07.03.2015

SPIEGEL-Gespräch„Wir wollen uns nicht ewig Geld leihen“

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras über seine geplanten Reformen, das polarisierende Auftreten seiner Regierung in Europa und die Frage, ob sein Land ungewollt aus dem Euro ausscheiden könnte
Er steht fast unscheinbar in seinem riesigen Arbeitszimmer in der Athener Villa Maximos und wirkt sehr entspannt. Alexis Tsipras, 40, der radikallinke Premierminister, der Berlins Regierende nervt, hat einen weichen Händedruck. Auf dem Konferenztisch liegt ein Block mit Regierungswappen, darauf hat er in akkurater Handschrift Stichpunkte für das Gespräch notiert. Er wolle sich und die Politik seiner noch jungen Regierung erklären, sagt er, und er wolle Fragen offen und ehrlich diskutieren, damit man ihn in Deutschland besser verstehe. Dafür sei jetzt der ideale Zeitpunkt - nach den Verhandlungen in Brüssel und kurz bevor Athen der Euro-Gruppe am Montag erste Reformen präsentieren will.
Eine Stunde wird er sich für das Treffen Zeit nehmen, die Teilnehmer der nächsten Besprechung warten schon ungeduldig in der pompösen Empfangshalle. Tsipras spricht Griechisch, er wirbt mit tiefer, leiser Stimme für seine Pläne, lacht zwischendurch immer wieder und lehnt sich zurück. Seine Selbstgewissheit wirkt nicht arrogant, sie scheint auf Überzeugung zu gründen. Er wisse, dass das Leben aus Kompromissen bestehe, sagt er. Kompromisse seien auch die Basis der Zusammenarbeit in der EU. "Wir müssen jegliches Desaster hinter uns lassen", sagt Tsipras, "auch deshalb will ich mit Ihnen reden."
SPIEGEL: Herr Premierminister, die meisten Ihrer europäischen Partner sind ungehalten. Sie werfen Ihnen vor, in Brüssel das eine zu sagen und in Athen ganz anders zu reden. Können Sie das verstehen?
Tsipras: Wir sagen in Deutschland und in Griechenland das Gleiche. Aber manchmal können Probleme anders gesehen werden, je nach der Perspektive, aus der man sie betrachtet. (Er deutet auf sein Wasserglas.) Dieses Glas hier kann man als halb voll oder als halb leer bezeichnen. Die Realität ist, dass es ein Glas ist, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist.
SPIEGEL: In Brüssel haben Sie die Forderung nach einem Schuldenschnitt nicht mehr aufrechterhalten. In Athen reden Sie aber wieder von einem Schuldenschnitt. Was hat das mit Perspektive zu tun?
Tsipras: Beim Gipfeltreffen habe ich die Sprache der Realität verwendet. Ich habe gesagt: Vor dem Rettungsprogramm hatte Griechenland eine Schuldenquote von 129 Prozent der Wirtschaftsleistung, jetzt beträgt sie 176 Prozent. Egal aus welchem Blickwinkel Sie das betrachten, man kann diese Schulden nicht bedienen. Es gibt aber verschiedene Arten, dieses Problem zu lösen: durch einen Schuldenschnitt, Umschuldung oder Bonds, deren Rückzahlung an das Wachstum gekoppelt ist. Am wichtigsten ist es aber, das wahre Problem zu lösen: Das ist die Austerität, die die Schulden in die Höhe hat schießen lassen.
SPIEGEL: Betreiben Sie Linguistik statt Politik? Sie haben es den Griechen als Sieg verkauft, dass Sie die Troika losgeworden seien. Doch die EU-Kommission, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Europäische Zentralbank (EZB) überwachen weiterhin die Reformen. Sie heißen jetzt bloß "die Institutionen".
Tsipras: Nein. Es ist keine Frage der Terminologie, es geht um den Kern der Sache. Jedes Land in Europa muss mit diesen Institutionen zusammenarbeiten. Das ist aber etwas ganz anderes als eine Troika, die von niemandem kontrolliert wird. Deren Beamte kamen nach Griechenland, um uns strikt zu überwachen. Nun reden wir wieder direkt mit den Institutionen. Europa ist durch diesen Wandel demokratischer geworden.
SPIEGEL: Welcher Wandel? Sie müssen doch Ihre Reformpläne weiterhin von drei "Institutionen" genehmigen lassen.
Tsipras: Die Reformen werden nicht von den Institutionen genehmigt. Sie haben ein Mitspracherecht und legen einen Rahmen fest, der für alle in Europa gilt. Vorher war es so, dass die Troika der griechischen Regierung per E-Mail mitteilte, was sie tun muss. Unsere geplanten Reformen sind notwendig, aber darüber entscheiden wir selbst, sie werden uns von niemandem auferlegt. Wir sind die Ersten, die Steuerflucht und Steuerhinterziehung in großem Stil stoppen wollen; bisher zahlen nur die Kleinen und nicht die Vermögenden. Wir wollen auch den Staat effizienter gestalten.
SPIEGEL: Wir sind immer noch ein wenig verwirrt: Will und braucht Griechenland nun im Juni, wenn Ihnen das Geld ausgeht, ein drittes Bail-out-Paket?
Tsipras: Ich würde das nicht Bail-out nennen.
SPIEGEL: Sondern?
Tsipras: Ich würde sagen, dass Griechenland Finanzierungsbedarf hat. Wir haben zwar in den vergangenen Jahren unser Budget stark angepasst. Wir haben jetzt Primärüberschüsse statt Defizite, aber wir können uns immer noch nicht selbst Geld an den Kapitalmärkten leihen. Dazu müssen wir Vertrauen zurückgewinnen, wettbewerbsfähig werden und wachsen. Bis dahin müssen wir uns anders finanzieren.
SPIEGEL: Das heißt, Sie brauchen Geld von den Europäern.
Tsipras: Sehen Sie, es geht hier nicht um Philanthropie gegenüber Griechenland. Es geht um die gemeinsame Mitverantwortung und Solidarität Europas. Wenn Griechenland seine Schulden nicht bedienen kann, dann betrifft das auch unsere Partner. Notwendig ist also ein Schutznetz für Griechenland, und wir müssen zugleich so schnell wie möglich auf die Kapitalmärkte zurückkehren. Das darf aber nicht verbunden sein mit einem Programm, das zu einer sozialen Notlage geführt hat, sondern mit einem, das uns Wachstum bringt.
SPIEGEL: Das ist wohl das Gegenteil dessen, was die Bundesregierung hören möchte.
Tsipras: Manche glauben, dass Investitionsimpulse geschaffen werden, wenn wir die Arbeitskosten weiter senken. Aber wir haben sie schon um 40 Prozent gesenkt, dennoch hat es kaum neue Investitionen gegeben. Die Gelder, die nach Griechenland geflossen sind, hatten die Rettung der Banken zum Ziel - sie haben nicht unsere Liquiditätsprobleme gelöst. Wir wollen uns nicht ewig Geld leihen, wir wollen aus diesem Engpass raus. Wir können uns aber nur zu Maßnahmen verpflichten, die wir auch umsetzen können.
SPIEGEL: Wenn wir Sie richtig verstehen, möchten Sie weitere Kredite, sich aber keinen Kontrollen mehr unterwerfen?
Tsipras: In einer zerfallenden Gesellschaft und in einem Land mit einer humanitären Krise kann man die Löhne nicht noch weiter senken. Wir können aber strukturelle Reformen vorantreiben. Wir wollen endlich Institutionen schaffen, um Steuern effizient zu erheben. Wir wollen den Justizapparat modernisieren, damit man nicht ein Jahr lang auf ein Urteil warten muss. Künftig soll man ohne viel Bürokratie in kürzester Zeit ein Unternehmen gründen können. Auch ein Vermögensregister und ein Grundbuch werden wir erstellen, das wird schon seit 1930 angekündigt.
SPIEGEL: Warum soll Ihnen gelingen, was Ihre Vorgänger schon versprochen haben und nicht halten konnten?
Tsipras: Weil wir nicht, wie unsere Vorgänger, Teil des alten Systems sind. Wir werden insbesondere die zügellosen Aktivitäten der Oligarchen einschränken. Sie kontrollieren die Medien und erhalten von den Banken immer noch große Kredite, im Gegensatz zu normalen Unternehmern. Wir möchten auch die Arbeit der staatlichen Lieferanten kontrollieren, die große Kartelle bilden. Dagegen kann kein vernünftiger Mensch sein - und wir sind entschlossen, das anzugehen.
SPIEGEL: Und bei den Privatisierungen?
