14.03.2015

Elke Schmitter Besser weiß ich es nichtBruder Peer

In ihren Erinnerungen an Georg Lukács schreibt die ungarische Philosophin Agnes Heller viel Freundliches auf. Der Politkommissar aus Budapest, dessen Theorie des Romans ganzen Generationen von Literaten die ästhetische Richtung vorgab, sei beispielsweise im Gespräch weniger rigoros gewesen als in seinen Schriften. "Er liebte Diskussion, deswegen liebte er es auch, wenn man ihm auf philosophischem Gebiet widersprach. Er war hochmütig und ebendarum nicht eitel."
So habe ich bisher auch von Peer Steinbrück gedacht. Ein solider Hochmut kann ja vor manchen Albernheiten schützen, die für Fußgänger des Selbstbewusstseins gefährlich sind, etwa Empfänglichkeit für Schmeichelei von subalternen Naturen. Der Hochmütige braucht kein Lob, er erträgt es nicht einmal, es sei denn, es käme von einem, den er bewundern kann, und wer sollte das sein?
Auch Steinbrücks akutes Engagement für die Ukraine lässt darauf schließen, dass ihm vieles gleichgültig ist, dessen die meisten bedürfen: Verständnis für die eigenen Motive, Respekt für die Handlungen, Konsens mit dem Milieu. Seine Idee, mit einigen anderen Herren der Welt einem kaputten Staat auf die Beine zu helfen, im Wesentlichen mit dem Geld, das von den Kaputtmachern aus deren Portokasse gezahlt wird, nehmen allerdings nicht nur Genossen mit Befremden auf. Auch Kollegen im Bundestag glauben nicht an das Projekt, aus der Regierung kommt Kritik, ja, nicht einmal die Ukrainer freuen sich so recht. Das kann natürlich anders werden, wenn man sich persönlich kennenlernt.
Die Entwicklung eines Landes, das man vorher nie gesehen hat und dessen Sprache man nicht spricht, ist eine schöne deutsche Tradition, die 70 Jahre geschlummert hat. Und wie die Troika in Griechenland wirkte, ist natürlich auch ein reizvolles Vorbild. Dennoch frage ich mich, warum ausgerechnet in der Führungsetage der deutschen Sozialdemokratie neuerdings die Neigung besteht, sich mit den beinahe größten Schurken zu verbinden, um dem drohenden Ruhestand zu entgehen. Andere weißhaarige Männer von Welt treten für Unicef oder Transparency International in den Ring; Steinbrück aber kann nun vom Dnipro aus dem Putin-Kameraden Schröder zuwinken.
Wird da nun mit symbolischer Macht exorziert, was schon lange auf den geknechteten Seelen lastete? Hilft so ein moralisches Selbstzerstörungsprogramm, das ganze Gedöns von Biedersinn und Gleichmacherei zu vergessen, dem man zu lange ausgesetzt war? Ist es eine Rache an Volk und Partei, die zu wenig geliebt, hofiert und bewundert haben?
Georg Lukács, dem mächtigen Geist der linken Intelligenz, der vor 44 Jahren starb, hat die "Zeitschrift für Ideengeschichte" kürzlich ein Heft gewidmet. Er hat die Zerstörung seiner Vernunft als Torso überstanden. Auch dem Hochmütigen kann die Nachwelt mit Nachsicht begegnen. Aber warum es darauf ankommen lassen?
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Claudia Voigt im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 12/2015
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