07.03.2015

Jan Fleischhauer Der schwarze KanalDer gute Oligarch

Wir haben von Oligarchen eine ganz falsche Vorstellung, fürchte ich. In der Presse liest man nur, was für ein oberflächliches Leben sie führen und welche Unsummen sie für ihre Penthäuser in London, ihre Jachten und Scheidungen ausgeben. Aber diese Betrachtung ist selbst ziemlich oberflächlich. Auch der Oligarch sorgt sich um Frieden und Demokratie, wie ich gelernt habe. Als bekannt wurde, dass Peer Steinbrück bei einer Stiftung mitmacht, die sich einer Initiative des ukrainischen Milliardärs Dmytro Firtasch verdankt, gab es gleich wieder die üblichen Vorbehalte und Verdächtigungen (siehe Seite 30). Dabei ist das eine "absolut seriöse" Sache, wie Steinbrück versichert.
Ich habe Firtasch im vergangenen Herbst in Fuschl am See getroffen, wo er seit einem Jahr Dauergast ist. Firtasch hat ein paar Probleme mit der Justiz, die ihn daran hindert, Österreich zu verlassen. Das FBI hatte ihn zur Fahndung ausgeschrieben, die USA verlangen seine Auslieferung. Angeblich hat Firtasch eine Kaution in Höhe von 125 Millionen Euro hinterlegt, was erklären würde, warum er außer von seinen Anwälten ständig von Männern umgeben ist, die so aussehen, als ob sie mit dem kleinen Finger töten könnten.
Im persönlichen Umgang ist der Mann sehr freundlich. Wir haben uns über die Familie und geschäftliche Probleme unterhalten. Auch die Wirtschaftslage eines ukrainischen Oligarchen bleibt von den Wechselfällen des Lebens nicht verschont. Wenn gerade kein Krieg tobt, muss er damit rechnen, dass eine neue Regierung an die Macht kommt. In der Ukraine kauft man sich als Oligarch Abgeordnete, wie man andernorts Aktien kauft, da kommen Neuwahlen natürlich ungelegen. Jedes Mal, wenn die Regierung wechselt, droht das politische Investment entwertet zu werden. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat Firtasch unter den derzeitigen Machthabern nicht viele Freunde, weshalb es mich erstaunt, dass Steinbrück meint, er würde jetzt über Firtaschs Verein die Regierung in Kiew beraten. Andererseits: Was verstehe ich schon von Finanzdiplomatie?
Wie ich bei meinem Besuch im Oligarchenexil festgestellt habe, hat es der Oligarch nicht gern, wenn man ihn einen Oligarchen nennt. Wie alle Menschen, die auf ungewöhnliche Weise zu Geld gekommen sind, möchte er seine Vergangenheit hinter sich lassen. Um "legit" zu werden, wie das bei den Sopranos heißt, reicht es nicht, dass man eine Jacht besitzt oder eine Freundin, um die einen alle beneiden. Es muss schon etwas Gemeinnütziges sein. Deshalb legt sich der Oligarch, der kein Oligarch mehr sein will, eine Kunstsammlung zu oder, noch besser, eine Stiftung. "Agentur für die Modernisierung der Ukraine" heißt das Projekt, das Firtasch ins Leben gerufen hat. Das klingt so gemeinnützig, dass man sogar einen Kanzlerkandidaten der SPD dafür gewinnt. Bei den Sozialdemokraten glaubt man eben noch an das Gute im Menschen.
An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und Jakob Augstein im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 11/2015
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