07.03.2015

UkraineDie neue Zone B

Donezk ist abgeschottet wie einst Westberlin, Passierscheine sind sogar noch schwerer zu bekommen als damals. Beobachtungen von beiden Seiten einer Grenze, die es eigentlich nicht geben dürfte. Von Christian Neef
Grenzen sind lästig, aber berechenbar, hatte Lastwagenfahrer Jewgenij bis vor Kurzem gedacht. Jedenfalls in Europa. An einigen gibt es nicht mal mehr Schlagbäume, andere werden von Zöllnern bewacht, aber für beide Arten gilt: "Du weißt, ob du über sie hinwegflutschen kannst oder fünf Stunden Wartezeit einplanen musst. Aber diese hier? Null Ahnung, nach welchen Grundsätzen die funktioniert."
Diese Grenze hier ist ein Kriegsbollwerk am Rande Europas, das seine Grenzen fast schon abgeschafft hat. Gleich am ersten Kontrollpunkt nach Kurachowe muss man die Ausweise zeigen, den Kofferraum öffnen, sich auf Waffen abtasten lassen. 500 Meter weiter stehen Betonblöcke, Barrikaden, Panzersperren und Schilder mit dem barschen Hinweis: "Licht aus, sofort anhalten!" Dahinter Container und vermummte Soldaten, die Kalaschnikow im Anschlag.
Links und rechts der Straße liegen Felder. Die braune, mit schmutzigem Schnee bedeckte Ackerkrume sieht aus, als hätten übergroße Maulwürfe ihr Werk getan. Aus den kleinen Hügeln ragen Ofenrohre hervor, denen schwarzer Qualm entsteigt, aus anderen schauen Panzerkanonen heraus, ein Stück weiter fräst ein einsamer Bagger Schützengräben in die fette nasse Erde.
Einen Kilometer weiter beginnt das Gebiet der "Volksrepublik Donezk", Terroristenhochburg und Feindesland aus ukrainischer Sicht. Hier, kurz hinter der Kleinstadt Kurachowe, hat sich die ukrainische Armee eingegraben. Dazwischen ist die Straße, die von Saporischja nach Donezk führt. Eigentlich. Und auf dieser Straße steht nun Jewgenij, die Standheizung seines Transporters ist eingeschaltet, der Fernseher läuft, der Kaffee dampft. Es könnte fast gemütlich sein. "Aber nicht, wenn du schon den dritten Tag hier stehst und nicht weißt, wann es weitergeht."
Auf dem Randstreifen neben der Straße haben sich in einer endlosen Kette Lastwagen aufgereiht, große Trucks und kleine Lieferwagen, Überlandbusse und Sammeltaxis. Mittendrin der russische Kleintransporter von Jewgenij, Modell GAZelle, ausgelegt für anderthalb Tonnen Fracht, weiß, mit grünem Aufbau. Polizeiliches Kennzeichen: AN 0882 NT.
Jewgenij fährt für einen Unternehmer in Donezk, er hat Konserven, Tomatenmark, Büchsenmilch und Gewürze geladen, Nachschub für die Geschäfte der Rebellenhauptstadt. Die Ware hat er im 120 Kilometer entfernten Mariupol abgeholt - jener Hafenstadt, die womöglich das nächste Ziel der Separatisten sein könnte. Sechs Checkpoints hat Jewgenij seit Mariupol passiert, doch bei Kurachowe, 40 Kilometer vor Donezk, ist nun Schluss.
Man mag darüber streiten, ob die Separatisten selbst schuld daran sind oder Kiew seine Rache übertreibt - aber Donezk ist jetzt das Westberlin der Ukraine. Auch über die Ostgrenze zu Russland kommt kaum etwas herein. Sie wird von den Rebellen bewacht, und die lassen nur die Propagandahilfszüge durch, die von Moskau entsandt sind. Milch, Fleisch, Gemüse - alles wird knapp. Und die ukrainische Regierung hat den Zugang zu den "Volksrepubliken" nahezu vollständig abgeschottet.
Neuerdings braucht jeder einen "Propusk", einen Ausweis, um die Linie zwischen den verfeindeten Lagern zu passieren. Der Propusk ist klein und weiß, ein großes "B" steht darauf. Die Ukrainer haben die Grenze, an der sie den Separatisten gegenüberstehen, in Abschnitte eingeteilt. Der Propusk ist das Sesam-öffne-Dich für den Übergang in "Zone B". Seit Januar geht nichts mehr ohne diesen Propusk. Das Problem ist nur: Man bekommt ihn schwer.
