21.03.2015

TourismusRuinen von morgen

Noch ein Lift, noch eine Hütte, noch mehr Gaudi. Die Alpen scheinen zu einem riesigen Vergnügungspark zu verkommen. Die Berge sind austauschbare Kulisse.
Günther Aloys spürt, dass es mal wieder höchste Zeit ist für einen "Impuls an den Weltmarkt". Und er meint das genauso klotzig, wie es klingt.
Aloys hat schon Tina Turner auf den Berg geholt und Sadomaso-Partys in seiner Hotel-Disco veranstaltet. Er ließ 400 Kühe mit Motiven von Picasso und Warhol bemalen – bis er merkte, dass auf deren Fell die Farbe nicht hält. Er wollte ganzjährig gekühlte Pisten unter Plexiglas bauen oder gleich einen eigenen Gletscher.
Seine neuen Ideen sind eine Achterbahn in den Bergen und ein Snowboard-Park in Form eines Frauenkörpers – am liebsten dessen Pamela Andersons. Der Berg, sagt Aloys, sei "Entertainment-Business hoch zehn", eine "Dating-Destination" für die vereinsamte urbane Single-Gesellschaft.
Aloys ist Hotelier, Erlebniserfinder, Alpenvermarkter. Sich selbst sieht er als Visionär. Er kommt aus Ischgl im Tiroler Paznauntal, einem Ort, der 1963 in eine touristische Zeitmaschine geriet. In knapp 30 Jahren, nach dem Bau der ersten Seilbahn, vollzog sich dort ein Strukturwandel, der sonst Generationen dauert. Wo eben noch Kühe gegrast hatten, trieb man Tausende Tonnen Beton in den Berg. Ischgl wurde mehrstöckig ausgebaut. Das PR-Kalkül, Ischgl als leicht überdrehten Ort mit Proll-Charme zu inszenieren, wurde bis ins Detail umgesetzt. Von den Après-Ski-Tränken am Pistenrand baute man eigens einen Tunnel mit 200-Meter-Förderband ins Dorfzentrum, damit auch für die besoffensten Gäste die Party immer weitergeht. Doch der Irrsinn scheint zu funktionieren: Pseudo-urige Abfüllrampen wie der "Kuhstall" oder die "Trofana Alm" machen an manchen Abenden wohl gut 60 000 Euro Umsatz.
Vergangenen Winter übernachteten 1,3 Millionen Menschen im Dorf. Das war, umgerechnet auf die 1500 Einwohner des Ortes, österreichischer Rekord. Einerseits.
Andererseits fragt sich Günther Aloys schon: Reicht das? Reichen die 238 Kilometer Skipiste, reichen modernste Lifte und schneesichere Lage? Denn auch woanders in den Alpen sind sie auf der Jagd nach Superlativen. In Frankreich gibt es Gebiete mit mehr als 600 Kilometer Piste. Tourismusmanager des Örtchens Sölden trieben für ein sogenanntes Hannibal-Event eigens Elefanten die Berge hinauf.
Grenzen scheint der touristische Extremismus in den Alpen schon lange nicht mehr zu kennen. Mitunter nimmt er absurde Züge an. Ein Hotelier in Achenkirch klagte gegenüber dem Tiroler Fotokünstler Lois Hechenblaikner, der dem Ausverkauf seiner Heimat seit Jahren auf der Spur ist: "Wir wissen ja nimma, was ma tun sollen für die Gäst!" Für viel Geld hatte er einen Springbrunnen vor sein Hotel bauen lassen. Der spuckte Wasser im Takt zu klassischer Musik. "Die Propagandamaschine Tourismus", sagt Fotograf Hechenblaikner, selbst Sohn einer Pensionswirtin im Alpbachtal, "hat uns zu Getriebenen gemacht."
Doch es gibt auch eine Gegenbewegung zu all dem Irrsinn, zum ständigen Höher-Schneller-Schriller. Sie setzt auf Abrüstung und hat die im Blick, die sich statt dem Partyakkord der Natur aussetzen wollen, Schneeschuhwanderer etwa oder Tourengeher. Diejenigen, für die Natur nicht erst zerstört werden muss, bevor sie erlebt werden kann.
Im Osttiroler Villgratental werben sie damit sogar: "Kommen Sie zu uns – wir haben nichts". Keine Marketingstrategen, sondern der dortige Bergführer Hannes Grüner kam auf den Spruch. Um für die neue Klientel Platz zu schaffen, bauen manche kleinen Skigebiete ihre Lifte daher einfach ab. Wie etwa Immenstadt im Oberallgäu: Seit dort am Gschwender Horn nicht nur die Lifte fehlen, sondern an der Mittelstation auch der "Skihaserlstall" abgerissen wurde, gilt der Berg unter Snowboardern und Tourenskifahrern als Geheimtipp.
Doch es geht noch viel einsamer: Wer von den französischen Alpen aus die Grenze nach Italien überquert, kommt in Täler, die kaum noch bewohnt sind. Cottische und Grajische Alpen heißen die Berge hier. In Sambuco etwa, im Stura-di-Demonte-Tal, hat Bartolomeo Bruna jahrelang dem Niedergang zugesehen. Das Dorf schrumpfte, von 800 Einwohnern sind noch 75 geblieben. Viele Häuser sind vernagelt. Bruna schloss erst seinen Sport-, dann den kleinen Tabakladen. Dann wurde er krank. "Noch im Krankenhaus habe ich mir gesagt: Du machst jetzt nur noch das Gasthaus, aber richtig." Das war 1990.
Die Albergo della Pace bekam eine Heusauna, und Bruna erweiterte das erste Mal richtig: von fünf auf elf Zimmer. Und er begann, fast ausschließlich regionale Produkte zu verarbeiten. Wie gut sein Ziegenkäse und das sambucanische Lamm waren, sprach sich herum. Bald kamen nicht mehr nur ein paar Gäste im Sommer, auch für den Winter gingen Buchungen ein. Das einsame Tal wurde bei Tourengehern beliebt. Dann zeichneten Slow-Food-Tester auch noch Brunas Küche aus. Es war wie eine kleine Auferstehung.
Jetzt aber ist das Paradies wieder in Gefahr. Adriano Fossati, der letzte Schäfer im Dorf und Brunas Fleischlieferant, will aufhören. Die Arbeit im Winter, die Beweidung im Sommer, die Bedrohung durch die wieder eingewanderten Wölfe – all das sei zu hart, sagt Fossati – im Endeffekt zahle er drauf. "Wenn die letzten Bauern gehen", sagt Gastwirt Bruna, "dann droht das hier ein Dschungel zu werden."
Die Frage, für welchen Tourismus sich die Alpen entscheiden, ist keine banale. Nur auf Schnee, Ski und Party zu setzen, könnte sich als eine gefährliche Strategie entpuppen. Denn das Geschäft stagniert, im Sommer wie im Winter.
Mit fast zehn Millionen Betten und 120 Millionen Gästen sind die Alpen zwar eine der größten Ferienregionen der Erde. Die meisten Touristen ballen sich jedoch in den 300 Gemeinden, in denen allein über 50 Prozent aller Betten stehen. Die Ränder des sperrigen Gebirgsriegels bluten aus.
Der Geograf Werner Bätzing beschreibt in seinem Standardwerk "Die Alpen", wie die Berge zur austauschbaren Kulisse verkamen. "Unterwegs zu sein in einem richtigen Alpengewitter, wer kennt das bitte noch?", fragt der Wissenschaftler. Sein Buch wurde gerade aktualisiert. Auch die Sorge um die Zukunft der Alpen hat Konjunktur.
Schön ist Bätzings Alpenbild nicht. Er skizziert eine Kulturlandschaft, die ihr Gleichgewicht verliert und über weite Strecken kaum noch zu begehen sein wird. Bätzing nennt das "breite Verwilderung". Einerseits meint er damit die "Touristengettos", die zwar die Infrastruktur einer Stadt vorhalten müssen, zugleich aber mehr schlecht als recht für die Versorgung ihres Serviceproletariats sorgen. Bätzing sorgt sich aber auch um die entlegenen Täler, etwa in den italienischen Westalpen. Weil kaum noch Menschen dort leben, sieht er die Landschaft allmählich verbuschen.
