07.03.2015

SPIEGEL-Gespräch„Ich werfe Türme um“

Der deutsche Architekt Ole Scheeren ist einer der großen Baumeister Asiens. Nun will er zurück nach Deutschland, in ein Land, in dem die Architektur vor allem Skandale produziert.
Der gebürtige Karlsruher Scheeren, 43, hat es als Mann der Großprojekte und Erfinder ungewöhnlicher Bauformen zu Weltruhm gebracht. Als Scheeren 31 Jahre alt war, vertraute ihm der Rotterdamer Architekt Rem Koolhaas eine gigantische Aufgabe an: Scheeren entwarf und betreute den Neubau des chinesischen Staatsfernsehens CCTV. Mit Koolhaas, dessen Asiengeschäft er leitete, ist er über einige gemeinsame Vorhaben noch verbunden. Vor fünf Jahren eröffnete Scheeren in Peking ein eigenes Architekturbüro. Eine von ihm erbaute Wohnanlage in Singapur ist bereits mit Preisen bedacht worden. In Bangkok vollendet er gerade den höchsten Wolkenkratzer der Stadt, dessen obere Hälfte auf der unteren zu schweben scheint. Er realisiert ein weiteres Projekt in Singapur und ein Hochhaus in Kuala Lumpur. Auch in Peking baut er bald wieder, nun für das älteste Auktionshaus des Landes.

SPIEGEL: Herr Scheeren, Sie sind sicherlich der erfolgreichste Vertreter einer neuen Generation von Architekten aus Deutschland. Sie waren in den USA tätig und haben vor allem in Asien gebaut, aber noch nie in Ihrer Heimat. Könnte man sagen, dass man als junger Architekt nur im Ausland Erfolg haben kann?
Scheeren: Als ich mich vor über 20 Jahren entschied, Deutschland zu verlassen, hatte ich das Gefühl, dass es in diesem Land in vielen Bereichen durchaus Fortschritte gab, in der Technik, in der Kunst. Auch die Debatten in der Architektur wirkten fortschrittlich - einerseits. Da ging es schon damals um Nachhaltigkeit. Andererseits fehlte so etwas wie eine grundlegende Erneuerung der Architektur, da war nichts Radikales, nach vorn Gedachtes in Sicht. Ich hatte vage Ideen im Kopf, was ich von Architektur erwarte. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass sich das hier verwirklichen ließe. Ich hatte keinen konkreteren Plan, ich habe Möglichkeiten gesucht, Chancen. Ich wollte damals im Ausland studieren, ich habe in Rotterdam im Büro von Koolhaas gearbeitet, auch in den USA, und landete vor 13 Jahren in Peking. Nun würde ich es gerne auch in Deutschland versuchen.
SPIEGEL: Warum?
Scheeren: Auch wenn das vielleicht ein etwas zu pathetischer Begriff ist, aber dieses Land ist meine Heimat. Ich habe viel gelernt, vielleicht gibt es etwas, was ich mitbringen könnte.
SPIEGEL: Vielen gelten Sie als jemand, der weiß, wie die Zukunft der Architektur aussieht.
Scheeren: Ich will kein Klugscheißer sein. Die Architekturszene ist ziemlich überheblich, mir gefällt das nicht. Ich mag auch diese ganzen Zuschreibungen nicht: Ich bin kein Popstar der Architektur, kein Herr der Türme, das sind lauter Etiketten, die nichts mit mir zu tun haben.
SPIEGEL: Sie waren ungewöhnlich jung, als Sie den Neubau für den staatlichen chinesischen Fernsehsender CCTV schufen. Sie sind dann in Peking geblieben. Von einem westlichen Architekten in China erwartet man, dass er sich zur politischen Situation dort äußert.
Scheeren: Es ist eine Herausforderung, in China zu leben und zu arbeiten und mit-
zubekommen, was dort geschieht. Aber das lässt sich in wenigen Sätzen kaum erklären. Die Situation heute ist noch schwieriger, widersprüchlicher als vor fünf, sechs Jahren und die Gefahr sehr groß, missverstanden zu werden.
