07.03.2015

GehälterDas billige Geschlecht

In fast jeder Branche verdienen Frauen weniger als Männer. Frauenministerin Manuela Schwesig will deshalb ein Entgeltgleichheitsgesetz einführen. Schon regt sich Widerstand. Die Gründe für die Diskriminierung liegen indes tiefer.
Es gibt nicht viel, was Hollywood-Star Patricia Arquette und Buchhalterin Sigrid Schmidt aus Bonn gemeinsam haben. Eine Sache aber verbindet sie gewiss: die Wut darüber, schlecht bezahlt zu werden - bloß weil sie Frauen sind.
Die eine lebte ihren Zorn filmreif aus: Bei der Oscar-Verleihung Ende Februar nutzte Arquette ihre Danksagung - sonst der Ort, wo brave Mädchen tränenerstickt Danke flüstern - für eine Brandrede. In schwarz-weißer Robe, die errungene Trophäe wie einen Hammer schwingend, sah sie aus wie ein Racheengel des Feminismus. "Es ist Zeit für gleiche Bezahlung", rief sie in den Saal.
Der in alle Welt übertragene Auftritt beeindruckte nicht nur andere Hollywood-Frauen wie Meryl Streep, sondern auch die potenzielle US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, die Arquettes Forderung sogleich bei einer Konferenz im Silicon Valley aufnahm.
Buchhalterin Sigrid Schmidts Kampf für mehr Lohngerechtigkeit fand auf kleinerer Bühne statt. Die 37-Jährige zog gegen ihren Arbeitgeber, der sie jahrelang unterbezahlt hatte, vor Gericht. Sie erreichte einen Vergleich und, was ihr fast noch wichtiger war: ein kleines bisschen Gerechtigkeit. Ihren wahren Namen will sie trotzdem nicht nennen, eine Vorsichtsmaßnahme, falls ein potenzieller Arbeitgeber sie einmal googelt.
Das ist das Interessante an der heutigen Situation: Die Forderungen der Frauen nach gleichem Lohn haben - vielleicht zum ersten Mal überhaupt - Erfolg. Wobei der Weg zur gleichen Bezahlung beim Hollywood-Star der gleiche ist wie bei der Buchhalterin: Transparenz. Erst wenn Ungerechtigkeiten in der Entlohnung sichtbar werden, können sich Frauen gegen Minderbezahlung wehren.
Für Unternehmen ist das ein höchst unerfreuliches Szenario. Nicht wenige, sagt die Frankfurter Headhunterin Angela Hornberg, erfreuten sich klammheimlich an den Lohnunterschieden, nach dem Motto: "Ist doch klasse, wenn wir eine Frau einstellen, so kriegen wir die gleiche Leistung für weniger Geld."
Lohndiskriminierung ist in den allermeisten Unternehmen bislang so selbstverständlich, als handelte es sich um ein ökonomisches Gesetz, und da unterscheidet sich die Glamourwelt kein bisschen vom Arbeitsalltag Normalsterblicher. Trotz aller Gleichstellungsfloskeln in Gesetzen und Unternehmensbroschüren lautet die Lohnwahrheit für Frauen immer noch: Jede kämpft für sich allein.
Arquettes Schauspielkollegin Charlize Theron tat dies erfolgreich, als sie mitbekam, dass ihr männlicher Filmpart deutlich besser bezahlt wurde als sie. Nur zufällig hatte sie von ihrer schlechteren Gage erfahren, als Hacker interne Firmen-E-Mails der Filmtochter des Sony-Konzerns im Internet veröffentlichten. Theron stellte Nachforderungen - und erhielt sofort zehn Millionen Dollar mehr.