Der Propusk wird in Welyka Nowosilka ausgestellt, einem Dorf 90 Kilometer westlich von Donezk; derzeit beträgt die Wartezeit für den Ausweis zwei bis drei Wochen. Um aber von Donezk nach Welyka Nowosilka zu kommen, braucht man wiederum den Propusk "Sektor B". Die Folge: Man kommt einfach nicht hin.
Selbst im geteilten Berlin hatten sie das besser gelöst: Da stellten DDR-Beamte Westberlinern in Westberlin Passierscheine für den Osten aus - ein kleines Stück Goodwill im Kalten Krieg. Wie wären die Westberliner damals bloß an ihre Ausweise gekommen, hätte Ulbricht die auf dem Ostberliner Alexanderplatz ausgegeben?
"Dies ist ein Theater des Absurden", sagt Jewgenij. "Kafkaesk" nennt ein anderer das, was sich an der Grenze abspielt. "Sehen Sie die Leute da drüben, die von Donezk gekommen sind: Sie drücken ukrainischen Soldaten ihre Dokumente in die Hand - in der Hoffnung, dass diese Papiere irgendwie nach Welyka Nowosilka gelangen. Und dann stehen sie zwei Wochen später hier tagelang in der Kälte an, um ihren Propusk zu bekommen."
Jewgenij hat sich den Ausweis besorgt, aber selbst der hilft ihm jetzt nicht. Denn die Ukrainer haben etwas Neues ersonnen: Für den Transport von Waren ins Rebellengebiet wird nun der Nachweis einer Genehmigung von der Steuerbehörde verlangt. In deren Besitz müssen all jene Unternehmen sein, die Produkte an die Rebellen verkaufen. Also auch jene Firma in Mariupol, bei der Jewgenij seine Konserven geladen hat.
"Die Firma hatte das Papier natürlich nicht", sagt Jewgenij. "Ich bin trotzdem zur Grenze gefahren. Vorige Woche standen wir hier sechs Tage lang. Dann haben wir einem Polizisten 1000 Hrywen gegeben. 1000 Hrywen sind bei euch kaum mehr als 35 Euro, bei uns jedoch eine Monatsrente. Der Polizist hat uns dann über Dörfer, in denen es noch keine Checkpoints gab, nach Donezk gelotst." Aber auch diese Schlupflöcher sind inzwischen gestopft. Es gibt lediglich den offiziellen Grenzübergang - und der ist nun geschlossen. An diesem Wintertag nutzt nicht mal das kleinste Papier. Heute sei noch kein Befehl gekommen, die Grenze zu öffnen, sagt ein Offizier am Checkpoint.
Donezk, östlich des Checkpoints gelegen, wirkt friedlich an diesem Tag. Seit dem 15. Februar herrscht Waffenstillstand. Arbeiter der Stadtverwaltung reinigen die Straßen, im Kiewer und im Petrowsker Stadtbezirk richten sie zerstörte Häuser her, sogar die Uni ist in Betrieb. Moralisch aber scheint die vom Krieg gezeichnete Stadt nicht mehr im Gleichgewicht: 18 Morde in den letzten drei Tagen melden die Zeitungen.
Auf dem Lenin-Platz haben sich Anhänger der neuen Macht versammelt, sie tragen Fahnen mit Stalin-Bildern. "Der Sieg wird unser sein", steht unter den Fotos des Diktators und: "Obama ist eine Bestie".
Im "Ersten Republikanischen Kanal" zeigen sie Kriegsfilme, mit Laufschrift unterlegt: "Das Spezialbataillon ,Oplot' sucht Panzerfahrer und Sanitäter", man soll sich per Telefon bei einer "Natascha" melden. Auch auf den Straßen wird zur Mobilisierung gerufen. "Ich warte auf meinen Helden", steht auf Plakaten. Darunter eine Kalaschnikow mit Zielfernrohr und die Rufnummer der Armee der Donezker Republik. "Nach unserem militärischen Sieg haben wir in Minsk erstmals auch einen diplomatischen erzielt, wir sind de facto unabhängig geworden", schreibt "Noworossija", das Zentralblatt der Separatisten, an diesem Tag. Ein Mann wie Wladimir Putin werde "nur einmal in tausend Jahren geboren - es kommt der Tag, da er auch unser Präsident werden wird".
