07.03.2015

Dissidenten„Er sah sich nicht nach mir um“

2010 erhielt der inhaftierte chinesische Regimekritiker Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis. Seine Ehefrau Liu Xia lebt seitdem unter Hausarrest. Der Westen scheint beide vergessen zu haben. In einem Brief berichtet sie erstmals vom Tag seiner Verhaftung.
Der Pekinger Künstler Ai Weiwei ist der bekannteste Regimekritiker Chinas. 2011 wurde er für mehrere Monate inhaftiert. Seit seiner Freilassung darf er das Land nicht verlassen. Er ist ein Symbol für die Brutalität des chinesischen Unrechtssystems geworden. Die ganze Welt kennt ihn, die ganze Welt nimmt Anteil an seinem Schicksal. Aber es gibt - und darauf macht gerade er stets aufmerksam - weitere Opfer.
Der Regimekritiker Liu Xiaobo wurde im Dezember 2008 verhaftet, nicht zum ersten Mal. Er war einer der Initiatoren der "Charta 08" gewesen, in der er zusammen mit 300 anderen Intellektuellen Reformen gefordert hatte. Monatelang wurde er an einem geheimen Ort versteckt gehalten und schließlich zu elf Jahren Haft verurteilt. Liu Xiaobo, 59, sitzt heute in einem für seinen harten Vollzug bekannten Gefängnis in Jingzhou. 2010 verlieh das Nobelpreiskomitee in Oslo ihm, dem Abwesenden, den Friedensnobelpreis. Der Westen hat ihn trotzdem fast vergessen, die Isolation des Staatsfeindes durch seine Regierung scheint zu funktionieren.
Die Ehefrau des Inhaftierten heißt Liu Xia und ist Malerin, Fotografin, Dichterin. Bald nachdem im Oktober 2010 bekannt wurde, dass ihr Mann den Friedensnobelpreis bekommen sollte, wurde sie unter Hausarrest gestellt. Zwar hat sie inzwischen wohl wieder Kontakt zu ihrer Familie und zu engen Freunden und darf gelegentlich telefonieren, doch die Behörden haben die 53-Jährige in ihrer Wohnung weitgehend von der Außenwelt abgeschirmt und bewachen jeden ihrer Schritte. Sie sei, sagen ihre Unterstützer, nach wie vor in Gefahr: Alles, was man über sie schreibe, könne gegen sie verwendet werden.
In diesem Jahr jährt sich der Tag ihrer Arretierung zum fünften Mal. Ihr Ehemann Liu Xiaobo wird bis 2020 im Gefängnis bleiben müssen. Er gehörte zu den Studenten, die 1989 den Tiananmen-Platz besetzten. Er wurde wie viele andere damals eingesperrt. Bis 1991 blieb er in Haft, später folgten Hausarrest und im Oktober 1996 eine neuerliche Festsetzung, danach musste er drei Jahre in einem Umerziehungslager verbringen. Dort fand seine Hochzeit mit Liu Xia statt.
Der SPIEGEL druckt einen Brief, den sie, die Ehefrau Liu Xiaobos, an den New Yorker Finanzmanager Jim Glanzer geschrieben hat, der sich gemeinsam mit Exilchinesen und Regimeopfern für das Ehepaar einsetzt. Dass der Berliner Martin- Gropius-Bau gerade Liu Xias fotografische Werke ausstellen kann, ist der Hilfe solcher Verbündeten zu verdanken.
In ihrem Brief, handschriftlich und in chinesischer Sprache verfasst, beschreibt Liu Xia den Tag, an dem ihr Mann von den Polizisten abgeführt wurde. Wann der Brief geschrieben wurde, wie er seinen Empfänger erreichte, darf nicht publik werden. Dennoch soll die Welt von dem Eindringen der Beamten in ihre Wohnung und in ihr Leben erfahren. Und die Welt darf wissen, dass sie ihrem Mann bei ihren Besuchen nie gesagt hat, dass sie unter Hausarrest steht - sie wollte nicht riskieren, dass er in den Hungerstreik tritt. Ulrike Knöfel
Lieber Jim,
ich möchte Dir erzählen, wie ich den 8. Dezember 2008 erlebt habe. Am Morgen jenes Tages fuhr mich unser Freund Li in den Norden der Stadt, wo wir in einem Möbelgeschäft neue Schränke für unsere Wohnung kaufen wollten. Als wir das Haus verließen, schlief Xiaobo noch.
