11.04.2015

Polizei„Der Bankraub stirbt aus“

Hacker attackieren das Weiße Haus, Terroristen nutzen das Internet - der neue Interpol-Chef Jürgen Stock über den schwierigen Kampf seiner Behörde gegen Computerkriminalität.
Stock, 55, ist seit November Generalsekretär der internationalen Kriminalpolizeiorganisation Interpol in Lyon, der erste Deutsche in diesem Amt. Der Jurist war zehn Jahre lang Vizepräsident des Bundeskriminalamts und löste den US-Amerikaner Ronald Noble ab, der für 15 Jahre an der Interpol-Spitze gestanden hatte. 190 Länder gehören der Organisation an. Interpol-Fahnder ermitteln nicht selbst vor Ort, sondern verstehen sich als weltweite Sammel-und Informationsstelle für die nationalen Polizeibehörden der Mitgliedsländer. Der Jahresetat beträgt etwa 78 Millionen Euro, die Behörde finanziert sich vor allem aus Mitgliedsbeiträgen. Bei Interpol arbeiten rund 800 Mitarbeiter aus 100 Nationen.

SPIEGEL: Herr Stock, kürzlich wurde der wohl größte Bankraub aller Zeiten bekannt. Eine Hackergruppe namens Carbanak soll weltweit bei Dutzenden Banken Hunderte Millionen Dollar gestohlen haben, indem sie Überweisungen auf Scheinkonten umgeleitet und Geldautomaten manipuliert hat. Bis heute sind die Täter unbekannt. Das klingt wie ein perfektes Verbrechen.
Stock: An das perfekte Verbrechen glaube ich nicht. Aber es gibt im Netz bessere Möglichkeiten, sich der Strafverfolgung zu entziehen, als bei klassischen Straftaten. Die Gefahren, die von der Kriminalität im Internet ausgehen, werden immer noch dramatisch unterschätzt.
SPIEGEL: Warum eigentlich?
Stock: Viele Computernutzer merken gar nicht, dass sie Opfer eines Internetangriffs geworden sind. Zahlreiche Unternehmen teilen den Strafverfolgungsbehörden eine Attacke nicht mit, weil sie Angst vor Imageschäden haben. Die Zahl der Anzeigen beim Cybercrime ist nur die berühmte Spitze des Eisbergs. Die wahre Zahl dürfte um ein Zigfaches höher sein - und weiter steigen. Auch weil die Tatgelegenheiten mehr werden, je mehr Firmen ihr Geschäft über das Internet abwickeln oder mit dem Internet arbeiten.
SPIEGEL: Zunehmend verlagert sich die klassische Kriminalität wie Drogenhandel, Geldwäsche, Betrug ins Netz. Was macht das Internet für Verbrecher so attraktiv?
Stock: Inzwischen kommen fast alle Straftaten, die das Strafgesetzbuch kennt, auch im Internet vor. Was für uns Ermittler die Sache so schwierig macht: Den klassischen Kriminellen konnte man am Tatort festnehmen. Heute werden Verbrechen per Mausklick verübt, der Täter sitzt am anderen Ende der Welt. Täter können in geschützten Netzwerken kommunizieren, ihre Spuren über Dutzende hintereinandergeschaltete Server verwischen. Die Werkzeuge dafür kann man sich ohne großes Fachwissen im Netz für kleines Geld herunterladen. Die Wahrscheinlichkeit, beim Cybercrime geschnappt zu werden, ist viel geringer als bei klassischem Diebstahl oder Betrug. Deshalb wage ich die Prognose, dass der klassische Bankraub aussterben wird.
SPIEGEL: Was sind die häufigsten Taten im weltweiten Web?
Stock: Hackerangriffe auf Unternehmen, das Abgreifen von Bank- oder Kreditkartendaten und natürlich Identitätsdiebstähle. Mit einem Angriff können Millionen persönlicher Daten erbeutet werden. Aber auch Angriffe auf die kritischen Infrastrukturen moderner vernetzter Gesellschaften stellen ein erhebliches Risiko dar.
