14.03.2015

HomestoryMenschenexperiment

Das Ende einer Labormaus markiert den Anfang vieler moralischer Fragen.
Als mir Gustavo die Pinzette gab, sagte er: "Du musst der Maus damit hart in den Nacken drücken, dann bricht das Genick so einfach wie ein Streichholz." Ich blickte auf die Pinzette in seiner Hand, dann auf die Maus, die zitternd in der Ecke einer Plastikbox saß. Es war im Sommer 2011, seit etwa vier Jahren studierte ich Medizin. Für meine Doktorarbeit war ich nach Uruguay gekommen. Hier forschte ich in einer Arbeitsgruppe an neuen Medikamenten gegen Wurmerkrankungen.
Ich mochte das Labor am Stadtrand von Montevideo, den alten Betonklotz, von dessen Fassade die Farbe bröckelte. Ich kam mir wichtig vor, wenn ich im weißen Laborkittel Stoffmengen berechnete und Worte wie Thioredoxin-Glutathion-Reduktase fehlerfrei aussprach.
Doch nun forderte mich mein Chef Gustavo auf, einer wehrlosen Maus das Genick zu brechen. Schon als mir der Fahrradkurier kurz zuvor die Plastikbox in die Hand gedrückt hatte, hatte ich geahnt, dass etwas schieflief. "Wo sind die Würmer?", fragte ich. "Wir hatten keine Zeit, sie herauszuholen", sagte der Kurier.
Mesocestoides vogae, ein Plattwurm, ist ein Parasit. Er vermehrt sich sehr gut in Mäusen. Man muss die Mäuse erst infizieren und ein paar Tage später töten, um an die Würmer zu gelangen. Unter den Erkrankungen, die ich erforschte, leiden über 200 Millionen Menschen weltweit. Infektionen können die Lebensqualität mindern oder auch zum Tod führen. Es gibt kaum rettende Medikamente.
Was waren da schon ein paar tote Mäuse?
Wenn der Fahrradkurier die Würmer brachte, waren sie normalerweise schon aus der Maus heraus, das Wirtstier war nicht Teil der Sendung. Die Würmer sahen dann nicht mehr aus wie Lebewesen, sondern wie Teigbällchen, die in einer pinkfarbenen Lösung schwammen. Ich leerte sie meist in ein Porzellanschälchen und kippte flüssigen Stickstoff darüber. Die Würmer wurden weiß, dann hart. Und waren schließlich tot. Danach nahm ich einen Mörser und zerstampfte sie. Ich fühlte mich dabei eher wie eine Köchin, nicht wie eine Mörderin.
Doch nun, da ich die Maus in der Ecke der Plastikbox sitzen sah, war alles anders. Ich schaute die Maus an. Die Maus schaute mich an. Dann schaute ich Gustavo an. Der wurde langsam ungeduldig. Inzwischen waren ein paar andere Kollegen hinzugestoßen und blickten tuschelnd auf mich, die deutsche Studentin. Die hilflos mit einer Pinzette bewaffnet einer Maus gegenüberstand. "Stell dich nicht so an", sagte Lucia, eine junge Frau, die wohl schon viele Mäuse in ihrem Leben getötet hatte und an dem Laborplatz neben mir arbeitete.
An der Universität hatte ich einmal im Biologiekurs eine tote Ratte aufgeschnitten. Im Anatomiekurs habe ich menschliche Leichen seziert. Ich habe kein Problem mit toten Körpern. Aber ich will nicht beim Sterben zusehen.
Und diese Maus lebte. Noch.
Im Jahr 2013 wurden in Deutschland drei Millionen Tiere für die Forschung eingesetzt. 2,2 Millionen davon waren Mäuse. Ich finde das richtig. Besser, ein Tier leidet oder stirbt als später ein Mensch. Ich esse auch gern Schnitzel, wäre aber zu feige, das Schwein selbst zu schlachten. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich jedes Mal erkundigen, wo ihre Salami herkommt, wie viele Tiere für ihr Ibuprofen sterben mussten und an welchen Affen ihre Wimperntusche getestet wurde. Man muss es nicht beschönigen: Ich bin eine ziemlich ignorante Konsumentin von Essen, Medikamenten, Kosmetika.
Und nun konfrontierte mich in einem heruntergekommenen Labor eine zitternde, uruguayische Maus mit meiner Doppelmoral.
Mechanisch umschlossen meine Finger ihren Bauch, ich nahm die Maus aus der Plastikbox. An meinem Zeigefinger konnte ich ihren kräftigen und schnellen Herzschlag spüren. Inzwischen schauten mir etwa sieben Kollegen zu. Ich versuchte die Maus auf dem Labortisch zu halten, legte die Pinzette auf ihren Nacken. Drückte zaghaft. Viel zu schwach, um sie verletzen zu können. Die Maus wehrte sich heftig.
Gustavo griff nach meinem Arm, wollte mir helfen. Lucia drehte ein Video mit ihrem Smartphone. Dann biss mir die Maus in den Finger, lief davon und verschwand zwischen Messbechern und Glaskolben. Gustavo fluchte leise. Zwei Kollegen rannten der Maus hinterher, Lucia kippte hysterisch eine Flasche Alkohol über meinen blutenden Finger. "Tut es weh?", fragte Gustavo. "Sieht übel aus", sagte Lucia. "Wo sind denn die verdammten Pflaster?" Eine sterbende Maus war Laboralltag, mein blutender Finger war es nicht.
Im Stillen hoffte ich, die Maus, die inzwischen vier meiner Kollegen auf der Pelle hatte, würde entkommen. Doch leider gehörte sie nicht zu den Klügsten ihrer Art. Nachdem sie 20 Minuten durchs Labor gejagt worden war, versteckte sie sich - in der Plastikbox, aus der ich sie herausgeholt hatte.
"Du hältst sie jetzt einfach fest und passt auf, dass sie nicht wieder beißt", sagte Gustavo. Routiniert nahm er die Pinzette in die Hand. Ich schaute nicht hin. Es knackte leise. Dann war es vorbei.
Vor Kurzem habe ich meine Doktorarbeit zu Ende geschrieben und die Ergebnisse während eines Vortrags präsentiert. Ich referierte, unter anderem: "Die Würmer wurden von einem externen Labor in Montevideo zur Verfügung gestellt."
Von meiner Maus erzählte ich nichts.
Von Vivian Pasquet

DER SPIEGEL 12/2015
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