Tsipras: Da haben wir tatsächlich eine unterschiedliche Herangehensweise. Wir müssen das staatliche Vermögen nutzbar machen, aber nicht alles verkaufen - sonst fließen die Erlöse direkt in das schwarze Schuldenloch. Wir wollen die laufenden Einnahmen aus Staatsbetrieben vielmehr dazu nutzen, die Sozialversicherung abzusichern.
SPIEGEL: Am Montag will Ihre Regierung in Brüssel erste Reformvorschläge präsentieren, die von den EU-Finanzministern genehmigt werden müssen. Worum wird es gehen?
Tsipras: Wir werden sechs Reformen vorschlagen, die reif für die Umsetzung sind. Erstens: die Bekämpfung der humanitären Krise. Wir wollen eine elektronische Bürgerkarte schaffen, mit der staatliche Dienstleistungen in Anspruch genommen werden können, für die man bislang Anträge bei sieben Behörden stellen musste. Mit ihr können Bedürftige künftig auch Lebensmittel und Strom beziehen. Zweitens: die notwendige Verwaltungsreform, damit der Staat effizienter wird. Drittens: die Einführung von Ratenzahlungen für Steuerschulden. Die vierte Reform betrifft die Steuerverwaltung, die fünfte zielt auf die Einrichtung eines politisch unabhängigen Steuerrats. Und die sechste Reform ist die Schaffung einer Taskforce für gezielte Steuerkontrollen, um auch die Steuerhinterziehung der Mittelschicht zu bekämpfen.
SPIEGEL: Ihr erster Punkt klingt nach Mehrausgaben, wie wollen Sie das finanzieren?
Tsipras: Wir haben bereits einen Gesetzesentwurf ins Parlament eingebracht. Er entspricht unserem Versprechen, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Die humanitäre Krise ist ein Kollateralschaden des Bail-out-Programms. 35 Prozent der Griechen leben heute unter der Armutsgrenze, 600 000 Kinder haben laut Unicef nicht genug zu essen. Wir haben bereits EU-Gelder für die Bekämpfung der humanitären Krise erhalten; in den nächsten Tagen werde ich mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sprechen, um herauszufinden, ob wir noch weitere Mittel bekommen können.
SPIEGEL: Im Rest Europas macht man sich Sorgen über Ihre Pläne, Steuerschulden in bis zu hundert Raten zu stunden. Müssen Sie nicht befürchten, dass die Steuereinnahmen auf diese Weise ganz versiegen?
Tsipras: Ganz im Gegenteil. Es wird sofort Einnahmen für den Staat geben. Im Moment erhöhen sich die Steuerschulden der Bürger um eine Milliarde Euro im Monat, diese Entwicklung wollen wir umdrehen. Und wir werden das natürlich nicht denjenigen anbieten, die zahlungsfähig sind und mogeln wollen.
SPIEGEL: Was meinen Sie konkret mit der Schaffung eines Steuerrats?
Tsipras: Eine von der Politik unabhängige Steueraufsicht. Wissen Sie, wie es in der Vergangenheit war? Großunternehmen konnten hier in der Villa Maximos beim Premierminister anrufen, über Nacht wurden dann Bestimmungen zu ihren Gunsten geändert. Das soll nicht mehr möglich sein.
SPIEGEL: Sie glauben wirklich, so die Reichen zum Zahlen zwingen zu können?
Tsipras: Sie wissen sicherlich, dass es zwei Griechenlands gibt. Das eine Griechenland ist das der vier Millionen Menschen, die an der Armutsgrenze leben. Das andere Griechenland sehen Sie, wenn Sie an Sommerabenden in einen Bouzouki-Nachtklub an der Küste oder nach Mykonos gehen. Es ist das Griechenland der Steuersünder und der Betrüger. Wir wissen genau, dass sehr viele dieser Bars und Restaurants keine Belege ausstellen. Gegenüber diesem Griechenland werden wir sehr strikt sein.
SPIEGEL: Und was macht Sie da so zuversichtlich?
Tsipras: Wir gründen eine Taskforce für gezielte Kontrollen, ihre Besetzung soll alle zwei Monate geändert werden, damit sie nicht korrumpiert wird. Wir haben einen Minister, der verantwortlich ist für die Bekämpfung der Steuerflucht - ein früherer Staatsanwalt. Unter ihm soll es unabhängige Einrichtungen geben, die nicht vom politischen System beeinflusst werden.