Artilleriefeuer ist nur noch selten zu hören. Trotzdem ist kaum ein Mensch auf der Straße, besonders wenn es dunkel wird. "Ab 18 Uhr 40 Prozent Rabatt auf Wodka, Wein und Sekt" lockt eine Tafel vorm Steakhaus El Torro am Puschkin-Boulevard. Aber das Restaurant ist auch nach sechs leer. Ähnlich ergeht es dem Pelzladen an der Artem-Straße, der "20 Prozent Nachlass für die Frauen von Volkswehr-Angehörigen" verspricht. Kundschaft ist trotzdem nicht drin.
Anderswo fehlen nicht die Kunden, sondern die Waren. Nicht mal Aspirin kommt in die Rebellengebiete hinein, ganz zu schweigen von Schmerzmitteln für die Patienten der Krebskliniken oder Methadon für die Drogensüchtigen der Stadt. "Entweder ich hänge mich auf, oder ich schreibe mich bei der Volkswehr ein", sagt ein junger Mann, der seit vier Jahren in Methadon-Therapie ist. "Dann kämpfe ich bei diesen Typen mit und werde nicht als Junkie begraben, sondern als einer, der die Heimat verteidigt hat."
So schwer es ist, nach Donezk hineinzukommen, so schwer ist es auch hinaus. Wer dem Belagerungsring entkommen will, der geht zum südlichen Busbahnhof von Donezk. Ältere Frauen stehen mit Pappbechern herum, sie betteln stumm. In einem Müllcontainer überprüft ein Mann, ob sich Verwertbares finden lässt. Vor den Auskunftsschaltern stehen Menschenschlangen, eine Auskunft kostet 2,60 Hrywen. Um Debatten vorzubeugen, haben die Mitarbeiter Zettel an ihre Schalter geklebt: "Wir wissen auch nicht, wie man sich einen Propusk besorgen kann!"
21 Bussteige gibt es hier. Die einen sind menschenleer - von ihnen fahren die Busse in andere Orte der "Volksrepublik" ab. Die anderen sind überfüllt - von hier geht es nach Mariupol, Slowjansk oder in die Industriestadt Kramatorsk. Die Fahrer lassen nur Passagiere mit dem Propusk "Sektor B" in ihre Busse einsteigen.
An Bahnsteig 4 steht ein klappriger indischer Tata-Bus zur Abfahrt bereit. Die Menschen drängen hinein, eine junge Frau fragt den Busfahrer, ob er sie auch ohne Ausweis mitnehmen könne, ihre Mutter liege in Kramatorsk im Krankenhaus. "Ohne Nachweis der Klinik geht das nicht", sagt der Fahrer. "Den geben sie mir nicht", entgegnet die Frau voller Verzweiflung.
Eine andere Passagierin hat mehr Glück. Sie möchte, dass der Fahrer ihr hilft, auf dem Rückweg einen Verwandten nach Donezk hineinzuschleusen. "Nun ja", sagt der Mann und nochmals "nun ja", da reicht sie ihm eine Zigarettenschachtel Marke "President". - "Wie viel sind drin?", fragt er. - "200", antwortet die Frau. Der Fahrer öffnet die Schachtel und zieht vier 50-Dollar-Noten heraus. "Nun ja", sagt er nochmals, diesmal klingt es zustimmend. Offiziell hat der Krieg zwar alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt. Geld aber ist das Schmiermittel, mit dem auch jetzt noch Auswege zu finden sind.
Jewgenij, draußen am Checkpoint, kennt diese Wege gut. Warum sollten in einem Land, das wirtschaftlich vor dem Abgrund steht, nicht auch Soldaten bestechlich sein? "Du gehst einfach zum Checkpoint vor und suchst dir eines der verlässlicheren Gesichter aus", sagt er. "Und dann beginnst du ein Gespräch."
Wie viel man brauche, um auf diese Weise einen Lastwagen mit Lebensmitteln durch die Frontlinie zu bringen? 10 000 Hrywen musste man zuletzt pro Lkw an die Ukrainer zahlen, jetzt ist der Preis auf bis zu 20 000 hochgeschnellt, das sind fünf bis sechs Monatsgehälter eines Soldaten.
