11.04.2015

OppositionDer Joker

Die Grünen rangeln schon um die Spitzenplätze für die Bundestagswahl. Steigt der Kieler Umweltminister Robert Habeck ins Rennen ein?
Es ist ja auch ein schönes Gefühl, wenn man als Geheimnis durch die Welt wandelt, als großes Fragezeichen. Robert Habeck sitzt in einer Bar in Lübeck und windet sich, er sagt nicht Nein und nicht Ja, er erzählt lieber, was er anders machen würde, wenn er etwas zu sagen hätte in Berlin.
Habeck ist jetzt 45 Jahre alt, er hat Romane geschrieben und ein Theaterstück über den Matrosenaufstand im Jahr 1918 in Kiel, seit fast drei Jahren ist er stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, und es gibt viele bei den Grünen, die sagen, er habe den Ehrgeiz, nach der nächsten Bundestagswahl Vizekanzler in einem schwarz-grünen Kabinett Merkel zu werden.
Stimmt das, Herr Habeck? Der Kieler Umweltminister holt tief Luft und holt dann zu komplizierten Erläuterungen aus, die man sich im Einzelnen nicht merken muss, die aber darauf hinauslaufen, dass er sich sehr wohl zutrauen würde, Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl zu werden, auch wenn es jetzt noch zu früh sei, eine Entscheidung zu verkünden. Offiziell sagt er: "Die Frage steht im Moment nicht an." Als Kandidat gehandelt zu werden, findet er allerdings völlig angemessen.
Noch sind es mehr als zwei Jahre bis zur Wahl, aber bei den Grünen hat das Rennen um die Spitzenplätze bereits begonnen. Das liegt auch daran, dass Machtfragen bei den Grünen stets ein wenig komplizierter sind als anderswo. Offiziell werden die Grünen von Cem Özdemir und Simone Peter geführt, dazu kommen Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt, die beiden Fraktionschefs im Bundestag.
Die vier könnten bei der nächsten Bundestagswahl ein Spitzenteam bilden. Es wäre eine Lösung, die gut zur neuen Führung der Grünen passt, die es sich gern nett macht und die nichts gemein hat mit dem Machtwillen eines Joschka Fischer, der einmal sagte, Politik sei wie ein Bad im Polarmeer: "Hungrige Eisbären sind hinter dir her, entweder du schwimmst schneller als sie, oder du wirst gefressen." Die neuen Grünen wirken so, als hätten sie auch noch für den Gegner eine Rettungsboje parat. Aber gerade das macht der Partei nun Angst. Kommt man so an die Macht?
Katrin Göring-Eckardt zum Beispiel hätte wohl nichts dagegen, wenn Habeck in Kiel bliebe, denn dann würde ihr ein mühsamer parteiinterner Wahlkampf erspart. Göring-Eckardt weiß, wie beschwerlich das ist, sie hat sich schon einmal beworben, im Herbst 2012 landete sie bei der parteiinternen Urwahl auf dem zweiten Platz hinter Jürgen Trittin.
Von ihrem Berliner Büro hat man einen schönen Blick ins Grüne, man sieht in den Tiergarten; Idylle ist das große Thema der Katrin Göring-Eckardt. Sie hat viele Jahre zusammen mit ihrer Familie in einem Dorf in Thüringen gelebt; wenn sie davon erzählt, dann fallen einem unwillkürlich Menschen ein, die lachend an groben Holztischen sitzen - und mittendrin Göring-Eckardt, die Essen aus schweren Gusseisentöpfen serviert.
Göring-Eckardt ist die Landlustausgabe der Grünen. Es gibt kaum ein Thema, das sich mit ihr verbindet, aber ihre Fotos mit Handgestricktem auf Facebook sind ein Renner. Ihr Vorteil ist, dass man an ihr nicht vorbei kommt, dafür sorgt schon die strenge Quotierung. Eine Frau muss bei der Bundestagswahl als Spitzenkandidatin antreten, und weil es Simone Peter, der Parteichefin, niemand zutraut, ist Göring-Eckardt so gut wie gesetzt.
Für linke Grüne wäre es ein Albtraum, wenn Göring-Eckardt zusammen mit Özdemir die Partei in den Bundestagswahlkampf führte. Özdemir hat im Gegensatz zu Katrin Göring-Eckardt eine klare Vorstellung, wohin er mit der Partei will. Im Moment tritt er dauernd vor Managern und Mittelständlern auf und erklärt ihnen, warum sie keine Angst vor den Grünen haben müssen. Manchen kommt Özdemir inzwischen vor wie eine grüne Version von Ludwig Erhard, nur ohne Bauch und Zigarre.
Auch den Linken in der Partei ist inzwischen klar, dass der Weg zurück an die Macht nur zusammen mit der Union gelingt. Aber auf Knien wollen die Linken nicht in die Regierung rutschen, und im Moment haben viele in der Partei das Gefühl, dass Özdemir dabei ist, alles wegzuräumen, was sperrig sein könnte auf dem Weg zu Schwarz-Grün. Dass sich der Parteivorsitzende im Sommer vor einer Hanfpflanze auf seinem Balkon filmen ließ, buchen sie eher unter der Rubrik Protestfolklore ab.
Die Hoffnung der Linken ruht auf Anton Hofreiter, der nach der Bundestagswahl 2013 mit dem Segen des linken Parteipatriarchen Jürgen Trittin an die Fraktionsspitze aufrückte.