Sigrid Schmidt verdiente jahrelang schlechter als ihre männlichen Kollegen. Von 2007 bis 2012 arbeitete sie bei einem Verpackungshersteller und verantwortete die Buchhaltung des Europageschäfts. Ihr Jahresgehalt betrug 75 000 Euro - das war weniger, als einige Mitarbeiter der von ihr geführten 40-köpfigen Abteilung erhielten. Mehrmals beschwerte sie sich bei ihrem Chef. Der wiegelte stets ab: Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens lasse eine Gehaltserhöhung zurzeit leider nicht zu, vielleicht ja im nächsten Jahr?
Zwei Jahre ließ Schmidt sich hinhalten. 2012 kündigte sie dann, um auf einen höherdotierten Posten bei einer Konkurrenzfirma zu wechseln. Vor ihrem Abschied fragte ein Abteilungsleiter, der ihr hierarchisch gleichgestellt war, nach den Gründen für ihre Kündigung. Und er staunte nicht schlecht, als sie ihr Gehalt erwähnte. Er selbst verdiente rund 130 000 Euro - so wie alle vergleichbaren männlichen Kollegen, wie sich später herausstellte.
Schmidt verklagte ihren alten Arbeitgeber. Der stritt vor Gericht jegliche Diskriminierung ab - und tat, was Arbeitgeber an dieser Stelle gern tun: Er erklärte den Gehaltsunterschied zur Leistungsfrage. Schmidt sei den Anforderungen an ihre Stelle nicht gerecht geworden.
Im November verglichen sich die Parteien, Schmidts alter Arbeitgeber überwies ihr eine Entschädigung. Das Unternehmen besetzte ihre Stelle mit einem Mann, der dann wieder deutlich besser verdiente als sie damals.
Es sind Ungerechtigkeiten wie diese, die Manuela Schwesig auf die Zinne treiben. Die Familienministerin hat die Gunst der Stunde für das Thema und für sich erkannt und erklärt die Lohngleichheit zur persönlichen Leidenschaft. Ob das wirklich so weit geht, dass sie den Ruf ins Amt nicht angenommen hätte, wenn es das Thema Lohngleichheit nicht in den Koalitionsvertrag geschafft hätte, wie sie erzählt, mag man glauben oder nicht. Inhaltlich ist die Ministerin jedenfalls klar. Sie will umsetzen, was im Grundgesetz und in der Grundrechtecharta der EU längst festgeschrieben ist: die Gleichbehandlung von Frauen und Männern, auch beim Arbeitsentgelt.
Eigentlich müsste das in einem Staat, der Diskriminierung verbietet, eine Selbstverständlichkeit sein. In Wahrheit ist Deutschland jedoch weit davon entfernt. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes verdienen Frauen in Deutschland durchschnittlich rund 22 Prozent weniger als Männer. Zwei Drittel davon lassen sich damit erklären, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten, seltener gut bezahlte Führungspositionen bekleiden und weniger oft in den Hochlohnbranchen der Industrie beschäftigt sind. Rechnet man all dies raus, verdienen Frauen auf den gleichen Positionen wie Männer durchschnittlich immer noch 7 Prozent weniger.
"Das ist eine Schande", sagt Vizekanzler Sigmar Gabriel, der seiner Ministerin offensiv den Rücken stärkt. "In kaum einem anderen Land in Europa werden Frauen so drastisch schlechter bezahlt als Männer." Egal wie man kalkuliert, ob man Bruttostundenlöhne nimmt, die Höhe des Einkommens, alle nur denkbaren Einflussmöglichkeiten herausrechnet: Am Ende steht immer das gleiche Ergebnis - es gibt keine gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit.
Und keine Branche ist von diesem Missstand ausgenommen. Weibliche Versicherungskaufleute erhalten im Schnitt 28 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, Chemikerinnen 18 Prozent, Filialleiterinnen 20 Prozent und Fachinformatikerinnen 6 Prozent, errechnete das Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung nach einer Umfrage unter 20 000 Vollzeitbeschäftigten. Eine weibliche Bankkauffrau bekommt 19 Prozent weniger, mit dem gleichen Abschlag muss sich eine Bautechnikerin zufriedengeben. Bedient eine Verkäuferin, tut sie dies zu einem zehn Prozent geringeren Lohn als ein Verkäufer, und auch eine Köchin ist 17 Prozent billiger als ein Koch.