Touristisch sind die Alpen bis heute ein sensibler Markt, abhängig vor allem von den Stammgästen aus Deutschland, England und den Niederlanden. Stagnieren deren Einkommen, ist das rasch der Beginn der nächsten Krise. Orte wie Ischgl, die über 80 Prozent der Umsätze im Winter erwirtschaften, haben ein zusätzliches Problem: Anders als in den Siebziger- und Achtzigerjahren ist Skifahren längst kein Massensport mehr. Unter deutschen Jugendlichen, glaubt Freizeitforscher Horst Opaschowski, rangiere der Sport inzwischen hinter Angeln und Rudern. Kaum einer könne ihn sich noch leisten, fast jeder aber wisse um die Naturzerstörung.
Ursula Scheiber ist im Ötztal aufgewachsen, vier Täler östlich von Ischgl. Sie hat dort als Kinderskilehrerin gearbeitet und in Gletscherbars gekellnert. Doch der suggerierte Fortschritt der touristischen Projekte im Ötztal erschien ihr immer fragwürdiger: Mal wurde der Fluss zur Kunstschneeherstellung angezapft, mal wurden 100 000 Kubikmeter Fels in die Luft gejagt, um auf 2900 Meter Höhe ein riesiges Speicherbecken für die Kunstschneeproduktion anzulegen. Dann wurde das alte Naturschwefelbad mit der kleinen Holzhütte dichtgemacht. In das warme Wasser war Scheiber mit Freunden manchmal nach dem Skifahren eingetaucht. "Angeblich war das nicht mehr hygienisch genug." Stattdessen gibt es jetzt einen Aqua Dome, der so viel Energie schluckt, dass vor allem dafür ein neues Fernwärmewerk gebaut werden musste.
Vor wenigen Jahren wurde für die Bergstation einer neuen Seilbahn sogar ein Teil des Gaislachkogl-Gipfels gesprengt. Der kastrierte Gipfel war vor Kurzem Kulisse für den neuen James-Bond-Film.
Über den Ausverkauf ihres Tals hat die Innsbrucker Politologin Scheiber ein Buch geschrieben, das gerade erschienen ist: "BERGeLEBEN", heißt es im Titel noch harmonisch, doch schon im Untertitel ist damit Schluss: "Naturzerstörung – Der Alptraum der Alpen". Genauer sind die Wunden, die der Tourismus im Ötztal gerissen hat, in den vergangenen Jahren wohl kaum offengelegt worden.
Was den Umbau der Landschaft in einen profitoptimierten Sommerfreizeitpark angeht, ist das Ötztal sogar noch weiter als Ischgl. Am Taleingang entstand die Area 47, ein 66 000 Quadratmeter großes Wildwasser- und Kletterareal, das als "verrückteste Spielwiese Europas" ausgegeben wird.
Die EU förderte das Projekt mit einer Million Euro, obwohl nur zwölf ganzjährige Arbeitsplätze entstanden. Mit der Area 47 sei "der Winter-Irrtum auf den Sommer umgelegt worden", sagt Scheiber. Sie hält die Transformation des Talbodens in ein asphaltiertes und eingezäuntes "Freizeit-Alcatraz" für einen Irrweg. Touristisch sei das Projekt auch deshalb absurd, weil sich viele die Weiterfahrt ins vermeintlich langweilige Bergtal dreimal überlegen würden.
Dennoch scheint der Modernisierungseifer in den Alpen ungebrochen. Die internationale Alpenschutzkommission Cipra hat 18 000 Pisten im Alpenraum gezählt. Schon jetzt hieven die rund 12 000 Lifte in nur einer Stunde bis zu zehn Millionen Menschen auf die Berge. Das jedoch scheint nicht zu genügen: Zwischen Grenoble und Salzburg werden in den nächsten Jahren Milliarden Euro für neue Seilbahnen ausgegeben – die teils sogar Schutzgebiete durchschneiden – und für Kunstschnee. Es sind Investitionen in Gebiete, in denen ohne plastische Chirurgie nichts mehr geht: In Österreich und Südtirol werden bereits die meisten Pisten künstlich aufbereitet. Baupreis pro Pistenkilometer: gut eine halbe Million Euro. Alpenkonventionen und geltendes Recht scheinen dieser Entwicklung wenig anhaben zu können.
