28.03.2015

HomestoryDauernd gestern

Warum ich Herbert Grönemeyer niemals einen Brief hätte schreiben sollen
Es gab in meinem Leben eine Zeit, in der Herbert Grönemeyer mein bester Freund war. Ich saß in meinem Jugendzimmer und verbrachte viel Zeit damit, die Kassetten meines Bruders zu hören, darunter die Tapes von "Sprünge" und "Bochum". Von meinem Taschengeld kaufte ich mir "Total Egal" und "Gemischte Gefühle", später noch Grönemeyers erste Platte, "Grönemeyer". Ich saß tagelang vor den Boxen. Für mich war Herbert Grönemeyer in jener Zeit der einzige Mensch, der mich verstand.
Als ich 13 war, fuhr mich meine Schwester im Golf meiner Mutter zu einem Konzert nach Oldenburg in Niedersachsen. Ihr war es zu voll, zu laut, mir nicht, ich ging allein nach vorn an die Bühne, Grönemeyer saß am Klavier und spielte: "Halt mich". Ich kehrte zurück aus Oldenburg mit einem übergroßen Plakat, es klebte bald an der Schräge über meinem Bett. Mein Bruder zog manchmal daran und drohte, es abzureißen. Ich flehte ihn an, es nicht zu tun.
In der Redaktion haben wir vor ein paar Monaten über Lieblingsprojekte gesprochen. Ich erzählte meinen Kollegen, dass ich gern einmal Herbert Grönemeyer sprechen würde. Ich erzählte ihnen die ganze Geschichte, und dass die anderen auf der Klassenfahrt im Bus damals "Whitesnake", "Europe" oder "T'Pau" hörten, während auf meinem roten Walkman "Flugzeuge im Bauch" lief. Also schrieb ich Herbert Grönemeyer einen Brief. Eine Mischung aus Anfrage und Fanpost, ich schrieb als Journalistin, aber auch ein wenig wie das Mädchen, das ich einmal war.
Ich schrieb: "Ich hörte ,Total Egal', als ich das erste Mal verliebt war. Bei ,Anna' dachte ich: So muss Liebe sein. Bei ,Kino' dachte ich das erste Mal über Täter nach. Mit ,Viel zu viel' fühlte ich mich nicht mehr so allein; durch ,Jetzt oder nie' lernte ich Haltung. Der Satz, der sich aus diesem Lied in meinem Kopf festgesetzt hatte, war: ,Wie eine träge Herde Kühe schau'n wir kurz auf und grasen dann gemütlich weiter'." Ich war 14 und beschloss, nie im Leben eine träge Kuh zu werden.
Ich schrieb Herbert Grönemeyer, dass ich ihn gern treffen würde. Ich wolle ihn fragen, ob er die Frau aus "Letzter Tag" jemals getroffen habe. Und viele andere Fragen, um sein Leben, aber auch meines besser zu verstehen.
Vor einiger Zeit hat im Magazin der "Süddeutschen" eine Geschichte gestanden über die "Helden unserer Jugend", der Redakteur Bastian Obermayer traf Richard Clayderman, den blonden Klavierspieler aus Frankreich. Obermayer wartete nach einem Konzert in Claydermans Garderobe, Clayderman kam auch, aber nur, um zu sagen, dass er müde sei und dass sie ja dann mal telefonieren könnten.
Ich war also vorgewarnt, dass es nicht gut ausgehen muss, wenn man als erwachsener Mensch die Nähe zum Idol seiner Kindheit sucht. Es steht viel auf dem Spiel. Eine Kollegin ging kürzlich auf ein Lauryn-Hill-Konzert, und Lauryn Hill spielte kein einziges Lied von früher. Die Rapperin sollte das alte Gefühl zurückbringen. Aber das alte Gefühl kam nicht, es wurde verweigert.
Die erste Antwort auf meinen Brief an Herbert Grönemeyer stammte von seinem Management, sie lautete: "Danke für Ihre großartige E-Mail, sie wird Herrn Grönemeyer sicher freuen. Allerdings ist er jetzt auf Reisen und wird die Mail erst in einigen Wochen lesen." Sie würden sich wieder melden. Ich fand, das war eine gute Antwort.
Ich wartete, obwohl ich eigentlich kein geduldiger Mensch bin. Ich wartete zweieinhalb Monate lang, bis ich es noch einmal kleinlauter versuchte, mit dem Satz: "Schade, jetzt habe ich gar nichts mehr von Ihnen gehört."
Es blieb so, still.
Ich sah Grönemeyer im Anschluss noch ein paarmal im Fernsehen, er fing langsam an, sein neues Album zu promoten. Er saß auf dem Sofa von "Wetten, dass ..?", er war außer Puste, weil er beim Singen vorher so geschrien hatte. Ja, ich fand, er hatte geschrien und sich komisch bewegt. Zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich, dass die Leute recht hatten, die immer behaupteten, Grönemeyer könne nicht tanzen, und singen auch nicht immer.
Im Januar sah ich ein Video im Internet, in dem Grönemeyer gegen einen Kameramann und Fotografen am Flughafen in Köln handgreiflich wurde. Die "Bild"-Zeitung hatte das Video online gestellt, Grönemeyer klagte, er gewann, und ich war plötzlich nicht mehr auf seiner Seite.
Warum hatte ich immer geglaubt, Herbert Grönemeyer sei ein guter Mensch? Er selbst hat das nie behauptet. Ich habe, wie jeder Fan, geglaubt, was ich wollte. Habe Hoffnungen gesetzt in einen Fremden, der mir nur nah schien.
Heute weiß ich, dass man Idolen nicht schreiben sollte. Sie werden dann real, und das geht nicht. Man sollte sie dort lassen und behüten, wo sie gut aufgehoben waren, in der Erinnerung. Man versaut sie sich sonst. Sie sterben den späten Postertod.
Ich ging, als ich älter wurde, immer mal wieder zu einem Grönemeyer-Konzert, obwohl ich mittlerweile ganz andere Musik hörte. Aber ich wollte meinen alten Freund treffen, so, wie ich die Kinder von früher aus meiner Straße bis heute gern treffe.
Im Mai startet Herbert Grönemeyer eine Deutschland-Tournee. "Dauernd jetzt" heißt sie. Auch ich habe ein Ticket. Mich führt es ins Gestern. Ich werde wieder vor seinem Klavier stehen, und er? Er wird, nach 25 Jahren, ein anderer sein, zum ersten Mal, endlich.
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 14/2015
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