07.03.2015

BücherProsa von der Wäscheleine

Ein Roman des Italieners Stefano D'Arrigo gilt seit seinem Erscheinen 1975 als Werk der Weltliteratur. Nun erscheint es erstmals in einer Übersetzung.
Zu legendären Romanen gehörten bis zur Erfindung des Computers auch die Geschichten ihrer Entstehung. Geschichten über geschmuggelte oder verlorene Manuskripte, endlose Überarbeitungen und, selbstverständlich, auch daran verzweifelnde Verleger. Als einen würdigen Vertreter dieser Zunft darf man sich den Mailänder Arnoldo Mondadori vorstellen, der 1961 die Druckfahnen des Romans "I fatti della fera" seinem Autor Stefano D'Arrigo in Rom für eine vierwöchige Korrektur zustellte und sie 13 Jahre später zurückbekam. Im Umfang war das Werk in all den Jahren um ein Mehrfaches gewachsen, am Ende trug das Buch von 1257 eng bedruckten Seiten den Titel "Horcynus Orca", eine Abwandlung des wissenschaftlichen Namens des als "Mörderwal" gefürchteten Großdelfins Orcinus orca.
In den Jahren der zweiten Entstehung des Romans sah es bei D'Arrigo zu Hause, wie er es selbst berichtet hat, so aus, wie wir es "durch Céleste Albaret, Prousts Haushälterin, von Proust kennen: Wäscheleinen, quer durchs Wohnzimmer gespannt, an denen mit Wäscheklammern befestigt die Fahnen mit ihren an den unteren Rändern angeklebten Ergänzungsseiten herabhingen, gelegentlich bis zu sieben oder acht an der Zahl, oder mit Einschüben, die wie Leporellos an die seitlichen Ränder geklebt wurden". So konnte der Autor seine Souveränität über sich selbst retten, über das Ineinander von Selbstzweifeln und Schaffensrausch, das die Großunternehmen der Prosa von jeher begleitet.
1975 endlich erschienen, wurde das Werk des bis dahin kaum Bekannten mit Ehrfurcht und Jubel begrüßt. Natürlich tauchten sogleich die üblichen Verdächtigen zum Vergleich auf, neben Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" die "Odyssee" von Homer, Melvilles "Moby Dick" und Joyces "Ulysses". Und wäre Arno Schmidt damals nicht nur heimischen Enthusiasten zugänglich gewesen, hätte sicher auch ein Hinweis auf "Zettels Traum" nicht gefehlt.
Nun kann das deutsche Publikum sich sein Urteil bilden. Der Übersetzer Moshe Kahn, 73, bekannt durch seine Übertragungen Pier Paolo Pasolinis, Primo Levis und Paul Celans, hat seinerseits acht Jahre seines Lebens für diese erste Übertragung des Romans in eine fremde Sprache aufgewandt. Unterstützt wurde er dabei jahrelang von dem schweizerischen Verleger Egon Ammann, der das Werk, nachdem er seinen Verlag 2010 aufgelöst hatte, an den Frankfurter S. Fischer Verlag übergab - wo es nun erschienen ist.
Ende gut, alles gut? Man kann wohl sagen: Ja. Kahn erhält am 23. März den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis, auch ist "Horcynus Orca" nominiert für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse. Nur gelesen muss es noch werden.
Sollte es auch: Die Geschichte des sizilianischen Matrosen 'Ndrja Cambrìa, der über vier Tage in den Wirren des Zweiten Weltkriegs von Süditalien auf seine heimische Insel gelangen will, nimmt den Leser von der ersten Seite an gefangen. In seiner eigenwilligen Sprache - im Original Italienisch mit dialektalen Einflüssen, Sizialismen und zahllosen eigenen Wortschöpfungen - erinnert es in der Tat an die so monströsen wie faszinierenden Schnitzwerke von James Joyce. Die deutsche Nachdichtung lässt allerdings vor allem an Hermann Brochs "Tod des Vergil" denken, diesen hochmusikalischen, Formen sprengenden Abgesang auf den letzten Tag des römischen Dichters, der fiebernd "noch mal alles Sein in sich" versammelt, bevor es mit ihm zu Ende geht.
Auch der Orcinus orca, ein Jäger ohne natürliche Feinde, verdaut alles Lebendige, wie der Tod - und der totale Roman.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 11/2015
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