07.03.2015

Mosambik„Ich hasse euch Weiße“

Eigentlich wollten der Afrika-Korrespondent des SPIEGEL und der Fotograf Toby Selander das ruchlose Geschäft der Nashorn-Wilderer nachzeichnen. Bis sie selbst von ihnen gejagt wurden. Von Bartholomäus Grill
Der Geländewagen rast durch den Busch, am Steuer der Chef einer Verbrecherbande. Auf der Ladefläche johlen seine Kumpanen. Sie haben mich in einem kleinen mosambikanischen Dorf gefangen genommen. Sie haben angekündigt, mich zu "erledigen".
Zum ersten Mal in meinen bald dreißig Jahren als Korrespondent in Afrika schließe ich mit dem Leben ab. Ich rechne fest damit, dass sie nun gleich auf einer Lichtung stoppen und mich wie einen Hund erschlagen. Gibt es noch Rettung? Wie bin ich nur in diese Lage geraten?
Der schwedische Fotograf Toby Selander und ich waren erst vor wenigen Tagen nach Mosambik gereist, um über die Wilderei von Nashörnern und den illegalen Handel mit ihren Hörnern zu berichten. Wir wollten die Verwertungskette nachzeichnen: vom Abschlachten der Rhinozerosse in Südafrika über die Zwischenhändler in Mosambik bis zu den Endverbrauchern in Vietnam.
Es sollte eine Reportage werden über das globalisierte Raubwesen, das zu Beginn des 21. Jahrhunderts die letzten Naturschätze des Planeten plündert.
Es kam anders, als wir dachten. Die Geschichte, die wir nun erzählen können, handelt von unendlicher Armut, vom Versagen eines fragilen Staates und von kriminellen Syndikaten, die eine ganze Region unter ihre Kontrolle gebracht, sie zur juristischen Grauzone gemacht haben. Es ist eine Geschichte, die uns beinahe zum Verhängnis geworden wäre.
Sie beginnt in den Savannen Südafrikas, wo knapp 21 000 der weltweit noch 28 500 Nashörner leben. Im vergangenen Jahr wurden allein in der Kap-Republik 1215 Tiere von Wilderern abgeschossen und verstümmelt. Das bedeutet, alle sieben Stunden gibt es ein Nashorn weniger auf der Welt. Die Dickhäuter stapfen seit Millionen Jahren auf der Erde herum, Naturschützer befürchten, dass sie bald ausgerottet sein könnten, wenn die kriminelle Treibjagd im derzeitigen Tempo weitergeht.
"Wir kämpfen um die Erhaltung einer Art", sagt ein Wildhüter im Krüger-Nationalpark, dem weltberühmten Naturschutzgebiet im Nordosten Südafrikas mit der höchsten Nashorn-Dichte. "Wir befinden uns im Krieg."
Seit Jahren führen südafrikanische Sicherheitskräfte eine Abwehrschlacht gegen die Nashorn-Jäger. Sie setzen sogenannte Anti-Poaching Units ein, die von Spezialkräften der Polizei und des Militärs verstärkt werden. Mit Drohnen suchen sie das riesige, unübersichtliche Terrain des Krüger-Parks ab, auf dem Schätzungen der Parkdirektion zufolge jeden Tag im Schnitt 15 Wilderergruppen auf die Jagd gehen.
80 Prozent der Wilderer stammen aus Mosambik, aus der unterentwickelten Grenzregion jenseits des Elefantenflusses. Die Beutezüge sind ihre wichtigste Einnahmequelle, sie garantieren hohe Profite: Auf dem Schwarzmarkt werden bis zu 80 000 US-Dollar für ein Kilo Horn gezahlt, damit ist es teurer als Gold oder Heroin.
Das liegt vor allem an der explodierenden Nachfrage in Fernost, insbesondere in Vietnam. Dort entstanden infolge des rasanten Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren breite Mittelschichten, die sich auf einmal exotische Tierprodukte wie Elfenbein, Bärengalle oder Tigerknochenpaste leisten können - Prestigeobjekte, die den sozialen Aufstieg symbolisieren.
Besonders beliebt ist Nashorn-Mehl: Es gilt als Wundermittel, das Fieber senken, Schmerzen lindern, Nasenbluten stoppen und schwere Krankheiten heilen soll, auch Krebs. Ein absurder Aberglaube, denn das Horn besteht wie menschliche Fingernägel oder Haare hauptsächlich aus Keratin, einer Substanz, die keinerlei medizinische Wirkung hat.
