11.04.2015

TerrorTod auf der Durchreise

Iranische Behörden haben zwei bekannte Islamisten aus Bonn aufgegriffen. Einer von ihnen kam dabei ums Leben, der andere wurde inhaftiert.
Abu Ibrahim al-Almani sitzt im Schneidersitz vor der Kamera und inszeniert sich wie ein Gangster-Rapper. Er trägt einen fusseligen Vollbart, einen dunklen Pullover und ein nach Piratenart gebundenes Kopftuch. Er sagt, es gelte, "alles liegen und stehen zu lassen", um inhaftierte Kampfgenossen "aus den Krallen dieser Bestien zu befreien".
Die Videobotschaft, veröffentlicht am 2. Juli 2014 auf YouTube, ist die wohl letzte Öffentlichkeitsarbeit des selbst ernannten Gotteskriegers. Aufgenommen wurde sie vermutlich in Waziristan, wo sich Abu Ibrahim bereits 2008 der Terrorgruppe Islamische Bewegung Usbekistan (IBU) angeschlossen hatte. Er und sein Bruder, der den Kampfnamen Abu Adam führte, gehörten zu den ersten Islamisten, deren Propagandafilme Dschihadisten aus Europa ins pakistanische Grenzgebiet lockten, in den "heiligen Krieg".
Mit bürgerlichem Namen heißen die Brüder Yassin und Mounir Chouka. Sie sind Deutsche, aufgewachsen im Bonner Stadtteil Kessenich. Ihre Eltern stammen aus Marokko.
Kurz nachdem das Video publik wurde, ließen die Choukas offenbar selber alles "liegen und stehen" und machten sich von Waziristan aus mit ihren Frauen und Kindern in ein neues islamistisches Kampfgebiet auf - nach Syrien. Über die Jahre hätten sich die deutschen Brüder bis in die Führungsspitze der IBU vorgearbeitet, heißt es in Sicherheitskreisen. Zuletzt litt die Terrororganisation jedoch unter den Drohnenangriffen des US-Militärs, unter Offensiven der pakistanischen Armee - und den Erfolgen der Konkurrenz, des "Islamischen Staats". "Wir beobachten eine regelrechte Absetzbewegung von Islamisten aus dem Hindukusch Richtung Syrien", sagt ein hochrangiger Sicherheitsbeamter.
Bis zu ihrem Verschwinden hatten die Choukas im Vierwochentakt ihre Propagandavideos ins Netz gestellt. Anfang dieses Jahres erreichte dann der Hinweis eines ausländischen Geheimdienstes den Bundesnachrichtendienst. Demnach seien die Choukas nach Iran eingereist, vermutlich auf dem Weg nach Syrien. Dort seien sie in eine Polizeikontrolle geraten, der sie sich widersetzt haben sollen. Dabei sei Yassin Chouka ums Leben gekommen, sein Bruder Mounir sei verletzt worden. Inzwischen befinde Mounir sich in einem iranischen Gefängnis - so weit die knappen Informationen.
Was aus den Frauen und Kindern geworden ist, die ebenfalls deutsche Staatsbürger sind, geht aus der Depesche nicht hervor. Die Bundesregierung hat allerdings keine Zweifel an der Zuverlässigkeit des Hinweises und will das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags über den Vorgang unterrichten.
Der Fall wird für die Deutschen diplomatisch schwierig. Mit Iran gibt es kein Auslieferungsabkommen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass Mounir Chouka im Mullahstaat zum Tode verurteilt wird.
In der Bundesregierung wird die Causa derzeit noch als heikle Verschlusssache behandelt. Irgendwann werden sich Diplomaten wohl darum bemühen, dass Mounir Chouka nach Deutschland überstellt wird. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. Sollten die Mullahs ihn ziehen lassen, käme er in ein hiesiges Gefängnis und dürfte auch vor Gericht landen.
Dass die Choukas zu den bekanntesten Islamisten Deutschlands geworden sind, erstaunt Experten. "Im Nachhinein betrachtet ist das alles unverständlich", sagt ein Nachrichtendienstler, der sich mit der Entwicklung der Brüder beschäftigt hat. "Die beiden entsprachen überhaupt nicht dem Stereotyp eines Islamisten. Sie waren integriert, hatten alle Chancen."
Die Brüder spielten im Fußballverein Fortuna Bonn, sie besuchten ein Gymnasium. Die Schüler des Abiturjahrgangs 2004 nominierten Yassin Chouka gar als ihren "Superstar".
Erst nach dem Abschluss der Schule, auf einer Pilgerreise nach Mekka im Jahr 2005, wandten sich die Brüder dem Islamismus zu und fanden schnell in die Bonner Salafistenszene. Von hier aus brachen später etliche Deutsche zur Schlächterbande "Islamischer Staat" in Syrien auf oder zur Terrormiliz al-Schabab in Somalia.
Zur Szene gehörte auch jener Mann, der 2012 einen Anschlag auf den Bonner Hauptbahnhof versucht haben soll. Außerdem steht er in Düsseldorf vor Gericht, weil er einen Mordanschlag auf den Chef der rechtsextremen Partei Pro NRW vorbereitet haben soll.
Zu den beiden Taten hatten die Brüder Chouka zuvor im Internet aufgerufen. Eines ihrer Videos aus dem Jahr 2011 zeigt Bomben, die auf einem Bahnhof explodieren, verbunden mit der Forderung nach einer "Serie von Anschlägen" in Deutschland. Im Mai 2012 stellten die Choukas eine Audiobotschaft ins Netz: "Ihr sollt die Mitglieder von Pro NRW alle töten."
Nach Deutschland wollten die Brüder nicht zurückkehren. Einem von der IBU entführten Schweizer Ehepaar sagte Mounir einst über sein Heimatland: "Dieses Schiff ist gesunken." Nun muss er sich fragen, ob er in einer iranischen Zelle bleiben will oder nicht doch eine deutsche Haftanstalt bevorzugt.
Von Hubert Gude und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 16/2015
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