Selbst in der Krankenpflege, einem traditionell weiblichen Beruf, kassieren Männer 7 Prozent mehr als Frauen. Weil sie es sind, die die lukrativen Chefposten besetzen.
Es ist ein Skandal, aber einer, mit dem sich die Republik irgendwie angefreundet zu haben scheint. Während sonst in der Gesellschaft die Vormachtstellung der Männer stetig bröckelt, die Macho-Kultur in den Unternehmen aufgebrochen wird und die Frauen vor allem in Bildung und Ausbildung, Befähigung und Können mit den Männern nicht nur gleichgezogen haben, sondern sie oft überholen - wenn es ums Geld geht, ist die Diskriminierung kaum kleiner als vor zwei Jahrzehnten. Seit Beginn der Berechnungen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 1995 liegt das Gehaltsgefälle nahezu unverändert bei durchschnittlich 20 Prozent.
Nicht nur Frauen finden, dass damit Schluss sein muss. Die Bewegung, die etwas ändern will, hat längst jenen entscheidenden Status erreicht, in dem nicht mehr nur die Betroffenen etwas für sich fordern, sondern in dem sich ein gesellschaftlicher Konsens bildet, dass sich etwas ändern muss. Bloß wie?
Frauenministerin Schwesig will ein Entgeltgleichheitsgesetz auf den Weg bringen. Es soll allen Angestellten das Recht zugebilligen, sich über das Gehalt ähnlich qualifizierter Kollegen zu informieren. Nicht deren genaue Entlohnung darf man dann erfragen, wohl aber das Durchschnittsgehalt der Gruppe vergleichbarer Mitarbeiter. Transparenz also.
Das klingt nach einer vernünftigen Idee - vor allem, wenn man sich daran erinnert, wie Charlize Theron und Sigrid Schmidt zu ihrer persönlichen Lohngerechtigkeit kamen. Aber es gibt Widerstand.
Die Unternehmensverbände laufen in gewohnter Manier Sturm gegen Schwesigs Gesetzesvorhaben. Sie fürchten überlastete Personalabteilungen, höhere Kosten und "Bürokratiewahnsinn". Ein anderer Grund: "Wir wollen keine Maßnahmen, die Unfrieden in die Betriebe bringen", sagt Holger Lösch vom Bundesverband der Deutschen Industrie. Sein Kollege vom Zentralverband des Deutschen Handwerks, Holger Schwannecke, warnt sogar vor einem "Klima des Misstrauens und Ausforschens". Hört man das Gezeter, könnte man meinen, das Wohl und Wehe der Wirtschaftsnation Deutschland hänge davon ab, ob Frauen weiterhin als 80-Prozent-Löhnerinnen abgespeist werden dürfen. Das Basta-Argument der Unternehmensfunktionäre lautet: Die Entgeltdiskriminierung sei nach geltendem Recht verboten. Was es nicht geben dürfe, gebe es also auch nicht. Ende der Geschichte.
Zustände wie bei der Birkenstock-Gruppe nähren allerdings den Verdacht, dass es sich um systematische Schlechterstellung handelt. Tochterunternehmen von Birkenstock zahlten ihren männlichen Angestellten jahrelang gut einen Euro mehr pro Stunde als Frauen. Als eine Mitarbeiterin erfolgreich klagte, gingen rund hundert weitere Birkenstock-Frauen vor das Arbeitsgericht in Koblenz, wo die Fälle auf Entscheidung warten. Eine Protestwelle mit Folgen. Seit Anfang 2013 bezahlt die Firma beide Geschlechter gleich.
