10.05.1999

FLEISCHHormone im Supermarkt

Der Mißbrauch von Wachstumshormonen in der US-Rindermast wurde bislang weit unterschätzt. Eine EU-Studie deckt ihn jetzt auf.
Weit draußen, auf den eintönigen Weiden von Michigan, sind die Farmer gesprächig. Hormone für ihre Rinder, so erzählten sie bereitwillig den angereisten Inspektoren aus Europa, nähmen sie gern und viel.
Ein neues Tier in der Herde wird mit der Spritzpistole empfangen: Eine Patrone "Ralgro" jagt der Bauer ihm unter das Fell, eine Kapsel prallvoll mit dem künstlichen Sexualhormon Zeranol. Danach verabreicht er alle 14 Tage eine Mixtur aus Östrogen, Testosteron und Progesteron. Das Rind gedeiht darauf wie ein Muskelmann im Bodybuilding-Studio.
Nachdem die Kontrolleure die freimütigen Schilderungen der Farmer protokolliert hatten, begaben sich Kollegen von ihnen selbst auf Hormoneinkauf. Sie schlenderten mit einem Einkaufswagen durch einen ländlichen Supermarkt und griffen sich die Hormonpäckchen vom Regal "wie andere Leute Zahnpasta".
All das ist legal. Anders als in Europa sind die hormonellen Masthilfen in den USA nicht verboten. Sechs verschiedene Sexualhormone - Testosteron, Progesteron, Östradiol, Trenbolon, Zeranol und Melengestrol-Azetat - dürfen die Farmer spritzen. Ein Rezept vom Tierarzt benötigen sie dafür nicht. Gefahr für den Menschen schließen US-Behörden aus.
Jetzt wird diese Behauptung zur Mär. Denn der EU-Risikoreport des Veterinärmediziners Bernd Jülicher belegt: Die wachstumsförderlichen Spritzkuren für US-Rinder laufen in der Praxis selten nach Vorschrift ab. Laut Packungsbeilage darf der Farmer die Hormonclips lediglich im Ohr implantieren; dieses wird dann bei der Schlachtung entsorgt. Untersuchungen in amerikanischen und kanadischen Schlachthöfen zeigen, daß die Farmer die Hormonspritze oft auch an anderer Stelle ansetzen. Immer wieder stießen Kontrolleure auf Einstiche am Hals, an der Schulter oder auch an der Hüfte - allesamt Schlachtstücke für den Verzehr.
Laboruntersuchungen belegen, wie gefährlich solcher Mißbrauch ist. Denn die Hormonkonzentration steigt an der Einstichstelle drastisch an. 14 Versuchsrinder dopten EU-Forscher an allen möglichen Körperstellen mit den Hormonkapseln aus Amerika. Auch nach rund 50 Tagen Wartezeit fanden sich im Gewebe noch über 30 Prozent der ursprünglichen Konzentrationen von Trenbolon und Östradiol.
Gelangt ein so kontaminiertes Fleischstück in Babynahrung, kann es bis zu 4000 Gläschen mit einer Überdosis Hormonen verseuchen, errechneten die EU-Forscher. Ein Säugling kann so mit 30mal mehr Hormonen gemästet werden, als zulässig ist. Auch Wurstliebhaber und Hamburger-Fans können sich ungewollt Masthormone verpassen. Ein Fleischklumpen mit Einstichgewebe kann den als unbedenklich geltenden Tagesaufnahmewert um das 100- bis 1000fache übersteigen.
Der bislang unveröffentlichte Mißbrauchsreport kommt der EU gerade recht. Seit zwei Jahren liegt sie mit den USA vor der Welthandelsorganisation WTO im Streit über eine Liberalisierung der Fleischimporte (SPIEGEL 18/1999). Nachdem die EU 1989 den Hormoneinsatz in der Mast verboten hatte, belegte sie die Einfuhren aus den USA mit einem Bann. Die Amerikaner jedoch, von der Sicherheit ihrer Beef-Produkte überzeugt, sahen darin schnöden Handelsprotektionismus und klagten.
Die erste Runde hat die EU verloren, weil weder Mißbrauch noch Gesundheitsrisiken der Dopingmittel als erwiesen galten. Doch im Lichte der neuen Erkenntnisse will Brüssel beim Importverbot bleiben. Auch damit, das Hormonfleisch aus den USA mit einem Label zu kennzeichnen, will sich die EU nicht begnügen.
Weitere von Brüssel in Auftrag gegebene Studien nähren Zweifel an den bisherigen Unbedenklichkeitsbeteuerungen. So fanden Toxikologen nicht nur ein erhebliches Krebsrisiko, das von dem in US-Tierställen verabreichten Östradiol und seinen Abbauprodukten ausgeht; auch die Gefahren für vorpubertäre Kinder wurden offenbar unterschätzt. Der natürliche Östrogenspiegel bei einem 11- bis 12jährigen Jungen liegt nach einer Studie zweier dänischer Endokrinologen 100fach niedriger als bisher angenommen. Entsprechend hoch ist die Empfindlichkeit der Kinder gegenüber externen Hormonaufnahmen.
Bislang hatte die amerikanische Food and Drug Administration eine tägliche Aufnahmemenge von einem Prozent der körpereigenen Hormonproduktion als physiologisch unbedenklich eingestuft. Doch bei einem achtjährigen Jungen könnten täglich zwei Hamburger reichen, um seinen Hormonspiegel um bis zu zehn Prozent ansteigen zu lassen, schätzt der US-Krebsforscher Samuel Epstein.
Der Professor aus Chicago stellt sich schon länger eine einfache Frage: "Warum wundern wir uns eigentlich, daß Europa unser hormonbehandeltes Fleisch nicht essen will, warum stellen wir die Hormonspritzerei bei uns nicht einfach ab?" SYLVIA SCHREIBER
Von Sylvia Schreiber

DER SPIEGEL 19/1999
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