11.04.2015

BriefeSein Leben, sein Tod

Nr. 15/2015 Die Schuldfrage - Pilot Andreas Lubitz - Krankheit und Massenmord
"Depression hin oder her: Lubitz konnte sich als gefährdeter Mensch erkennen oder hätte sich als solcher erkennen müssen - aber er änderte nichts an seiner tödlichen Entscheidung."
Henrietta Buchmann, München
Ich finde es müßig, immer wieder Schuldfragen zu stellen, weil hier nichts anderes versucht wird, als Schuld und Verantwortung zu delegieren. Was sind die Ursachen? Ideologien, Religionen, psychische Absonderlichkeiten, Fanatismus, menschliches Versagen - Hauptsache, man kann am Ende feststellen: "Normalerweise" kann so etwas nicht passieren. So kann man sich bestürzt und mit Anteilnahme in sein eigenes Tagesgeschäft zurückziehen.
Bernd Spiecker, Ebersberg (Bayern)
Ich wehre mich gegen eine Relativierung der Tat des Kopiloten. Er hatte die Tür verriegelt. Er hörte hinter sich, wie der Pilot in heller Verzweiflung gegen die Tür donnerte. Und was war von ihm zu hören? Ein ruhiges Atmen. Mein Vater, ein Augenarzt, hat sich das Leben genommen. Heimlich. Leise. Allein. Mit Zyankali. Der junge Mann von Flug 4U 9525 jedoch wollte wohl das brutalstmögliche Szenario - den Tod von 149 Menschen - , um sein Leben mit dämonischem Pathos zu beenden.
Katharina Fiedler, Saarbrücken
Natürlich erleichtert das Finden eines Schuldigen und einer Erklärung die Situation. Doch eigentlich spielt es keine Rolle. Andreas Lubitz war ein einsamer Mensch. Er musste feststellen, dass ihm trotz seiner intensiven Bemühungen niemand helfen konnte. Er fasste allein den Entschluss zu sterben. Es ging nur um ihn. Sein Leben, seine Fliegerei, sein Tod. Er wählte einen einsamen Ort, schottete sich ab und sprach mit niemandem. Von den 150 Menschen hat nur einer eine Rolle gespielt. Seine Tat ist keine typische Folge einer psychischen Krankheit, sondern ein Einzelfall und das Ergebnis totaler Einsamkeit.
Nadja Gwschendtner, Schwanstetten (Bayern)
Einen großen Teil der Schuld tragen leider die Medien. Der Täter nannte im Vorfeld als ein Hauptmotiv ganz simpel Geltungssucht. So äußert sich fast jeder Amoktäter. Und wieder ging der Plan auf, durch die Medien. Diese haben ihm ein gigantisches posthumes Grusel-Denkmal errichtet. Das Presserecht bei Amoktaten muss geändert werden: komplette Anonymisierung und gründliche Verpixelung. Der SPIEGEL sollte mit gutem Beispiel vorangehen.
Marcel Burkard, München
Mich als Arbeitsmediziner, der seit Jahrzehnten Tauglichkeits- und Eignungsuntersuchungen durchführt, hat diese Katastrophe auch beruflich sehr berührt. Das flugmedizinische "fit to fly" betrifft nicht nur den Piloten, sondern indirekt auch Tausende zukünftige Flugpassagiere. Sollte dieses Attest nicht durch einen zweiten Flugmediziner bestätigt werden?
Dr. med. Bernd Zschenderlein, Berlin
Die Wurzeln des Unglücks reichen tiefer als bis zur Pilotenausbildung: Sie reichen tief in unsere Kultur, die einerseits das Kognitive zu perfektionieren sucht und andererseits Gefühle, die Sprache des Unbewussten, als "Gedöns" abtut.
Hanns Arntzen, Psychotherapeut, Düsseldorf
Herzlichen Dank für die differenzierte Berichterstattung. Andreas Lubitz ist ein Täter aus der Mitte unserer Gesellschaft. Mich lässt die Frage nicht los, welche Diskussion geführt worden wäre, wenn - bei gleichem Sachverhalt - der Kopilot einen Migrationshintergrund oder gar einen arabischen Namen gehabt hätte.
Johann Leopold, Gäufelden (Bad.-Württ.)
Mit etwas Abstand drängt sich eine andere als die Schuldfrage auf: Was alles ist sonst noch möglich? Nur wenige Flugminuten westlich der Absturzstelle befinden sich mehrere französische Kernkraftwerke. Was wäre passiert, wenn der Kopilot eines davon angesteuert hätte? Wie sähe Europa heute aus? Sicherlich gibt es Menschen, die so etwas täten, wenn sie könnten. Wie geht Europa mit dieser Gefahr um?
Thomas Pohl, Rhede (NRW)
Ich sehe keinen Handlungsbedarf: Wegen der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit der beschriebenen Geschehnisse können wir weiterfliegen oder uns auf ein Schiff begeben - ein Restrisiko müssen wir in jeder Sekunde unseres Lebens akzeptieren.
Dr. med. Rainer Hahn, Psychotherapeut, Hilden (NRW)

DER SPIEGEL 16/2015
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