SPIEGEL: Was kann die Polizei dem entgegensetzen?
Stock: Nicht die klassische Polizeiarbeit, wie ich sie noch gelernt habe; beim Cybercrime hinterlassen die Täter keinen Fingerabdruck und auch keine Hebelspur am Fenster. Was wir gemeinsam entwickeln müssen, ist eine Kriminalistik 4.0, den digitalen Fahnder, der mit völlig neuen Instrumenten und neuen Rechtsgrundlagen im Netz auf Verbrecherjagd geht. Es ist eine zentrale Aufgabe von Interpol, die Mitgliedsländer dabei zu unterstützen.
SPIEGEL: Sie werden in diesem Monat in Singapur ein neues Zentrum eröffnen, das sich vorrangig mit Cybercrime beschäftigen soll. Was erhoffen Sie sich davon?
Stock: Wir wollen dort - in einem innovativen Umfeld - mit Wirtschaft und Wissenschaft Werkzeuge für den Kampf gegen Internetkriminalität entwickeln, die dann von unseren Mitgliedsländern genutzt werden können. Strafverfolgungsbehörden müssen beispielsweise riesige Datenmengen durchsuchen und sie anschließend gerichtssicher aufbereiten können. Wir müssen verschleierte Identitäten und illegales Verschieben von digitalen Währungen im Web enttarnen können. In Singapur wollen wir unsere internationalen Datenbanken ausbauen und eine sichere Kommunikationsplattform für den Austausch von Informationen schaffen. Und wir wollen Mitarbeitern von Sicherheitsbehörden auf der ganzen Welt qualifizierte Fortbildungen anbieten. Der Bedarf dafür ist riesig.
SPIEGEL: Beim Cybercrime kommt es vor, dass das Opfer in Deutschland sitzt, der Täter in Osteuropa, der Server steht in Asien. Wie unterstützt Interpol die Ermittlungen?
Stock: Unser Job ist es, die entsprechenden Polizeibehörden so schnell wie möglich zusammenzuschalten und die Ermittlungen durch unsere eigenen IT-Experten zu unterstützen. So haben wir, auch in spektakulären Hackingfällen, in der Vergangenheit Erfolge erzielt. Das wirkt abschreckend auf potenzielle Täter.
SPIEGEL: Erst vor ein paar Tagen wurde ein mutmaßlicher Hackerangriff auf das Weiße Haus in Washington bekannt. Sind die Verbrecher Ihnen nicht immer einen Schritt voraus?
Stock: Inzwischen kann man Cybercrime-Aktivitäten im Netz als Dienstleistung einkaufen. Wir haben es nicht mehr mit pubertierenden Nerds zu tun, sondern mit hoch qualifizierter organisierter Kriminalität. Mit Menschen, die sich in losen Netzwerken zusammentun, um arbeitsteilig Verbrechen zu begehen. Anschließend lösen sich die Netzwerke wieder auf, ohne dass die Täter sich je begegnet sind. Das macht die Ermittlungen schwierig - aber nicht aussichtslos.
SPIEGEL: Sind Sie eigentlich neidisch auf den US-Geheimdienst NSA? Der hat all jene technischen Möglichkeiten, das Netz und seine Benutzer auszuspähen, die Interpol offenbar fehlen.
Stock: Wir leben als Polizei in einer anderen Welt als die Geheimdienste. Bei uns gibt es klare rechtliche Regeln. Unsere Beweise müssen später vor Gericht präsentiert werden können - deshalb sind die Methoden der NSA für uns kein Thema. Und Interpol hat ohnehin keine Exekutivbefugnisse, kann also nirgendwo Überwachungsmaßnahmen selbst durchführen.
SPIEGEL: In den vergangenen 15 Jahren war Ihre Organisation amerikanisch geprägt. Was wollen Sie anders machen?
