07.03.2015

Claudia Voigt Mein Leben als FrauGold oder schwarz

Als ich das Kleid mit den Streifen zum ersten Mal sah, dachte ich: Was soll ich mit einem Foto von so einem hässlichen Fummel? Ein Freund hatte mir die Aufnahme aufs Handy geschickt, ich habe sie erst mal weggeklickt, nicht jede Geschmacksverirrung kann einen kümmern. Wenige Stunden später war ich mittendrin in der Weiß-gold-schwarz-blau-Diskussion, die ein Blog auf Tumblr ausgelöst hatte.
Mein Sohn versuchte mir zu erklären, dass dort, wo ich ein Muster in Weiß und Gold erkannte, ganz eindeutig Streifen in Blau und Schwarz leuchteten: "Das kann doch nicht sein, dass du das nicht siehst." So engagiert hatte ich mein Teenagerkind seit Tagen nicht erlebt. In der Firma meines Mannes kam es zur Lagerbildung zwischen Weiß-Goldenen und Blau-Schwarzen. #Dressgate. Millionen Klicks im Netz, unzählige Kommentare, selbst Taylor Swift hatte eine Meinung (blau-schwarz).
Wieso war die Aufregung so groß? Eine wissenschaftliche Erklärung war bald gefunden: Das Foto von dem Kleid wurde unter sehr ungünstigen Lichtverhältnissen aufgenommen. Je nachdem, wie das Gehirn die Beleuchtungsverhältnisse deutet, gleicht es unbewusst die Wahrnehmung der Farben unterschiedlich an.
Doch es ging bei diesem Phänomen nicht wirklich darum, welche Farbe das verdammte Kleid hat. Die große Irritation lag darin, dass jemand im selben Moment auf dasselbe Foto schaut und etwas völlig anderes sieht. Es ging um die Unmöglichkeit, die Dinge so sehen zu können wie ein anderer.
Am 20. März 2015 ist in Deutschland Equal Pay Day. Weil Frauen nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts immer noch 22 Prozent weniger verdienen als Männer, gibt es dieses Datum, das die Ungleichheit deutlich macht. Berufstätige Männer müssten für das Gehalt, das berufstätige Frauen für ein ganzes Jahr bekommen, nur vom 20. März bis zum Jahresende arbeiten. Wir reden hier von Durchschnittszahlen. Es gibt seriöse Untersuchungen, die den Einkommensunterschied eher mit sieben bis elf Prozent beziffern. Doch auch das bedeutet, viele Männer verdienen mehr Geld als ihre Kolleginnen.
Die Publizistin Birgit Kelle sagte neulich in der Talkshow "Hart aber fair", dass Frauen schlecht verhandelten, harmoniesüchtig seien und zum falschen Zeitpunkt Kinder bekämen. Anders ausgedrückt: Frauen sind selbst schuld. Da war ich wieder mal fassungslos. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand die Ungerechtigkeit hinter diesen Zahlen nicht erkennen kann. So wie ich auch nie verstehen werde, warum alleinerziehende Mütter steuerlich kaum entlastet werden. Warum es keine Frauenquote für Vorstände gibt. Kein Familiensplitting statt des ärgerlichen Ehegattensplittings. Es ist wie bei dem Foto mit dem Kleid: Mein Gehirn kann die Informationen zu diesen Themen nur so deuten, dass am Ende das Wort Ungerechtigkeit in Großbuchstaben herauskommt. Es ist mir schleierhaft, dass man das anders sehen kann.
An dieser Stelle schreiben Claudia Voigt und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 11/2015
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