11.04.2015

Flüchtlinge„Wir wollen Ruhe“

Vor rechten Protesten gegen eine Aufnahme von Asylbewerbern in Tröglitz hatte ausgerechnet der Bürgermeister den Ton im Ort verschärft.
Es war im Dezember 2014. In Tröglitz lag "der erste Schnee so sanft über dem Ort". Helle Kinderstimmen ertönten im Haus von Bürgermeister Markus Nierth, in seiner Familie kam "ganz plötzlich richtige Weihnachtsstimmung auf".
Wäre da nicht die Nachricht von 50 Asylbewerbern, die bald nach Tröglitz ziehen sollten. "Ich möchte Sie teilhaben lassen an unseren Gedanken und Ängsten", schrieb Nierth deshalb in einem Brief an seine Bürger.
Wenige Wochen später trat der ehrenamtliche Bürgermeister zurück, weil er sich wegen seines Engagements für Flüchtlinge von Rechtsextremen bedrängt sah. Selbst die "New York Times" und "Le Monde" berichteten über den Fall in Sachsen-Anhalt.
In seinem Weihnachtsbrief jedoch, der im Informationsblatt seiner Gemeinde erschien, zeigte sich Nierth noch von einer anderen Seite. Er schrieb: "Wir möchten eigentlich keine Asylanten hier in Tröglitz haben, weil wir die bisherige soziale Struktur schon durch einheimische Kriminelle und sich unsozial benehmende Menschen genügend überanstrengt sehen."
Nierth hat Theologie studiert, er arbeitet freiberuflich als Trauerredner. Diese Prägung ist in seinem Text zu spüren, er spricht von seinen inneren Konflikten und wirbt um Verständnis für Asylbewerber: "Geben Sie ,den Fremden' eine Chance."
Auch wenn es, wie bei Nierth und seiner Familie, Überwindung kostet: "Wie wir mag mancher Tröglitzer auch Angst davor haben, dass die Kriminalität zunimmt: dass die ,Ausländer' dann auch klauen oder gar mit Drogen dealen." Dass sie, "geprägt durch andere Werte und Normen, vielleicht mit unseren Töchtern und Frauen unanständig oder gar schändlich umgehen".
Lokalpolitiker sollten die Ängste ihrer Bürger verstehen und im offenen Dialog mit ihnen konstruktive Lösungen finden - so lautete eine der Lehren aus den Pegida-Protesten im vergangenen Winter. Zumindest in Tröglitz hat das nicht funktioniert. Im Januar begannen, angeführt von einem NPD-Mann, die ersten Demonstrationen gegen die geplante Asylunterkunft in der Ernst-Thälmann-Straße.
Im Februar griff Nierth erneut zur Feder. Er versuchte zu retten, was noch zu retten war: "Ängste schüren und Sorgen mit absurden Mitteln aufbauschen hilft uns jetzt nicht mehr weiter."
Doch die Anwohner hatten seinen Weihnachtsbrief noch im Kopf. An die Anschlagtafel der Tröglitzer "Kaufhalle" pinnten sie ihre Antwort an die Politik. Im Dezember habe es dem Bürgermeister doch "auch nicht gefallen, dass Asylanten nach Tröglitz kommen sollen". Das Fazit der "Bürger von Tröglitz", die sich anonym als ältere Anwohner vorstellten: "Wir brauchen in unserem Alter auch keine Herausforderung. Davon haben wir in unserem Leben genug gehabt. Wir wollen ganz einfach nur unsere Ruhe haben." Dem Bürgermeister legten sie nahe, über seinen Rücktritt nachzudenken. Anfang März gab Nierth sein Ehrenamt ab.
Hat er mit seinem Weihnachtsbrief die Fremdenfeindlichkeit im Ort verstärkt - statt seinen Bürgern Sorgen zu nehmen? Nierth schreibt in einer SMS von einer starken Erkältung, die zurzeit leider keine Interviews zulasse. Schließlich antwortet er doch: "Der Text war pastoral gemeint. Ich wollte die Leute abholen", sagt Nierth. "Ich habe die gleichen Ängste wie die Menschen vor Ort." Es sei eine Unkultur in der Politik, keine Ängste einzugestehen. "Ich wollte ehrlich sein und mich nicht verbiegen."
Und wie kam es zum Sinneswandel in seinem zweiten Brief, der im Februar erschien? "Ich war zunehmend entsetzt über die Hasstiraden, das hatte ich so nicht erwartet. Da habe ich meine Angst überwunden und mich offen positioniert."
Karl Mück ist Vorgänger von Nierth im Bürgermeisteramt, ein freundlicher Mann mit liberalen Ansichten. Von seiner Haustür in der Weststraße kann er den verkohlten Dachstuhl der Asylunterkunft sehen, auf die Anfang April ein Brandanschlag verübt wurde.
Seit 1946 wohnt Mück im Ort, er erinnert sich an die 1400 Flüchtlinge, die Tröglitz in jener Zeit aus Schlesien und dem Sudetenland aufgenommen habe. "Auch damals gab es Probleme, aber die Bauern der Umgebung haben den Kindern Essen gekocht." Und heute? "Mit Blick auf die Geschichte ist es eine Pflicht, Flüchtlinge freundlich aufzunehmen", bricht es aus dem Altbürgermeister heraus.
Tröglitz ist ein Kunstgebilde, als Arbeitersiedlung angelegt Ende der Dreißigerjahre. 1995 machte der größte verbliebene DDR-Betrieb dicht. Mück erinnert sich an Arbeitslosenquoten von 20 Prozent.
Die Abgehängten und Verlierer sind die größten Kritiker des geplanten Heims. Mück war dabei, als einige von ihnen in einer Bürgerversammlung klagten, die Flüchtlinge kosteten doch nur Geld. Die Antwort des Landrats hat sich bei Mück eingebrannt: Asylbewerber würden den Landkreis 10 Millionen Euro pro Jahr kosten - 273 Millionen Euro würden dagegen an Hartz IV und anderen Sozialleistungen für die einheimische Bevölkerung fällig.
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 16/2015
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