Noch grotesker wird das Wettrüsten unter den Skigebieten, wenn man die Prognosen der Klimaforscher einbezieht. Schon vor Jahren untersuchte der Schweizer Geograf Rolf Bürki im Auftrag der Uno die Folgen der Erderwärmung für den Wintertourismus. Bis zum Jahr 2030, so das Ergebnis der Studie, werden nur Lagen ab etwa 1800 Metern schneesicher sein. "Die Skiliftbauten von heute", so Bürki, "sind die Tourismusruinen von morgen." Im Klartext: Sie sind nicht bloß eine ökologische Sünde. Sie sind oft auch ökonomisch blanker Unsinn.
Abgesehen von den Top-Orten kommt kaum noch eine Liftgesellschaft ohne Alimente von Gemeinde, Bundesland oder Kanton aus. Wenn selbst diese Gelder nicht reichen, gibt es andere Mittel und Wege – nach denen man am besten Peter Furger fragt.
"Unternehmensberater" steht auf Furgers Visitenkarte, aber eigentlich ist er eher eine Art Rettungspilot. Der Schweizer wird gerufen, wenn die Not groß ist. Furger begann seine Karriere 1978 als Projektleiter einer Seilbahn im Kanton Wallis. Inzwischen berät er Investoren und Gemeinden, die Probleme mit ihren Bahnen haben.
Er war in Zermatt, wo vier Liftgesellschaften dabei waren, sich gegenseitig in den Ruin zu treiben. Noch schlimmer war es in Gstaad, in dessen Nachbarschaft sich neun Liftbetreiber das Leben schwer machten. Zudem fuhr in dem mondänen Resort mit der hohen Pelzträgerdichte kaum noch jemand Ski. Ein teilweiser Rückbau der Lifte, den Furger vorschlug, wurde abgelehnt.
Nun hat ihn der ägyptische Investor Samih Sawiris nach Andermatt geholt. Für einige Hundert Millionen Franken krempelt Sawiris den Ort gerade zu einem Luxusresort um. Protest gab es kaum, obwohl in dem Bergdorf bis dahin schon eine Sauna als Extravaganz galt: 96 Prozent der Andermatter waren für das Projekt, was wäre auch sonst aus dem stillgelegten Militärgelände im Ort geworden? Zudem: Wer, wie Sawiris, in seinem Hotel einen begehbaren Luxuskühlraum für regionalen Schweizer Käse schafft, der größer ist als manche Hotelpools – der scheint begriffen zu haben, wie man die Schweizer Seele streichelt.
Furger soll nun das Skigebiet mit dem des Nachbarorts verbinden. Sogar die Naturschützer von Mountain Wilderness haben die Pläne inzwischen abgenickt. Wo Furger aber Tausende Skifahrer hernimmt, die nach der Fusion zusätzlich das Gebiet fluten sollen, ist nicht nur den Naturschützern ein Rätsel. Auch die Manager der Bergbahnen hatten zweimal nachrechnen lassen und waren im besten Fall auf wenige Hundert neue Gäste gekommen. Doch die Manager sind inzwischen weg, und Furger verlässt sich neben seinen Zahlen auf Glauben und Hoffnung: Die großen Gletscher, die Viertausender, die lägen doch alle in der Schweiz, sagt der Berater. "International sind wir unschlagbar."
So ähnlich dachten auch Raumplaner, Ingenieure und Politiker in Frankreich, als sie 1964 den "Schneeplan" initiierten. Es war eine Art staatlicher Erschließungsbefehl. Mit ihm begann die alpine Industrialisierung, riesige Retortensiedlungen auf 1500 bis 2000 Metern sollten Skifahren zum Volkssport machen. Inzwischen sind allerdings auch diese Höhen nicht mehr schneesicher. In vielen französischen Orten bröckeln zudem die Übernachtungszahlen. Neue Apartmentblocks werden dennoch genehmigt. "Wir haben übertrieben", sagt Alain Boulogne, einst Bürgermeister im Skiort Les Gets. "Wir haben das Maß verloren und betonieren jetzt wie wild gegen die Krise an." 17 000 neue Betten würden allein in der Provinz Tarentaise im oberen Isère-Tal entstehen – zu den vorhandenen 350 000, die meist nur wenige Wochen im Jahr belegt sind. "Das sind fast so viele wie in Marokko und Tunesien zusammen."
Die Leute, sagt Boulogne, wollten in einer Postkarte leben. Diesen Traum hätten sie sich gründlich verbaut.
* 2007 in Ischgl.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 13/2015
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