07.03.2015

PopkritikEinsame Königin

Madonna veröffentlicht das 13. Album ihrer Karriere. Es heißt „Rebel Heart“. Logisch.
Sie hat sich ihre Krone wieder aufgesetzt. Das singt Madonna gleich im ersten Song ihres neuen Albums "Rebel Heart". Ob das eine gute Idee war?
Madonna Louise Ciccone, 56, ist eine gealterte Königin, die den Pop regieren will, obwohl der längst in unzählige Fürstentümer zerfallen ist. Die Macht der Klicks verteilt sich heute auf viele; auf diejenigen, die es schaffen, binnen kurzer Zeit mit etwas zu locken, das das Publikum in ihren Bann zieht. Heute, wo Kurzweil und Schnelligkeit herrschen, wirkt Madonna mit ihrer großen Pop-Erzählung, die sich inzwischen über mehr als 30 Jahre streckt, wie ein Faktotum.
Bei "Rebel Heart", ihrem 13. Album, zeigt sich das schon am Cover: Darauf ist ihr Gesicht zu sehen, umwickelt von einem schwarzen Kabel. Eine Bondage-Anspielung, die auf Madonna selbst verweist - auf ihre "Erotica"-Phase, um genau zu sein, als sie lange vor "Fifty Shades of Grey" die SM-Ästhetik aus der Schmuddelecke in die Wohnzimmer der Mittelschicht trug. Dass sie sich auf "Rebel Heart" als "Bitch" bezeichnet, ist da nur konsequent und die logische Fortführung des "Girl" vom Vorgängeralbum "MDNA". Alles kreist in Madonnas Referenzkosmos um Sex, Macht und ewige Jugend. Madonna verweist im digitalen Zeitalter so stark auf sich selbst, dass es angestrengt wirkt. Als wiederhole sie ein manisches Mantra: "Seht her, ich bin die Königin des Pop!"
In Zeiten von Downloadkultur und Streamingdiensten gibt es keinen König und keine Königin des Pop mehr. Das Zepter wird rumgereicht. Mal kriegt es der mit der Melodie, die in den ersten Sekunden einen Ohrwurm erzeugt - wie Hozier mit "Take Me to Church". Mal der mit dem YouTube-Video, das auf jeder Timeline gepostet wurde - wie Psy mit "Gangnam Style". Oder Stars, die wissen, wie man auf Augenhöhe mit Fans in sozialen Netzwerken kommuniziert - wie Taylor Swift. Es ist das Ende der großen Erzählungen, 140 Zeichen reichen.
Madonna hat sich mit "Rebel Heart" bis zur Rhythmusstörung verausgabt: Diplo, einer der gefragtesten Produzenten derzeit, bekannt für seine Arbeit mit Skrillex, M.I.A. oder Justin Bieber, hat seine wilden Sounds für sie domestiziert; der 25-jährige David-Guetta-Produzent Avicii, der gerade in den Top 20 der Spotify-Charts steht, durfte sich austoben; auch Kanye West, Mainstream-Rüpel und eklektischer Innovateur par excellence, saß hinter den Reglern. Allesamt Menschen, die sich bestens mit den Mechanismen der Popkultur im Jahr 2015 auskennen.
Herausgekommen sind Songs, belanglos wie Kunstdrucke in Hotelzimmern. Man nimmt sie kurz wahr, vergisst sie schnell wieder. Madonna und ihr Produzententeam gehen in alle Winkel der elektronischen Tanzmusik, die angesagt sein könnten. Zeitgemäß komprimiertes Geballer, ein paar blutleere Balladen, keine Hits. Was auf "Rebel Heart" fehlt, sind die 30 Sekunden, die jemanden bei Spotify dazu bewegen, sich drei Minuten anzuhören. Das Album passt gut ins Autoradio des Vaters, der die Schulfreunde seiner Kinder beeindrucken will, während die gelangweilt zwischen YouTube-Clips auf dem Smartphone skippen.
Dass eine gewisse Distanz zwischen Königin Madonna und den Digital Natives besteht, zeigte sich schon im Vorfeld der Veröffentlichung von "Rebel Heart": Ende 2014 wurden einige der Songs geleakt. Für Madonna "eine Form des Terrorismus". Eine martialische Ausdrucksweise, die jemand benutzt, dem der Umgang mit Musik im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit fremd ist und der davon ausgeht, sein Werk umwehe eine unantastbare Aura. Eine Idee, die vielen Nutzern von iTunes, Spotify und YouTube wiederum fremd sein dürfte.
Um den Jahreswechsel herum hat Madonna dann doch noch versucht, die Macht des Internets und seiner Hypes für sich zu nutzen. Sie stellte Abwandlungen des "Rebel Heart"-Covers online, die ihre Fans gestaltet hatten: Porträts von Jesus, Martin Luther King oder Nelson Mandela, die das gleiche Kabel im Gesicht tragen. Diese Bilder deuten an, in welchen Kategorien sich die Königin selbst verortet: in den höchsten. Es wundert nicht, dass diese Aktion einen Shitstorm nach sich zog.
Ende Februar schließlich produzierte Madonna eher zufällig so etwas, das die digitalen Eingeborenen ein Mem nennen: Ein kurzer Film von ihrer Performance bei den Brit Awards entwickelte ein millionenfach verlinktes Eigenleben im Netz. Ihr mächtiger Designerumhang war ihr zum Verhängnis geworden, als sie aufs Treppchen der Showbühne stieg. Sie fiel und erlitt ein leichtes Schleudertrauma, was weltweit Häme erzeugte. Ein Twitter-Nutzer veröffentlichte zum Beispiel das Foto einer älteren Frau im Treppenlift: "Arme alte Madonna, geht die Treppen wieder hoch". Madonna selbst reagierte auf Facebook und Instagram. "Armani hat mich gerissen", schrieb sie, nicht frei von Ironie.
Madonna wähnt sich auf ihrem Thron weit weg von der klickabhängigen Wirklichkeit der Popkultur. Die anderen großen Pop-Erzähler, Madonnas Wegbegleiter, haben bereits abgedankt, allen voran Michael Jackson und Whitney Houston. Madonnas Königreich ist ein einsames Königreich. Es könnte in Vergessenheit geraten.
Von Jurek Skrobala

DER SPIEGEL 11/2015
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