Doch viele Vietnamesen halten unverbrüchlich an diesem seit 2000 Jahren überlieferten Irrglauben fest, das ist auch ein Grund, warum es in ihrem Land keine Java-Nashörner mehr gibt: Der Kadaver des letzten Exemplars wurde im April 2010 im Nationalpark Cát Tiên gefunden. Seither richten sich alle Begehrlichkeiten auf Tiere afrikanischer Herkunft.
Die Haupthandelsroute führt direkt durch Mosambik, und nirgendwo werden so viele Hörner verschoben wie im Gebiet um Massingir. Der staubige Ort an der Grenze zu Südafrika ist die "Hauptstadt" der sogenannten kingpins, der Wildererbosse; insgesamt 20 sollen hier leben. Ihre Häuser sind nicht zu übersehen: Es sind protzige Villen, die sich zwischen Hütten und Lehmbauten aus dem Busch erheben, mit gefliesten Außenwänden, getönten Scheiben, vergitterten Fenstern. Auf dem Balkon eines der Häuser steht eine mannshohe Jesus-Statue aus Gips.
Die Bewohner von Massingir und der umliegenden Dörfer sind arme Bauern: Sie halten Rinder, bewirtschaften kleine Äcker, fischen im Rio dos Elefantes. In ihren Siedlungen gibt es keinen Strom, keine Schulen, keine Kliniken. Die meisten jungen Männer sind arbeitslos. Und der einfachste Weg, um schnell an Geld zu kommen, ist nach wie vor die Wilderei. "Du wirst reich, aber du stirbst früh", sagt einer der Männer. Er will anonym bleiben, er hat Angst vor der Nashorn-Mafia.
Wenn er einen neuen Auftrag suche, gehe er einfach ins Carogé, erzählt der Mann, eine Kneipe an der Hauptstraße von Massingir. Im Schatten von Marula-Bäumen treffen sich Lokalpolitiker, Polizisten, Ranger, Informanten, heißt es. Hier sollen die Bandenchefs ihre "Mitarbeiter" anwerben. Wir erkundigen uns nach Navara, dem berüchtigtsten unter ihnen. Alle tun so, als hätten sie den Namen noch nie gehört.
In der Verwaltung des Nationalparks Limpopo ist Simon Ernesto Valoi alias Navara sehr wohl bekannt. Er wohne gleich im zweiten Dorf innerhalb des Reservats, in Mavodze, 15 Kilometer entfernt, sagt ein Mitarbeiter. Er habe den Mann mehrmals getroffen, es sei kein Problem, ihn aufzusuchen. "Fahren Sie einfach hin."
Wir fahren einfach hin.
Weite, von schmalen Wasserläufen durchäderte Wildnis, samtgrüne Hügel, dichter Busch, Schirmakazien - der Parque Nacional do Limpopo ist ein Paradies für Tiere. Das Reservat soll demnächst mit weiteren Schutzgebieten in Mosambik, Simbabwe und Südafrika zum Great Limpopo Transfrontier Park verbunden werden. Es wäre die größte Naturschutzzone der Welt, in der sich Großwild frei bewegen kann: nahezu 100 000 Quadratkilometer, eine Fläche, auf der Portugal Platz fände.
Navaras Haus ist leicht zu finden, es ist bunt angestrichen und das auffälligste in Mavodze. Wir parken auf der Sandpiste vor dem umzäunten Grundstück, fragen eine Frau, die jenseits des Zauns steht. Ihr Mann sei nicht da, sagt sie, dann ruft sie ihn per Handy an. Navara tobt.
Erst später wird uns klar, was wir falsch gemacht haben: Wir haben eine entscheidende Regel missachtet, wir hätten erst zum Dorfältesten gehen sollen. Das ist in Afrika so üblich: Wer die örtlichen Autoritäten ignoriert, verletzt die Würde der ganzen Gemeinde. Und Navara, der berühmte Wilderer, ist hier eine Autorität.
Minuten später werden wir von 50, 60 Leuten umringt. Navara hat seine Schlägertrupps in Marsch gesetzt. Jugendliche drohen uns mit Fäusten und beschimpfen uns: "Spione! Geheimpolizisten aus Südafrika!"
"Was wollt ihr hier?", schreit ein alter Mann. "Navara ist einer von uns, er gibt uns Arbeit." In Mavodze hat das Wilderergeschäft nichts Anrüchiges, Nashörner kennen die meisten hier nur von den 20-Meticais-Geldscheinen. Navara aber bietet arbeitslosen jungen Männern lukrative Jobs. Die Dorfbewohner fürchten den Wildererboss. Und sie verehren ihn.