SPIEGEL: Versuchen Sie es trotzdem.
Scheeren: China macht gerade einen komplizierten Entwicklungsprozess durch. Es gibt dort tatsächlich einen sehr ernst gemeinten Versuch, die Korruption zu bekämpfen, aber wie man dort durchgreift, diese Rigorosität, diese ungeheure Härte, ist eine andere Sache.
SPIEGEL: Ist das ein Grund für Ihre Rückkehr?
Scheeren: Ich verlasse Asien nicht, ich werde mein Büro in Peking weiterführen und pendeln.
SPIEGEL: Als 2009, kurz vor dem Bezug, ein Großfeuer auf der Baustelle des Staatsfernsehens CCTV ausbrach, starb ein Feuerwehrmann, mehrere Menschen wurden verletzt, große Teile des neuen Gebäudekomplexes wurden zerstört. Die Ursache des Brandes war ein Feuerwerk, das Mitarbeiter von CCTV bestellt hatten. Der Staat reagierte mit harten Strafen.
Scheeren: Eine Tragödie. Ein Unfall, der aus einer Leichtsinnigkeit heraus entstand und disproportionale Folgen hatte. Viele sind dafür ins Gefängnis gegangen, die meisten sind heute aber wieder frei. Das erschreckt einen natürlich auch persönlich, das waren Leute, mit denen ich acht Jahre lang auf der Baustelle zusammengearbeitet hatte. Einige habe ich später wiedertreffen können, und natürlich bleiben bei ihnen innere Narben zurück. Auf der anderen Seite: Wir hatten manchmal auch mit Schlimmerem gerechnet.
SPIEGEL: Geplant war das Gebäude auch als eine Art Symbol für ein sich wandelndes China, als Ausdruck einer Generation, die die Öffnung sucht. Funktioniert das Gebäude heute eigentlich so, wie Sie sich das vorgestellt haben?
Scheeren: Größtenteils ja. Das ist ein Gebäude für bis zu 20 000 Leute, das ist eine Gesellschaft für sich, ein kleines China mitten im großen. Es ist nach dem Pentagon das zweitgrößte Bürogebäude der Welt. Es soll mit seiner Form einen Kreislauf verkörpern, dem alle angehören, selbst der Vorstand sitzt nicht ganz oben, sondern mittendrin. Die meisten Sendeeinheiten sind inzwischen eingezogen. Es ist aber dennoch noch nicht alles so, wie wir das gedacht haben. Zum Beispiel sollte es eigentlich einen Rundgang durch das Gebäude geben, damit die Öffentlichkeit einen Einblick in den Staatssender bekommt. Wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass das noch kommt.
SPIEGEL: Endet der Job des Architekten, wenn das Gebäude fertig ist? Oder fühlt man darüber hinaus noch Verantwortung? Scheeren: Auf jeden Fall, und zwar lebenslang.
SPIEGEL: In Deutschland ist die Architektur ein Minenfeld geworden: Fehlplanungen, Kostenexplosionen, Verzögerungen. Großprojekte wie der Berliner Flughafen oder die Hamburger Elbphilharmonie sind in dieser Hinsicht Monster geworden. Das könnte ein Grund sein, es besser nicht in Deutschland zu versuchen.
Scheeren: Ich kann mir vorstellen, dass die Leute auch hier eine andere Art von Architektur wollen.
SPIEGEL: Was halten Sie von der Architektur, die in den vergangenen Jahren in Deutschland entstanden ist?
Scheeren: Mich interessiert die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Architektur: Wie lässt sich das Zusammenleben der Menschen gestalten? Die Gesellschaft hat sich verändert, die Architektur ist aber auf erschreckende Weise stehen geblieben. Ein riesengroßes Problem der Architektur besteht darin, dass sie zum Spekulationsobjekt wurde. Wohnungen werden nicht mehr gebaut, damit Menschen darin wohnen, sondern weil Leute ihr Geld anlegen wollen. Es spielt dann aber keine Rolle mehr, ob Architektur gut oder schlecht ist, ob Wohnungsgrundrisse fürchterlich sind.
