07.03.2015

KommentarKein Weg zurück

Warum China sich nicht mehr vom Westen abschotten kann
Peking dreht der Welt den Rücken zu - das stellen in diesen Tagen einige der besten Chinakenner fest. Von "Selbstisolation" spricht der US-Autor James Fallows, von einer "Schubumkehr" Sebastian Heilmann vom Mercator-Institut für Chinastudien. Das Land, sagt Heilmann, schließe nun die Türen, die der Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping vor 35 Jahren aufgestoßen hat. Das ist ein ernster und dramatischer Befund. Tatsächlich häufen sich seit dem Antritt der neuen Führung vor zwei Jahren die Zeichen für einen historischen Schwenk: Hohe Kader warnen vor dem verderblichen Einfluss des Westens, Regierungskritiker werden drakonisch bestraft. Selbst europäische oder amerikanische Wirtschaftsführer, bislang Fans des "chinesischen Modells", klagen über ökonomischen Nationalismus und die Benachteiligung ausländischer Firmen. Die Chinesen müssten dies ändern, "wenn sie mit den USA Geschäfte machen wollen", mahnte Präsident Barack Obama diese Woche. Aber kann China sich überhaupt verschließen? Die Volksrepublik ist heute so eng mit der Welt verbunden wie nie zuvor: Millionen Chinesen reisen in den Westen, Hunderttausende studieren dort - darunter auch die Tochter von Präsident Xi Jinping. Sie nutzen das Internet, und viele stehlen sich dabei tagtäglich an der Zensur vorbei, um kritische Blogs zu lesen oder sich US-Serien anzusehen. Auch Chinas Unternehmer sind auf allen Erdteilen aktiv. Der bekannteste von ihnen, Jack Ma, Chef des Onlinehändlers Alibaba, wird kommende Woche zur Eröffnung der Cebit nach Hannover kommen. Die Warnungen der Skeptiker sind trotzdem ernst zu nehmen, denn viele in der KP-Führung würden China tatsächlich gern abschotten. Doch die Politik der Öffnung hat Fakten geschaffen - und selbst die KP kann diese nicht ignorieren. Als der Bildungsminister die Universitäten kürzlich anwies, Lehrbücher aus dem Kanon zu streichen, die "westliche Werte" vermittelten, wurde er im Internet mit Hohn und Spott übergossen. Die Zensur kam gar nicht hinterher, die neuen Einträge zu löschen. Die Tür nach China geht immer wieder ein Stück auf und zu. Doch um sie abzuschließen, dafür ist es zu spät.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 11/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kommentar:
Kein Weg zurück

  • Tierisches Paarungsverhalten beim Mensch: Flirten mit dem Albatros-Faktor
  • Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter