07.03.2015

KarrierenMinister im Fettnapf

Vor einem Jahr wurde Christian Schmidt unverhofft Ressortchef in Berlin. Doch das Leben in der ersten Reihe ist komplizierter als gedacht.
Christian Schmidt war auf dem Weg zu einem Termin ganz nach seinem Geschmack. Der Bundesagrarminister hatte in Washington eine Verabredung mit Senator Dan Coats, dem früheren US-Botschafter in Deutschland. CSU-Mann Schmidt, der viele Jahre Staatssekretär im Verteidigungsministerium war, liebt den gepflegten Gedankenaustausch und das vornehme Format transatlantischer Debatten. Auch auf sein Englisch hält er sich viel zugute.
Dumm nur, dass ihm seine Sprachkenntnisse beim Besuch im US-Senat vergangenen Dezember nicht weiterhalfen. Wie alle Besucher musste der Bayer durch die Sicherheitsschleuse. Nachdem Schmidt Handy und Jackett abgelegt hatte, piepte es trotzdem.
Ein stämmiger schwarzer Wachmann in Uniform stellte sich dem Deutschen in den Weg. "Sir, please open your belt", sagte er. Schmidt, sichtlich genervt, weigerte sich, seinen Gürtel zu öffnen. "No", sagte er, "I am the minister."
"Es ist mir egal, wer Sie sind", antwortete der Wachmann auf Englisch. "Entweder Sie öffnen Ihren Gürtel, oder Sie sind draußen." Schmidt blieb stur, eine Betreuerin der deutschen Botschaft versuchte zu vermitteln, es wurde laut. Als Schmidt den Wachmann an den Oberarm fasste, spitzte sich die Lage zu. "Unterstehen Sie sich, einen amerikanischen Polizisten anzufassen! Ihr nächster Schritt ist raus."
Senatsmitarbeiter blickten neugierig aus ihren Büros. Sie wurden Zeuge, wie Schmidt kleinlaut seinen Rückzug antreten musste. Seit eine plötzlich hochfahrende Panzersperre die Limousine des damaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping bei seiner Ankunft im Pentagon beschädigte und den Minister an Kopf und Fuß verletzte, hat kein deutscher Ressortchef in Washington derart Schiffbruch erlitten.
Es läuft nicht rund für Christian Schmidt, 57. Vor einem Jahr hat er die Nachfolge von Hans-Peter Friedrich angetreten, der in der Affäre um die Kinderporno-Vorwürfe gegen Sebastian Edathy zurücktreten musste. Für Schmidt, den ewigen Staatssekretär, war es ein langersehnter Karrieresprung. Trotzdem gab er sich anfangs bescheiden. "Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten habe ich nur einen kleinen Stand aufgeschlagen", sagte er. Jetzt muss er sich eingestehen: Vielleicht ist er zu klein.
Schmidt agiert glücklos, um es freundlich zu sagen. Mal kalauert er zum unpassenden Zeitpunkt über Putin, mal veräppelt er unbeabsichtigt die Opfer der Terroranschläge in Frankreich - in der Bundesregierung ist der Franke der Minister mit rekordverdächtiger Fettnapfquote.
Dabei ließe sich aus dem Job durchaus etwas machen. Sicher, der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, so der offizielle Titel, ist nicht der mächtigste Mann an Angela Merkels Kabinettstisch. Dafür kann er sich aber um populäre Themen kümmern, jedenfalls solange es keinen Lebensmittelskandal gibt: gesunde Ernährung, artgerechte Tierhaltung, sichere Lebensmittel.
Aber das Ganze ist komplizierter als gedacht. Der Minister sitzt in einem Besprechungsraum im Fürther Wahlkreisbüro. Er hat Gebäck besorgt. Acht Jahre lang diente er als Staatssekretär unter mehreren Verteidigungsministern, jetzt merkt er, dass für den Job im Rampenlicht viel härtere Anforderungen gelten. "Ich war bislang gut eingerichtet auf die Steuerung vom Rücksitz aus", sagt er, da sei "ein Stück Anpassung nötig".
Dabei sieht sich Schmidt durchaus auf Augenhöhe mit Kabinettsschwergewichten wie SPD-Chef Sigmar Gabriel. Wer habe denn beim Wirtschaftsminister durchgesetzt, dass künftig Solaranlagen nicht mehr auf jedem Acker gebaut werden dürfen?, fragt er. Er sei das gewesen. Bemerkt hat es kaum einer.
Das soll sich ändern. Ein neuer Sprecher soll es richten. Der Minister hat Jens Urban, 36, zum Leiter des Pressereferats ernannt. Der Mann hat zwar kein abgeschlossenes Studium. Er zeichnet sich weder durch Expertise in landwirtschaftlichen Themen noch durch längere Erfahrung in einem Bundesministerium aus. Journalistische Meriten verdiente er sich als Moderator bei Radio Charivari 98,6 ("Frankens beste Musik"). Manche Busse fahren noch heute mit Urbans Konterfei als Werbung durch Nürnberg und Fürth. Und, ach ja, während Urban als Journalist arbeitete, war er zeitgleich jahrelang Referent in Schmidts Wahlkreisbüro, ein zumindest unübliches Arrangement.