SPIEGEL: Das klingt sehr ambitioniert, dabei geht Ihnen gerade das Geld aus. Sie müssen im März knapp vier Milliarden Euro zurückzahlen, die nächste Zahlung aus dem Hilfsprogramm erhalten Sie offiziell aber erst Ende April. Werden Sie diesen Monat überhaupt überstehen?
Tsipras: Ich muss gestehen, dass in den vergangenen 30 Tagen leider 90 Prozent meiner Zeit für Verhandlungen darüber draufgegangen sind, wie wir Termine halten können, um unsere Finanzierung zu sichern. Das ist überhaupt nicht produktiv und kreativ. Die Sitzung der Eurogruppe vom 20. Februar, als unser Kreditabkommen verlängert wurde, war ein wichtiger Schritt. Es wurde entschieden, uns atmen zu lassen. Aber die EZB hält immer noch das Seil, das um unseren Hals liegt.
SPIEGEL: Und woher nehmen Sie nun die vier Milliarden?
Tsipras: Griechenland könnte kurzfristige Anleihen des griechischen Staates ausgeben, sogenannte T-Bills ...
SPIEGEL: ... dazu brauchen Sie aber die Zustimmung der EZB, und die will Ihnen das nicht erlauben.
Tsipras: Wenn die EZB auf dieser Entscheidung beharrt, die unserer Meinung nach nicht richtig ist, dann übernimmt sie eine große Verantwortung. Dann kehrt der Thriller zurück, den wir vor dem 20. Februar gesehen haben. Das wäre aber eine politische Entscheidung, die nicht von Technokraten gefällt werden sollte.
SPIEGEL: Die EZB ist politisch unabhängig.
Tsipras: Ich bin zuversichtlich, dass die notwendigen Entscheidungen getroffen werden und wir die Finanzierungslücke bis Ende April überstehen werden.
SPIEGEL: Viele Experten fürchten inzwischen einen "Graccident" - ein versehentliches Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro. Wenn die EZB Ihren T-Bills nicht zustimmt, könnte genau das geschehen.
Tsipras: Das kann ich mir nicht vorstellen. Der Zerfall Europas wird doch nicht wegen eines T-Bills von fast 1,6 Milliarden Euro riskiert. In Griechenland gibt es ein Sprichwort: Wer schon nass ist, hat keine Angst mehr vor dem Regen.
SPIEGEL: Danach wartet ein viel grundsätzlicherer Streit auf Sie. Sie wollen die Sparpolitik beenden, Bundeskanzlerin Angela Merkel will das nicht zulassen. Diese weit auseinanderliegenden Positionen wurden im Februar mit "produktiver Ungenauigkeit" in den Formulierungen verwischt, so nennt es Ihr Finanzminister Giannis Varoufakis. Das wird im Juni nicht mehr gehen.
Tsipras: Deshalb müssen wir diese vier Monate gut nutzen. Europa steht doch vor einem Dilemma: Entweder man nimmt die Forderungen der Völker des Südens auf, die sehr gelitten haben unter der Austerität, und korrigiert den Kurs - oder man agiert arrogant und bestrafend. Dann würde Griechenland allmählich ersticken. Das wäre allerdings nicht mehr nur eine finanzielle, sondern auch eine politische Gefahr.
SPIEGEL: Für wen?
Tsipras: Die wachsende Bürgerbewegung für eine Kursänderung im Süden wird dann zu einer antieuropäischen Strömung werden. Weil man Syriza in Griechenland bestraft, bremst man doch nicht die Dynamik von Podemos in Spanien, sondern man zwingt Podemos dazu, antieuropäisch zu werden. Damit stärkt man Beppe Grillo in Italien, Marine Le Pen in Frankreich - und der Eurogegner Nigel Farage in Großbritannien wird sehr, sehr froh sein.
SPIEGEL: Sicherlich gibt es Unterstützung für eine Lockerung des Sparkurses in manchen Ländern. Doch in den Verhandlungen standen Sie isoliert da. In den vergangenen Tagen haben Sie die Regierungen von Spanien und Portugal deswegen angegriffen. Sollte man in Europa wirklich so miteinander reden?
Tsipras: Von einem Konflikt zwischen Ländern kann nicht die Rede sein. Griechenland teilt Staaten nicht in Gegner und Freunde auf. Es war eine Kritik an der Sparpolitik. Die Einschätzung, dass Griechenland isoliert dasteht, ist vollkommen falsch. Während der gesamten Zeit der Verhandlungen haben wir Solidarität aus ganz Europa erfahren, wie wir sie nur aus den Zeiten der Diktatur kannten.