In einer Kampagne will Ministerin Schwesig für ihre Ideen werben und setzt dabei auf große Symbole. Am 20. März wird sie vor dem Brandenburger Tor reden und ihre Eckpunkte vorstellen. Der Termin ist sorgsam gewählt: Es ist der Equal Pay Day - der Tag, bis zu dem Frauen wegen der Lohnlücke von 22 Prozent umsonst arbeiten, während Männer schon seit dem 1. Januar für ihre Arbeit entlohnt werden.
Es wird wohl ein harter Kampf werden, härter sogar als der um die Frauenquote. Schwesig hat nicht nur die Unternehmen gegen sich, auch der Koalitionspartner bockt, wenn auch nur heimlich. Das liegt auch daran, dass der Unionsfraktionsvorsitzende Volker Kauder keine guten Erfahrungen damit gemacht hat, sich offen mit Manuela Schwesig anzulegen.
Sie solle "nicht so weinerlich sein", hatte er sie beschimpft, nachdem sich Schwesig vergangenen November über die ständigen Querschüsse aus der Unionsfraktion in Sachen Frauenquote beklagt hatte.
Kauders Spruch kam nicht gut an. Der Unionsmann wirkte wie ein Macho, der sich in der Welt moderner Frauen nicht zurechtfindet. Kauder agiert da immer wieder wie ein Verteidiger von Männerbastionen. Auch mit seinen Parteikolleginnen gerät er häufig aneinander, beispielsweise bei der Debatte um das Elterngeld. Bis heute hält sich das Gerücht, dass Kauder für seine Lieblingsgegnerin Ursula von der Leyen den Spitznamen "Krippen-Ursel" erfunden hat.
Nach Kauders Weinerlichkeits-Missgriff entschuldigte sich Angela Merkel sogar bei Schwesig. Daraus hat der Fraktionschef gelernt. Er wählte diesmal einen subtileren Weg, Schwesigs Entgeltgleichheitsgesetz zu torpedieren. Kauder nutzte das wöchentliche Frühstück mit SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann am Dienstagmorgen, um seine Bedenken loszuwerden. "In diesem Jahr wird das nichts mehr", sagte Kauder Oppermann in der internen Runde. Wenn überhaupt, dann könne die Regelung nur für Betriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern gelten.
Schwesigs Offensive fällt in eine Koalitionsphase, die fragil ist. Nach Frauenquote, Mindestlohn und Rente mit 63 ist die Neigung der Union, weitere Herzensanliegen der Sozialdemokraten umzusetzen, ziemlich gering. Das Entgeltgleichheitsgesetz habe das Zeug, zu einer echten Zerreißprobe für die Koalition zu werden, heißt es im Kanzleramt.
Vizekanzler Sigmar Gabriel bekümmert das nicht. Er heizt die Debatte an: "Wir müssen der Arbeit in sozialen Berufen endlich den gleichen ökonomischen und gesellschaftlichen Wert zuerkennen wie den traditionellen gewerblichen und kaufmännischen Berufen der Industriegesellschaft", sagt er. Das beginne schon in der Ausbildung. Während klassische Männerberufe oft Ausbildungsverträgen und -vergütungen unterliegen, werden klassische Frauenberufe vielfach in Schulen erlernt, die manchmal sogar bezahlt werden müssen. Deshalb fordert er, die sozialen Berufe ins Berufsbildungsgesetz statt ins Schulgesetz aufzunehmen. Und er verlangt "höhere Tarifabschlüsse bei sozialen, pflegerischen und erzieherischen Berufen - auch um den Preis höherer Pflegeversicherungsbeiträge". Denn auch in der Pflege gelte, so Gabriel: "Gute Arbeit erfordert guten Lohn. Dann gibt es endlich auch gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit."
Auf ihrer Seite hat Schwesig neben dem Vizekanzler die Wut der Frauen, das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden, den Zeitgeist - und die Gewerkschaften. Die sind allerdings an der Misere nicht ganz unschuldig.
