07.03.2015

FußballWilde Jahre

Profis sollen in den Achtzigern Anabolika geschluckt haben. Die Branche wiegelt ab. Der frühere Nationalspieler Paul Breitner sagt: „Doping gab es, Doping war präsent.“
Felix Magath wusste, dass er "ein heißes Eisen" anpacken würde, als er im November 1989 einen Kommentar im Fußballmagazin "Kicker" veröffentlichte. Es ging um ein Thema, das den damaligen Manager des 1. FC Saarbrücken offenbar heftig umtrieb: die kontrollierte Freigabe von Anabolika im Profifußball.
Bundesligaspieler und besonders Nationalspieler, schrieb Magath in dem Beitrag, seien "von der Belastbarkeit her an Grenzen gestoßen", es werde "ein Raubbau der natürlichen Kräfte betrieben". Deshalb mache er sich, so Magath, "für die wohldosierte und ärztlich überwachte Anwendung von Anabolika" stark - vor allem "in Trainingsphasen der Regeneration, der Rekonvaleszenz und in der Vorbereitung auf große Turniere". Zuvor hatte er bei seiner Trainerausbildung ein Referat ähnlichen Inhalts gehalten: "Sinn und Unsinn der Anabolika-Verwendung im Fußball".
Magaths offenherziges Bekenntnis passte zur Mentalität jener Zeit. Testosteron, Cortison, Aufputschmittel - mit allem, was Sportler leistungsfähiger oder schneller wieder gesund machte, wurde damals experimentiert. Und das nicht nur in chronisch verseuchten Sparten wie dem Radsport oder der Leichtathletik. Auch im Profifußball.
Vor allem die Siebziger- und Achtzigerjahre waren eine wilde Zeit. Wissenschaftler, die die Dopingvergangenheit der Freiburger Universitätsklinik aufarbeiten, haben neue Erkenntnisse zu dieser Epoche zutage gefördert. Demnach soll der Freiburger Sportmediziner Armin Klümper sowohl den SC Freiburg als auch den VfB Stuttgart mit Anabolika versorgt haben.
Namen von Spielern, die gedopt haben sollen, wurden nicht bekannt. Deshalb liefen Anfang der Woche die Spekulationen heiß. Jeder Fußballer, der im fraglichen Zeitraum für den schwäbischen oder den badischen Klub gespielt hatte, stand plötzlich unter Verdacht. Auch Bundestrainer Joachim Löw. Der hatte einst für beide Vereine gespielt und teilte eilig mit: "Doping hat im Sport nichts verloren, ich lehne es absolut ab, das galt für mich als Spieler, genauso wie es heute als Bundestrainer immer noch gilt."
Der DFB sprach von "gravierenden Vorwürfen, die aufgeklärt" werden müssten. Ansonsten wurde der Dopingverdacht nach altem Brauch kleingeredet. Fußball sei viel zu komplex, als dass sich mit der Einnahme unerlaubter Substanzen die Leistung auch nur im Geringsten steigern ließe, sagte etwa der Stuttgarter Sportvorstand Robin Dutt.
Der übliche Reflex, der übliche Unsinn.
Ein Fußballprofi, der in den Achtzigerjahren dopen wollte, dopte. Er hatte nichts zu befürchten. Kontrollen nach Bundesligaspielen gibt es erst seit 1988, Trainingskontrollen erst seit 1995.
Toni Schumacher gab 1987 zu, das Aufputschmittel Captagon geschluckt zu haben. Paul Breitner, der Weltmeister von 1974, sagt heute: "Doping gab es, Doping war präsent." Dass die Fußballwelt schon damals immer so getan habe, als würde der Betrug mit leistungsfördernden Mitteln dort nicht vorkommen, sei "heuchlerisch" gewesen. "Alle haben mit dem Finger nur in Richtung Osten gezeigt, auf die DDR, Russland und Bulgarien."
Breitner sagt, es sei an der Zeit, die Geschichte aufzuarbeiten. Es sei auch "Blödsinn" zu behaupten, dass Doping in Mannschaftssportarten keinen Sinn ergeben würde. Eine Fußballmannschaft bestehe aus "elf Einzelkämpfern", die "in erster und auch in zweiter Linie für sich spielen, für den eigenen Geldbeutel, das eigene Ego. Jeder betreibt den Sport zunächst für sich und will auf keinen Fall auf der Ersatzbank kleben." Breitner sagt, er selbst habe niemals gedopt.
Eine zentrale Figur im Sportbetrug der Siebziger- und Achtzigerjahre war der Mediziner Klümper. Er hatte den Ruf eines Wunderheilers. Kaum ein Profi fragte nach, was der Professor injizierte und wie er die sogenannten Klümper-Cocktails, seine Mixtur aus Aminozucker, Pflanzenextrakten und Frischzellen, zusammenrührte. Heute weiß man es besser: Auch Anabolika gehörten bisweilen zu den Zutaten.