SPIEGEL: Aber zwischen Deutschland und Griechenland gibt es Spannungen.
Tsipras: Die Atmosphäre, die in der Vergangenheit geschaffen wurde - in Griechenland, aber auch in Deutschland -, war nicht gut. Bei Ihnen gibt es in der Tat ein unfaires Klima gegenüber Griechenland. Medien wie die "Bild"-Zeitung stellen alle Griechen als gierige Faulenzer und Trickser dar. Und bei uns werden die Deutschen als harte Menschen dargestellt, die uns übelwollen. Doch es geht nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Völkern, sondern zwischen konservativen und linken Kräften. Die einen setzen auf Austerität, die anderen wollen Wachstum.
SPIEGEL: Wäre nicht Ihr einziges Druckmittel, um diesen Kurs zu ändern, glaubhaft mit dem Austritt aus dem Euro zu drohen?
Tsipras: Ich schließe einen Grexit aus, weil ich Europa liebe. Ich glaube, es ist mit der Eurozone wie mit einem Wollpullover: Wenn er einmal anfängt sich aufzulösen, dann lässt sich das nicht mehr stoppen.
SPIEGEL: In Deutschland, auch in der Bundesregierung, glauben manche, der Euro wäre ohne Griechenland stärker. Auch in Ihrer Partei gibt es eine Minderheit, die zur Drachme zurückkehren möchte.
Tsipras: Wenn wir morgen ein Referendum abhalten würden mit der Frage "Wollt ihr die Würde oder eine Fortsetzung dieser unwürdigen Politik", dann würden sich alle für die Würde entscheiden, ganz gleich, welche Schwierigkeiten das mit sich brächte. Die Gefahr für Europa ist heute aber doch nicht Syriza oder Podemos, sondern der Front national in Frankreich oder die AfD in Deutschland.
SPIEGEL: Viele in Berlin haben das Auftreten Ihrer Regierung als nicht sehr vertrauensfördernd empfunden, sie fanden Finanzminister Varoufakis provozierend.
Tsipras: Jeder hat das Recht auf seine Meinung. Wir mischen uns ja auch nicht in die deutsche Innenpolitik ein und diktieren Deutschland, wer Finanzminister oder Kanzler wird. Wir würden es daher bei unseren Partnern vorziehen, wenn sie uns überließen, wer unsere Repräsentanten sind.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie Herrn Varoufakis aufgefordert haben, weniger Interviews zu geben?
Tsipras: Ich habe von allen Mitgliedern des Ministerrates weniger Worte und mehr Taten gefordert, nicht nur von Herrn Varoufakis.
SPIEGEL: Sie haben in den letzten Wochen viele Spitzenpolitiker in Europa getroffen. Ist es Zufall, dass Sie Angela Merkel bisher noch nicht besucht haben?
Tsipras: Das ist kein Zufall. Ich hatte eine Einladung von François Hollande, von Matteo Renzi, vom österreichischen Bundeskanzler und vom belgischen Premierminister, auch von David Cameron - aber ich habe keine Einladung von Angela Merkel bekommen. Wenn ich eine Einladung von der Kanzlerin bekäme, würde ich sie sofort annehmen. Ich habe mit ihr telefoniert, auch am Rande von Gipfeln haben wir gesprochen. Ich glaube, wir hatten eine gute Beziehung, eine gute Chemie zwischen uns.
SPIEGEL: Warum unternehmen Sie dann nicht von sich aus einen Antrittsbesuch?
Tsipras: Bislang habe ich darum nicht gebeten, ich bin erst vor Kurzem Premier geworden. Für alle, die mich treffen wollten, war ich offen. Wenn ich Frau Merkel sprechen wollte, habe ich sie angerufen. Ich gehe nirgendwohin, wenn ich keine Einladung habe.
SPIEGEL: Herr Premierminister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Ich glaube, es ist mit der Eurozone wie mit einem Wollpullover: Wenn er einmal anfängt sich aufzulösen, dann lässt sich das nicht mehr stoppen."
"Ich habe von allen Mitgliedern des Ministerrates weniger Worte und mehr Taten gefordert, nicht nur von Herrn Varoufakis."
* Mit den Redakteuren Katrin Kuntz, Mathieu von Rohr und Manfred Ertel in seinem Büro in Athen.
Von Katrin Kuntz, Mathieu von Rohr und Manfred Ertel

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