Und das ist noch nicht alles, denn am Checkpoint der Rebellen auf der anderen Seite werden die Wagen von den Soldaten der Volksrepublik "entzollt". Der Preis ist nicht fix, aber von fünf Tanklastern mit Benzin werden normalerweise drei von den Separatisten requiriert. Das halte selbst der reichste Geschäftsmann nicht lange durch, sagt Jewgenij. Zudem habe sich der Preis für Diesel seit Anfang Februar nahezu verdoppelt.
"Fast mein ganzes Leben habe ich in Donezk verbracht", erzählt Jewgenij. "Ich kann nichts Schlechtes über Wiktor Janukowytsch sagen. Als er noch das Sagen hatte, hat er uns eine Wohnung verschafft. Jetzt habe ich ein kleines Haus, meine Frau wartet auf mich. Unsere 16-jährige Tochter aber haben wir auf eine Schule nach Saporischja gebracht, in Donezk hat sie keine Zukunft mehr."
Die neuen Machthaber der "Volksrepublik", sagt Jewgenij, seien vor Kurzem noch Unbekannte gewesen. "Jetzt hat jeder von denen eine Kalaschnikow, sie spielen sich als neue Herren auf. Ich habe nicht für die Unabhängigkeit gestimmt."
Dann kriecht Jewgenij in seinen Schlafsack hinein. Noch eine Nacht an Europas neuer Grenze? Oder zwei? Oder drei?
Ob man für oder gegen die "Volksrepublik" ist, scheint eine Frage des Geldbeutels geworden zu sein. Während Jewgenij an der Grenze wartet und auf die Rebellen schimpft, sieht es Fjodor Iljischenko am Busbahnhof von Donezk genau andersherum. In der Hand hält er einen Briefumschlag, darin ein Schreiben an das Kiewer Bezirksverwaltungsgericht, eine Klage gegen Regierungschef Arsenij Jazenjuk. Der Premier habe mit seiner Entscheidung zur ökonomischen Blockade der Volksrepublik das Elend erst ausgelöst, sagt Iljischenko.
"Es war ein verbrecherischer Beschluss. Jazenjuk ist borniert, stumpfsinniger als ein Flaschenkorken. Wir würden auf okkupiertem Territorium leben, behauptet der, uns stehe also nichts mehr zu."
Iljischenko ist 78 Jahre alt, ein freundlicher kleinerer Herr. Kaum zu glauben, aber er war einst Fliegergeneral im fernen Osten der Sowjetunion, zum Beweis klappt er seinen Veteranenausweis auf. In den Sechzigerjahren hat er gegen die Chinesen gekämpft, im Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten auf Seiten von Gamal Abdel Nasser. Jetzt ist er Militärberater der Separatisten, aber Rente bekommt auch er nicht mehr, Kiew hat den "Volksrepubliken" den Geldhahn zugedreht.
"70 000 Hrywen habe ich auf einem Konto der staatlichen Oschtschad-Bank, Geld für meinen Lebensabend, aber an das komme ich nicht heran, es gibt in Donezk keine Banken mehr. Sie haben versprochen, mir alles zurückzugeben, doch dazu müsste ich in eine Filiale auf ukrainischem Gebiet." Und da kommt er nicht hin.
Die Donezker Regierung habe ihm neulich immerhin 1000 Hrywen Nothilfe gezahlt. Die Hälfte habe er sofort auf dem Markt für Lebensmittel ausgegeben. Jetzt steht er mit einer Plastiktüte in der Hand auf dem Busbahnhof, "Diamonds Delight" steht darauf, darin sind Medikamente.
Auch die Post hat ihre Arbeit eingestellt, deshalb will Iljischenko den Brief mit der Klage jemandem in die Hand drücken, der nach Mariupol fährt. Dort hat er einen Freund, der die Klage weiterleiten soll. Er spricht eine Gruppe Frauen an, eine von ihnen will ihm helfen. Der Alte zeigt ihr das Schreiben, klebt den Umschlag zu und drückt ihr 25 Hrywen in die Hand. "Es wird die Lage kaum ändern, aber man muss kämpfen", sagt der General a. D.
Von Christian Neef

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