07.03.2015

ExpolitikerInnig bis zur Insolvenz

Björn Engholm, Ministerpräsident a. D., warb jahrelang für eine dubiose Baufirma. Gegen die ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft.
Alexander Streitzig hätte sich viel Ärger ersparen können. Er hätte nur ein wenig googeln und die zukünftigen Nachbarn befragen müssen, um herauszufinden, wer die Firma führt, die seinen Traum vom Eigenheim in Grafing bei München erfüllen sollte.
Dann wäre ihm wohl klar geworden, dass Lars Lachmann, Chef der Firma Moreum Systemzentrale, der wie James Bond im Aston Martin durch die Gegend fuhr und auf Baustellen Lackschuhe trug, eher nicht der richtige Partner war. Jedenfalls nicht für den schlüsselfertigen Bau einer Doppelhaushälfte.
Doch der Familienvater ahnte nichts davon. Im September 2013 unterschrieb er den Vertrag mit der Firma des Provinz-Playboys. Was in Streitzigs Augen für den Bauträger aus Nordhessen sprach, war ein Mann, der ihm und seiner Frau über alle Zweifel erhaben schien: Björn Engholm, einst Bundesminister für Bildung, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und Kanzlerkandidat der SPD.
Mit einem Foto des Expolitikers und dem Slogan "Björn Engholm befürwortet Moreum" warb die Firma um Kunden. "Für uns war das wie ein Gütesiegel", sagt Streitzig. Seit 2001 ist Engholm auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender beim "Verband Wohnsiegel - Das Europäische Markenhaus e. V.", der sich laut Eigenwerbung um die Qualitätssicherung und Verbraucherinteressen am Bau kümmert.
In einem Interview mit dem Magazin "Schöner Wohnen" erklärte er 2007 sein Engagement für den Verein. "Unser Ziel ist es, Qualität, Bonität und Seriosität der Anbieter von Ein- und Zweifamilienhäusern zu erhöhen." Der Verband prüfe Mitgliedsunternehmen sehr genau, beteuerte der Expolitiker. "Viele Leute sind ja ruiniert, wenn der Bauunternehmer während des Baus pleitegeht, sie können ihren Traum vom eigenen Haus ein für alle Mal begraben. Dagegen kann man etwas tun."
An der Seriosität von Moreum begann Streitzig rasch zu zweifeln. Nur sieben Tage nach der Vertragsunterzeichnung mahnte eine Mitarbeiterin bei ihm telefonisch die erste Rate an, gut 38 000 Euro, obwohl die Rechnung erst wenige Stunden zuvor mit der Post gekommen war. Dass Mitte Oktober niemand kam, um die Baustelle einzurichten, obwohl dies verbindlich zugesagt war, machte Streitzig noch nervöser. Aber erst als am 26. November Arbeiter, trotz strammer Minusgrade, die Bodenplatte gossen - was zu Schäden bis hin zum Bruch des Betons führen kann -, war für den Bauherrn das Maß voll. Streitzig kündigte den Vertrag mit Moreum. Es folgten Vergleichsverhandlungen, die im Nichts endeten, weil Moreum im Juni 2014 Insolvenz anmeldete.
Dem Ehepaar blieb ein Schaden von rund 100 000 Euro und die Erkenntnis, dass sie nicht die Einzigen waren, die mit Moreum Probleme hatten. Über Nachbarn kamen sie mit weiteren unzufriedenen Kunden in Kontakt. Gut ein Dutzend Fälle sind es allein im Raum München.
Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft Kassel gegen die ehemaligen Moreum-Geschäftsführer Lars Lachmann und Torsten Hoffmann - wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung und des Verstoßes gegen das Bauforderungssicherungsgesetz. Die Fahnder haben offenbar belastbare Hinweise, dass die Firma schon länger erhebliche Liquiditätsprobleme hatte. In einer Strafanzeige heißt es, Abschlagszahlungen der Bauherren seien verwendet worden, um Löcher in der Firmenkasse zu stopfen, statt sie auf Projekt-Sonderkonten zu buchen, von denen die Rechnungen der Baufirmen bezahlt werden sollten.
Lachmann bestreitet die ihm und seiner Firma zur Last gelegten Taten. Bei allen Projekten habe er bis zum Schluss Sonderkonten geführt. Überdies werde er belegen, dass seine Firma erst 2014 in eine ernste Schieflage geraten sei. Ob er die Staatsanwälte des Kasseler Wirtschaftsdezernats damit überzeugen kann, steht dahin.
Die Causa könnte auch für den bislang als untadelig geltenden Verband Wohnsiegel - Das Europäische Markenhaus e. V. zum Problem werden. Dessen Vizechef Engholm war noch bis kurz vor der Insolvenz als "Bundesminister a. D. und Vorstandsmitglied des Qualitätsverbands Wohnsiegel, der die Entstehung von Moreum begleitete sowie die Qualitätskriterien von Moreum mit begründete", auf der Webseite der Firma präsent.