Insgesamt 10 bis 15 "Jagdeinheiten" mit jeweils drei Mann soll er beschäftigen. In mondhellen Nächten ziehen sie über die Grenze nach Südafrika, einer trägt die Schusswaffe oder das Betäubungsgewehr, der zweite die Axt zum Abschlagen der Hörner, der dritte ist für Proviant zuständig. Es sind gefährliche Raubzüge, allein zwischen 2008 und 2014 wurden 363 Wilddiebe von südafrikanischen Sicherheitskräften getötet.
Die Stoßtrupps sind nach Erkenntnissen einer Sondereinheit der südafrikanischen Polizei Teil eines weitverzweigten Netzwerks, in dem korrupte Ranger, Parkangestellte, Polizeibeamte, Berufsjäger und Buschpiloten mitwirken. Bestochene Ranger kundschaften die Bewegungen der Nashorn-Herden aus, Veterinäre liefern das Betäubungsmittel M99. Lokalpolitiker, Safari-Veranstalter, Viehhändler und weiße Farmer arbeiten als Mittelsleute.
Auf der Ebene darüber operieren die Bandenchefs: Sie verkaufen die Hörner an Schmugglerringe, die ihrerseits Frachtunternehmen, Zollinspektoren, Hafenbehörden und Flughafenangestellte schmieren. Auch Ministerialbeamte und Diplomaten sind Teil des kriminellen Netzwerks: In der Botschaft Vietnams sorgen sie dafür, dass die Ware ungehindert zu den Großhändlern in ihren Heimatländern gelangt. In Südafrika wurde bereits mehrfach gegen verdächtige Diplomaten ermittelt.
Und es gibt anscheinend noch einen anderen Weg zu den Endverbrauchern. Im Hinterland von Mosambik ist seit einiger Zeit die Mobilfunkfirma Movitel tätig, ein vietnamesisch-mosambikanisches Joint Venture. Movitel stellt Sendemasten auf und verlegt Glasfaserkabel. Einige ihrer Techniker stehen im Verdacht, als Kuriere im Nashorn-Handel zu arbeiten.
Im Dorf Mavodze ist inzwischen einer der herbeigerufenen Bandenchefs eingetroffen: Justice Ngovene alias "Nyimpini", ein bulliger Kerl, der einen schwarzen Ledermantel und einen Schlapphut trägt. Er beschuldigt uns, ohne Erlaubnis ins Dorf eingedrungen zu sein. Die Umstehenden sind kurz davor, uns anzugreifen. Als ein weißer Toyota Land Cruiser heranbraust, jubelt die Menge.
Auf dem Nummernschild steht "Katana 2", das japanische Wort für großes Messer oder Langschwert. Das Fahrzeug gehört Navara, der nun aussteigt: ein mittelgroßer, eher unauffälliger Mann von Mitte dreißig mit Goldkettchen und kahlem Kopf. Ein halbes Dutzend Leibwächter begleitet ihn. Navara hat den Ruf, äußerst gewalttätig zu sein. Er befiehlt uns, in die Polizeiwache zu gehen, er will Anzeige gegen uns erstatten. Wegen Hausfriedensbruchs.
In einem engen, fensterlosen Raum werden wir verhört. Woher kommt ihr? In wessen Auftrag handelt ihr? Die beiden Bandenchefs Navara und Ngovene stellen die Fragen, ab und an kommt auch der Dorfpolizist zu Wort. Die Bodyguards kündigen an, uns zu vergewaltigen, zu töten und unsere Leichen zu verbrennen. Der Dorfpolizist führt Protokoll, seine Hände zittern.
Navara sitzt direkt neben mir. Er starrt mich an und sagt: "Ich hasse euch Weiße!" Er sagt das mit schlangenartigen Zischlauten, sein Blick ist furchterregend. Ich werde diesen Blick nie vergessen. So wie ihn wohl auch Marilise Meyer, 37, nicht vergessen kann. Sie musste am 3. Februar 2009 nahe dem südafrikanischen Ort Gravelotte mit ansehen, wie Navara das Auto ihrer Familie raubte und kaltblütig ihren Mann erschoss, als er sich wehrte. Marilise Meyer hat Navara später auf Fahndungsfotos wiedererkannt.