Als wir mittags in einem Café saßen, konnte ich mich nicht zurückhalten zu sagen: "Ich weiß nicht, wie ich diesen Tag überstehen soll."
Als ich abends wieder zu Hause war, saß Xiaobo wie immer vor dem Computer, schrieb und unterhielt sich übers Internet mit Freunden. Ich fühlte mich nicht wohl beim Abendessen.
Um 23 Uhr klopfte es heftig an der Tür. Ich sagte mir: Das Unausweichliche war da.
Xiaobo stand auf und gab mir sein Handy. Er sagte, ich soll ins Schlafzimmer gehen und unseren Freund anrufen. Ich habe mit dem Kopf geschüttelt und Xiaobo gesagt, dass ich nicht weiß, wie man sein Handy bedient.
Das Klopfen wurde schneller und heftiger.
Ich sagte zu Xiaobo: "Geh, öffne die Tür."
Als die Tür offen war, drängten sich die Polizisten durch die Tür. Einer hielt seine Polizeimarke hoch und sagte: "Wir sind Angehörige des Pekinger Büros für Öffentliche Sicherheit, und wir sind hier, um Liu Xiaobo zu verhaften und Ihr Haus zu durchsuchen."
Etwa 20 Polizisten stürmten herein. Einer von ihnen hatte eine Videokamera in der Hand. Sie drückten Xiaobo aufs Sofa. Ein Polizist holte ein Schreiben hervor und verlangte von Xiaobo, dass er es unterzeichnet. Xiaobo weigerte sich. Ich ging hin und schaute es mir an. Es war ein Haftbefehl, aber es war ein Haftbefehl ohne Haftgrund. Ein kleines Zimmer, aber voller Menschen.
Der Polizist sagte: "Unterschreib!"
Xiaobo antwortete: "Nein."
Der Streit um Xiaobos Unterschrift dauerte eine Weile.
Ein anderer Polizist brüllte Xiaobo an, er soll das Formular unterschreiben.
Xiaobo blieb bei seinem Nein.
Dann erhob der Polizist seine Hände. Ich hatte Angst, sie würden Xiaobo wehtun, also sagte ich ihm, er soll das Formular unterschreiben. Xiaobo sah mich wütend an, aber er unterschrieb.
Der Polizist sagte: "Nehmt ihn mit!"
Ich sagte: "Warten Sie!"
Ich holte Xiaobo eine Winterjacke. Der Polizist durchsuchte die Jacke von innen und außen und erlaubte ihm schließlich, sie anzuziehen. Während sich Xiaobo die Schuhe anzog, habe ich seinen Rücken gestreichelt. Sein Rücken fühlte sich hart wie Stein an.
Als er das Haus verließ, sah er sich nicht nach mir um und sagte nur, "mit mir ist alles in Ordnung".
Etwa die Hälfte der Polizisten verließ die Wohnung. Dann stürmten zehn weitere Polizisten und Polizistinnen herein und zeigten mir den Durchsuchungsbefehl. Die Kamera filmte weiter.
Ich sagte: "Bitte warten Sie, ich muss meine Medizin nehmen."
Sie haben mich nicht aufgehalten. Eine Polizistin folgte mir ins Schlafzimmer und sah zu, wie ich zwei Beruhigungstabletten schluckte.
"Fangen Sie jetzt an", sagte ich. Mein Kopf war leer.
Sie begannen, alle Räume zu durchsuchen. Zwei oder drei Polizisten saßen vor Xiaobos Laptop, sie suchten Material und luden Dateien herunter. Einige Polizisten husteten von dem Staub, der aus meinen Bücherregalen aufgewirbelt worden war.
Ich stand auf dem Balkon und rauchte eine Zigarette.
Ich weiß nicht, wie spät es war, als ein Polizist, der aussah wie ein Vorgesetzter, mich aufforderte, mich hinzusetzen. Ich setzte mich ins Atelier und rauchte weiter. Der Polizeichef fing an, mit mir zu plaudern.
Ich glaube, die Zeit verging langsam. Mehrere junge Polizisten sahen sich die Fotos und meine Bilder an. Einer fragte mich: "Haben Sie die in einem Studio aufgenommen?"
Ich sagte: "Zu Hause."
"Die Gemälde sind auch von Ihnen?"
"Ja."
Ich rauchte weiter.
Der Tag brach allmählich an. Der Chef rief mich wieder zu sich, damit ich ein Formular unterschreibe, das die Polizei heruntergeladen hatte.