Stock: Mein Vorgänger, wenn Sie dies meinen, war sehr erfolgreich. Er hat Interpol von einer reinen Datenaustauschbehörde zu einer modernen Polizeibehörde entwickelt. Mein Hauptmandat besteht darin, dass wir die Dienstleistungen für die nationalen Polizeibehörden weiter verstärken. Inhaltlich steht neben der Internetkriminalität der weltweite Terrorismus im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir müssen unsere zentralen Datenbanken zur internationalen Fahndung perfektionieren. Information ist die zentrale kriminalpolizeiliche Ressource. Sie muss zur rechten Zeit beim richtigen Ermittler an der richtigen Stelle sein, zum Beispiel an einem Grenzübergang. Interpol ist die einzige Polizeiorganisation, die dies weltweit ermöglicht.
SPIEGEL: Früher finanzierten sich Terroristen mit Banküberfällen. Nutzen die heutigen, global agierenden Terroristen Verbindungen zur organisierten Kriminalität?
Stock: Es gibt Terrorstrukturen, die zur Finanzierung alles nutzen, was Erlöse erzielt, etwa Drogenhandel, Erpressung, Kunstraub, Entführung. Terrorgruppen nutzen auch kriminelle Organisationen, etwa um in den Besitz gefälschter Dokumente zu gelangen. Wir müssen die Verbindungen zwischen Terrorismus und organisierter Kriminalität im Auge behalten.
SPIEGEL: Hat sich die Bedrohung für Europa nach den Anschlägen von Paris und Tunis verschärft?
Stock: Ich sehe eine deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage. Wir müssen uns auf ein dauerhaft hohes Bedrohungspotenzial einstellen. Nach wie vor etwa verzeichnet der sogenannte "Islamische Staat" Zulauf, und zwar weltweit. Es gibt nach neuesten Erkenntnissen jetzt über 25 000 Kämpfer aus mehr als hundert Staaten, aus Deutschland sind etwa 650 in die Kriegsgebiete gezogen. Wir haben allein 1700 Kämpfer in unserer Datenbank und keinen Anlass anzunehmen, dass die Lage sich entspannt. Sie ist zudem komplexer geworden als nach den Anschlägen in New York und Washington 2001.
SPIEGEL: Warum?
Stock: Damals hatten wir es mit klaren Kommandostrukturen wie al-Qaida zu tun. Die gibt es heute immer noch, aber dazu kommen weitere wie der "Islamische Staat", Boko Haram, al-Shabab sowie unabhängige Gruppen in einer zunehmenden Zahl von Krisengebieten - und natürlich die selbst radikalisierten Einzeltäter. All das können Behörden ungleich schwerer erfassen. Das macht es gefährlicher.
SPIEGEL: Der Vormarsch der Terroristen führt dazu, dass mehr Menschen aus den betroffenen Ländern fliehen.
Stock: Der Flüchtlingsstrom insbesondere aus dem Nahen Osten und aus Afrika hat sich zu einem brutalen Geschäftsmodell entwickelt. Die Erlöse sind enorm, pro Schleusung werden 10 000 Dollar und mehr verlangt. Einzelne Gruppen haben zweistellige Millionenbeträge erlöst. Die europäische Polizeibehörde Europol und Interpol koordinieren internationale Operationen gegen derartige Banden.
SPIEGEL: Schleppergruppen haben ganze Frachtschiffe mit Menschen beladen und nach Europa geschickt.
Stock: Auch hier spielt das Internet eine große Rolle. Ohne eine professionelle Logistik wäre die Bewegung so großer Menschenmengen nicht möglich. Dass Tausende Flüchtlinge auf diesen Routen sterben, zeigt die Skrupellosigkeit, mit der die Täter ans Werk gehen.
Interview: Jörg Schmitt, Andreas Ulrich
Von Jörg Schmitt und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 16/2015
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