SPIEGEL: Wenn Sie sich jetzt in Berlin umsehen, wie gefällt Ihnen die Architektur?
Scheeren: Es ist eine Stadt, die voller Geschichte und Bedeutung ist und viel Potenzial hat. Aber ich sehe nur wenige neue Bauwerke, die so wichtig und radikal sind, wie man sie früher sehr wohl geschaffen hat. Es stehen maßgebliche Bauten in dieser Stadt, aber die sind viele Jahrzehnte alt, die Philharmonie von Hans Scharoun, die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, das alles stammt aus der Nachkriegszeit. Diese Gebäude haben mich schon inspiriert, als ich noch nicht einmal wusste, ob ich Architekt werden wollte. Das Olympiastadion in München für die Spiele von 1972 ist wahrscheinlich der letzte deutsche Bau, der meiner Meinung nach weltweite Bedeung hat.
SPIEGEL: Und solch epochale Vorhaben schweben Ihnen auch vor?
Scheeren: Europäische Städte sind gewachsene Gebilde, nicht nur Ansammlungen von Solitären wie in Asien. Der öffentliche Raum ist hier wichtig, doch der Umgang damit ist wenig aufregend. Die Architektur braucht etwas Aufregendes, jenseits von technologischer Perfektion, jenseits von einer Nachhaltigkeitsdebatte, die auch nur technologisch geführt wird und nicht in ihrer sozialen Bedeutung gesehen wird.
SPIEGEL: In Berlin entsteht gerade die Neuinterpretation des 1950 gesprengten Stadtschlosses. Das Gebäude soll mit seinem kulturellen und wissenschaftlichen Innenleben durchaus ein öffentlicher Ort werden. - Jetzt lachen Sie.
Scheeren: Diese Entscheidung verstehe ich nicht. Natürlich gibt es Projekte, bei denen man sich für die Erhaltung bestehender Strukturen entscheiden kann. Aber das ist nicht sonderlich vorwärtsorientiert.
SPIEGEL: Das Stadtschloss aber ist, im Gegensatz zum Bauen in Asien, ein demokratisches Produkt: Privatleute engagieren sich für den Wiederaufbau, das wird diskutiert, das Parlament entscheidet, ein Wettbewerb wird initiiert, alles politisch und gesellschaftlich legitimiert. Auch wenn das alles eher langweilig ist.
Scheeren: Das richtige Vorgehen führt nicht automatisch zum besten Ergebnis. Man darf sich in Europa nicht immer in der Vergangenheit verschanzen. Das ist eine defensive Position.
SPIEGEL: Sie selbst haben in Berlin an einem Wettbewerb für den Erweiterungsbau des Axel-Springer-Verlages teilgenommen. Sie waren einer von drei Finalisten, vielen galten Sie als Favorit - gewonnen aber hat Ihr einstiger Arbeitgeber Rem Koolhaas. Ihr Entwurf erinnert an eine irgendwie gepixelt anmutende Wolke für das Medienzeitalter, mit einer riesigen Öffnung, die sich wie ein Tunnel durch das Ge-
bäude gebohrt hat. Alles in allem auch ein Solitär.
Scheeren: Alles an diesem Bau hat einen guten Grund, da kommt nichts von ungefähr. Wir wollten uns zum Beispiel nicht an die typische Blockrandbebauung halten, denn wir hätten damit die Geschichte dieses Ortes zugespachtelt und den Eindruck vermittelt, als wäre die Stadt an dieser Stelle nie zerstört gewesen. Das Gelände war aber nun einmal Teil der Mauer, es war Teil des Todesstreifens. Wir wollten mit der Aushöhlung im Gebäude eine Sichtachse und ideelle Verbindung zwischen Ost und West schaffen. Noch etwas anderes war für die Form entscheidend: Man muss sich die Frage stellen, warum geht in der Medienbranche überhaupt noch jemand ins Büro, die Leute können ihren Laptop doch überall hintragen. Menschen aber brauchen den Austausch. Also wollte ich einen riesigen Raum der Gemeinschaft schaffen, wo es geplante und vor allem zufällige Treffen geben kann. Wir haben uns gefragt: Wie schafft man einen emotionalen Raum? Einen sozialen Raum zu schaffen war der eigentliche Ausgangspunkt des Entwurfsprozesses.