Für den Nationalspieler Karlheinz Förster, von 1977 bis 1986 Verteidiger des VfB Stuttgart, war Klümper ein Mann, "bei dem man immer das Gefühl hatte, egal was ist, der hilft dir schon". Einmal im Monat fuhr Förster, der chronische Sprunggelenksprobleme hatte, mit seinem Mercedes zu dem Sporttraumatologen. Dort ließ er sich eine "Spritzenkur" verpassen, "fünf, sechs Injektionen mit knorpelaufbauenden Mitteln, und, wenn eine Entzündung drin war, natürlich auch mit Cortison". So hat Förster es dem SPIEGEL bereits vor zehn Jahren erzählt. Mehr als tausend Spritzen habe Klümper ihm im Verlauf seiner Karriere gesetzt, sagte Förster - aber niemals unerlaubte Substanzen verabreicht.
Im Jahr 1982 ließ sich auch der Nationalspieler Felix Magath von Klümper behandeln. Der Mittelfeldstar des Hamburger SV war im Februar am rechten Knie operiert worden, ein Knorpelschaden. Nach den verordneten sechs Wochen Schonung ließen die Schmerzen nicht nach, die Weltmeisterschaft in Spanien stand bevor. Der Spieler wurde nervös. Er fuhr nach Freiburg, Klümper verabreichte Spritzen - "und von dem Tag an konnte ich plötzlich wieder trainieren", erzählt Magath heute.
Die Turbo-Heilung brachte den Ballkünstler zur WM. Alle vier Wochen reiste Magath damals zu dem Freiburger Guru. Dessen erstaunliche Heilkünste hatten sich vor allem unter Nationalspielern herumgesprochen. Zwischen den Besuchen löste Magath Klümpers Rezepte in Hamburg ein. Der Vereinsarzt des HSV spritzte dann die Mittel. "Keine Anabolika", behauptet Magath. Nie habe er gedopt, nie Verbotenes eingenommen, weder zur Leistungssteigerung noch zur beschleunigten Genesung.
Um fit zu werden für die WM 1982, hatte Magath eigens den Leichtathletik-Trainer Heinz-Jochen Spilker aus Hamm engagiert, der zeitweise zu ihm nach Hamburg kam. Heute weiß man, dass Spilker in den Achtzigerjahren Sprinterinnen mit Anabolika versorgte.
Nein, auch von Spilker habe er keine Dopingmittel bekommen, sagt Fußballtrainer Magath, derzeit ohne Job: "Ich habe keine Ahnung von Doping. Ich interessiere mich auch nicht für Doping."
Aber wie passt das zusammen mit seinem Plädoyer von 1989 für die kontrollierte Freigabe von Anabolika? Konnte Magath die Vorzüge anaboler Steroide preisen, ohne eigene Erfahrungen gemacht zu haben?
"Keine eigenen Erfahrungen!", sagt Magath schnippisch am vergangenen Mittwoch am Telefon. Es sei ihm nur um eine Verkürzung der Regenerationszeit nach Verletzungen gegangen, "der Leidenszeit", wie er es ausdrückt. "Wenn einer in seinem Beruf Steinkohle abbauen muss in 3000 Meter Tiefe und Probleme mit der Lunge bekommt, dann sollte es ihm auch erlaubt sein, zu Mitteln zu greifen, die ihm helfen, seinen Beruf weiter auszuüben." Nur das habe er sagen wollen.
Andere Zeitzeugen geben sich beim Thema Doping weniger verkniffen. Ein ehemaliger Nationalspieler aus Süddeutschland erzählte dem SPIEGEL bereits vor Jahren, dass ihm von seinem Mannschaftsarzt, einem namhaften Mediziner, offen Anabolika angeboten wurden. Nimm, ist gut für dich, habe es geheißen. Weil er bereits Kenntnisse über Nebenwirkungen wie das erhöhte Risiko von Leberschäden und Hodenschrumpfung hatte, lehnte der Kicker dankend ab.
Paul Breitner sprach bereits im Frühjahr 1987 im SPIEGEL sehr deutlich über die doppelte Moral im Bundesligageschäft. Es sei "verlogen, Doping abzustreiten", sagte Breitner in den Tagen, nachdem Toni Schumachers Skandalbuch "Anpfiff" als Vorabdruck erschienen war. "Das Aufputschen ist im Fußball genauso an der Tagesordnung wie in anderen Sportarten."
Doping sei "ein Thema in der Bundesliga - bei allen. Entweder die Profis machen es selbst, oder sie bemerken es bei Mitspielern und Gegnern".
An Spiele gegen mutmaßlich aufgeputschte Gegner erinnert sich Breitner auch heute noch, an Spiele gegen Mannschaften, bei denen er glaubte, es sei "was gelaufen". Er habe "nicht ungern" gegen solche Kontrahenten gespielt: "Ich hatte den Eindruck, dass die Wirkung von Stimulanzien irgendwann nachlässt und alles ins Gegenteil umschlagen kann."
Vor diesen Partien, sagt Breitner, habe er seine Teamkollegen zusammengetrommelt, zur Taktikbesprechung. "Ich sagte ihnen: Leute, wir stellen uns erst mal hinten rein, lassen die Gegner 30 Minuten lang anrennen. Dann brechen die zusammen, und wir können sie abwatschen."
Von Lukas Eberle, Jörg Kramer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 11/2015
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