07.03.2015

SPIEGEL-Gespräch„Fünf Minuten zu spät“

Sebastian Vettel, 27, fängt bei Ferrari neu an. Der viermalige Weltmeister erklärt, wie der Mythos der Marke auf ihn wirkt, warum Rennfahrer heute nicht mehr in Bars abhängen und wieso er sein Privatleben abschottet.
SPIEGEL: Signor Vettel, come va col Suo italiano?
Vettel: Bene, grazie. Ich verstehe Italienisch ziemlich gut, aber frei zu sprechen fällt mir noch ein bisschen schwer. Dazu fehlt mir das Vokabular.
SPIEGEL: Woher haben Sie Ihre Grundkenntnisse?
Vettel: Aus meinen eineinhalb Jahren bei Toro Rosso, einem Formel-1-Team aus Faenza. Ich merke, wie so langsam einiges aus dieser Zeit zurückkommt. Und als Junge bin ich in Italien häufig Kart gefahren. Da musste man vorm Rennen seine Reifen abholen und dazu seine Startnummer nennen, und da ich jede Woche eine andere hatte, konnte ich die Zahlen irgendwann. Wenn man da mit Englisch ankam, erhielt man als Letzter seinen Satz Reifen. Und das war nie der beste.
SPIEGEL: Tut ein Ferrari-Fahrer gut daran, Italienisch zu beherrschen?
Vettel: So wichtig ist es nicht. Alle im Team sprechen Englisch, vor allem die Ingenieure. Aber Ferrari ist Italien, und Italien ist Ferrari, da gehört die Sprache dazu. Ich habe jetzt auch eine Italienischlehrerin. Mein Ziel ist es, mich gut verständigen zu können.
SPIEGEL: Als Sie vor sechs Jahren zu Red Bull Racing nach England wechselten, hatten Sie vorher gelernt, auf Englisch zu fluchen. Machen Sie das jetzt genauso?
Vettel: Jeder, der in einer fremden Sprache nicht zuerst die Schimpfwörter mitlernt, lügt entweder oder ist langweilig. Der Slang hilft, gerade wenn man mit den Mechanikern zu tun hat.
SPIEGEL: Wer für Ferrari startet, kommt an dessen Geschichte nicht vorbei. Sie durften das Privathaus des 1988 verstorbenen Enzo Ferrari besichtigen und haben zum Einstand bei Mama Rosella im Ristorante Montana gegessen, dort, wo schon Michael Schumacher seine Tagliatelle al Ragù speiste.
Vettel: Ich kannte das Lokal bis dahin nicht, aber es ist wirklich schön anzusehen. Viele Helme, Overalls und Fotos hängen an der Wand, jeder Fahrer hat eine kleine Widmung auf eine Serviette geschrieben. Und
das Essen ist besser als in England. Ein echter Aufstieg für mich.
SPIEGEL: Wie sehr interessiert Sie die Historie der Marke?
Vettel: Ich merke, dass es etwas Spezielles ist, für Ferrari zu arbeiten. Als ich am Firmensitz in Maranello ankam, war es mir wichtig, dass ich alles sehe, dass ich die verschiedenen Abteilungen kennenlerne. Das war hektisch: schnell dahin, schnell dorthin, Foto, Foto, weiter, weiter. Aber ich habe es mir nicht nehmen lassen, kurz vor der Schließung ins Ferrari-Museum zu gehen. Hat ja nicht jedes Team, so ein Museum. Ich bin als Kind schon einmal dort gewesen, es kamen ein paar Erinnerungen hoch. Auch als ich auf der Teststrecke in Fiorano meine ersten Runden gefahren bin. Vor 15 Jahren habe ich als Junge auf einer Brücke gestanden und versucht, etwas auf der Piste zu sehen. Schade, dass ich meinen Vertrag nicht mit Enzo Ferrari persönlich aushandeln konnte. Ihn hätte ich gern noch erlebt.
SPIEGEL: Saugen Sie den Mythos auf?
Vettel: Es macht einen schon stolz. Aber wenn man die ganze Zeit herumspazieren würde - ich bin so stolz, ich bin so stolz -, das geht ja auch nicht. Man muss sich darauf konzentrieren, was Sache ist. Es gibt sehr viel zu tun. Das Team hat sich über den Winter verändert, viele Leute haben Ferrari verlassen, andere sind gekommen, ein neuer Fahrer ist da. Nun müssen sich alle einarbeiten.
SPIEGEL: Wie präsent ist die Ära von Michael Schumacher noch?
Vettel: Sein Name ist in Maranello allgegenwärtig. Überall hängen Bilder, man erinnert sich gern an die erfolgreiche Zeit mit ihm zurück, das ist ja verständlich. Seine Geschichte ist ein Teil von Ferrari, aber die Leute sind jetzt drauf und dran, ein neues Kapitel zu schreiben. Sie alle schauen nach vorn.
SPIEGEL: Wie sehr unterscheidet sich die Arbeit dort vom Rest der Formel 1?