SPIEGEL: Sind Sie enttäuscht, nicht gewonnen zu haben?
Scheeren: Natürlich. Aber der Zuspruch war groß, die Qualität wurde erkannt.
SPIEGEL: Der Auftrag hätte Ihnen die Rückkehr erleichtert, oder?
Scheeren: Ja, aber so läuft es. Man darf auch nicht so tun, als wäre in Asien alles viel einfacher. Wenn ich dort zu einem Bauherrn gehe, der bisher das Land mit irgendwelchen Wohntürmen vollgestellt hat, und ihm erkläre, dass diese Bauten keine Antworten darauf sind, wie heute moderne Gesellschaften funktionieren sollten und das Leben der Menschen miteinander verbessern - dann ist das auch keine leichte Angelegenheit. Wenn ich dann diesem Bauherrn vorschlage, dass ich die Türme umwerfe, um damit etwas völlig Neues zu erschaffen, dann kostet das viel Überzeugungsarbeit.
SPIEGEL: Ihre Wohnanlage "The Interlace" in Singapur, von der Sie gerade sprechen, sieht aus, als ob ein Kind Lego-Klötze hat zusammenkrachen lassen: eine verschachtelte Anlage von flachgelegten Türmen, in der in den Innenhöfen schattige Orte der Ruhe und des Rückzugs geschaffen wurden.
Scheeren: Erst einmal versetzt man damit alle Bauherren in Angst und Schrecken. Aber ich war mir sicher, dass es ein Verlangen nach einem anderen Wohnen gibt.
SPIEGEL: Sind Sie gegen Wettbewerbe?
Scheeren: Wettbewerbe sind nicht grundsätzlich schlecht, und es gibt sie natürlich auch in Asien, aber sie schließen den Dialog aus als Prinzip, wie man gemeinsam etwas entwickeln kann. Bei einem Wettbewerb gibt es Vorschläge der Büros, eine Jury entscheidet dann, was gebaut wird. Kein Dialog, keine Diskussion.
SPIEGEL: Sie bauen nach wie vor auch Wolkenkratzer. Ist es das, was wir auch hier von Ihnen erwarten können?
Scheeren: Maßstab, Höhe, das ist zweitrangig. In Europa wäre der Maßstab vielleicht nicht so imposant wie in Asien, aber das ist nicht der Punkt. Ich glaube, dass es eine Psychologie von Architektur gibt und dass Räume etwas mit uns machen. Und ich glaube, wir sollten Räume schaffen, die etwas Positives tun für die Menschen, die sie bewohnen, beleben, bearbeiten. In Asien spielt das Hochhaus eine große Rolle, es ist eine Typologie, mit der man sich beschäftigen muss, weil sie die Realität ist. Ich kämpfe aber gegen die Monotonie des Hochhauses.
SPIEGEL: Sie sind der Sohn eines Architekten.
Scheeren: Als ich zur Welt kam, studierten meine Eltern noch, ich habe meine ersten Jahre in der Uni verbracht, ich habe mit den Modellen der Architekturstudenten gespielt und sie meistens zerstört.
SPIEGEL: Wenn Sie zurückkommen, müssen Sie antreten gegen die etablierten Konkurrenten des Westens, gegen Leute wie Rem Koolhaas, Zaha Hadid, Herzog & de Meuron, Frank O. Gehry. Lauter gefragte Architektenpersönlichkeiten zwischen Mitte sechzig und Mitte achtzig, die regelrechte Architekturfabriken anführen und in Europa gern für die größeren Prestigeprojekte geholt werden.
Scheeren: Schauen wir mal. Vielleicht ist es Zeit für einen Generationswechsel. Ich habe vor nichts Angst.
SPIEGEL: Herr Scheeren, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Lothar Gorris und Ulrike Knöfel.
* Oben: in Peking; rechts: für Berlin.
Von Lothar Gorris und Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 11/2015
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