschmar.
Einen "unheimlichen Spaß am Provozieren" hat Nationalcoach Heiner Brand ausgemacht, der Kretzschmar auch als Vereinstrainer bei dessen dreijährigem Gastspiel für den VfL Gummersbach betreute. Vor allem was Trainingszeiten angehe, nehme es der "gute Stefan" nicht immer so genau: "Es ist schon ein Kampf."
Versuche, das schräge Naturell zu begradigen, schlugen fehl. Als ihn in Gummersbach ein Gönner dazu anhielt, sich mal eine anständige Frisur zuzulegen, und ihm dafür 5000 Mark bot, konterte Kretzschmar das unmoralische Angebot prompt - er färbte sich die Haare blau.
Seine Rückkehr in den Osten vor drei Jahren wurde in Magdeburg zunächst mit Argwohn beobachtet. Daß Kretzschmar zur Vertragsunterzeichnung seinen Bart, um Identifikation auszudrücken, in den Vereinsfarben Grün und Rot gefärbt hatte, galt den zurückhaltenden Menschen vor Ort nur als Indiz dafür, dem ausgefeilten Marketingkonzept eines Selbstdarstellers aufgesessen zu sein.
Denn eigentlich paßt Kretzschmar zum SC Magdeburg wie eine Nietenlederjacke zum Kirchweihfest. Vor den Spielen hüpft eine alberne Cheerleader-Truppe in blauen Röckchen übers Parkett. In den Pausen dudeln deutsche Schlager.
Doch mit der Zeit hat sich um den Spieler ein Kult entwickelt, wie ihn die traditionsreiche Handballstadt - zehnmal war der Verein DDR-Meister - bis dato nicht erlebte. Wenn die Mannschaft einläuft, dröhnt vom Band, Reminiszenz an den Granden, nicht Volksmusik, sondern Hardcore-Rock der Band "Rammstein". Ins Goldene Buch der Stadt mußte sich Kretzschmar eintragen. Und seine Kneipe, das "K 73", eine rustikale Schenke in einem alten Kellergewölbe, ist zum Wallfahrtsort der Anhänger geworden. Dort sitzen sie dann vor Schaukästen, in denen ihr Liebling Trikots aus alten DDR-Jugendauswahl-Zeiten ausstellt, und lassen ihn bei Hasseröder vom Faß hochleben. Der Renner am Devotionalienstand neben dem Tresen ist ein Fanschal mit eindeutiger Aussage: "Stefan Kretzschmar Handballgott".
An einer Ampelkreuzung im Stadtzentrum erhält der König von Magdeburg einen weiteren Beleg für seine Popularität. An ihm vorbei rumpelt eine Straßenbahn, auf die die örtlichen Verkehrsbetriebe sein Konterfei gemalt haben. Kretzschmar hält einen Moment inne, dann versucht er eine Deutung: "Ich glaube, die Leute mögen mich, weil sie wissen, daß ich sie verstehe."
Er weiß schließlich, was der Dauerkarteninhaber des SC Magdeburg denkt; denn Kretzschmar, im Grunde seines Herzens so ostdeutsch wie Rotkäppchen-Sekt, denkt nicht anders: Aus dem Stand kann er sich über die Yuppies aus dem Westen echauffieren und deren "üble Siegermentalität". Was haben, fragt er gallig, "diese Abwickler" dem Osten schon gebracht? "Der Graben zwischen uns und denen wird immer tiefer."
Das politische Sendungsbewußtsein hat den Sportler zu einem gefragten Mann gemacht. Zuletzt erhielt er das Angebot, in einem Film über die ostdeutsche Jugend mitzuspielen. Und dann war da natürlich noch die Sache "mit dem Gerhard". Kretzschmar nennt jeden mit Vornamen, auch wenn es sich, wie in diesem Fall, um den Bundeskanzler handelt.
Der "Gerhard" also verhalf ihm zu einem Auftritt, den sie in Magdeburg nicht vergessen werden. In seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit 1998 in Hannover zitierte der damalige Bundesratspräsident aus einem Text, den Kretzschmar zuvor für den SPIEGEL verfaßt hatte. Schröder im Wortlaut: "Und es läßt mich nicht gleichgültig, wenn ich lese, was der Handballspieler Stefan Kretzschmar schreibt: 'Hier ist die Frustration allgegenwärtig', sagt er, 'jeden Monat ziehen 1000 Menschen weg aus der Stadt, weil sie keine Perspektiven mehr für sich sehen.'"
In Magdeburg haben einige vor dem Fernseher geweint, weil ihnen Kretzschmar so aus der Seele sprach. Kritiker unkten, jetzt werde der Showman auch noch zum Populisten. Denn unbestritten ist: Mit dem Monopol aufs Freakige läßt es sich prima doppelbödig leben. Sein Engagement in Sachsen-Anhalt fußt auf einem fein austarierten Geben und Nehmen. Einerseits ist dank seiner Verpflichtung die neugebaute Bördelandhalle, Fassungsvermögen 7200 Zuschauer, meist ausverkauft. Andererseits verdient der Publikumsmagnet mit 280 000 Mark im Jahr mehr als jeder andere Linksaußen in der Liga.
Der spröden Handballzunft verleiht er soviel Glamour, daß Nationaltrainer Brand in ihm einen "Glücksfall für unseren Sport" sieht; kein anderer Handballprofi kam für die Werbekampagne von Nike in Frage, keiner seiner Kollegen wird von Harald Schmidt in die Late-Night-Show gebeten oder von Verona Feldbusch auf deren TV-Sofa.
Seiner Außenwirkung ist sich Kretzschmar durchaus bewußt: "Zu 50 Prozent basiert mein Erfolg auf dem Sport, zu 50 Prozent auf meinem Auftreten." Also arbeitet er an beidem.
Nach einem harten Trainingstag steht Kretzschmar auf dem Parkplatz vor der Bördelandhalle, vor ihm sein Automobil. Das könnte seinem Ruf schaden, meint Kretzschmar. Daß er einen Mercedes SLK fährt, hält er nicht für ein Problem. Doch der Wagen ist blitzeblank geputzt, von innen wie von außen. Das ist ihm peinlich. Er habe den Wagen in der Werkstatt gehabt, schickt er rasch nach, dort würden sie ihn immer auch gleich saubermachen. "Normalerweise ist der zugemüllt."
Das sind Momente, in denen Kretzschmar in den Ruch gerät, sich selbst zu inszenieren. Auch seine Autogrammkarte nährt den Verdacht. Auf der präsentiert er sich, mit blauen Haaren, in Jesus-Pose. Über ihm leuchtet ein Heiligenschein.
Wahr ist aber auch, daß sein Engagement, zum Beispiel gegen den Rechtsradikalismus in den neuen Bundesländern, keiner PR-Strategie entspringt, wie so manche Spendenaufrufe deutscher Fußballprofis, sondern auf bitteren Erfahrungen beruht.
Jahre nachdem sein Freund erschlagen wurde, flog Kretzschmars Briefkasten in die Luft. Die Täter vermutete man in der berüchtigten Magdeburger Neonazi-Szene.
Demnächst wird Kretzschmar für Deutschland bei der Weltmeisterschaft spielen. Wenn die Hymne erklingt, wird es so sein wie immer: "Ich kriege da keine Gänsehaut." Er sagt, er hätte schon mal gern das Gefühl, stolz auf sein Land zu sein: "Aber ich bin noch nicht soweit." GERHARD PFEIL
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 19/1999
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