Der war damals auf das "carjacking" von Geländewagen spezialisiert, er bevorzugte das Modell Nissan Navara, daher sein Kampfname. In Südafrika wird er wegen zweifachen Mordes gesucht, seit Jahren.
"Warum läuft dieser Schwerverbrecher noch immer frei herum?", fragt Marilise Meyer.
Ein Sicherheitsberater, dessen Firma im Gebiet Massingir Informationen über Navara für einen seiner Kunden zusammenträgt, gibt die Antwort: "Weil Navara von höchsten Regierungsstellen und Polizeichefs gedeckt wird. Sie verhindern seine von Südafrika beantragte Auslieferung."
Das Verhör in Mavodze dauert zweieinhalb Stunden, dann beschließt man, uns zur Hauptwache nach Massingir zu bringen. Dort sollen wir eingesperrt werden. Man will uns trennen, wir protestieren beim Dorfpolizisten dagegen. "Ich habe das Kommando", bellt Navara.
Er hält hier das Gewaltmonopol. Neben Polizisten sollen auch Justizbeamte des Bezirks und Funktionäre der Regierungspartei Frelimo auf seiner "Gehaltsliste" stehen. Angeblich arbeiten auch Exkämpfer der früheren Rebellenbewegung Renamo mit ihm zusammen; sie verfügen nach wie vor über jede Menge Waffen aus dem Bürgerkrieg gegen die Frelimo und finanzieren ihre Organisation unter anderem durch Wilderei.
Dieser Mann hat offenbar die Mittel, um alles und jeden zu kaufen. Ein Zeuge hat gesehen, wie Navara pralle Einkaufstüten in die örtliche Filiale des Banco Comercial schleppte. Sie waren vollgestopft mit Dollarnoten. Nashorn-Dollar.
Draußen, vor der Polizeiwache, wird der Mob immer aggressiver. Der Volkszorn hat noch eine andere Ursache. Die Regierung plant, alle Menschen umzusiedeln, die innerhalb des Nationalparks Limpopo leben, rund 9000 Personen. Das Nachbardorf Macavene wurde bereits geräumt, demnächst ist Mavodze an der Reihe.
Die Bewohner wehren sich dagegen: Sie wollen ihre Hütten, Felder, Viehpferche, Wasserstellen nicht aufgeben. Sie wollen bei den Gräbern ihrer Ahnen bleiben, Mavodze ist ihr Lebensraum, soweit die kollektive Erinnerung zurückreicht. Nun müssen sie einem gigantischen Naturschutzprojekt weichen, das aus ihrer Sicht nur wohlhabenden Safari-Touristen zugutekommt. Weißen Ausländern wie uns.
Die wütenden jungen Männer vor der Wache haben beschlossen, uns zu lynchen. Nach dem Verhör tritt Bandenchef Ngovene auf die Veranda der Polizeistation, um sie zu beruhigen - und wird auf einmal vom Bedroher zum Beschützer: Seine kurze Ansprache rettet uns das Leben - vorerst.
Ich muss in Ngovenes Geländewagen mitfahren, der Fotograf Toby Selander in einem anderen Wagen. Sie trennen uns, das ist kein gutes Zeichen. Beim Einsteigen deutet ein Junge mit einer Geste an, mir den Hals abzuschneiden. Er ist ungefähr so alt wie mein Sohn, 15 Jahre. In einer Kolonne, angeführt von Navaras Geländewagen, rasen wir Richtung Massingir. Als Ngovene plötzlich in den Busch abbiegt, auf einen zerklüfteten Pfad, erfasst mich Todesangst.
Doch er nimmt nur eine Abkürzung, er ist angetrunken, ich verwickle ihn in ein Gespräch. Er erzählt, der Handel mit Nashorn sei ein verdammt riskantes Geschäft, er denke darüber nach auszusteigen. "Unsere Region ist im Aufschwung, da bieten sich neue Möglichkeiten", sagt er.
Das wirtschaftliche Potenzial des Bezirks Massingir ist in der Tat enorm. Die Böden sind fruchtbar, Wasser gibt es durch den Massingir-Stausee im Überfluss. Die Regierung plant mithilfe eines internationalen Konsortiums eine 30 000 Hektar große Plantage, um Zucker und Biokraftstoff zu produzieren und 7000 Arbeitsplätze zu schaffen. Der neue Great Limpopo Transfrontier Park soll Millionen Besucher aus aller Welt anlocken. Sein Aufbau wird von ausländischen Entwicklungsorganisationen unterstützt, die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau gehört zu den wichtigsten Geldgebern.