Vettel: Sie ist bei allen ähnlich. Der größte Unterschied liegt darin, dass bei Ferrari alles unter einem Dach ist, Konstruktion und Bau von Chassis und Motor. Das war bei Red Bull anders. Dort hat man sich aufs Chassis konzentriert, der Antriebsstrang kam von Renault. 600 Leute waren bei Red Bull in England beschäftigt und weitere 400 in Frankreich. Und hier sind es fast tausend Leute in Maranello.
SPIEGEL: Was ist besser?
Vettel: Kurze Wege sind in der Regel von Vorteil.
SPIEGEL: Als Sie 2012 Ihren dritten von vier Weltmeistertiteln mit Red Bull gewannen, sagten Sie, Sie seien zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Glauben Sie das nun wieder?
Vettel: Damals war das einfach zu sagen, der Erfolg gab mir recht. Jetzt ist die Situation eine andere. Aber ich denke schon, dass der Zeitpunkt für meinen Schritt richtig ist. Es ist ein großes Projekt. Wir müssen geduldig sein und schauen, dass wir als Team in die richtige Richtung arbeiten und sich die Dinge zum Besseren wenden.
SPIEGEL: Sind Sie geduldig?
Vettel: Eigentlich nicht. Was an sich nichts Schlechtes ist, gerade in der Formel 1.
SPIEGEL: Wie wollen Sie Geduld und Ungeduld ausbalancieren?
Vettel: Gewisse Dinge lassen sich schnell ändern, wenn man die Ursache genau kennt. Andere brauchen Zeit. Das Team ist im Umbruch und möchte einen Neuanfang starten. Niemand darf erwarten, dass der Ferrari von heute auf morgen das schnellste Auto wird. Mercedes war voriges Jahr weit voraus, die müssten im Winter schon weniger als nichts gemacht haben, um diesen Vorsprung zu vergeigen.
SPIEGEL: Wie lange geben Sie sich Zeit?
Vettel: Es kommt drauf an, ob wir Fortschritte machen oder uns im Kreis drehen. Aber das, was passiert ist, seit ich dazugestoßen bin, stimmt mich zuversichtlich.
SPIEGEL: Wie zuversichtlich?
Vettel: Ich will jetzt nicht zu viel sagen, sonst erwarten alle gleich tolle Ergebnisse. Aber im Auto hat das erste Gefühl gestimmt, und ich sehe, wie viel Potenzial im Team steckt.
SPIEGEL: Die Formel 1 steckt in einer Krise. Die Zuschauerzahlen sinken, sowohl beim Fernsehen als auch an Strecken wie Spa oder Monza, das Rennen in Deutschland steht auf der Kippe. Woran liegt das?
Vettel: Schwer zu beurteilen. Generell ist der Zuschauer anspruchsvoller geworden, denke ich. Nicht nur der Formel-1-Zuschauer, auch derjenige, der Fußball-Bundesliga schaut oder am Sonntagabend den "Tatort". Heutzutage ist es nicht mehr üblich, sich einfach hinzusetzen und sich unterhalten zu lassen. Parallel dazu greift man zu seinem Smartphone oder Tablet, diskutiert in irgendwelchen Foren mit oder macht sonst was. Ich selbst nicht, aber es gibt diesen Trend.
SPIEGEL: Die schwindende Popularität hat nichts mit der Formel 1 zu tun, sondern mit einem Wandel an Gewohnheiten?
Vettel: Nicht nur. Fairerweise muss man sagen, dass die Technik in der Formel 1 offensichtlich zu komplex geworden ist. Es scheint sehr schwierig zu sein, dem Zuschauer den Hybridantrieb so zu erklären, dass er ihn versteht. Diese Technik ist aus Sicht des Ingenieurs faszinierend - aber für das breite Publikum zu kompliziert. Alles im Auto, vor allem beim Antrieb, hängt miteinander zusammen. Wenn man bei einem Punkt anfängt, muss man den ganzen Rattenschwanz erklären. Die Software spielt eine deutlich größere Rolle.
SPIEGEL: Verstehen Sie Ihr Auto noch?
Vettel: Ich bin zwar kein Ingenieur, glaube aber, kapiert zu haben, wie die Systeme miteinander kommunizieren. Ich beschäftige mich eh den ganzen Tag damit und bin besser im Thema drin als derjenige, der am Wochenende einfach nur seinen Fernseher einschaltet.
SPIEGEL: Haben Sie eine Idee, wie man die Probleme lösen könnte?
Vettel: Hm. Auf der einen Seite schreit man nach technischem Fortschritt, andererseits strahlt die Formel 1 sehr viel Tradition aus.Es ist schwierig, da eine gesunde Mitte zu finden. Die Kosten spielen auch eine Rolle, sie sind im vergangenen Jahr explodiert, weil der Drang nach Fortschritt so gewaltig und die technischen Möglichkeiten so riesig sind. Der Fußball tut sich leichter. Was will man da großartig ändern? Ob der Schiedsrichter mit einer Spraydose beim Freistoß eine Linie zieht oder nicht, ändert nichts an der Tatsache, dass der Schütze den Ball richtig treffen muss, um ihn ins Tor zu schießen.