Mit ihren Tarifabschlüssen zementieren die Gewerkschaften oft die ungleiche Honorierung von Frauen und Männern. In klassischen Industriebranchen, die noch immer von Muskelspiel und Männerschweiß geprägt sind, liegen die Gehälter auch heute weit über denen jener Dienstleistungs- und Sozialberufe, in denen sich vor allem Frauen tummeln. Harte körperliche Arbeit ist hoch angesehen - und dotiert. Ein Müllmann bekommt einen relativ guten Lohn mit dem Argument, er müsse schwere Lasten tragen. Die Altenpflegerin, die ebenfalls einiges stemmen muss, erhält keinen Tragezuschlag. Eine Maschine zu bedienen steht höher im Kurs, als ein Kind zu erziehen.
Selbst die eigentlich sinnvollen tariflichen Einstufungen auf der Basis von Aufgaben können diskriminierend wirken.
Monika Borrmann, 54, arbeitet seit 35 Jahren bei der VW Nutzfahrzeuge in Hannover, fast 15 Jahre davon begutachtete sie Rohkarosserien. In der Qualitätssicherung prüfte sie, ob es Schäden am VW Amarok oder Porsche Panamera geben könnte. An ihrer Seite standen vorwiegend männliche Kollegen, die die Fehler ausbesserten, die Borrmann beanstandete.
Irgendwann stellte sie fest, dass diese Kollegen mehr verdienten. Rund 23 Euro brutto bekam Borrmann damals in der Stunde, viele männliche Kollegen nebenan erhielten mehr als 28 Euro. Mehrfach bat Borrmann in ihrer Abteilung um eine Angleichung. Allerdings teilte man ihr mit, dass leider nichts zu machen sei. Ihre ursprüngliche Ausbildung als Einzelhandelskauffrau lasse nur Entgeltstufe 9 zu. Die Männer indes landeten wegen ihrer Abschlüsse in Metallberufen in Stufe 13.
Das Unternehmen selbst erklärt, es schließe eine Ungleichbehandlung aus. Die Zuordnung zu Entgeltgruppen sei "ausschließlich aufgabenbezogen und geschlechterneutral". Dennoch fühlt sich Borrmann diskriminiert. Als sie vor 38 Jahren ihre Ausbildung begonnen habe, sei es noch nicht üblich gewesen, dass Frauen Männerberufe ausübten. "Ich habe mich 15 Jahre lang reingekniet", sagt Borrmann. "Warum sollte ich weniger verdienen als meine männlichen Kollegen?"
Die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern sind tief verwurzelt. Sie beruhen auf unausrottbaren Stereotypen von Mann und Frau, die aus dem Neandertal zu stammen scheinen. Er: aggressiver Jäger, Krieger, Ernährer. Sie: aufopfernde Bewahrerin, Hüterin des Feuers und der Nachzucht. Das stimmte noch nicht einmal in der Steinzeit. Untersuchungen ergaben, dass Frauen sehr wohl an der Jagd teilnahmen, die Babys auf den Rücken geschnallt. Der Unsinn aber sitzt tief in den Köpfen - auch in weiblichen. Am Rande des World Economic Forum in Davos berichtete die Managerin Sallie Krawcheck, ehemalige Chefin der weltweiten Vermögensverwaltung der Bank of America, welcher Fauxpas ihr unterlaufen war.
Die Gehaltsrunde stand an. Sie tagte mit ihren Vorständen und beriet, wer ins gehobene Management aufsteigen sollte. "Joe" war an der Reihe. Joe war aggressiv, ging Risiken ein, um gute Ergebnisse zu erreichen. Er hatte seine Zielvereinbarung übertroffen. Alle waren sich einig: Joe war eine Führungsfigur, er wurde befördert.
