11.04.2015

Jakob Augstein Im Zweifel linksT wie Tragik

Wenn Neid der Ärger über den Mangel an Gelegenheit zur Schadenfreude ist, dann muss niemand mehr auf Thomas Middelhoff neidisch sein.
Big T war früher. Bei Middelhoff reicht es jetzt nur noch für ein kleines t - wie "tragisch" und "traurig". Seine Gläubiger haben ihn am Kragen gepackt. Er sitzt im Gefängnis. Er ist krank.
Hat das Gefängnis ihn krank gemacht? Middelhoffs Anwälte sagen, nahezu einen Monat lang sei ihr Mandant am Schlafen gehindert worden. Das diene der Suizidprävention, sagt die Anstalt. Das sei eine Menschenrechtsverletzung, sagt die Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag, Renate Künast. In den Akten steht, dass aus Sicht des Anstaltsarztes keine Selbstmordgefahr bestand.
Middelhoff wurde wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Als gefallener Erzkapitalist ist er dem öffentlichen Spott ausgesetzt. Einem anderen Geldkriminellen, Uli Hoeneß, hat ein großer Teil der Öffentlichkeit dagegen Rosen gestreut, als er ins Gefängnis ging. "Ich werde für alles geradestehen. Und dann, wenn ich zurück bin, werde ich mich nicht zur Ruhe setzen. Das war's noch nicht", sagte Hoeneß, und Deutschland nickte, Tränen der Rührung in den Augen.
Nur zur Erinnerung: Die Summe der hinterzogenen Steuern, mithin der Schaden für die Allgemeinheit, war bei Hoeneß größer als bei Middelhoff. Aber der Fußballmanager ist Sympathieträger. Der Geldmanager nicht. Hoeneß wurde zum Opfer seiner Spielsucht an der Börse, Middelhoff zum Opfer seines globalisierten Größenwahns. Offenbar verzeihen wir das eine leichter als das andere. Nur, Sympathie ist keine juristische Kategorie. Und es ist nicht bekannt, dass Hoeneß in Landsberg alle 15 Minuten geweckt worden wäre.
Middelhoff schätzte die Lage realistisch ein, als er im Sommer vergangenen Jahres sagte: "Mein Bild in der Öffentlichkeit ist so schlecht, dass ich es kaum noch verändern oder vernünftig damit umgehen kann. Ich bin für viele Deutsche der Idealtyp des gierigen Managers, der verantwortungslos um den Globus irrlichtert."
Nun ernten die Grünen Hohn dafür, dass sie Partei ausgerechnet für einen Erzkapitalisten ergreifen. Und Middelhoff lernt die hässliche Schwester des Neids kennen: die Schadenfreude. "Schlaflos in Essen", überschrieb die "Welt" einen Artikel über die Haftbedingungen. "Und es ward Licht", titelte Taz.de.
Wenn es nur den richtigen Gegner trifft, können auch Linke ohne jedes Mitleid sein. Schopenhauer sagt, dass Schadenfreude "der Grausamkeit eng verwandt ist" und "da eintritt, wo das Mitleid seine Stelle finden sollte, welches als ihr Gegenteil die wahre Quelle aller echten Gerechtigkeit und Menschenliebe ist".
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 16/2015
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