Die Personalie ist geeignet, den eher gutmütigen Beamtenapparat im Agrarressort in Aufruhr zu versetzen. Der Posten des Pressechefs ist gut dotiert, es ist eine Stelle, die Bewerber ohne Studium gewöhnlich nicht bekommen. Schmidt ficht das nicht an. "Die erfolgreiche Wahrnehmung der Aufgaben eines Pressesprechers setzt vor allem journalistische Erfahrungen voraus, aber nicht zwingend ein abgeschlossenes Studium", lässt er auf Anfrage mitteilen.
Vielleicht braucht der neue Pressemann ohnehin ganz andere Qualitäten, denn Minister Schmidt ist eine echte Herausforderung für einen Sprecher. Er hat sich in der vornehmen Welt der Sicherheitspolitiker einen Namen gemacht. Auf einen Bauernhof passt er nicht. Er redet umständlich; wenn er mal griffige Formulierungen findet, geht es oft schief.
"One apple a day keeps Putin away", kalauerte er im Sommer vergangenen Jahres. Damit wollte Schmidt deutsche Bauern unterstützen, die unter den Importverboten leiden, die die Russen in der Ukraine-Krise als Antwort auf die Sanktionen der Europäer erlassen haben. Doch der Versuch, Außen- und Agrarpolitik zu vermengen, hinterließ einen schalen Nachgeschmack: Täglich liefert das Fernsehen Bilder vom blutigen Krieg in der Ukraine, und der Minister plappert von Äpfeln.
Wenige Monate später dann sein bislang größter Fauxpas. Ohne Absicht torpedierte Schmidt das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP, ein Herzensanliegen der Kanzlerin. Gut möglich, so Schmidt im SPIEGEL, dass regionale Herkunftsbezeichnungen von Lebensmitteln künftig nicht mehr geschützt werden können. Die Nürnberger Bratwurst vom Schlachthof in Chicago - für die Gegner des Abkommens war
das eine Steilvorlage, auf die sie lange gewartet hatten. Geliefert hatte sie ausgerechnet der zuständige Minister. Beim Krisentelefonat waren sich Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer schnell einig: Wenn man das Abkommen kaputt machen wolle, dann müsse man es machen wie Schmidt.
Es kam noch schlimmer. Die Terroranschläge von Paris waren erst wenige Tage alt, da stellte ein Reporter der "heute show" den Minister auf der Grünen Woche. Er drückte Schmidt ein Plakat in die Hand, auf dem in Anspielung auf die Solidaritätsaktion mit "Charlie Hebdo" stand: "Je suis Greußener Salami". Schmidt zierte sich nicht lange und sagte in die Kamera: "Greußener Salami. Und ich habe noch ein paar andere Dinge, die ich dann sagen würde. Zum Beispiel Nürnberger Lebkuchen." Der Reporter konnte sein Glück kaum fassen, als Schmidt beschwingt loslegte: "Je suis auch Schwäbische Spätzle, Allgäuer Emmentaler."
Schmidt verzieht die Miene, als hätte ihn ein Hieb getroffen, wenn man ihn auf den Auftritt anspricht. Natürlich wollte er keinen Spaß mit den Opfern des Terrors treiben, aber es sah so aus. "Glauben Sie mir, ich habe oft Verwundete des Einsatzes in Afghanistan besucht, mir liegt so was wirklich fern", sagt er.
Alles in allem, so muss man sagen, fremdelt der Minister mit seinem Ressort. Damit ihm niemand zu nahe kommt, hat Schmidt den Leitungsbereich seines Hauses abgeschottet - eine Glaswand schirmt die Ministerbüros vom Rest des Flurs ab. Bei Schmidts Vorgängern stand die Tür immer offen. Jetzt ist sie geschlossen, und die Glaswand wurde auf Geheiß Schmidts auch noch beklebt - mit Milchglasfolie.
Und wenn ihm der Glanz im gemächlichen Agrarressort nicht reicht, greift Schmidt schon mal auf die weit beeindruckenderen Fähigkeiten seiner alten Wirkungsstätte zurück. Als der chinesische Landwirtschaftsminister zu Besuch war, hatte Schmidt mitbekommen, dass der Gast seinen 60. Geburtstag feierte. Schnell bat er Ursula von der Leyen um Amtshilfe, in kleiner Besetzung eilte das Musikkorps der Bundeswehr herbei. Die nette Geste hatte jedoch nicht den erwünschten Effekt. Martialisch standen die Militärs im engen Treppenhaus des Agrarministeriums und bliesen vor einer peinlich berührten Belegschaft ihre Märsche.
In Washington kam Schmidt übrigens irgendwann doch noch zu dem Treffen mit Senator Coats. Der Minister hatte am Hintereingang Glück. Seine Delegationsmitglieder reißen noch heute Witze über Schmidts missglückte Machtprobe mit dem Wachmann. Kein Wunder, dass das Englisch des Ministers keine Wirkung entfaltet habe, sagen sie. "I am the minister" heiße in den USA ja eigentlich auch "ich bin der Pfarrer".
* Mit einem Reporter der "heute show".
Von Peter Müller

DER SPIEGEL 11/2015
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