07.03.2015

HomestoryWasserdicht, feuerfest

Wie man sich an Katastrophen wie Fukushima gewöhnt
Neben meinem Bett steht ein silbern glänzender Rucksack, darauf leuchten in Rot die fünf japanischen Schriftzeichen für "Notfallbeutel". Der Sack erinnert mich daran, dass ich in einer Gesellschaft lebe, die jederzeit mit Erdbeben, Tsunamis oder Vulkanausbrüchen rechnen muss.
Eigentlich bin ich nicht besonders ängstlich. Als in Tokio vor Kurzem allerdings wieder mal die Erde wackelte, beschloss ich dann doch, dass Vorsorge ratsam sei. Also besorgte ich mir in einem Kaufhaus diese Standardausrüstung für japanische Haushalte - wasserabweisend, feuerfest. Ich füllte den Beutel mit Überlebenswichtigem und ließ mich dabei von der bebilderten Packanleitung inspirieren. Ich glaube, nun bin ich mit dem Nötigsten gerüstet - Instantsuppe, Taschenlampe, fehlt noch etwas?
Ach ja, ein Geigerzähler und Jodtabletten für die nächste Atomkatastrophe können nicht schaden. Denn bei jedem Beben rasen meine Gedanken sofort Richtung Fukushima: Ob die Reaktorruine, die nur behelfsmäßig gekühlt wird, diesmal standhält?
In der Packanleitung finde ich keine Tipps, wie ich mich gegen radioaktive Strahlung schützen könnte. Das liegt möglicherweise daran, dass sich mein Gastland - seine offiziellen Stellen jedenfalls - sehr bemüht, das Thema Fukushima und die Folgen aus dem Bewusstsein der Menschen zu verdrängen.
Demnächst will die Regierung in Tokio die ersten von 48 Reaktoren wieder in Betrieb nehmen, die nach dem 11. März 2011 stillgelegt worden waren. Resignation macht sich breit, ich spüre es in Gesprächen mit Freunden.
Ich gebe zu, auch ich denke lieber an die angenehmen Seiten Japans. Alles ist relativ: Als ich im vergangenen Sommer nach einem Jahrzehnt unter den Dunstglocken von Shanghai, Peking und Neu-Delhi nach Tokio zurückzog, staunte ich über den blauen Himmel und die saubere Luft. Ein Gewinn an Lebensqualität, den ich mir durch Grübeleien über Atomkatastrophen nicht gleich wieder vermiesen möchte.
Andererseits: Wenn ich einkaufe, geistert mir Fukushima doch durch den Kopf. Ich meide Obst und Gemüse aus der Unglücksregion. Das ist vielleicht nicht fair gegenüber den Bauern von Fukushima. Ich habe selbst erlebt, wie penibel manche von ihnen Lebensmittel auf radioaktive Strahlung testen.
Doch mein Misstrauen überwiegt. Zu oft musste ich mich schon wundern, wie fahrlässig die japanische Regierung mit atomarer Strahlung umging. 1986, damals studierte ich in Tokio, wehten nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl Strahlenwolken auch nach Japan. Die Bürger wurden aufgefordert, Gemüse vor dem Verzehr zu waschen; damit war die Sache angeblich erledigt. 1999 mixten Arbeiter in der Atomfabrik von Tokaimura, 100 Kilometer nördlich von Tokio, Uran-Isotope und lösten damit eine nukleare Kettenreaktion aus - und den bis dahin schlimmsten Strahlenunfall Japans.
Ich überlegte damals, ob ich mit meinen Kindern Richtung Süden fliehen solle. Doch bald kam ich mir hysterisch vor. Meine Nachbarn lebten ihren Alltag weiter, als wäre nichts passiert.
Auch heute, vier Jahre nach Fukushima, tauchen Wörter wie "Becquerel" oder "Millisievert" und die Frage, wie viel davon wo zu finden sei, in Gesprächen selten auf. Stattdessen ereiferte sich die japanische Nation im Januar tagelang darüber, dass bei McDonald's im Essen ein abgebrochener Zahn entdeckt worden war.
Diese Debatte ging an mir wiederum vorbei, denn in Japan, dem Land von Sushi und Sashimi, käme ich bestimmt nicht auf die Idee, Fritten-Fast-Food zu essen. Die Aufregung jedenfalls war groß - so als suchte man sich kleine Probleme, um über die großen nicht reden zu müssen. Als wollte man sich ablenken von der eigentlichen Sorge, die viele eben doch bewegt.
Umfragen zufolge lehnt die Mehrheit der Japaner den geplanten Neustart der Atomkraftwerke ab. Der Fukushima-Schock wirkt also nach.
Eine Freundin verrät mir, dass sie ihre kleinen Töchter nur Milch aus Hokkaido trinken lasse, aus dem hohen Norden, weit weg vom havarierten Kernkraftwerk. Auch der Kinderhort serviere nur Essen aus nicht verstrahlten Regionen.
Den Namen des Hortes dürfe ich aber nicht nennen, bittet sie. Sonst könnten die Kindergärtnerinnen der Panikmache beschuldigt werden. Ich verspreche es ihr.
Trotz allem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass Japans Politiker ihre riskante Vorliebe für Atomstrom irgendwann überdenken könnten.
In diesen Tagen warnen heimische Wissenschaftler wieder verstärkt vor einem verheerenden Erdbeben, diesmal südwestlich von Tokio. Es sei noch wahrscheinlicher geworden, weil sich die riesigen Erdplatten unter Japan durch das Beben des Jahres 2011 verschoben hätten.
Noch einmal inspiziere ich den Notfallrucksack neben meinem Bett. Wird er mir überhaupt nützen? Vielleicht bin ich im Ernstfall ja nicht zu Hause, sondern in der U-Bahn.
Vielleicht, denke ich plötzlich, sollte ich es lieber so machen wie viele katastrophenerprobte Japaner: gelassen bleiben und mich ins Unabwendbare fügen.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 11/2015
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