07.03.2015

SpioneGroßbruder Großmaul

Ein früherer Berater des türkischen Präsidenten soll einen Agentenring in Deutschland gesteuert haben. Der handelte äußerst seltsam.
Der Mann schien sich auszukennen in der Welt der Spione. Während einer abendlichen Autofahrt im Februar 2014 teilte er sein Herrschaftswissen mit seinem Fahrer. "Bei uns hören zehn Stellen unabhängig voneinander ab", dozierte er selbstgefällig und meinte die Türkei. In England oder Deutschland hingegen belausche nur der jeweils zuständige Nachrichtendienst Telefongespräche.
Dumm nur für den türkischen Politiker Muhammed Taha Gergerlioğlu, dass diesmal auch die deutsche Polizei mithörte. Sie hatte den Wagen des Mannes verwanzt. Ermittler der Bundesanwaltschaft überwachten Gergerlioğlu und drei mutmaßliche Komplizen seit Monaten. Sie vermuteten, Gergerlioğlu könnte nicht nur viel über Spione wissen, sondern selbst einer sein.
Kurz vor Weihnachten wurden er und ein Komplize am Frankfurter Flughafen festgenommen. Ein weiterer mutmaßlicher Agent wurde in Wuppertal verhaftet. Doch die Behörden dürften sich bis heute fragen, wen sie vor sich haben: richtige Spione oder kleine Fische, die ihre eigenen Tätigkeiten maßlos übertrieben?
Der Vorwurf der Fahnder lautet auf Spionage im Auftrag des türkischen Geheimdienstes MIT in Deutschland. Dass Gergerlioğlu ein ehemaliger Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ist, macht den Vorgang politisch heikel. Je nachdem wie das Verfahren weitergeht, könnte es die deutsch-türkischen Beziehungen belasten, die auch auf Geheimdienstebene angespannt sind. Der Bundesnachrichtendienst führt die Türkei als Aufklärungsziel ( SPIEGEL 34/2014). Deutsche Sicherheitsbehörden schreckte auf, dass der MIT mit dem Mord an drei Aktivistinnen der kurdischen Arbeiterpartei PKK in Paris in Verbindung gebracht wurde.
Auf Gergerlioğlu und seine Truppe kam die deutsche Polizei zufällig. Einer von ihnen sprach in einem Telefonat, das wegen einer Ermittlung im Bereich Organisierte Kriminalität abgehört wurde, von seinem "Führungsoffizier".
Die Fahnder gingen dieser Spur nach und stießen auf Gergerlioğlu, einen Mann mit Oberlippenbart, grauem Haar und einer randlosen Brille. Er gehört zum rechtskonservativen Flügel von Erdoğans Partei AKP. Als weitere Mitglieder seiner Agententruppe identifizierten die Polizisten den Besitzer eines Reisebüros in Wuppertal, einen Dachdecker aus Rheinland-Pfalz sowie einen weiteren Mann aus Belgien.
Das Quartett kommunizierte über Skype, WhatsApp oder Viber und hatte sich Tarnnamen gegeben. Gergerlioğlu ließ sich "Großbruder" oder "mein Gelehrter" nennen, die anderen hießen "Generalgouverneur", "Gouverneur" und "Kommissar". Einer von ihnen wiederholte mehrfach, Gergerlioğlu sei der Stellvertreter von MIT-Chef Hakan Fidan.
Häufig priesen die vier den türkischen Präsidenten Erdoğan und berichteten von Aktivitäten gegen Kurden, gegen Anhänger des Predigers Fetullah Gülen und andere Gegner Erdoğans.
Geheimdienste aus Diktaturen und totalitären Systemen wie Syrien, China und Iran stellen Gegnern ihrer Regime auch in Deutschland nach. Das ist strafbar. Aber wie ernst waren die Aktionen des türkischen Quartetts? Einer schickte offenbar Fotos einer Demo von PKK-Sympathisanten in Mannheim an Gergerlioğlu. Ein anderer berichtete ihm von einer Person, die über Erdoğan "übelst lästert" und bald in die Türkei fahre. Gergerlioğlu kündigte an, er werde den Mann "sofort fertigmachen".
Der Führungsoffizier versprach seinen Spitzeln Hilfe, egal ob es um Reisepässe ging, die Nichten zum Auslandsstudium brauchten, oder um die Aufhebung eines Einreiseverbots in die Türkei. Er hatte Einfluss in der Türkei, davon sind die deutschen Fahnder überzeugt. Aber wie weit reichte sein Arm?
Gern ließ er sich als Berater Erdoğans vorstellen - zum Beispiel gegenüber zwei Diplomaten des türkischen Generalkonsulats in München. Er beschaffe Informationen im Finanz- und Wirtschaftsbereich, erzählte er ihnen. "Wir haben eine Grundstruktur aufgebaut und beobachten den privaten Sektor."
Die Türkei hat bestritten, dass Gergerlioğlu und seine Mitstreiter in Diensten des MIT stünden. Das ist nicht völlig abwegig, denn das Verhalten der Männer war selbst für Spione seltsam. So meldete ein Zuträger, er könne ein Dokument beschaffen, welches belege, dass der Erdoğan-Gegner Gülen in einem Korankurs einen Jungen missbraucht habe. Das Dokument könne helfen, Gülen fertigzumachen. Das Schriftstück tauchte nie auf.
Ein anderes Mal warnte derselbe Mann seinen Agentenführer vor einem ähnlichen Schmutztrick der Gegenseite. "Die Leute von der Gülen-Sekte haben letztens gesagt, sie werden eine Sexkassette veröffentlichen", warnte er. Doch das Video, das angeblich Erdoğans Bruder beim Liebesspiel zeigt, stand zu dem Zeitpunkt bereits im Internet.
Der "Kommissar" berichtete sogar von einem bevorstehenden Anschlagsversuch auf Erdoğan. Im Verdacht hatten die Geheimen eine Köchin in Erdoğans Haus in Ankara.
Allerdings scheint auch die Bundesanwaltschaft Zweifel daran zu haben, dass es sich bei dem Großbruder und seinen Informanten um einen schlagkräftigen Spionagering gehandelt haben könnte. Zwei Zuträger wurden kürzlich gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Nur Gergerlioğlu sitzt weiter.
Von Jörg Diehl, Conny Neumann und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 11/2015
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