Hofreiter kennt sich aus, schon vor seinem Aufstieg zum Fraktionschef war er ein geachteter Verkehrsexperte. Er ist Mitbegründer der Parlamentariergruppe "Frei fließende Flüsse". Wenn es um die Details des Verkehrswegeplans in Deutschland geht, macht Hofreiter niemand etwas vor. Aber es geht nun um die größeren Dinge. Wenn er in seinem Büro sitzt, piept ständig sein Handy, er muss jetzt auch eine Meinung zu Syrien haben. Das stresst. Wenn man mit ihm redet, schwitzt er sogar im Sitzen.
Das Postengeschacher gehe ihm furchtbar auf die Nerven, sagt Hofreiter. Er braucht noch ein bisschen Zeit, aber die hat er nicht. Was die Popularität angeht, ist ihm Özdemir haushoch überlegen. Özdemir hat eine Story: der anatolische Schwabe, der es nach ganz oben geschafft hat. Und Hofreiter?
Nach seiner Wahl zum Fraktionschef wollte sich Hofreiter vom Berliner Betrieb nicht verbiegen lassen. Anfangs erschien kaum ein Zeitungsartikel über ihn, in dem nicht seine Zottelmähne Thema war. Hofreiter weigerte sich beharrlich, sie zu zähmen. Widerstand gegen das System, das sollte die Geschichte des Anton Hofreiter werden.
Vor zwei Wochen ließ er sich von der "Bunten" im Botanischen Garten in Berlin vor einer Staffelei fotografieren, die Überschrift lautete "Malen ist seine heimliche Leidenschaft". Es war alles, nur nicht echt.
Käme es zu einem direkten Duell zwischen Hofreiter und Özdemir, würde der Fraktionschef nach Lage der Dinge wohl verlieren. Das wiederum ist Robert Habecks Chance. Seine Kandidatur wäre zwar auch kein Selbstläufer, aber anders als Özdemir und Hofreiter hat er sich meistens rausgehalten aus der grünen Lagerarithmetik. Er wollte die Grünen aus dem linken Lager herausführen und flirtete mit
der CDU. Das hinderte ihn aber nicht daran, im Jahr 2012 eine Koalition mit der SPD in Kiel einzugehen.
Man kann das Opportunismus nennen, aber aus Sicht der Parteilinken hätte eine Kandidatur Habecks einen entscheidenden Vorteil: Schlüge er Özdemir aus dem Feld, wäre das wenigstens eine einigermaßen gesichtswahrende Lösung im Gegensatz zu einer Realo-Doppelspitze aus Özdemir und Göring-Eckardt.
Die Frage ist, ob Habeck springt. Er ist einen weiten Weg gegangen. Habeck hat Philosophie und Germanistik studiert und mit 27 sein erstes Kind mit seiner Frau bekommen, der Schriftstellerin Andrea Paluch. Die beiden renovierten sich ein Haus in dem Dörfchen Großenwiehe, sie schrieben zusammen Bücher und bekamen noch drei Kinder. Der älteste Sohn ist schon aus dem Haus, auch die Zwillinge werden im Sommer auf ein Internat in Dänemark wechseln.
Habeck ist eine Mischung aus Aussteiger und Pragmatiker, er hat das Leben eines Ökoromantikers geführt, aber als Politiker geht ihm jeder ideologische Eifer ab. Er trinkt auch gern Bier aus Dosen. Andererseits hat er noch nie eine große politische Schlacht geschlagen. Habeck will gemocht werden, ihm fehlt der Furor eines Jürgen Trittin, der sich daran weidete, der Atomindustrie den Garaus zu machen. Habecks krasseste politische Entscheidung bestand aus einer Verordnung, die Bauern dazu zwang, Filteranlagen in Schweineställe einzubauen.
Der Kieler Umweltminister leidet nicht unter Größenwahn, er weiß selbst, dass er kaum Erfahrung in der Bundespolitik hat. Er hat gesehen, wie schnell dort Karrieren verglühen können. Allerdings sieht er auch, wie schwach sich die Spitze der Grünen im Moment im Bund präsentiert. Seine Chance könnte darin liegen, als Kandidat aufzutreten, der das alte grüne Lagerdenken überwindet.
Bis zum Ende des Jahres muss sich Habeck entscheiden. Im Frühjahr 2017 ist in Schleswig-Holstein Landtagswahl, die Grünen brauchten einen anderen Spitzenkandidaten, sollte Habeck nach Berlin gehen wollen. Denkbar wäre ein Tausch: Konstantin von Notz, im Moment Abgeordneter im Bundestag, wechselte nach Kiel, und Habeck würde auf der Landesliste für den Bundestag kandidieren.
Es wäre ein Gang ins Ungewisse. Verliert Habeck bei der Urwahl, bliebe ihm, dem Superminister für Energie, Landwirtschaft und Umwelt in Schleswig-Holstein, nur ein einfaches Bundestagsmandat. Aber gerade das macht die Sache ja auch wieder reizvoll. Es gebe viele Gründe, sich die Sache gut zu überlegen. "Aber erst will ich meinen Job hier fertig machen", sagt Habeck.
* Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter, Katrin Göring-Eckardt, Parteichefs Simone Peter, Cem Özdemir.
Von René Pfister

DER SPIEGEL 16/2015
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