Dann nahmen sie ein paar Säcke und packten Xiaobos Computer, sein Handy, viele Bücher, einige Papiere und andere Gegenstände hinein. Sie erstellten eine Liste der beschlagnahmten Gegenstände, und auch die ließen sie mich unterschreiben.
Die Tür ging auf, sie brachten einen verschlafenen Mann mittleren Alters herein, um die Durchsuchung als Zeuge zu beglaubigen. Sie ließen sich die Liste auch von ihm unterschreiben. (Das war die dritte Durchsuchung in meinem Leben. Ich weiß, dass der Zeuge eigentlich von Anfang an bei der Durchsuchung zugegen sein muss. Aber ich hatte keine Energie, um mit ihnen über solche Formalitäten zu streiten.)
Sie trugen Sachen nach draußen. Ich sah, wie ein Mann zwei Adressbücher ebenfalls in den Sack legte. Ich war wütend und fragte sie, warum sie diese nicht auf die Liste setzten.
Der Mann ignorierte mich und ging zur Tür hinaus.
Ich fragte sie erneut, warum sie die Adressbücher nicht auf die Liste schreiben. Der Chef befahl dem Mann, mir die Bücher wiederzugeben.
Ich dachte, es ist vorbei. Aber der Chef sagte mir, ich soll mich ausruhen und dass die Durchsuchung später, am Morgen, fortgesetzt wird.
Die meisten Polizisten waren inzwischen fort, aber nun kamen wieder zwei Männer und zwei Frauen herein.
Ich ging ins Badezimmer, aber ich durfte die Tür nicht schließen. Ich blickte auf die Glastür des Badezimmers und setzte mich unglücklich auf die Toilette.
Eine Polizistin, die in der Tür zu meinem Schlafzimmer stand, sagte: "Gehen Sie schlafen. Ich werde an der Tür Wache halten."
Ich brachte ihr einen Stuhl.
Ich nahm wieder zwei Beruhigungstabletten und ging gleich ins Bett. Ich konnte einfach nicht schlafen. Ich musste immer daran denken, was wohl in diesem Moment mit Xiaobo geschah. Aber ich konnte nichts tun.
Ich scherzte mit mir selbst: "Frau, kannst du wirklich schlafen?"
Die beiden Polizistinnen unterhielten sich weiterhin. Ich blieb reglos im Bett.
Zehn Uhr morgens, am nächsten Tag. Wieder kamen viele Polizisten, nicht so viele wie gestern. Sie begannen erneut mit der Durchsuchung. Schließlich fragte mich ein Polizist: "Wo sind Ihre Ersparnisse?"
Ich zeigte auf die Schachtel unter dem Fernseher.
"Ist das alles?", fragten sie, während sie die festgestellte Summe notierten.
"Ich finde, es ist genug Geld."
Nachmittags waren sie endlich weg. Ich habe das Telefon wieder angeschlossen, das die Polizisten zuvor ausgestöpselt hatten. Ich nahm ununterbrochen Anrufe entgegen.
Ich erfuhr, dass ein anderer Freund ebenfalls tags zuvor um 23 Uhr abgeführt und durchsucht worden war. Die Polizei hat auch seine Ersparnisse mitgenommen. Aber er kam am nächsten Tag um elf Uhr wieder frei.
Während ich damit beschäftigt war, die Telefonanrufe anzunehmen, kam mein Bruder Liu Hui vorbei. Er sagte mir: "Schwester, geh nicht ans Telefon. Du bist zu müde. Lass uns zu Li nach Hause gehen."
Abends brachte mich mein Bruder wieder zurück, zog den Telefonstecker ab und ließ mich schlafen. Ich zog das Sofa ab, auf dem die Polizisten gesessen hatten, nahm vier Beruhigungstabletten und schlief auf dem Sofa.
Das Sofa steht in der Nähe unserer Tür. Wenn Xiaobo zurückkommt, kann ich ihm sofort die Tür öffnen.
Seinen Schlüssel hat er nicht mitgenommen.
Lieber Jim, am 8. Dezember 2008 warst Du in New York. Ich war in Peking. Du sprichst kein Chinesisch und ich kein Englisch. Wäre all dies nicht passiert, hätten wir beide uns in diesem Leben nie kennengelernt. Du und ich, wir sind gute Freunde geworden. Es wird mir immer warm ums Herz, wenn ich an dich denke.
Mit einigen Erinnerungen, langsam schreibend, werde ich eines Tages dieses Buch beenden, mit dem Titel "Ich habe den Elefanten gesehen".
Warum habe ich Deinen Brief nicht erhalten? ■

DER SPIEGEL 11/2015
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