Danach kam "Susie". Susie übererfüllte ebenfalls ihre Ziele, sie war aggressiv und ging Risiken ein. Genau wie Joe. Doch Susie verordnete die Gruppe ein Coaching, das ihre Ecken und Kanten abschleifen sollte. In der nächsten Gehaltsrunde wollte man sie wieder begutachten.
"Ich wünschte, ich hätte gemerkt, was wir getan hatten", erzählte Sallie Krawcheck. "Aber es war einer der Direktoren, der uns aufmerksam machte. Wir waren wie vor den Kopf gestoßen." Das Team änderte seine Beurteilung, Susie wurde ebenfalls befördert.
So hartnäckig wie die Stereotype halten sich auch die gängigen Begründungen dafür, dass Frauen weniger verdienen. Die drei wichtigsten sind: Frauen arbeiten mehr Teilzeit und kümmern sich lieber um die Familie. Frauen ergreifen die falschen Berufe. Und: Frauen verhandeln lausig und haben nicht genügend Ehrgeiz. Was ist wirklich dran an den Begründungen?
Keine Frage, Teilzeit ist eine Karrierebremse - für Frauen und Männer. Das ergab eine noch unveröffentlichte Studie des Instituts für sozialwissenschaftlichen Transfer zum Thema "Väter in Elternzeit". Wenn Väter länger als zwei Monate fehlen, müssen sie - zumindest temporär - genau wie Mütter mit Ansehens- und Einkommensverlusten sowie schlechteren Aufstiegsmöglichkeiten rechnen. Doch es sind immer noch vor allem Frauen, die Teilzeit arbeiten. 2012 hatten knapp 70 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit minderjährigen Kindern einen Teilzeitvertrag. Bei den Vätern waren es knapp 6 Prozent.
Teilzeit wird nicht nur oftmals schlechter bezahlt, auch bei den Sonderausschüttungen und Boni ziehen solche Mitarbeiter den Kürzeren. Zum Beispiel beim Softwareriesen SAP: 2013 wurde ein neues Prämienprogramm aufgelegt, das den Managern ermöglicht, Mitarbeiter für "außerordentliches Engagement und hervorragende Arbeitsergebnisse" unterjährig gesondert zu honorieren. Eine Analyse des Betriebsrats ergab: 2013 wurden nur circa drei Prozent der Teilzeitkräfte bedacht - eine massive Benachteiligung.
Die Firmenleitung räumte ein, dass Teilzeitkräfte bei der Ausschüttung unterrepräsentiert seien. Das heiße aber nicht, dass sie benachteiligt würden. Das Vergabekriterium sei leistungsgebunden. Was nur den Schluss zulässt: Teilzeitkräfte leisten weniger. Ein weiteres Vorurteil, das sich hartnäckig hält: Wer sich auch um die Familie kümmert, kann sich nicht mit Leib und Seele dem Job widmen und deshalb keine Führungsposition bekleiden.
Ein albernes Argument, findet die ehemalige Microsoft-Managerin und Unternehmerin Anke Domscheit-Berg. "Warum zückt dieses Argument niemand, wenn es um Dax-Vorstände geht, die nebenbei ein paar Aufsichtsräte, Beiratsvorsitze oder Verbandspräsidien in Teilzeit bewältigen? Bei Männern sind solche Mehrfachspitzenjobs gesellschaftlich akzeptiert, von Überforderung wird selten geredet", schreibt sie in ihrem Buch "Ein bisschen gleich ist nicht genug!", das nun im Heyne Verlag erscheint.
Sogar wenn Frauen versuchen, sich selbstständig zu machen, stoßen sie an unsichtbare Sexismusgrenzen. Neuester Beleg: Forscher der Universitäten Harvard, Wharton und des MIT spielten Investoren identische Präsentationsvideos eines Start-up-Businessplans vor, einmal von einer Frau gesprochen und einmal von einem Mann. Die identische Idee fanden diese Investoren doppelt so gut, wenn eine männliche Stimme sie präsentierte.