Das Pleite-Unternehmen und der gemeinnützige Verein waren in einer Weise verflochten, die den Verdacht nahelegt, dass der Verband nicht so unabhängig und verbraucherfreundlich ist, wie seine Oberen es gern darstellen - nicht nur weil sie im selben Gebäude residierten und dieselbe Faxnummer hatten. So war der Ex-Moreum-Geschäftsführer Hoffmann bis Juni 2014 in Personalunion Schatzmeister des Verbandes Wohnsiegel e.V. Die Kasseler Staatsanwälte führen ihn nun als Beschuldigten.
Lars Lachmann, sein früherer Kollege und Mitbeschuldigter, ist bei Denic, der zentralen deutschen Registrierungsstelle für Internetadressen, als "Ansprechpartner" für die Domains wohnsiegel.de und europaeisches-markenhaus.de gelistet - und zwar für die "Organisation: Verband Das Europäische Markenhaus".
Inhaber der Domain moreum.de ist hingegen die CfB Consulting für Bauwirtschaft. Die gehört Heinz H. Lachmann, dem Vater des Moreum-Chefs. Und der ist auch Vorstandsvorsitzender des Verbandes Wohnsiegel. So bleibt alles in der Familie.
Als Streitzig und zwei weitere Bauherren, Thomas Sautter und Christoph Köllmer, im Mai vorigen Jahres wissen wollten, ob der Verein angesichts der Engholm-Werbeauftritte nicht für das Desaster von Moreum mit verantwortlich sei, gaben sich die Vereinsherren ahnungslos.
Engholm teilte per E-Mail mit, er habe "zur Firma Moreum ... keine Beziehung" und "nur ein einziges Mal auf Einladung der Werner Wohnbau/Moreum über Altbausanierung ... referiert".
Lachmann senior schrieb auf Verbands-briefpapier, "dass die Firma Moreum Systemzentrale GmbH kein Mitgliedsunternehmen im Fachverband Wohnsiegel (...) war und ist". Deshalb trage der Verein "weder rechtlich und geschäftlich noch moralisch eine irgendwie geartete (Mit-)Verantwortung".
Sautter hielt Engholm vor, dass er weitaus öfter als von ihm zugegeben als Werbeträger für Moreum agiert habe. Der Ministerpräsident a. D. antwortete: "Ich - wie auch unser Verband - werden Ihre permanenten Unterstellungen und Nötigungen nicht hinnehmen."
Vor gut zwei Wochen untersagte ein Anwalt Sautter im Namen des Verbands Wohnsiegel "jegliche weitere Kontaktaufnahme". Es gebe "keinerlei Veranlassung, die von Ihnen aufgeworfenen Fragen einer Beantwortung zu unterziehen". Sollte Sautter dennoch weitermachen, drohte ihm der Jurist "sowohl zivil- als auch strafrechtliche Schritte" an.
Dabei stützen interne Dokumente den Verdacht, dass die Hilfe von Wohnsiegel e. V. für Moreum intensiver war, als sich viele Kunden vorstellen konnten. Im Frühjahr 2014 bezahlte der Verband offenbar sogar Baumaterial für eine Moreum-Baustelle im bayerischen Grafing. Innig bis zur Insolvenz. Vom SPIEGEL mit den Papieren konfrontiert, teilte Verbandschef Lachmann senior mit, "der Sachverhalt" werde "gerade anwaltlich geprüft". Deshalb könne er "derzeit keine Stellung beziehen".
Dabei kann dem Vater nicht verborgen geblieben sein, wie klamm die Firma seines Sohnes schon 2012 war. Mit 197 500 Euro hat die "Unternehmensberatung Heinz Lachmann", laut Jahresabschluss 2012, damals einen "nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag geheilt".
Auch Engholms bisherige Verteidigungslinie ist kaum zu halten. Am 9. Februar 2012 schickte eine Moreum-Mitarbeiterin eine E-Mail an die Regionalleiter des Unternehmens. Darin ging es um Termine für PR-Maßnahmen mit Geschäftspartnern von Moreum, die "noch im Februar mit Herrn Engholm abgestimmt werden" mussten. Schließlich sollten "Journalisten und andere Interessierte einen Grund haben, uns ihre Aufmerksamkeit zu schenken". Einladung, Catering und andere organisatorische Dinge übernehme Moreum.
Die Firmen müssten nur "eine Kostenbeteiligung von 1250,00 Euro als Anteil für Björn Engholm übernehmen". Vom SPIEGEL dazu befragt, erklärte der Ministerpräsident a. D.: "Das Schreiben kenne ich nicht." Er habe aber "von Lizenzpartnern zu keiner Zeit ein Honorar" erhalten. "Aufwandsentschädigungen" habe es "nur vom Verband" gegeben.
Vielleicht haben die Firmen die Kosten für Engholm auch an den Verband gezahlt. Der war ja eine Art Familienbetrieb.
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 11/2015
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