"Wenn die Leute eine Alternative haben, würde vielleicht auch die Wilderei zurückgehen", sagt der Wilderer Justice Ngovene. Er selbst plant ein Gästehaus für Touristen, zweistöckig, 26 Zimmer, mit einem Swimmingpool auf dem Dach. Der Rohbau steht schon.
"Kennst du Investoren aus Deutschland, die einsteigen könnten?", fragt er mich. Eine groteske Situation: Ich bin in seiner Gewalt, ihm hoffnungslos ausgeliefert - und er sieht mich als möglichen Geschäftspartner.
Endlich erreichen wir die Polizeihauptwache von Massingir, die zweite Vernehmung beginnt. Wieder sind die Bandenchefs und ihre Schläger im Raum. Sie deuten auf die Inschrift über der vergitterten Tür an der Stirnseite: "Celas". Zellen. Dort werde man uns hineinwerfen, zu den gefangenen Mördern, droht einer. "Und in der Nacht werden wir euch erledigen." Für Navara ist das kein Problem, jeder in Massingir weiß, dass er mit der Polizei kooperiert. Um seine Wilderertrupps zu bewaffnen, soll er sogar beschlagnahmte Sturmgewehre bei der örtlichen Wache "leasen".
Der Leiter der Polizeistation, ein Mann namens Cambaco, beschimpft uns als Gesetzlose. Er steht unverhohlen auf Navaras Seite. Sein Verhalten ändert sich erst, als sein Handy klingelt. Der Anrufer ist sein oberster Vorgesetzter, der nationale Polizeichef, der mittlerweile von der deutschen Botschaft in Maputo alarmiert wurde.
Nach acht Stunden werden wir freigelassen. Die Nacht ist angebrochen, vor der Wache beraten sich Navara, Ngovene und ihre Leibwächter. Wir befürchten, dass sie uns auf dem Rückweg zu unserer abgelegenen Unterkunft auflauern könnten. Polizeikommandeur Cambaco stellt zwei mit Kalaschnikows bewaffnete Beamte zu unserem Schutz ab, für ein "Sonderhonorar" von 250 Dollar.
Eine schlaflose Nacht in unserer Lodge, wir sitzen fest und fühlen uns wie in einem rechtsfreien Raum, der Willkür von Banditen ausgeliefert.
Mosambik ist seit 1994 offiziell eine parlamentarische Demokratie. Doch in Gebieten wie Massingir ist der moderne Rechtsstaat bis heute nicht angekommen. Richter und Staatsanwälte muss man hier genauso fürchten wie die Bandenführer. Es ist ein offenes Geheimnis, dass einflussreiche Politiker an den Deals mitverdienen und sie im Gegenzug vor Strafverfolgung schützen. Regimekritiker, die Durchstechereien aufdecken, werden notfalls eliminiert. Erst Anfang der Woche wurde Gilles Cistac, ein angesehener Verfassungsrechtler, der die Opposition unterstützte, am helllichten Tag mitten in Maputo erschossen.
Am nächsten Morgen werden wir gewarnt: Die einzige Zufahrtsstraße nach Massingir stehe unter Kontrolle von Navara und seinen Männern. Mittlerweile ist unser Anwalt aus der Provinzhauptstadt Xai-Xai eingetroffen. Es gibt keine Alternative, wir müssen vor dem Gericht in Massingir erscheinen. Dort teilt ein Staatsanwalt uns mit, dass gegen uns ermittelt werde und wir Mosambik in den nächsten fünf Tagen nicht verlassen dürfen. Es werde möglicherweise zu einem Prozess kommen. In Massingir.
Der Polizeichef des Bezirks rät uns trotzdem, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Eine Eskorte wird zusammengestellt, die uns auf knapp 200 Kilometern Geleitschutz geben soll.
Nach zweieinhalb Stunden Fahrt sind wir wieder auf sicherem Gebiet. In Macia, einem Ort, an dem die Wilderer uns nicht mehr direkt bedrohen können, nimmt uns eine Abgesandte der schwedischen Botschaft in Empfang.
Es wird noch mehrere Tage dauern, bis wir das Land verlassen dürfen. Erst nachdem ein Staatsanwalt in Maputo uns versichert hat, bisher sei keine Anklage wegen Hausfriedensbruch gegen uns erhoben worden, dürfen wir zurückfliegen nach Kapstadt.
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 11/2015
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