Männer initiieren viermal öfter Gehaltsgespräche als Frauen, und wenn Frauen es tun, fordern sie 30 Prozent weniger, ergab eine Studie der US-Universität Carnegie Mellon. Eine Professorin der britischen Manchester Business School fragte über sieben Jahre lang ihre Studenten, welches Anfangsgehalt sie sich wünschen. Die Boys wollten durchschnittlich 80 000 Dollar pro Jahr, die Girls 64 000 Dollar.
Verhandeln Frauen also lausig? René Mägli ist Geschäftsführer einer in Basel ansässigen Tochter der zweitgrößten Frachtreederei der Welt, MSC. Er ist berühmt geworden, weil er fast nur Frauen einstellt. Unter den 135 Angestellten sind nur 5 männlich. Doch bei den jährlichen Gehaltsverhandlungen sind es einzig die Männer, die mehr Geld fordern.
Bei Männern gehe es in erster Linie um Macht, glaubt Mägli. Frauen dagegen stellten die Aufgabe in den Mittelpunkt, legten Wert auf gute Stimmung, vermieden Konflikte. "Frauen kämpfen nicht", sagt er, "es ist ihnen einfach nicht so wichtig." Trotzdem erhöhe er regelmäßig ihre Löhne, um kein böses Blut zu schaffen.
Marion Knaths, eine der profiliertesten Managementtrainerinnen für weibliche Führungskräfte, hält überhaupt nichts davon, es vor allem den Frauen selbst zuzuschreiben, dass sie niedrigere Gehälter erzielen. "Frauen werden oft günstiger eingekauft, weil sie vorab nicht gut informiert sind, was sie fordern können. Ihnen fehlen die Netzwerke, um sich auszutauschen."
Gleichzeitig ist die Wechselbereitschaft deutlich niedriger, etwa weil der Mann einen guten Job hat und der Frau nicht hinterherziehen will. "Das wissen auch die Personalchefs und denken sich: Soll sie doch beleidigt sein, sie bleibt uns ja doch treu", so Knaths.
So wie Tanja Koch. Mit 17 Jahren bekam sie den Ausbildungsplatz bei den Glas- und Spiegelwerkstätten Dedy in Bergisch Gladbach, machte ihren Meister, bekam zwei Kinder, kehrte in Teilzeit zurück, dann in Vollzeit. Sie war zufrieden und verzichtete jahrelang auf eine Gehaltserhöhung. Bis sie zufällig mitbekam, dass ihre männlichen Kollegen deutlich besser verdienten - auch ohne Meisterbrief. Während sie 12,50 Euro die Stunde bekam, arbeiteten die Männer für 15 Euro.
"Ich konnte das gar nicht glauben", sagt Koch. Fassungslos sei sie gewesen, dann enttäuscht, dann wütend.
Mit Verweis auf die wirtschaftliche Lage verweigerte ihr Chef eine Gehaltserhöhung und sagte, dass männliche Kollegen auch auf den Baustellen eingesetzt werden könnten, wo man schwer heben müsse. Manche von ihnen mussten dort aber nur ab und an aushelfen.
Als Koch nicht lockerließ, bot ihr Chef ihr an, einmal im Monat auf Firmenkosten ihr Privatauto vollzutanken. Später kam heraus, dass ihre Kollegen das schon längst durften. Koch bohrte weiter und bekam bald zu hören, dass sie doch gehen solle, wenn es ihr nicht passe. "Er wusste genau, dass das nicht ging. Ich brauchte den Job." Immer wieder suchte sie das Gespräch. Offenbar zu häufig, denn plötzlich sollte ihre Stundenanzahl, die vertraglich festgeschrieben war, heruntergesetzt werden. Sie nahm sich einen Anwalt, man trennte sich, nach 25 Jahren. Koch verkauft jetzt Unterwäsche auf Wochenmärkten in Köln und Umgebung.
