07.03.2015

Kino„Direkt zurück in die Sowjetzeit“

Der russische Regisseur Andrej Swjaginzew, 51, über staatliche Kritik an seinem Film "Leviathan", der am 12. März in die deutschen Kinos kommt
SPIEGEL: Ihr Film "Leviathan", der viele internationale Preise erhalten hat, spaltet die russische Gesellschaft. Kulturminister Wladimir Medinski wirft Ihnen vor, Ihr Film habe keinen positiven Helden. Kündigt sich da eine Rückkehr der Zensur an?
Swjaginzew: Zensur gibt es bereits. Es verschwinden Zeitungen, der unabhängige Fernsehsender Doschd wird behindert. Schon dem Schriftsteller Nikolai Gogol hat man einst vorgeworfen, in seinen Werken fehle der positive Held. Das ist ein sehr infantiles Herangehen. Zudem ist der Vorwurf ungerecht. Unser Film zeigt lebende Menschen mit ihren Problemen.
SPIEGEL: Sie erzählen in "Leviathan" vom kriminellen Bürgermeister einer Provinzstadt, der einem Automechaniker sein Haus wegnimmt und ihn ins Gefängnis sperren lässt. Die Moskauer Oppositionszeitschrift "The New Times" sieht darin "eine politische Aussage" über Russland als "korrupten Staat ohne Ehre und Gewissen". Teilen Sie diese Sicht?
Swjaginzew: Ich möchte den Blick auf den Film nicht durch solche Interpretationen einengen. Aber natürlich erzählt er von Korruption und Machtmissbrauch.
SPIEGEL: Auch die Russisch-Orthodoxe Kirche ist in "Leviathan" in kriminelle Machenschaften verwickelt.
Swjaginzew: Die Russische Föderation ist ein weltlicher Staat mit Trennung zwischen Staatsmacht und Kirche. Wenn sich die Kirche zu sehr in die Politik einmischt, sollte man das ansprechen. Wer das Problem leugnet, ist gewissenlos oder geistig unreif.
SPIEGEL: "Leviathan" wurde zum Teil vom Kulturministerium finanziert. Jetzt aber sagt der Kulturminister, Produktionen, die "den Staat anspucken", sollten "nicht vom Steuerzahler finanziert werden". Bedeutet dies, dass Filme wie "Leviathan" in Russland nicht mehr gedreht werden können?
Swjaginzew: Wenn wir in einem Film die Wahrheit sagen, soll das ein Bespucken des Staates sein? Jeder ehrliche Mensch wird zustimmen, dass es all das gibt, was der Film zeigt. Bisher haben Experten über die Verwendung der Filmförderung entschieden. Wenn Beamte das übernehmen sollten, wäre das kein Kulturministerium mehr, sondern ein Propagandaministerium. Dann würden wir direkt in die Sowjetzeit zurückkehren.
Von Ukl

DER SPIEGEL 11/2015
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