SPIEGEL: Die Rennen finden seltener auf klassischen Strecken statt, sondern häufig in wechselnden Ländern, die wenig mit Rennsport zu tun haben, beispielsweise in Abu Dhabi, Indien, Aserbaidschan, Russland, Südkorea, Bahrain. Hält die Formel 1 zu wenig an ihren Traditionen fest?
Vettel: Wenn man von den Kosten spricht, dann muss das Geld irgendwo wieder reinkommen, damit auch die mittelgroßen und kleinen Teams überleben. Also muss man vielleicht in Länder gehen, die bereit sind, ein bisschen mehr auf den Tisch zu legen.
SPIEGEL: Hat das Problem der Formel 1 etwas mit den Fahrern zu tun? Damit, wie sie sich geben?
Vettel: Glaube ich nicht. Wie sollten wir uns denn geben?
SPIEGEL: Offener. Man weiß so wenig über Sie und Ihre Kollegen.
Vettel: Was wusste man denn früher über die Fahrer?
SPIEGEL: Wie sie lebten, was sie dachten und taten. Sie selbst ziehen eine strikte Grenze zwischen Beruf und Privatleben. Als Sie vor einem Jahr Vater wurden, mochten Sie nicht einmal sagen, wie Sie sich fühlten. Es hätte doch eine simple Antwort genügt: wunderbar, danke der Nachfrage, etwas in dieser Art.
Vettel: Das habe ich doch gesagt.
SPIEGEL: Sie mussten sich überwinden. Als Sie das erste Mal auf einer Pressekonferenz danach gefragt wurden, mochten Sie kein einziges Wort dazu sagen. Was hat Sie daran gehindert?
Vettel: Ich bin kein Typ, der mit fremden Leuten wie Ihnen über sein Privatleben sprechen mag. Das ist nicht böse gemeint.
SPIEGEL: Schon klar.
Vettel: Andere Rennfahrer sind da vielleicht freizügiger. Ich bin nicht so.
SPIEGEL: Ist die Formel 1 überreguliert? Oder wird die Vergangenheit mit echten Kerlen, die weder Tod noch Partys scheuten, zu sehr romantisiert?
Vettel: Zumindest ist unser Zeitplan anders. Früher ist der Fahrer aus dem Auto gestiegen und hat den Mechanikern gesagt: "Baut mal hier und da ein bisschen um." Dann ist er eine rauchen gegangen oder an die Bar oder ins Hotel mit der Blonden, die zufällig da herumstand. Heutzutage dreht sich alles darum, das Auto zu optimieren.
SPIEGEL: Und das sieht dann wie aus?
Vettel: Wenn ich einen Tag lang teste, steige ich morgens ins Auto, mittags aus, es wird schnell gegessen, ich rede dabei übers Auto, es gibt vielleicht noch einen schnellen Fototermin, zack, zack. Kürzlich bin ich um fünf nach zwei wieder ins Auto gesprungen, fünf Minuten zu spät, weil ich noch pinkeln musste. Um sechs steige ich aus, mache eine Medienrunde, halb sieben geht's ins Meeting mit den Ingenieuren, das dauert bis um acht, Abendessen, dann noch mal Besprechung bis um zehn. Danach bin ich froh, wenn ich ins Hotel gehen kann und meine Ruhe habe.
SPIEGEL: Was hat sich noch verändert?
Vettel: Vor allem die Medienlandschaft. Wir haben nicht mehr den Freiraum, den die Fahrer früher genossen haben. Dass ich erkannt werde, ist völlig okay und Teil meines Jobs. Aber wenn ich in eine Bar gehe und etwas trinke, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mich jemand fotografiert und das Bild ins Internet stellt. Ein Barbesuch hat heute andere Konsequenzen. Früher hätte man vielleicht gemeinsam einen getrunken, heute vermeidet man das. Dadurch bekommt die Öffentlichkeit weniger von uns mit. Was wiederum dazu führt, dass wir Fahrer gefragt werden, warum wir keine Persönlichkeiten mehr seien.
SPIEGEL: Ihr Teamkollege bei Ferrari, der Finne Kimi Räikkönen, ist erstaunlich populär, obwohl er mürrisch wirkt und sich der Öffentlichkeit nahezu verweigert. Ihn interessiert es kaum, wenn ein Video im Netz auftaucht, wie er betrunken vom Deck einer Jacht purzelt.
Vettel: Aber er ist nicht in eine Bar gegangen und hat das laut erzählt.
SPIEGEL: Es war ihm allerdings auch egal, dass es herausgekommen ist.
Vettel: Ich kann es ja zugeben: Ich bin noch von keiner Jacht gefallen. Aber sollte es mir passieren, sag ich Bescheid.
SPIEGEL: Herr Vettel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Maik Großekathöfer und Detlef Hacke in Barcelona.
Von Maik Großekathöfer und Detlef Hacke

DER SPIEGEL 11/2015
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