Die bittere Karriere von Tanja Koch ist das Gegenbild zu den Erfolgsgeschichten von Charlize Theron und Sigrid Schmidt. Ihr hat die unverhoffte Transparenz nicht zur Gerechtigkeit verholfen. Was weder gegen mehr Offenheit bei den Gehältern spricht noch gegen deutlichere Gesetze. Allein - das Problem ist größer.
Christina Klenner kann das gut erklären. Sie ist Genderforscherin beim WSI, dem Institut der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung. Der Auskunftsanspruch in Schwesigs Gesetzesvorhaben sei richtig, greife aber zu kurz, sagt sie. "Transparenz ist gut und sinnvoll. Aber praktisch wird das nur ein paar toughen Frauen helfen, die ihr Arbeitsverhältnis ohnehin beenden wollen und den Mut aufbringen, gegen ihren Arbeitgeber zu klagen."
Über Jahre hinweg hat das WSI die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern analysiert. Dabei zeigte sich ein grundsätzliches Problem: die "Abwertung des Weiblichen im Berufsleben", wie Klenner das formuliert. Und das ist die eigentliche Diskriminierung, die in der Bezahlung bloß am sichtbarsten wird.
Über Jahrhunderte hat sich die Gesellschaft an Frauen gewöhnt, die ihnen zugeschriebene typische Dienstleistungen klaglos und unentgeltlich erbringen: Kindererziehung, Alten- und Krankenpflege.
Das WSI hat dem Bundesfamilienministerium bereits 2014 eine Anleitung vorgelegt, wie der Missstand zu beheben sei. Es brauche neue, zeitgemäße und gerechte Kriterien, um Berufsbilder zu bewerten. Und eine Aufwertung dessen, was im Beruf traditionell mit weiblichen Stärken verbunden wird: Kommunikation. Verantwortung. Teamfähigkeit.
Gerechtigkeit gebe es erst, argumentiert Klenner, wenn zum Beispiel die Erwerbsunterbrechungen zwischen Männern und Frauen gleichmäßiger verteilt seien. Wenn es wirklich akzeptiert ist, dass Väter genauso oft und genauso lange wie Mütter in Elternzeit gehen. Vor allem aber braucht es genügend Kitas und Ganztagsschulen, damit weniger Frauen in Teilzeitjobs abdriften. Das geplante Entgeltgleichheitsgesetz bekämpft eher die Symptome ungleicher Bezahlung als deren Ursachen.
Tatsächlich scheint Transparenz allein, auch wenn sie nützlich ist, um Bewusstsein zu schaffen, noch nicht die Lösung zu sein.
Ein ähnliches, 2011 eingeführtes Gesetz in Österreich hat bisher keine wesentliche Annäherung in der Gehaltslücke gebracht, aber die Aufmerksamkeit für das Thema erhöht. Auch in Schweden, wo jeder das Gehalt jedes Bürgers per Anfrage beim Amt erfahren kann, ist die Lücke laut OECD nur unwesentlich kleiner als in Deutschland.
Wenn sich wirklich etwas ändern solle, müsse auch die Wirtschaft umdenken, fordert Anke Domscheit-Berg. Geschlechtervielfalt sollte zur Unternehmensstrategie werden. Überholte Rollenmodelle gehörten aufgebrochen, die Arbeitsorganisation müsse modernisiert, objektivere Instrumente zur Messung der wahren Qualität der Arbeit müssten eingesetzt werden. "Ein faires Unternehmen zahlt Männer und Frauen für gleichwertige Arbeit das Gleiche und sagt das auch klar an."
Ministerin Schwesig
Von Susanne Amann, Lukas Koschnitzke, Ann-Katrin Müller, Peter Müller, Susanne Petersohn, Simone Salden, Michaela Schießl, Cornelia Schmergal und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 11/2015
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